Die tgm im Stadtarchiv München


Die Drucksachen der tgm seit dem Neustart von 1949 sind jetzt im Stadtarchiv München. Ein Teil der Geschichte der tgm bleibt so erhalten und ist im Archiv nachvollziehbar. Die Sammlung besteht bisher aus jährlichen Mappen von 1949 bis 2020. In diesen befinden sich die Jahresprogramme, Bücher der tgm und sehr viele Einladungen und Einzeldrucksachen. Lange Zeit war es üblich, dass die tgm zu jeder Veranstaltung individuell einlud. Und daraus ergab sich ein Schatz von typografischen Arbeiten. Im Buch »Bücher und Drucksachen der tgm 1949 bis 2019« sind zahlreiche Beispiele daraus abgebildet.

1952 Gestalter: Franz Hottenroth, 1959 Peter Stoiber, 1967 Rudolf Rieger

Die Sammlung wurde von Xaver Erlacher, einst der Chefkorrektor der Süddeutschen Zeitung, begründet und bis 1996 gepflegt. Danach und bis 2020 wurde dies von Rudolf Paulus Gorbach fortgeführt. Am 23. Oktober 2020 hat Gorbach die Sammlung an das Stadtarchiv München übergeben, wo sie Dr. Brigitte Huber in Empfang nahm.

Die tgm, bereits 1890 gegründet, gehört zur Geschichte Münchens. In den 20er und 30er Jahren  von sehr aktiven Mitgliedern betreut oder geleitet, wie Jan Tschichold, Paul Renner, Georg Trump u.a. war und ist sie schon lange einer der wichtigsten Gesellschaften für Typografie.

Leider ist der gesamte Bestand an Drucksachen und Büchern der tgm von 1890 bis 1933 in der Staatsbibliothek München am Ende des 2. Weltkriegs verbrannt. Umso mehr können wir uns über den Bestand ab 1949 freuen. Die tgm wurde bereits 1923 in den Bildungsverband der Buchdruckergewerkschaft integriert. Dieser Verband wurde 1933 zerschlagen. Und erst 1949 gab es die unabhängige Neugründung der tgm.

Ein Besuch im Stadtarchiv München für tgm-Mitglieder ist geplant.

1953 anonym, 2003 Rudolf Paulus Gorbach / Waltraud Hofbauer
1985 Büro Schwaiger-Wischermann, 1987 Gerd D. Popielaty, 1991 Philipp Luidl

Im Stadtarchiv München demnächst zu finden unter:
Sigle DE-1992-GS-TYP-GS.

Change, Chancen und Community


tgm-Mitgliederversammlung 2020 und Vorstandswahl in der Kranhalle.

Die Mitgliederversammlung findet doch life statt, im besonderen Ambiente der Feierwerk-Kranhalle. Regina Jeanson, der gute Geist unserer tgm-Geschäftsstelle, sorgt noch bis kurz vorher für die korrekte Umsetzung der Corona bedingten Hygiene-Restriktionen.

Blumen für die tgm-Geschäftstelle, Regina Jeanson

Die (Noch-)Vorstände Christina John, Christian Hoffmeister, Dieter Wagner, Alain Wohlfahrt und Monika Obermeier berichten aus den zurückliegenden 1 ½  Programmjahren, von der ausgeglichenen Haushaltslage (trotz beträchtlicher Investments) und erfreulichem Mitgliederstand. Boris Kochan informiert uns von seinem wirkungsvollen Engagement für die tgm beim Deutschen Designtag.

Change.   Dann verkündet der Vorstand seinen geplanten geschlossenen Rücktritt. Gut vorbereitet, stellen sich die Kandidat*innen jeweils mit einem individuellen Statement zur Wahl: Petra Wöhrmann, Michi Bundscherer, Victoria Sarapina, Catherine Avak, Catherine Hersberger, Manuel Kreuzer, Petra Marth. Nach formellem Wahlakt, Handzeichen, Bestätigung starker Applaus für die Neuen, mit Petra Wöhrmann als 1., Michi Bundscherer als 2. Vorsitzendem, Victoria Sarapina als Schatzmeister. On top erhalten die abtretenden Vorstände flüssige Dankeschön-Pakete.

Chancen.   Ab sofort also in Vorstandsverantwortung: sieben Typografen und langjährig aktive tgm-Mitglieder. Sie hatten sich im Laufe des Sommers zusammengefunden und mit ihrer Leidenschaft für Typografie und Teamwork die tgm-Leitlinien erarbeitet. „Gemeinschaft fördern, Dialog stärken, Qualität anstreben, Typografie leben“. Diese schlüssige und zugleich anspruchsvolle Essenz ist nun Steilvorlage für die künftige Programm- und Vereinsarbeit.

