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Event

Ehrung für Eckehart SchumacherGebler

Susanne Zippel
Michi Bundscherer
11. April 2019
Der Höhepunkt der Mitglie­der­ver­sammlung der tgm am 4. April 2019 war zwei­felsohne die Ernennung von Eckehart Schu­ma­cher­Gebler zum Ehren­mitglied der tgm. Die Laudatio hielt Susanne Zippel.

Susanne hat uns freund­li­cherweise ihr (über­a­r­beitetes) Manu­skript zur Verfügung gestellt – herz­lichen Dank!

Eckehart SchumscherGebler mit der Ehrenmitgliedschafts-Urkunde der tgm

Lieber Eckehart,
herzlich will­kommen, liebe Christiane,
liebe Mitglieder der tgm,
sehr geehrte Gäste,

im nächsten Jahr darf die t g m, die Typo­gra­fische Gesell­schaft München, stolz auf 130 Jahre ihres Bestehens zurück­blicken. Dieses Jahr begeht sie bereits ein weiteres Jubiläum, denn vor 70 Jahren wurde sie wieder­belebt, nachdem sie während der Nazizeit zwangsweise geschlossen werden musste. 1890 von Setzern und Druckern gegründet, vereint sie heute mehr als 1.300 Mitglieder und ist damit die größte orga­ni­sierte Plattform Europas zur Förderung inter­dis­zi­plinären Denkens und Handelns im ― wie es in ihrem Credo heißt ― Dialog zwischen Inhalt und Form, Bild und Text, Tradition und Inno­vation, Gestaltung und Technik.

»Eckehart Schu­ma­cher­Gebler ist der tgm seit Jahr­zehnten mit Rat und Tat engagiert und viel­fältig verbunden – seine heraus­ragende Expertise hat wesentlich zum Profil der tgm als Fach­or­ga­ni­sation beige­tragen«, schreibt Boris Kochan, lang­jähriger Vorsit­zender der Gesell­schaft und selbst Ehren­mitglied, in seiner Einladung zum heutigen Abend.

Susanne Zippel während ihres Laudatio
Susanne Zippel während ihres Laudatio

Lieber Eckehart,
jahr­zehn­telangwesentlichdein Einfluss auf die tgm ― große Worte! Tatsächlich warst du schon fast seit Beginn Deiner beruf­lichen Laufbahn mit der tgm verbandelt, ordent­liches Mitglied wurdest Du am 1. September 1967, also vor mehr als 50 Jahren. Mit Deinem Wissen und Können, mit Deiner Kontakt­freude, Deinem Orga­ni­sa­ti­onsgenie und mit Deinen unter­neh­me­rischen Kapa­zitäten hast Du der tgm die wert­vollen Dienste geleistet, für welche Dir die höchste Auszeichnung gebührt.

Soviel hast Du für andere getan. ― Heute Abend sind wir zusam­men­ge­kommen, um Dir dafür zu danken ― Zeit wird es! Heute soll es einmal nur um Dich gehen, lieber Eckehart, oder sage ich besser E S G ― das Akronym, das in der Fach- und Freun­deswelt geradezu mit Ehr-Furcht ausge­sprochen wird?

Bei Buch­staben möchte ich zunächst bleiben und beginnen mit dem A – wie Anfang – und einem Zitat, entnommen einem Text von 1999 ― mitrechnen!:

»Das kleine a ist für Eckehart Schu­ma­cher­Gebler ein besonderer Buchstabe. Auch wenn er heute sagt, es täte nichts zur Sache, so war es doch ein Folio-a, das sein Leben verändert hat. Ein kleiner Buchstabe, den er vor knapp vierzig Jahren zusammen mit anderen in wenigen Zeilen auf dem Layout hin und her schob. Bis plötzlich nur noch dieses a als ein abstraktes Zeichen vor seinen Augen stand. Bis zu diesem Aha-Erlebnis war für Schu­ma­cher­Gebler Schrift nur ein Mittel zum Zweck gewesen. Buch­staben brauchte man zum Drucken und dann zum Lesen. Punkt.«

Ich glaube, die meisten von euch haben jetzt große Augen gemacht: Wie bitte? Eckehart und minderes Interesse an Buch­staben? Wir kennen ihn anders, nicht wahr?! Nämlich genau entgegengesetzt.

