typographische
zitate
Das Buch ist keine Ware, sondern ein Wert.
Gisela Treichler

Typographische
Gesellschaft
München e. V.

Elsenheimerstraße 48
80687 München

info@tgm-online.de
089.7 14 73 33

Branche

Resonanz in St. Gallen

Rudolf Paulus Gorbach
26. November 2017
Viele heutigen Typo­grafie-Konfe­renzen wählen ein über­grei­fendes Thema. »Resonanz« in St. Gallen passt natürlich zu vielem, denn Resonanz, ein »Mitschwingen« ist ja das, was sich Gestalter als Wirkung auf ihre Arbeit wünschen. Der Vergleich mit der Resonanz in der Musik ist dabei sehr passend.

»Die Resonanz aus dem Gegenüber schafft einen Reso­nanzraum durch die Begeg­nungen in sehr freund­licher Atmo­sphäre«, wie es Clemens Theobert Schedler zu Beginn formuliert. Überhapt trägt Schedlers Mode­ration mit seinem wunderbaren absurden Humor viel dazu bei.

Machen, üben, staunen

Nina Stös­singer beginnt ihre »Annä­herung an Schrift« mit einem Rückblick auf ihren beruf­lichen Weg. Geduld und Beharr­lichkeit sieht sie als Voraus­setzung für den Weg des Schrift­ent­werfers. Die Kontrastart in der Schrift, hoch oder quer? Es entsteht eine Schrift »Nordvest«, die ganz unge­wöhnlich das Gewicht an das Hori­zontale legt. Trotzdem ist die Lesbarkeit erstaunlich gut. »Einfach ist der Regelbruch«, meint Stös­singer, »aber dann muss man die neuen Regeln aufstellen, das macht viel mehr Arbeit«.

Silja Götz lebt in Madrid und zeigt ihren Weg zur Illus­tration, »als die Illus­tration noch weg vom Fenster war«. Sie erzählt von den Schwie­rig­keiten der Frei­be­rufler generell, betont, wie sehr es ihr darauf ankommt, Arbeiten nicht gratis zu machen, denn allein eine Veröf­fent­lichung ist nicht genug. Gestalter sind Experten ihres Faches und etwas umsonst zu entwerfen, sieht sie zurecht als Belei­digung an. Ihr Vortrag ist eine amüsante Werkschau eigener Arbeiten.

Cordula Alle­sandri stellt ihr Atelier mit einem bizarren Film vor. Ihre Seminare über Erotik, Kochen oder Wein haben sie bekannt gemacht. Ihre unkon­ven­ti­onelle Vortragsart hat etwas »Wildes« an sich, wobei ihre Arbeiten sehr diszi­pliniert erscheinen. Zwischen leichtem Entsetzen und völliger Faszi­nation sehe ich die bunte Welt von Fidel Peugeot. Von der Apotheken-Ausstattung bis zum Rapper-Plakat, viel­fältig und recht farbig. Doch alles begründet und durchdacht! Und Peugeot überzeugt, weil er für seine Sache richtig »brennt«. Zum Schluß spielt er auch noch eine akus­tische(!) Gitarre.

Schlicht, aber raffiniert

»Klas­sisches Grafik­design mit verfüh­re­rischer Einfachheit« — das ist Programm. Peter Felder hebt das Hand­werkliche, das wir aus der Vor-Computer-Zeit kennen, hervor und führt ein zwischen Print und Digital wech­selndes Spiel vor. Schöne Logos — ziemlich streng schwei­zerisch — und zurück­haltende Typo­grafien lassen Felders Arbeiten sehr sympa­thisch erscheinen.

Joost Hochuli stellt sein aktuelles Buch »Das Alphabet der guten Nach­bar­schaft« und betont die Rolle des Rheins als »Verbin­dungsglied« zwischen Vorarlberg und der Ostschweiz. Hochulis strenger Vortragsstil steht im Kontrast zu den anderen fröh­lichen Bühnen­per­for­mances.