Petra Wöhrmann

Community.   Blick nach vorne: Damit rückt der konstruktive, vertrauensvolle Schulterschluss von Vorstand, Mitgliedern, Partnern, Freunden in den Vordergrund der kommenden Arbeit. „Schließlich wurde die tgm 1890 als „Social Club“ gegründet“, erinnert Petra W. 

Höchste Zeit, um auf diesen ereignisreichen Abend und die tgm anzustoßen. Corona-hygienegerecht mit Flaschen, versteht sich.

München, 21.10.2020

Michi Bundscherer
Victoria Sarapina
Catherine Avak
Catherine Hersberger
Manuel Kreuzer
Petra Marth

Text: Andreas Sebastian Müller
Fotos: Christoph Draxler und Peer Koop

Typografie und »Buchhaftigkeit«


Romane als Textbücher sind fast immer linear gesetzt. Wort für Wort, Zeile für Zeile, Seite für Seite. Kann aber Typografie auch mehr? Willberg und Forssman sprechen in ihrem Standardwerk »Lesetypografie« auch von inszenierender Typografie. Und die gibt es schon ein wenig länger.

Immer mehr Romane weichen von der üblichen Darstellung ab und versuchen eine »Dreidimensionalität« des Buches zu erreichen. Sind es Experimente oder Spielereien oder steckt mehr dahinter? Doch stehen sie in einer Tradition, die sowohl auf andere Textsorten als auch besonders auf die Kinder- und Jugendliteratur zurückgeht.

Die Frage ist also, wie weit man belletristische Texte inszenieren kann, weg von der normalen und erprobten Lesbarkeit in ein neues und vielleicht intensiveres Erleben im Buch?

Thomas Boyken beschreibt in seiner Studie mehrere zeitgenössische Romane, die die lineare Gestaltung eher geringfügig verlassen. Er spricht vom »buchhaften« Roman. Und das, auch seine fachwissenschaftliche Ausdrucksweise, sind für praktisch tätige Gestalter nicht ohne weiteres nachvollziehbar. Typografen und besonders Buchgestalter sind im Prinzip den Bedingungen der Lesbarkeit zugeneigt. Die Darbietungsformen des Buches sind insofern übersichtlich. So ist die Buchhaftigkeit und Seitenkomposition für den Roman erst mal als lineares Textbuch mit – wie es in der Satztechnik heißt – »glatten Satz« zu verstehen. Und was dazu kommt kann der Aufnahme des Buchinhalts dienlich sein, der Lesbarkeit eher nicht, ist eine zusätzliche Inszenierung der Typografie.

Dass die nicht vom Typograf sondern vom Autor ausgeht, ist selbstverständlich, da auch in der Gestaltung gelernte Facharbeit nötig ist.

Boyken beschreibt zahlreiche sehr spannende Buchprojekte, Romane, die weitergehend visualisiert wurden. Natürlich gibt es auch hier bereits eine Tradition, die auf Laurence Sterne zurückgeht. Doch seit Bücher dank der digitalen Technik auch leichter ganz anders gestaltet werden können gibt es immer mehr den Funktionen des Editorischen oder der künstlerischen Ambition des Autors entsprechende gestaltete Bücher. Und die sind recht spannend, wie beispielsweise die Arbeiten des Typografen Stephen Farrell. Aber warum der Untertitel des Buches »die Wiederentdeckung des Buches im Roman« lautet verstehe ich nicht.

Thomas Boyken
Medialität des Erzählens
Die Wiederentdeckung des Buches im Roman
Reihe: Ästhetik des Buches; Band 13
80 Seiten
Englische Broschur 
130 x 205 mm
Wallstein Verlag Göttingen, 2020
ISBN 978-3-8353-3545-5 
14,90 €

Beratung statt schnell mal schön?


Das Buch hat bereits zu erheblichen Diskussionen geführt. Aber von vorne: Beim Verlag Schmidt in Mainz erschien ein als Ratgeber auftretendes Buch mit dem Titel »Design ist mehr als schnell mal schön«. Autorin ist Maren Martschenko, Markenberaterin, studierte Diplomkauffrau und Organisationspsychologin. Und es geht ihr darum, dass Kommunikationsdesignerinnen auch gleichzeitig ihre Kunden beraten sollen.