Und doch beginnt so eine Hommage auf eine der ganz großen Persön­lich­keiten, die Gutenbergs Erbfolge hervor­ge­bracht hat ― für mich bist Du der größte Zeit­genosse der Schwarzen Kunst überhaupt. Viel­leicht wird man erst in hundert Jahren wirklich ermessen, welche Dienste Du dem Handwerk, der Technik und der Qualität der druckenden Zunft in Theorie und Praxis geleistet hast.

Ein Fahr­tenbuch durch Dein Lebens- und Schaf­fenswerk kann, möchte ich nicht erstellen, dazu reichte unsere Zeit heute ganz und gar nicht ― einige erhellende Spots, illus­trierende Fakten und Anekdoten, derer es noch und nöcher gibt, müssen Genüge tun.

Begonnen hat alles ohne den Big Bang, ohne eine frisch erwachte Leiden­schaft, die einen jungen Menschen auf den selbst­ge­wählten beruf­lichen Weg bringt. Eckehart wurde in eine Drucke­r­familie hineingeboren und irgendwann hieß es: »Der Junge übernimmt die Firma.« ― Der Junge kam also zum Thema nicht wie die Jungfrau zum Kinde, sondern die Mutter übergab dem Jungen die Druckerei in der Münchner Goethe­straße, nachdem dieser bereits willig eine Lehre zum Drucker absolviert hatte; auch Setzer wäre eine Option gewesen, doch mit dem Drucken war angeblich schneller mehr Geld zu verdienen.

Bei aller Passion bis hin zur Beses­senheit, die Eckehart bald für die Zunft entwickelt, bezeichnet ihn doch immer auch das Unter­neh­mer­kalkül. Diese Tugend­paarung wird ihn später auf die Weltbühne des Schwarzen Handwerks heben. Zunächst lässt er sich natürlich doch noch zum Setzer ausbilden. Drucker und Setzer in Perso­nalunion ― im Fach­jargon nennt man dies den »Schweizer Degen«, in Anlehnung an den multi­funk­ti­onalen Dolch, dessen Klinge auf beiden Seiten geschliffen ist. Nach den hand­werk­lichen Ausbil­dungen folgte noch das Fach­studium an der Akademie für das Graphische Gewerbe, der tradi­ti­ons­reichen Meis­ter­schule für Deut­schlands Buch­drucker München, und dann, wir sind am Beginn der 1960er Jahre, die Übernahme des Fami­li­en­be­triebes.

Der unter­neh­me­rische Start war alles andere als einfach. Zum einen fehlte ein schlüssiges Firmen­konzept, bis dato druckte man quer Beet, was eben so verlangt wurde: Werbung, Bücher, Akzi­denzen. Der Schrift­bestand war nicht sensa­tionell. Man inves­tierte damals weniger in neue Schriften als in vermeintlich effi­zi­entere Druck­ma­schinen. Dies machte insbe­sondere den Schrift­gie­ßereien, also den Unter­nehmen, die Blei­lettern herstellten und verkauften, zu schaffen. Sie entwi­ckelten die raffi­nierte Strategie, ab sofort ihre neuesten Krea­tionen nicht mehr den Druckereien anzu­bieten, sondern den Werbe­agenturen. Fand ein Art Director Gefallen an der Ausdruckskraft einer neuen Schrift und wollte er sie unbedingt einsetzen, war die betreuende Druckerei gezwungen, sich diese zuzulegen.

Auf diese Weise entstand eine neue Art von Spezi­al­be­trieben ― die soge­nannten Layout­set­zereien. In den Hoch­burgen der Werbe­agenturen, wie Hamburg, Düsseldorf oder Frankfurt, florierte der Markt, in München fehlte solch eine Setzerei. Es schlägt die Stunde für Schu­ma­cher­Gebler. Er gründet neben der Druckerei ― die weiter bestehen bleibt ― in Verbindung mit der renom­mierten Bauerschen Gießerei, Frankfurt, eine Layout­setzerei, ausge­stattet mit den wesent­lichsten Schriften aus deren Programm. Dabei bleibt es nicht. Auch Schriften anderer Gießereien werden kurz darauf in das Angebot aufge­nommen. So entstand das Typo­studio Schu­ma­cher­Gebler, das sich bald bis über die Tore der Stadt hinaus einen Namen macht. Das war 1961.