Mehr als nur Gestaltung

Sonja Knecht ist ein »Über­ra­schungsgast«. Mit der Resonanz verbindet sie die typo­gra­fische Visu­a­li­sierung ihrer Texte. Laut vorgelesen, in Worte gefasste Stim­mungen, prägnante Marke­n­er­klä­rungen sind poetisch und spannend.

Matthias Flückiger vom Ensemble des Theaters St. Gallen setzt auf eine ganz andere Resonanz. Mit großer rheto­rischen Fertigkeit läßt er Buch­staben verschwinden. Erst einen und dann immer mehr. Bei fehlenden fünf Buch­staben wird der Text herrlich dada­istisch.

»Wir sehen uns unter dem Tisch«, so der russiche Trink­spruch. In ihrem Wodka-Vortrag erklärt Victoria Sarapina den Unter­schied zwischen dem russischem »Brand« und Whysky. Es folgen unzählige Schnaps-Geschichten. Der Ursprung war natürlich (!) Medizin. Wir sehen Schrift­bänder auf Trink­gefäßen aus dem 17. Jahr­hundert, kuriose Illus­tra­tionen aus dem 19. Jahr­hundert. Drucker »signierten« ihre Etiketten wie Maler ihre Werke. Ein Alko­hol­verbot führt zum Sturz des Zaren. Und nebenbei oder haupt­sächlich das typo­gra­fische Feuerwerk auf den Wodka-Flaschen.

Remo Caminada bringt das Audi­torium zum Singen und zeigt Parallele zwischen der »Resonanz des Sehens« mit der des Klangs. Der Designer Caminada studiert zur Zeit Gesang und Kompo­sition und, während das Publikum einen Ton anschlägt, bringt Caminada die Obertöne zum Schwingen — die wahre Resonanz. Zusam­­men­­gefasst: die Tÿpo 2017 hat einen hohen bran­chen­s­pe­­zi­­fischen Unter­ha­l­tungswert und ist auch begehrter Treffpunkt.

Weitere Blogbeiträge, die Sie interessieren könnten

Branche

Typo St. Gallen typisch Schweiz?

Rudolf Paulus Gorbach

Zur ersten »Tÿpo« Sankt Gallen luden das Forum Typo­grafie und vor allem die älteste Ausbil­dungs­stätte für Gestaltung in der Schweiz, die Schule für Gestaltung St. Gallen, in die buch­his­torisch tief verwurzelte Stadt St. Gallen ein. »Typisch Schweiz« lautete das Motto. Die Vortra­genden hielten sich zumeist nicht daran. Die Qualität der Vorträge war aber fast durchweg so hoch, dass man das verpasste Motto verschmerzen konnte.

leere weiße, unterschiedlich große, mittig gefalzte Blätter
Branche

Meine persön­lichen High­lights aus St. Gallen

Silvia Werfel

Mit Impro­vi­sa­tionen am Klavier und Inter­aktion mit dem Publikum hatte die Konferenz begonnen. Mein persön­liches Highlight der Tÿpo St. Gallen war Aleksandra Samuļenkova. Sie gab Einblicke in ihr Type­design und sensi­bi­li­sierte die Zuhö­rer­schaft für all die feinen regional bedingten Unter­schiede.

Ausschnitt der Instalation zum Thema »Intuition«
Buchbesprechung

Geschichte der Info­grafik

Rudolf Paulus Gorbach

Während die Geburt der Info­grafik auf das 18. Jahr­hundert geschätzt wird, beginnt moderne Info­grafik in illus­trativen Tafeln in der Zeitung »USA Today« 1982 und in Deut­schland mit der »Focus« 1993. Der umfang­reiche Band »History of Infor­mation Graphics« geht jedoch viel weiter zurück und präsentiert den Plan des Klosters Sankt Gallen von 800.