Wie das erfolgreich zu machen ist beschreibt sie in dem vorliegenden Ratgeberbuch. Verführerisch an dem Buch ist erst einmal die Buchgestaltung. Die Makro-Typografie ist zwar typisch für den ratgebenden Verlagsbereich. Aber welcher angenehme Unterschied zu den vielen grafischen Scheusalen in diesem starken Marksegment! Von Mikrotypografie bis zur Materialwahl, also der ganzen Buchgestaltung ist hier alles von der Gestalterin Claudia Siebenweiber gelungen.

Doch was ist hier neu? Gute Gestalter haben immer schon auch ihre Kunden beraten. Und dass viele Kunden ziemlich beratungswiderständig sind, weiß auch jeder, der gegen Honorar Gestaltung leistet. Dass das große Ganze bedacht werden muss zeigt sich auch in dem ebenfalls nicht ganz neuen Denken von »Design Thinking«.

Es gibt schöne Metaphern. Die Autorin teilt ihr Buch in folgende Kapitel ein: Sein, Haben, Sagen, Tun. Klingt philophisch, steht natürlich nicht allein, sondern wird gleich in der Kapitelüberschrift erklärt. Sein – Ein neues Selbstverständnis für Gestalterinnen und Gestalter; Haben – Ihr konkretes Angebot für gestaltende Beratung; Sagen – Die neue Art über Ihre Arbeit zu sprechen und Tun – Die Roadmap zur nächsten Version Ihres Selbst. Alles wird mit Beispielen aus der Praxis der Autorin auf 176 Seiten beschrieben. Der Leserin oder dem Leser wird Mut zugesprochen. Die gehobenen Marketingsprüche muss man aber erst mal ertragen.

Interessant wäre jetzt zu erfahren, ob das Buch für die vielen Lesenden die beabsichtigte und vielleicht ersehnte Wirkung erreicht. Im Hinblick auch darauf, dass nicht nur der Konsum erhöht wird, sondern die Welt auch ein wenig besser funktioniert und schöner wird?

Maren Martschenko
Design ist mehr als schnell mal schön
Die Wirtschaft hat einen neuen Auftrag für Sie:
Gestaltende Beratung
176 Seiten
16,5 x 24 cm
Hardcover
Verlag Hermann Schmidt, Mainz 2020
32,00 €
ISBN 978-3-87439-937-1

Resistenza Tipografica since 1450


So liest man auf einem Blatt aus einem Workshop von 2017. Beim Workshop handelt es sich um den seit 2012 jährlich stattfindenden International Letterpress Workers in Mailand. Jedes Jahr gibt es ein neues, politisch relevantes Thema zum aktuellen Workshop. Die Beteiligten stammen aus 20 verschiedenen Ländern und zur Zeit sind die Arbeiten im Museum für Druckkunst in Leipzig zu sehen.

In unserer digitalen und überpräsenten Gestaltung ist das Analoge doch nicht weg. Oft beschworen, trotzdem geblieben. Und es ist nicht nur die Faszination an der alten bleiernen Satz- und Drucktechnik, wie sie im Druckkunstmuseum so wunderbar gezeigt wird, sondern sie zeigt sich auch bei gestalteten Arbeiten. Arbeiten die im Blei- oder »Holz«satz entstanden sind. Beschränkung durch die alte Technik? Eher nicht. Manche Arbeiten erinnern zwar an die gestalterische Blütezeit der fünfziger und sechziger Jahre. Aber man bemerkt immer wieder, dass viele Ideen, die im digitalen Satz so wunderbar realisiert wurden, durchaus auf Ideen dieser Zeit beruhen. Man muss nicht gleich die Gruppe Grapus als Beispiel nehmen (die allerdings mehr mit der analogen Offsetvorbereitung zu tun hatte). Aber in der gestalterischen Praxis und besonders bei den Pressen wurden viele Ideen unter äußerst schwierigen technischen Umständen realisiert.

Und so nehmen viele Beispiele den Bezug zu dieser analogen Zeit auf, haben eine »raue Qualität« und sind in der Gestaltung oft weiterentwickelt. Und vermutlich gelingt das auch durch das analoge Machen mit einer analogen Technik, die es bald schon 500 Jahre gibt.

Die Ausstellung im Museum für Druckkunst läuft noch bis 15. November 2020.

Katalog 
From Futura to the Future 
International Letterpress Workers  
40 Seiten 
Rückstichbroschur mit umgelegten Umschlag 
Museum für Druckkunst, Leipzig 2020 
ISBN 979-3-8917257-6-6 
7,50 Euro

Gleichzeitig möchte ich auf die Ausstellung des Vereins für die Schwarze Kunst hinweisen. Bis Ende Oktober ist in der Papiermühle Homburg (Main) die Ausstellung BEEINDRUCKEND zu sehen. Gezeigt werden Arbeiten der auf der Walz entstandenen Arbeiten.