Beein­druckend nicht ganz uneitel wird in den Schrift­mustern ― den Specimen, wie wir heute sagen ― der Setzerei ab sofort ein Buchstabe aus dem Alphabet gestrichen, nämlich das große F, an dessen Stelle das große S gesetzt wird: A B C D ESG H I J K …, die Initialen des Haus­herren werden zum Manifest. Sie stehen bis heute nicht nur für einen Namen, sondern auch für ein einzig­artiges Quali­täts­programm.

Der Laden läuft. Um noch schneller und kosten­günstiger arbeiten zu können, legt sich ESG ein Monotype-System zu ― eine weichen­stellende Entscheidung. Es heißt, »wenn Schu­ma­cher­Gebler über die Monotype spricht, ist es, ― als öffnet sich ein Fenster zur schönsten Blumenwiese der Welt.«1
Im Typo­studio stehen zeitweise über hundert Maschinen aller Art. In der Branche ist längst klar: »Schu­ma­cher­Gebler ist nicht der billigste. Aber der beste.«2 Er bietet sich an, er pflegt Kontakte, pflegt auch seine Ange­stellten. Sie alle werden stets über­ta­riflich bezahlt.

Den Umstand, dass inzwischen der Fotosatz auf leisen Sohlen, aber mit Licht­ge­schwin­digkeit Einzug hält, nutzt ESG für einen weiteren Geni­e­streich: Gerade die Groß­be­triebe stellten von Hand- auf Fotosatz um, wollten ihren Matri­zen­bestand loswerden, mussten ihn verscherbeln. SG macht sich daran, sämtliche Monotype-Matrizen dieser Welt zusam­men­­zu­tragen ― der leiden­schaftliche Sammler ist in seinem Element.

Die stehen da nicht rum, die stehen da.

Matrizen von einem guten Dutzend Groß­be­trieben wandern in die Goethe­straße, darunter von Schnitten, die noch nie oder höchst selten in Deut­schland zum Einsatz gekommen waren, wie die Barbou, Bell, Perpetua, Poli­philus, Van Dijck und und und ― nur eine kleine Auswahl … Mit den Matrizen kamen die Monotype-Maschinen, die man nicht verschrotten wollte, aber auch nicht mehr brauchte. ESG avanciert quasi zum Monotype-Magnaten, zeitweise besaß er 25 Maschinen ― wohl­gemerkt alle funk­ti­ons­tüchtig. Irgendwann steht das Trep­penhaus in der Goethe­straße so voll, dass die Kollegen sich des nachts nach einem langen Arbeitstag die Knie anstoßen. Ich musste lächeln, als Michi Bund­scherer, der 1998 ― kleiner Zeit­sprung ― im Typo­studio seine Tätigkeit aufnahm, erzählt: »Als ich ihm mal sagte, dass da ja »inter­essante Pressen rumstehen« korri­gierte er mich sofort: ›Die stehen da nicht rum, die stehen da.‹«

»Das Typo­studio entwi­ckelte sich ― wir springen zeitlich wieder zurück ― zu dem Quali­täts­betrieb schlechthin, mehr Qualität ist in München nicht möglich gewesen, mehr konnte man gar nicht erwarten«, versichert mir Rudolf aner­kennend im Rückblick.

Für Verlage waren allerdings die Preise einer derartigen Leistung nur selten erschwinglich, haupt­sächliche Auftraggeber waren seiner Zeit die Werbe­agenturen.

Rudolf Paulus Gorbach, selbst lang­jähriger Vorsit­zender der tgm, lernte Ende der 1960er als Herstel­lungs­leiter des renom­mierten Verlages Hans Reich Eckehart Schu­ma­cher­Gebler kennen, als dieser auf ihn zukam, um seine Dienste anzu­bieten. Rudolf berichtet, dass er gleich im ersten Gespräch von Dir einge­nommen wurde, lieber Eckehart. Zwischen euch beiden gelernten Buch­druckern ging es sofort um Bücher und deren Typo­grafie. Man beachte: es ging nicht um Typo­grafie und Bücher, sondern um Bücher und Typo­grafie.

