typographische
zitate
Typo­grafie dient der Kommu­ni­kation im Dienst einer Aufgabe.
Jan Tschichold

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Branche

Meine persönlichen Highlights aus St. Gallen

Silvia Werfel
1. Dezember 2021
Mit Impro­vi­sa­tionen am Klavier und Inter­aktion mit dem Publikum hatte die Konferenz begonnen. Mein persön­liches Highlight der Tÿpo St. Gallen war Aleksandra Samuļenkova. Sie gab Einblicke in ihr Type­design und sensi­bi­li­sierte die Zuhö­rer­schaft für all die feinen regional bedingten Unter­schiede.

Aufge­wachsen ist Samuļenkova in einer Russisch spre­chenden Familie in Lettland, studiert hat sie in Riga, Berlin und Den Haag. Inzwischen lebt sie in den Nieder­landen, ihre Satz­schriften erscheinen bei Bold Monday. Die kyril­lischen Schrift­zeichen sind ihr so vertraut wie das latei­nische Alphabet mit all seinen sprachab­hängigen diakri­tischen Sonder­zeichen. Allein die Posi­tio­nierung der Punkte fürs i und für die Umlaute ist dabei eine Heraus­for­derung. Sie zeigte zudem die band­artige russische und die diffe­ren­ziertere bulga­rische Version der kyril­lischen Schrift: Diese fußt auf der Hand­schrift und zeichnet sich durch Ober- und Unter­längen aus, hat auch andere Propor­tionen, was sie insgesamt besser lesbar macht. 

Sodann stellte sie ihre Arbeit an der IBM Plex vor, zu der eine Sans-, Serif- und eine Mono-Familie gehören. Dem Creative Director Mike Abbink lag daran, den IBM-Spirit einzu­fangen und die Beziehung Mensch–Maschine spürbar zu machen, für die IBM steht. Aleksandra Samuļenkova entwarf die kyril­lischen Versionen für die drei Schriftstile. Und wagte es, ein paar unge­wohnte, ältere Formen unter­zu­bringen, zu sehen etwa im Ka und Zhe mit den tradi­ti­o­nellen »Ohren«. 

Erwäh­nenswert ist zu guter Letzt ihre preis­ge­krönte kantig-kräftige Satz­schrift Pilot, die es als digitale Version gibt und als Blei­satz­schrift in 24 Punkt. Aber das ist eine andere Geschichte …

»Visible Language« von Britt Möricke

Um Schrift ging es auch bei der Nieder­länderin Britt Möricke, genauer: um Hand­schrift. Dazu gab sie auch einen Workshop mit dem Titel »My hand­writing sucks«. Schon als 12-Jährige entdeckte sie Edward Johnstons Buch »Writing, Illu­mi­nating and Lettering« – Beginn ihrer Leiden­schaft für Buch­staben. Studiert hat sie dann Typo­graphic Design an der Royal Academy of Art in Den Haag, absol­vierte zusätzlich den Master­stu­diengang Type & Media und unter­richtet seither Kalli­grafie, Typo­grafie und Schrift­design. Solides Wissen und Können zu vermitteln, ist ihr genauso wichtig wie selb­ständiges Denken und Forschen. Zum Repertoire gehört natürlich die huma­nis­tische Kursive, aber nicht Ludovico Arrighi ist Britt Mörickes »Favorit«, sondern Gerardus Mercator. Der im 16. Jahr­hundert weithin berühmte Geograph und Kartograph war ein analy­tischer Geist und auch ein Maßstäbe setzender Schrift­künstler. 

Im zweiten Teil der Präsen­tation ging es um Stereo-Typo. Beim Marken- und Logo­design ist die Schriftwahl von großer Bedeutung. Wie aber mit etablierten Klischees umgehen? Eine Metal-Band mit gerundeter, bunter Kinder­schrift? Oder klas­si­zistisch im Fashion-Stil – geht das denn? Eher nicht. Und doch gilt es manchmal, gekonnt ein Klischee zu durch­brechen.