Die Walz ist eine Ausbildungsinitiative des Vereins für Schwarze Kunst, wo mittels Stipendien in einem Walz-System Handsatz und Buchdruck ausgebildet werden. Das geschieht in 17 verschiedenen Werkstätten, eine großartige Möglichkeit um die sonst verschwindenden Techniken von Handsatz und Hochdruck zu erhalten.

www.verein-fuer-die-schwarze-kunst.de

tgm-Vortrag in der Black Box: life, analog, 3D.


Ein tgm-Vortragsabend nach langer Pause in der Black Box im Gasteig:

life, face to face, mit Original-Menschen. Ein Abend der respektvollen persönlichen Wiederbegnung in diesen besonderen Zeiten, sorgfältig vorbereitet von Regina Jeanson und Constance de Calheiros Veloso. Zugleich ein Abend mit zwei herausragenden Referenten, gewohnt professionell moderiert von Boris Kochan.

Julien Fincker präsentiert seine Schriftkreation »Spitzkant – a serif family for display & text«. Er trifft mit diesem Namen perfekt den Charakter seiner Schrift. (julienfincker.com/spitzkant.html)

Viola Reise, Designexpertin bei designaffairs/Accenture, nimmt uns mit auf ihre große Tour zwischen London und München. Sie verbindet eindrucksvoll persönliche Designschwerpunkte und markenkern-analytische Professionalität.

Zwei Themen in feiner Ergänzung, und neue Lust auf weitere Vortrags-Abende.

München, 13.10.2020

Unendliche Varianten nach System


Ein erkleckliches Musterbuch, in seiner Methodik und seinem in die grafische Welt übertragbarem Thema spannend, ist bei slanted erschienen. 150 000 Muster sind hier abgedruckt. Viel mehr als man denken kann. Doch was bedeutet das für die typografische Praxis?

Der Autor und Entwickler dieses Buches und des dahinterliegenden Systems beruft sich auf Sol LeWitt mit dem Zitat: »Die Idee wird zu einer Maschine, die die Kunst macht. […] Es gibt viele Nebenwirkungen, die sich der Künstler nicht vorstellen kann. Diese können als Ideen für neue Werke verwendet werden.« Und dazu erläutert er: Ein Formular wird aus dem Status der reinen Kunst entfernt, sobald es mit eindeutigen Informationen oder angewendetem Nutzen gefüllt ist. Ihre poetische Funktion als Kunst wird dadurch geschwächt, ihre praktische Funktion als Design wird gestärkt.

Und der Verlag schreibt dazu: Das Ergebnis ist ein systematischer Katalog – eine Art Wörterbuch der Formen – zum Durchsuchen und Erkunden geometrischer Systeme, in denen man immer etwas Neues entdecken kann. Shape Grammars ist als Handbuch für Grafikdesigner zur Gestaltung von Schriftarten, Logos und Piktogrammen gedacht, das neben 150.000 generierten Formen einige Potenziale und Einschränkungen des generativen Designs aufzeigt. Gleichzeitig dient die Arbeit als Grundlage für die weitere Erforschung komplexerer Systeme und künstlicher Intelligenz. Der Computer kann somit bereits als Dialogpartner im kreativen Prozess fungieren.

Was hier fantastisch klingt ist es wohl auch. Wie Noam Chomsky versuchte, alle möglichen Sprachen formal zu erfassen, so hat Maroscheck einen ähnlichen Versuch für grafische Systeme probiert. »Stellt man sich einmal alle denkbaren zweidimensionalen Formen auf einer Skala vom primitiv, geometrisch, konstruiert nach komplex, gewachsen vor« … 

Die Beispiele sind nach ihren 12 Konstruktionsprinzipien eingeteilt und beginnen mit einem Kreis, der um seine Mitte rotiert. Und sofort wird es spannend und man kann der Variationssucht verfallen. Faszinierend.

Die Gestaltung des Buches erinnert in ihrer Klarheit an die klassische Moderne der Typografie (Akzidenz Grotesk halbfett, oben aufgehängte Spalten), eine einfache Broschur; ganz den Bedingungen des Projektes entsprechend.

Jannis Maroscheck 
Shape Grammars 
185 x 234 mm 
836 Seiten
slanted, Karlsruhe 2020 
42 Euro
ISBN 978-3-948440-09-1

Die Faszination von Buchhandlungen. Ein buchgestalterischer Vergleich


Gestalter und besonders Typografen mit Hang zur Buchgestaltung findet man oft recht glücklich stöbernd anwesend in Buchhandlungen. Und wenn die Buchhandlung dann noch besonders »schön« ist, kann das Glück sehr groß sein. Zwei Bild-Text-Bücher stelle ich hier gegenüber, zum gleichen Thema, aber in der Art sind sie sehr unterschiedlich. Und es ist ein gestalterischer Vergleich zweier Bücher und keine herkömmliche Buchbesprechung. Beide Bücher sind sorgfältig editiert und gestaltet und zudem interessant zu lesen und in ihnen zu sehen.