Die beiden trafen sich dann häufig bei der tgm ― und in der in der Galerie Inter­graphis, die 1966 in Nach­bar­schaft zur tgm gegründet wurde. Sie bot damals die größte Ausstel­lungs­fläche West­deut­schlands für Gebrauchs­grafik, Typo­grafie und Produkt­design. Das Komitee der ausge­sprochen profes­sionell gemachten Ausstel­lungen und für die Orga­ni­sation von Konfe­renzen setzte sich aus Persön­lich­keiten zusammen, wie Walter Biering, Olaf Leu, Philipp Luidl, Hans Numberger, Rudolf Rieger und ― Kurt Weidemann, dem Du, lieber Eckehart, die buch­stäblich initi­a­l­zündende Idee des F-S-Tausches verdankst.

Zur gleichen Zeit wurden parallel auch die jähr­lichen Ausstel­lungen der TDC-Show legendär. Gezeigt wurde sie ― ja!, in den Räumen der Setzerei Schu­ma­cher­Geblers, im Typo­studio. Legendär inzwischen ebenso die Bücher­sammlung, die ESG inzwischen zusam­men­ge­tragen hatte, eine »Fach­bi­bliothek sonder­gleichen«, schwärmt Rudolf Gorbach. Zunächst befand diese sich über der Setzerei in der Goethe­straße, im Dach­ge­schoss, wo ESG sich eine Bleibe in der Stadt ausbauen ließ. Heute ist die zu einer unfassbaren Dimension in Quantität und Qualität ange­wachsene Bibliothek über verschiedene Standorte verteilt.

Das hier ange­häufte enzy­klo­pä­dische Wissen in duftendem Drucker­schwarz auf Weiß scheint er tief inhaliert zu haben. Der Typo-Ästhet ist selbst ein wandelndes Lexikon, das sich freizügig vor jedem Inter­es­sierten aufblättert. Jeder, der auch nur einmal das Vergnügen hatte, mit ihm über Bücher, Schriften, Maschinen oder Biografien ins Gespräch zu kommen, weiß wovon hier die Rede ist. Eckehart spricht ― nach­drü­cklich, beein­druckend, druckreif!

Mit allen Kollegen der Typo­grafie- und Schrift-Branche ist er per Du. Das war nicht immer so. Aus eigenem Erleben kann ich behaupten, dass Eckehart ganz sicher zur alten Schule gehört. Mit dem Du musste er sich erst anfreunden. Innerhalb des Landes unter­scheiden sich die Formen zwischen­mensch­licher Kommu­ni­kation, die südliche Mentalität zieht das Formale vor. Doch Zeiten ändern sich: Während einer Besprechung innerhalb der tgm beschloss der Boris mal soeben, dass die Siezerei überholt sei ― Siezen perdu! Hernach trifft Eckehart Schu­ma­cher­Gebler auf Rudolf Paulus Gorbach und konstatiert etwas kons­terniert: »Wir müssen uns jetzt jetzt Duzen.«

Wir ziehen von München nach Leipzig, der Druck-, Buch- und Verlagsstadt schlechthin. Nach der Wende wird Eckehart von der »Unter­nehmer-Romantik der Neunziger«3 ergriffen: Nach schwierigen Verhand­lungen erwirbt er von der Treuhand den Hoch­druck­betrieb der deutschen Tradi­ti­ons­dru­ckerei Haag-Drugulin, zu ostdeutsch seit 1954 unter dem Namen Offizin Andersen Nexö firmierend ― ich muss es an dieser Stelle einfach erwähnen, hier schließen sich Kreise: das ist der Betrieb, in dem ich mich zur Buch­binderin, meinem ersten Beruf, ausbilden ließ ―, mit der Auflage, alle 18 Mita­r­beiter zu über­nehmen und ihnen für zwei Jahre eine Anstellung zu garan­tieren. Der west­deutsche Unter­nehmer rettet alte Maschinen vor der Verschrottung, die neuen Menschen vor dem Kapi­ta­lismus.4

