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Die gute Text­schrift ist beides: banal und schön zugleich.
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Buchbesprechung

Typografisch auffällige Romane

Rudolf Paulus Gorbach
26. November 2023
Typo­gra­fische Verän­de­rungen im Textsatz durch die Autoren finden sich zunehmend in heutiger Literatur. Was ist dabei die Absicht?

Für Typo­grafen ist es normal, Texte nach Funk­tionen zu setzen. Linearer Text für Romane entspricht fast immer der Absicht der Autoren. Gibt es Teile im Buch, die anders als in der Grund­schrift gesetzt werden sollen, wissen Typo­grafen die hierfür sinn­vollen Schriften, Auszeich­nungen oder Größen. Doch das kommt eher selten vor. Ganz anders ist es bei Autoren, die eine Text­ver­än­derung bestimmen oder selbst setzen bzw. setzen wollen. Die soge­nannte Demo­kra­ti­sierung der Typo­grafie stößt jedoch an quali­tative Wissens­grenzen.

Solche typo­grafisch auffällige Beispiele untersucht Judith Neuhaus in ihrer Disser­tation. Typo­grafisch auffällige Romane werden dabei analysiert. Schrift und ihre Mate­ri­alität werden dabei nach wissen­schaft­lichen Gesichts­punkten betrachtet.

Historisch gesehen gibt es berühmte Einzelfälle wie die von Laurence Sterne, Mallarmé, den Futu­risten oder Dadaisten. In der Lyrik sind es die barocken Figu­ren­ge­dichte oder im 20. Jahr­hundert die Konkrete Poesie. Dort werden jeweils typo­gra­fische Formen von den Autoren entwickelt. Das musste in Blei- und Foto­satz­zeiten technisch umgesetzt werden. Heute geht das durch die digitale Satz- und Schreib­technik wesentlich einfacher.

Judith Niehaus untersucht zunächst die Zusam­menhänge zwischen Typo­grafie und Verfremdung anhand der Theorien von Viktor Šklovskij und Bertolt Brecht. »Ein typo­gra­fisches Verfahren soll dabei als Abweichung von der Norm auf der Ebene des Schrift­bildes verstanden werden, die auch ohne die inhaltliche Lektüre des Textes auffällt«, so schreibt die Autorin in einer ersten Defi­nition.

Typo­grafie und Bedeutung beschäftigt sich mit dem Feld der Schrift­lin­guistik. Typo­gra­fische Möglich­keiten von Texten sind mitt­lerweile auch in der Wissen­schaft etabliert. Niehaus verweist hierbei auf Spitz­müller und zitiert Stöckls Tabelle »Typo­graphie – Gewand und Körper des Textes«, welche die typo­gra­fischen Bereiche nach Gestal­tungs­di­men­sionen und ihren Merkmalen einteilt.

Der Hauptteil des Buches widmet sich in einer sieben­teiligen Typologie mit Beispielen aus der gegen­wärtigen Literatur, welche eine »verhal­tens­auf­fällige« Typo­grafie aufweisen.

Auf dem Schutzumschlag laufen die Texte von hinten nach vorne, was recht spannend wirkt. Und zahlreiche Schriften werden verwendet: Aldus, Roman, Thesis Regular, Stempel Garamond, Myriad Bold und Regular, Frutiger 55, Stempel Garamond, Raleway Semibold. Eine sanfte Mischwut?

1. Hand­schrift. Sie gehört unter Fach­ty­po­grafen nicht zur Typo­grafie. Durch ihre Nähe zur Satz­schrift sieht die Wissen­schaft das jedoch anders. Aufgrund ihrer physischen Authen­tizität und Einzig­ar­tigkeit besitzt sie fast eine »Aura« (Benjamin). »Gesetzte« Hand­schriften versuchen, eine Persön­lichkeit wieder­zugeben. Gelingt das?

2. Schrift­ar­ten­wechsel. Typo­grafen würden das viel­leicht Schrift­mi­schungen oder unter­schiedliche Schrifttypen für unter­schiedliche Textarten nennen. Hier gehört bereits die Skala visueller Auszeich­nungen im Text dazu.

3. Mehr­schrift­lichkeit. Tradi­tionell wird auf die deutsche Doppel­schrift­lichkeit hinge­wiesen (Lateinisch / Gebrochene). Oft findet das auch zwischen Serifen- und seri­fenloser Schrift statt und man setzt hier gelernte (oder erahnte) Bedeu­tungen voraus. Mehr­schriftliche Publi­ka­tionen gibt es schon seit einigen Jahr­hun­derten. Es liegt auch deshalb nahe, dass dies heutige Autoren verwenden.

4. Schriftgröße. Hierunter fällt die Verwendung von Groß­buch­staben oder Kapi­tälchen.

5. Satz und Anordnung der Schrift. Unzu­sam­men­hängende Text­breiten- oder Größen­ver­än­de­rungen sugge­rieren etwas im Text Abwei­chendes vor. Doch kann selbst Flat­tersatz im Gegensatz zum ausge­schlossenen Satz auch Bedeutung haben. Und schließlich werden auch Satz­formen, die man aus bestimmten Lesearten kennt, (wie z.B. der Lexi­konsatz), Bedeutung tragen. Texte, die das lineare Lesen verlassen, bringen neue Lese­her­aus­for­de­rungen mit sich. Lektü­repfade als Hinweise oder Links können dies unter­stützen. Linien, wie wir sie auch aus Info­grafiken kennen, struk­tu­rieren Text­passagen. Zeilen­breiten, links­bündig zu rechts­bündigen Zeilen und sogar frei­ve­r­laufende Zeilen folgen der Textidee. Bilder oder Symbole aus Schrift gesetzt erinnern dabei an visuelle Poesie. Und schließlich steckt auch das Weiß der Seiten voller Inter­pre­ta­ti­ons­mög­lich­keiten.

6. Satz- und Sonder­zeichen. Wenn Satz­zeichen ihre konven­ti­onelle Funktion verlassen, erweitert oder sogar anhäuft werden, können bisher nicht beschriebene Deutungen verursacht werden. Heute wissen wir, dass das gut gemeinte Genders­ternchen den Lesefluss erheblich behindert.

7. Strei­chungen. Durch­streichen, Löschen, Zensieren können in Texten sowohl den Schreib­prozess offenlegen als auch eine Distan­zierung vom Text ausdrücken.

Nachdem diese Typologie im Buch ausführlich behandelt wurde, werden anschließend fünf Bücher mit auffälliger Typo­grafie analysiert. Behandelt im Buch werden aber weitere 27 Werke. Das ist für Lite­ra­turleser sehr inter­essant. Ich empfehle das Buch aber auch allen, die an komplexer Typo­grafie inter­essiert sind. Denn das könnte viel­leicht noch ein größeres Thema in und für die Typo­grafie werden. Leider sind die immerhin 109 eher grauen Abbil­dungen im Buch relativ klein darge­stellt.

Judith Niehhaus
Verfremdete Schrift
Tyogra­phische Verfahren in der deutschen Erzähl­li­teratur der Gegenwart
442 Seiten
Festeinband mit Schutz­um­schlag
Wallstein Verlag, Göttingen 2023
ISBN 978–3–8353–5517–0
34 Euro

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