Do You Read me? Besondere Buchläden und ihre Geschichten
Buchhandlungen. Eine Liebeserklärung
(Text hierfür jeweils rot)

Erster Eindruck
Do You Read Me?: Ein Bild-Text-Buch, Sachbuch-artig, sehr dichter Inhalt. Der Titel »Do You Read me?« würde mich zunächst nicht darauf bringen, dass es sich um ein Buch über Buchhandlungen handelt.
Buchhandlungen: Großzügiges, eher künstlerisch anmutendes Buch. Visuell sind die Fotos dominant.

Inhaltliches Konzept
Reportagen zu 63 internationalen inhaltlich schönen Buchhandlungen, unterbrochen durch 5 Essays.
47 internationale Buchhandlungen wurden besucht und für das Buch ausgewählt. Die Inhaber der Buchhandlungen beschreiben jeweils ihre Buchhandlung selbst.

Buchandlungen, Prestel Verlag

Fotos
Die Fotos stammen von verschiedenen Fotografen und wurden vermutlich in der Redaktion des Verlags ausgewählt und zusammengestellt.
Alle Fotos stammen von Horst A. Friedrichs, was dem Buch trotz der Verschiedenartigkeit der Buchhandlungen einen geschlosseneren Charakter gibt. Die Auswahl geschah zwischen den beiden Autoren und dem Gestalter Lars Harmsen.

Do You Read Me? gestalten Verlag

Layout
In der Basis zweispaltig, jedoch in der Höhe eher individuell, also kein strenger Raster. Der Sachbuchcharakter wird gefordert und zudem betont durch Überschrift, Untertitel, Vorspann, Text, Bildlegenden, Bilder in verschiedenen Formaten und auffällige Pagina. Bilder werden wahlweise auch in den Beschnitt gestellt. Sehr große Binnenabstände auf den Seiten. Die Doppelseitengestaltung wirkt bisweilen nicht harmonisch.
Im Wesentlichen ganzseitige und halbseitige Fotos. Jede Buchhandlung beginnt auf der linken Seite mit ihrem Namen als Überschrift und es folgt ein knapper Text. Ort und Eröffnung findet man dort als eine Art Kolumnentitel. Ein echter lebender Kolumnentitel (Fußtitel) steht jeweils unten auf der linken Seite.

Schriften
Saol Text (Florian Schick), Lauri Toikka, Editorial New (Mathieu Desjardins). Die Textschrift wirkt dünn, obwohl sie einen für die Seite sehr großen Schriftgrad benützt. Vielleicht ist auch der Zeilenabstand zu gering? Das dünne, zu leichte setzt sich in den Hedlines und Vorspann fort. Es fehlt an »Körper«. Zur Schriftwahl schrieb mir der Gestalter Stefan Morgner und zog nach meiner Veröffentlichung seine Aussage wieder zurück. Das muss hier nicht kommentiert werden.

Madison Antiqua Pro Regular, Noe Text Book (Schick Toikka), Suisse Int`Book. Die Textschrift wirkt selbstverständlich, gute Laufweite, angenehmer Zeilenabstand. Zur Schriftwahl schreibt der Gestalter Lars Harmsen:
»Grundsätzlich mag ich Schriften mixen, um Spannung zu erzeugen. An der Madison (Linotype) mag ich die interessante x-Höhe, die ausgeprägten Serifen… und den 60ies Style …. Das macht diese Schrift lebendig, ohne zu stressen. Der Noe (Schick Toikka) dagegen bin ich immer wieder verfallen. Hier ist sie eine gute, ausdrucksstarke Schwester zur Madison. Durch den Einsatz in der Headline werden ihre Kanten und scharfen Ecken deutlich. Für die nüchterne, »trockene« Info von Ort und Seitenzahl dann eben eine Helvetica (pardon, Suisse von Swiss Typefaces). Ich fand sie passen gut zusammen in diesem Buch über Bücher und zu diesen Menschen, die mit absoluter Leidenschaft einen Beruf machen, den es hoffentlich noch lange geben wird. Die Buchhandlungen sind eben auch oft aus einer anderen Zeit, dort herrscht ein eigenwilliger Geist und keine Buchhandlung gleicht der anderen«.