Der gesamte Bestand an Bleisatz sowie an Hoch­druck­technik wurde schon zu DDR-Zeiten am Standort Nonnen­straße zusam­men­gefasst ― für uns ein klin­gender Name, weiß doch jeder hier, dass sich dort heute das Museum für Druckkunst befindet. Und ― ihr könnt euch denken, was jetzt kommt: Ja, es war Eckehart Schu­ma­cher­Gebler, der es 1994 gründete. ― Deiner Leiden­schaft und Deiner Weitsicht ist es zu verdanken, »dass nati­onales Kulturgut, dass die einzig­artige Perfektion der Monotype-Technik in lebendiger Anwendung erhalten«5, erfassbar, anfassbar geblieben ist.

Indes das Museale füllt Dich nicht aus. Du schließt das Kapitel Leipzig ab, gibst deinen Zweit­wohnsitz dort auf, und ziehst mit dem laufenden Drucke­rei­betrieb nach Dresden.

Liebe Leute ― das sind 200 Tonnen Metall, das sind Setz­kasten-Mengen, die aufge­stapelt die Höhe des Eiffelturms erreichten, und ― Du ziehst in eine neue Wohnung! Verrate uns, in welchen Zwischen­räumen hast Du nur die Zeit und Kraft gefunden, deine eigene, die legendäre Bibliothek SG aufzubauen, Dich für Verbände zu enga­gieren, Vorträge und Interviews zu halten und zu setzen nach dem Schreiben, Schreiben, Schreiben …?

Dein langer Weg durch die Haptik von Blei­wüsten und dem abstrakten Daten-Dschungel war reichlich mit Stol­per­steinen gepflastert. Immer wieder aufstehen liegt – weiß Gott! – nicht jedem, aber jeder über­standene Rück­schlag härtet ab. So kann ESG auch ein knarziger Mitstreiter und Streiter sein. Aber einer, dem man nicht lange gram sein kann; geht es ihm doch immer um die Sache. Keiner fasst das besser zusammen als Olaf Leu, wenn er mir ― auffordernd, diese Botschaft unbedingt weiter­zugeben ― schreibt:

»Ich kenne niemanden im Grafischen Gewerbe, der sich so vehement, so nach­drü­cklich, so beseelt von seiner Mission, und so langmütig und lang­jährig, für die Schrift­kultur als solche eingesetzt hat! Wahrlich, er hat das Erbe unserer Vorväter ange­nommen und es in aller Würde bewahrt. Das ging bis zur Penetranz seines selbst­ge­wählten „Auftrags“.

Der kundige Sammler von Geräten, Werk­zeugen und … Über­kommenem ist zugleich Bewahrer. Er bewahrt auch ― die „guten Sitten“. Das tut er mit solchem Eifer und missi­o­na­rischem Geist, dass er von seiner Umgebung manchmal etwas verständ­nislos belächelt wird. Zwar spricht er mit mir nicht mehr, aber, das trage ich ihm nicht nach. Zu hoch bewerte ich seine Lebens­leistung.«

Aktiv, rastlos ist ESG bis zur unmit­telbaren Gegenwart. (Fragend an ESG:) Wirst Du, der in wenigen Wochen seinen 85. Geburtstag begeht, nachher noch Deine biblio­philen Juwelen in den Kofferraum packen und zur nächsten Messe weiter­ziehen? Oder besteigst Du das Flugzeug Richtung Südkorea, wo Du die Gründung eines welt­weiten Dach­ver­bandes für Druck­museen unter­stützt? Viel­leicht widmest Du Dich auch einem neuen Bauvorhaben, um die von Dir zusam­men­ge­tragenen Schätze sicher unter Dach und Fach zu wissen, da das jetzige Archiv aus allen Nähten platzt.