Ein großes Anliegen ist es Britt Möricke auch, Studie­renden des Kommu­ni­ka­ti­ons­designs die Angst vor der Typo­grafie zu nehmen, die ihr immer wieder begegnet. Zu viele Regeln? Zu lang­weilig und streng? Ob ein anderer Begriff wie »Visible Language« weiterhilft, bleibt fraglich.

Botschaft von Daniel Ammann

Sprache ist das Metier von Daniel Ammann. Er hat an der Universität Zürich Anglistik, Pädagogik und Lite­ra­tur­kritik studiert und ist seit 2002 Dozent für Medi­en­bildung sowie Mita­r­beiter des Schreib­zentrums an der Pädago­gischen Hoch­schule Zürich. Frei nach Marshall McLuhan betonte er: »Das Format ist die Botschaft.« Wie bei Post­karten, Brief­marken und Flaschenpost – bedeutsame kulturelle Artefakte, ihre Form und ihr Format sind Teil ihrer Botschaft. 

Small is beautyful? Bigger is better? So fragte Daniel Ammann und erzählte passend dazu von einem besonderen Guinness Welt­rekord. Anlässlich des 72. Eidge­nös­sischen Turn­festes am 22. Juni 1996 im Wankdorf-Stadion in Bern stellten 10.070 Kinder, Jugendliche und einige Erwachsene, ausge­rüstet mit farbigen T-Shirts und Mützen, die mit 2.600 qm größte »lebende Briefmarke« aller Zeiten dar (3,5 Mio. Mal größer als das Original). 

Ziel von Kommu­ni­kation ist Verstän­digung. Wie verständlich aber ist die »teuerste Streu­sendung der Menschheit«, also die Plaketten an Bord der Raum­sonden Pioneer 10 und 11, mit denen man 1972 Kontakt mit außer­ir­dischen Lebens­formen aufzu­nehmen hoffte? Oder ein grüner (statt roter) SOS-Knopf? Daniel Ammann lud dazu ein, sich mit Craig Raine im Perspek­tiv­wechsel zu üben und das eigene kulturelle Umfeld zu verlassen, also Altbe­kanntes einmal so zu beschreiben, als sähe man es zum ersten Mal.

Mehr als nur ums Essen und Trinken

Das erste – und ziemlich abge­fahrene – »Kochbuch«, das Wolfgang Ortner vom Büro Ortner­Schinko aus Linz machte, war ein Magazin-Expe­riment mit dem Titel »The Healthy Times«. Darin geht es um mehr als nur ums Essen und Trinken und um Rezepte. Es geht um Kunst, Foto­grafie, Nach­hal­tigkeit und die wich­tigste aller Fragen: Wie sieht denn unsere Zukunft aus? Hinter dem Magazin steckt die Healthy Boy Band und dahinter die drei jungen öster­rei­chischen Spit­zenköche Lukas Mraz, Philip Rachinger und Felix Schellhorn. Schnell war die erste Ausgabe ausverkauft. Weitere Interviews und kratz­bürstig-freche Statements, noch mehr Texte und Bilder enthält nun auf 564 Seiten die zweite Ausgabe, erschienen im Sommer 2021, mit gleich drei Cover­ver­sionen. Wolfgang Schinko blätterte begeistert durch die Bilder- und Textfülle, jede Doppelseite ist anders, ein Ideen­feu­erwerk, sehr wild, ziemlich verrückt, ja »gestört«, wie er mehrfach betonte.

Das Büro Ortner­Schinko macht aber nicht nur »gestörte« Projekte. Für die Linzer Museen Lentos und Nordico konzi­pierte es ein bemer­kenswert sach­liches Corporate Redesign (inklusive aller Kommu­ni­ka­ti­ons­mittel zu den Ausstel­lungen). Zunächst räumte Ortner im Schrif­tenchaos auf, setzt ausnahmslos die Unica77 medium ein und wandelte auch das eigentlich unan­tastbare Logo leicht ab. Fazit ist: Linz ist anscheinend ein gutes Pflaster für moderne Kunst und Typo­grafie.

Den Schlusspunkt setzte Maike Ziegler, die in ihrem Creatural Design Lab durch maßge­schneiderte »Ritu­al­konzepte« verschiedene Welten – Menschen, Orte, Gegen­stände – zusam­men­bringt. Auch auf der Tÿpo St. Gallen.

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