Beide Gestalter argumentieren für Schriftmischungen. Wäre bei Struktur und Menge des Textes nicht eine Schrift ausreichend und damit für die Gestaltung klarer?

Typografie
Der Sachbuchcharakter macht das Buch sehr lebendig und etwas unruhig. Die durchwegs zu großen Schriftgrade verstärken dies. Die Einzüge im Text sind etwas zu tief für eine flüssige Lesbarkeit.
Harmonisch, trotz der Schriftmischungen. Größenverhätnisse der einzelnen Elemente logisch wirkend, angenehme Proportionen. Doch sind die Einzüge im Text zu tief.

Druck und Papier
Mattgestrichenes Papier, der Druck (oder die Bildrepro) ist nicht immer brillant. Das kann auch an dem vielfältigen Bildmaterial liegen.
Papier Condat matt, aber immer noch eine gewisse positive »Glätte«. Hervorragender Druck von gut optimierten Bilddateien (Reproline Mediateam).

Cover und Ausstattung
Nicht nur durch den Titel, auch durch die grafische Aufmachung könnte man ein ganz anderes Buch erwarten. Wobei hier der eigentliche Buchinhalt viel konkreter wirkt. Das Vorsatz setzt das fort und man hat den Eindruck, dass das Außen mit dem Innen des Buches wenig zu tun hat. Der Buchrücken in Farbe gestellt, als wäre das etwas Materialhaftes, gibt eher den Eindruck einer Imitation für eine andere Materialität. Der gerundete Rücken entspricht dem Gewicht des Buches und dem Blätterverhalten.
Das Halbleinen gibt dem Buch den Eindruck eines wichtigen Kunstprojektes. Das Titelbild erlaubt keine zusätzliche Schrift. Die gestürzte Titelanordnung auf dem breiten Leinenstreifen passt nicht zum Buch, wirkt nicht organisch. Ein schönes Vorsatz, aber leider nur einseitig bedruckt, wobei dadurch der Eindruck eines Vorsatzblattes gestört wird. Ein praktisches Leseband ist vorhanden. Leider ein gerader Buchrücken. Das sieht zwar gut aus, läßt den Buchblock mit der Zeit aber nach unten sinken.

Vorsatz Do You Read Me?
Vorsatz Buchandlungen

Bibliografie
Marianne Julia Strauss & gestalten
Do You Read Me?
Besondere Buchläden und ihre Geschichten
272 Seiten
210 x 260 mm
272 Seiten mit ca. 300 Fotos
Hardcover
gestalten Berlin 2o2o
39,90 Euro
ISBN 978-3-89955-884-5

Horst A. Friedrichs, Stuart Husband
Buchhandlungen. Eine Liebeserklärung
256 Seiten
240 x 280 mm mit 240 Abbildungen
Halbleinen
Prestel Verlag, München 2020
36 Euro
ISBN 978-3-7913-8580-8

Inhalt Do You Read Me?
Inhalt Buchhandlungen
Und wer in München wohnt könnte gleich mal bei Literatur Moths vorbeischauen.

Typografie, ein ABC?


Ein ABC der Typografie nennt sich das Buch. Das stimmt aber zum Glück nicht, denn das Buch ist viel logischer nach Sachgebieten eingeteilt. Erst denkt man vielleicht, schon wieder ein Grundlagenbuch zur Typografie. Aber hier geht der Inhalt viel weiter. Die Darstellungen sind auf der Höhe der Zeit, sind knapp und präzise in ihrer Verständlichkeit und schließen immer die Anwendung in InDesign mit ein.

Mit diesem Kompendium ist ein sehr brauchbares Buch gelungen. Eine solide und unspektakuläre Seitengestaltung hält sich im Hintergrund. Die fachliche Bandbreite wird durch zahlreiche Gastbeiträge ergänzt, wie beispielsweise von Florian Adler, Lisa Fischbach oder Frank Rausch, um nur einige davon zu nennen. Doch auch in den einzelnen Beiträgen der Autoren findet man die Ratgeberschaft, z.B. zu speziellen Themen der Schrift von Albert Jan Pool.

Die Beiträge stehen häufig auf einer Doppelseite, was das Buch zum Nachschlagen sehr geeignet macht. So beginnt das 1. Kapitel über die Grundlagen der Schrift ganz »unten« beim Aufbau der Schriftzeichen und den Schriftschnitten, zieht sich mit vielen technischen Seiten hin bis zu Schriftwahl und den heiklen Schriftmischungen. 