― Nachklapp: Bei dieser Gele­genheit verlasse ich kurz mein Manu­skript und über­mittele die persön­lichen Glück­wünsche von Frau Dr. Annette Ludwig, der Direktorin des Gutenberg-Museums in Mainz, zur Ehren­mit­glied­schaft, die noch am Morgen via Email an die Mitglieder Schwarze Kunst eintrafen. Die Offizin Haag-Drugulin, sprich: Eckehart Schu­ma­cher­Gebler, zeichnet zusammen mit dem Gutenberg-Museum, der Humboldt-Universität zu Berlin und dem Verein Schwarze Kunst die überaus erfolg­reiche Konfe­renzreihe »Trans­for­mation der Buchkunst« verant­wortlich. ―

Wahr­scheinlich aber fährst du morgen – wie mehrmals jeden Monat – von deinem zu Hause in Bad Tölz über München nach Dresden, um in Deiner Druckerei nach dem Rechten zu schauen und aktuell das nächste Schrif­tenfest vorzu­be­reiten, ein Must-go-Symposium für alle gestaltende Typen, und in dessen Rahmen übrigens ― wie konnte ich es noch nicht erwähnt haben? ― sich 2013 der von Dir initiierte Verein zur Förderung der Schwarzen Kunst gründete ― mit heute mehr als einhundert Mitgliedern! Eine stolze Zahl für eine Zunft, die ständig totgesagt wird und doch gerade ihr Revival erlebt ― der mensch­lichen Sinnes­sehnsucht, der Sinn-lichkeit, auch Idea­lismus und Hart­nä­ckigkeit eines Eckehart Schu­ma­cher­Gebler sei Dank!

Nun für all diejenigen, die nicht folgen konnten auf dem rasanten Weg durch ein langes Leben: ESG; Schrift­setzer; Drucker; Unter­nehmer; Firmenboss und Diener der Sache; Sammler; Forscher; Gelehrter; Bewahrer und Beschützer; Förderer und Fordernder; Gründer und Mitglied; Vernetzter und Vernetzer; Redner und Zuhörer; ― boden­ständig und welt­gewandt; größen­wahn­sinnig und bescheiden in Yin-Yang-Manier; leise große Kreise ziehend; zurück­haltend Nach­haltiges schaffen; ― dabei Kalku­lie­render; Trak­tie­render; Besessener; Eigen­brötler; Kompro­missloser; und … Sohn der Familie; Erbe; Ehemann; Vater; Großvater; geschätzter und gefürchteter Kollege; Partner; Freund; auch Feind — facet­ten­reicher geht kaum. Kurz: die graue Eminenz der Schwarzen Kunst!

Als Berlinerin verpacke ich meine Hoch­achtung mit Max Liebermanns Worten: »Wissense wat, alle jroßen Leute sind unan­ständige Menschen jewesen.«

Was mit einem A begann, mit einem Schummel-S ― anstelle des 6. Buch­stabens in unserem Alphabet ― weiterging, beendet die Zippel mit Z wie Deine Zukunft, lieber Eckehart, ― als 6. Ehren­mitglied in der tgm ― in einer Reihe mit Klaus F. Schmidt, Rudolf Paulus Gorbach, Walter Biering, Boris Kochen und Olaf Leu.

»Wenn die Welt klar wäre, bräuchte es keine Kunst«, sagt Albert Camus. Menschen, wie Eckehart, malen nicht, sondern setzen Schwarz. Gott grüß die Kunst ― und ihre(n) Jünger!

Ich fordere standing ovation und dann ― Setzen bitte!

Danke, Eckehart, für alles – Dir gehört die Bühne!


1 aus Eine Reportage von Jan Weiler: Eckehart Schu­ma­cher­Gebler – Die Offizin Haag-Drugulin und das Museum für Druckkunst Leipzig, Römerturm Feinst­papier [Hrsg.], Frechen 1999

2 aus einem viel-seitigen Bericht von Michael »Michi« Bund­scherer über sein Arbeiten und Erleben im Typo­studio Schu­ma­cher­Gebler an die Autorin im März 2019

3 Die Zeit, 6.10.2016

4 Nach der Rede kommt Christiane Schu­ma­cher­Gebler, die wunderbare Ehefrau Eckeharts auf mich zu und erzählt von dem Tag, als ESG zu Hause Andeu­tungen über die Möglichkeit des Ankaufs der Druckerei macht. »Du wirst das nicht tun …«, sagte ich ihm. »Er tat es!«

5 Jan Weiler, ebd.


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