Mit Layout und Satz geht es weiter mit einem starken Bezug zu InDesign, wobei sich die Doppelseiten mit knappen Erklärungen und plausiblen Bildbeispielen abwechseln.  Im 3. Kapitel zur Mikrotypografie reichen die Themen von typischen Fehlern bis zu einer Checkliste zu Typografie und Reinzeichnung. 

Schrift im Kontext behandelt Themen der visuellen Gestaltung, wie Weißraum, Anordnung, Typografie als Gestaltungsmittel, aber auch Papierformate, oder wie man Bücher einrichtet und die Druckdatenerstellung. Sehr wichtig ist das 5. Kapitel, wo es um digitale Typografie geht. Hier finden sich gerade für den Print-orientierten Gestalter viele wichtige Informationen, um auch endlich im digitalen Bereich Typografie richtig zur Wirkung zu bringen. Und schließlich gibt es auch noch ein Kapitel mit einer sehr verkürzten, doch reichlich illustrierten Schriftgeschichte.

In vielen Abschnitten werden Hinweise zur Erweiterung der einzelnen Themen als Link angeboten. Überhaupt ist die Navigationsmöglichkeit in der gedruckten Ausgabe schon sehr gut. Und besonders rentiert sich hier die Bundle Buch und E-Book Version zum Lernen und zur täglichen Praxis. Und zudem ist das Buch im Detail sehr übersichtlich gestaltet und aus der schönen Schrift Edit Serif gesetzt. Lediglich das mattgestrichene Papier wünschte ich mir in der Oberfläche noch matter, was die Haptik noch verbessern würde. Das Buch ist zum Einstieg in die Materie der Typografie praktikabel, aber auch zum Nachschlagen. Dabei kann es natürlich nicht die volle Weite der einzelnen Themen bringen.

Patrick Marc Sommer, Natalie Gaspar 
Das ABC der Typografie 
Grundlagen, Definitionen, Praxisanwendung 
399 Seiten 
Pappband
Rheinwerk Verlag, Bonn 2020 
39,90 Euro
(Bundle 44,90) 
ISBN 978-3-8362-6166-1

Beispielseiten
Beispielseiten
Beispielseiten

Typografie und Bild barrierefrei


Jeder Text, der zum Lesen veröffentlicht wird, muss typografisch bearbeitet sein. Das gilt auch dort, wo Einfache oder sogar Leichte Sprache eingesetzt wird. Für Typografen und Gestalter keine ganz einfache, aber sehr wohl wichtige Aufgabe. Im Hintergrund steht die Forschung, die ja, was den Einsatz von barrierefreier Typografie und Bildern angeht, noch am Anfang steht.

Kerstin Alexander von der Hochschule Merseburg hat gemeinsam mit ihren Studierenden sechs Studien zur Leserlichkeit von Typografie bzw. Lesbarkeit von Layout sowie sechs Studien zur Verständlichkeit von Bildern in der barrierefreien Kommunikation veröffentlicht. Barrierefreies Denken im Design hilft, empirische Forschung zur barrierefreien Kommunikation ein wenig zu begreifen. Menschen mit speziellen Lese- und Erklärungsbedürfnissen sollen besser informiert und ernst genommen werden. Die Überlegungen hierzu helfen nicht nur Gestaltern, die entsprechende Aufträge bearbeiten, sondern allen, die sich mit der Basis von Typografie und Bildwahrnehmung auseinandersetzen, denn bei Leichter Sprache kommt es auf Grundsätzliches an.

Die Autorin fasst in ihrer Einführung den Forschungsstand der barrierefreien Kommunikation zusammen, geht dabei von den bisherigen Regelwerken für Leichte Sprache aus. Ausführlich macht sie auf den Wissensstand zu Typografie und Layout in der Leichten Sprache aufmerksam, beschreibt detailliert Probleme der Schrift und deren Beschaffung, aber auch die Wirkung von Schrift auf mobilen Endgeräten. Ebenso beschäftigt sie sich mit dem Bild in diesem Umfeld, Bildfunktionen, Möglichkeiten des Bildeinsatzes für Leichte Sprache und auch damit, was innere Bilder bedeuten können. 

Den Kern des Buches bilden die genau beschriebenen Studien. Erfreulich für Typografen ist, dass viele Annahmen, die aus der sorgfältigen gestalterischen Praxis kommen, durch die Forschung bestätigt werden. 

Dass auf kostenfreie Schriftlizenzen besonders geachtet wird liegt sicher vor allem an der finanziellen Not im sozialen Bereich. So ergaben sich in den Forschungsstudien, dass beispielsweise der Unterschied der Lesegeschwindigkeit zwischen der Frutiger und der Open Sans sehr gering ist. Die Auswirkung von unterschiedlichen Zeilenabständen bei verschiedenen Schriften werden nachgewiesen. Dabei wird auch auf die irreführenden Angaben z.B. unter »Word« hingewiesen, wo typografisch Grundsätzliches immer noch ignoriert wird. Aus einem Qualitätsvergleich von verschiedenen frei verfügbaren Schriften gingen die Open Sans und die Gentium als »Testsieger« hervor.

Die in den Tests verwendeten Schriften lassen sich auch auf einer App vergleichen, die aus einem Text in Leichter Sprache besteht (http://kiw.hs-merseburg.de/wp-content/uploads/typo-app). Dabei ist Wirkung und Lesbarkeit des jeweiligen Regular-Schnitts vergleichbar. Und man sieht auch die Veränderungen, indem man den Schriftgrad größer stellt. Der Zeilenabstand bleibt dabei immer bei 150 %. Hierbei ist aber auch schon zu sehen, dass eine bisher in der Leichten Sprache angewandte Umbruchregel wie »jeder Satz beginnt auf einer neuen Zeile«, ins Absurde führt. Automatisch werden je nach Platzbedarf die Zeilen umbrochen und der Rest der Zeile steht dann eben auf den nächsten Zeile.

Juliane Wenzl (Illustratoren Organisation e.V.) hat die Publikation zum Bereich des Bildes durchgesehen:

Die derzeitige Diskussion zur Leichten Sprache ist geprägt von der Idee informierender und didaktischer Vermittlung, da sie nach der Gesetzgebung bzw. den angestrebten Regelungen erfolgt. Diese sollen vor allem öffentliche Einrichtungen in die Lage versetzen, Inhalte angemessen zu vermitteln.

Alexander zeigt auf, dass es in den vorliegenden Regelwerken zur Leichten Sprache bisher kaum verbindliche Empfehlungen gibt. Aus ihnen lassen sich lediglich acht Hinweise zur Bildverwendung ableiten, die aber auch auf Probleme hinweisen. So wird z. B. dazu geraten, Bilder wiederholt einzusetzen, damit diese von der Zielgruppe »erlernt« werden können. Das kann aber nur gelingen, wenn die Bilder immer im gleichen Kontext verwendet werden.

Die vorliegenden Studien, einschließlich der sechs in Alexanders Publikation, sind noch zu vereinzelt und zu wenig an klaren Parametern orientiert, als dass sich valide Empfehlungen für die Verwendung einer bestimmten Bildart in bestimmten Kontexten ableiten ließen. Festgestellt wurde, dass Invarianten und Komplexitätsreduktion die Lesbarkeit von Bildern erleichtern. Auch sollten sich Bildinhalte nicht so sehr an Objekten, als vielmehr an Tätigkeiten orientieren. Sprache und Bild sollten sich ergänzen und aufeinander verweisen.

In Hinblick auf die Sprache-Bild-Beziehung unterscheidet sich Leichte Sprache von Standardsprache. In einer Studie wird vermutet, dass Leser der Leichten Sprache an begleitetes Lesen gewöhnt sind, also an Interaktionen, die anhand eines Textes erfolgen. Das lässt die These zu, dass Zugänglichkeit und Verständlichkeit durch den Einsatz aufeinander verweisender Medien noch besser noch besser erreicht werden könnten

Bilder machen sichtbar, sie können abbilden, zeigen und erzählen, dekorativ sein, Informationen vermitteln und zu einem Erkenntnisgewinn führen. Bilder können uns beeinflussen, etwas zu tun oder zu lassen. Sie können außerdem motivieren und die Aufmerksamkeit der Rezipienten halten oder auf etwas richten. Bilder tragen zur Erinnerung bei, wenn sie als inneres Bild wiederholt werden; die Aktivierung innerer Bilder trägt im Umkehrschluss zum Textverstehen bei. 

Bildkonzepte im Kontext Leichter Sprache sollten, wie in anderen Kontexten auch, individuell, konsistent und der Aufgabe wie der Zielgruppe angemessen sein.

Die Studien genauer zu lesen lohnt sich, auch wenn die klammernde Klebebindung zum Aufschlagen des Buches Gewalt braucht.

Dringend müsste in diesen Bereichen weiter geforscht werden. Die Bereitschaft hierzu wäre da, aber die nötigen finanziellen Mittel fließen wohl woanders hin.

Kerstin Alexander (Hrg.)
Mit Typografie und Bild barrierefrei kommunizieren 
Kommunikation – Partizipation – Inklusion 
Forschungsstand und Studien 
382 Seiten  
Broschur
ISBN 978-3-7329-0584-3 
49,80 Euro