typographische
zitate
Schrift ist Mate­ri­a­li­sierung des Geistes. Typo­grafie ist Orga­ni­sation der Schrift.
Jan Tschichold

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Menschen

Philipp Luidl, Gestalter und Denker

Rudolf Paulus Gorbach
6. Dezember 2020
Philipp Luidl wäre am 11. Dezember 90 Jahre alt geworden. Die tgm hat ihn nicht vergessen. Er war ein viel­seitig inter­es­sierter und infor­mierter Mensch: Politik, Gesell­schaft, Kunst. Und er war eine leiden­schaft­licher Buch­ge­stalter, Autor, Lehrer und der tgm sehr verbunden.

Für einige Gene­ra­tionen war Philipp Luidl prägender Lehrer. Vielen seiner zahl­reichen Schüler merkt man seinen Einfluss heute noch an. Luidl vertrat eine strenge, moderne, aber tradi­ti­ons­be­wusste Typo­grafie. Oft verbunden mit einer positiven Kargheit, dem Klang von Schrift und Raum zugetan. Ob in der Berufs­schule oder in weiter­bil­denden Kursen — vielen Schülern verhalf Luidl nicht nur zu einer exakten Typo­grafie, sondern gab darüber hinaus mannigfach kulturelle, poli­tische und künst­le­rische Anre­gungen.

Luidl war 1930 als Sohn eines Buch­druckers in Dießen am Ammersee geboren und erlebte eine klas­sische Karriere im grafischen Gewerbe. 1945 machte er eine Schrift­set­zerlehre bei einer damals sehr ange­sehenen Druckerei Jos. C. Huber, sammelte Erfahrung bei vielen namhaften Betrieben, die für die Qualität im Satz und Druck standen. 1955 wurde er Schrift­set­zer­meister und 1958 Fach­lehrer für Satz und Typo­grafie an der Berufs­schule in München, später Dozent für Schrift und Typo­grafie an der Akademie für das Graphische Gewerbe, als auch an der Deutschen Meis­ter­schule für Mode und an der Fach­hoch­schule. Luidl war ein heraus­ra­gender Pädagoge. Er hinter­fragte die Dinge, dachte quer und hatte die Fähigkeit, komplexe Sach­verhalte auf den Punkt zu bringen in lapidaren, kurzen Sätzen.

Es waren die Jahre tech­nischer Ände­rungen. Bald gab es die Heraus­for­de­rungen des Foto­satzes zu bewältigen. Luid schrieb einen »Desktop-Knigge. Setzer­wissen für Desktop-Publisher« und enga­gierte sich so für die Bewahrung typo­gra­fischen Verständnises.

Als Fachautor findet man ihn in den gängigen Büchern und Fach­zeit­schriften mit wichtigen Beiträgen vertreten, kulturell mahnend in der Süddeutschen Zeitung oder beispielsweise in seinem knapp und eindrü­cklich gefassten Stan­dardwerk von 1984 »Typo­grafie: Herkunft, Aufbau, Anwendung«. Dabei war er »Rufer« für Qualität mit Vortrags­themen wie »Was bedeutet uns heute noch Schrift« von 1978 oder »Die Typo­grafie in den Fängen der Technik« von 1989. Der oft valen­tineske Kritiker Philipp Luidl bleibt wohl vielen Zeit­ge­nossen in Erin­nerung.

Viele tgm-Publi­ka­tionen sind unter seiner Feder entstanden. 1972 die tgm-Jahresgabe (gesetzt in Akzidenz Grotesk).»Es war eine Jahresgabe, die aus dem gewohnten Rahmen fiel und prompt die etwas konser­vativen Mitglieder die Stirn runzeln ließ«, so der tgm-Chronist Xaver Erlacher. 1976 ließ Luidl das Buch über Jan Tschichold natürlich in Tschi­cholds Schrift »Sabon« setzen.

»Die Typo­gra­phische Gesell­schaft ist keine Pries­ter­schaft, obwohl Typo­grafie manchmal den Anschein erweckt, als sei sie die Kunst von Geheim­bünden«, so schrieb Philipp Luidl 1989 am Ende seines Beitrags »Im Hauptfach Typo­grafie« in der tgm-Chronik. Und dieser Beitrag ist gleich­zeitig positiv auf die Zukunft bezogen und doch voller Skepsis, halt typisch Luidl.

»Wer der Zeit keinen Gedanken schenkt, der darf auch die Schrift vergessen«, beginnt Philipp Luidl sein Buch »Schrift die Zerstörung der Nacht«. Das Buch ist aus Günter Gerhard Langes Schrift »Concorde« gesetzt, aber eigentlich geht es um Aspekte zur Schrift­ge­schichte. Dieses Buch war Luidls Geschenk an die tgm, als er sich 1993 von der Gesell­schaft verab­schiedete und seiner zweiten großen Leiden­schaft nachging — der Lyrik. In Luidls Gedichten zeigen sich Ähnlich­keiten mit seiner Arbeit als Typograf. Kurze, prägnante Texte, absolut reduziert. Und diese – von ihm selbst gelesen – gehört zu einem Höhepunkt der »Nach-Luidl-Zeit« der tgm.

Als ich Philipp Luidls Nachfolge in der tgm antrat, war mir seine Größe bewusst. Die Zeit war ganz anders geworden. Doch die Quali­täts­maßstäbe tech­nischer und ästhe­tischer Art, wie sie Luidl vertreten hatte, blieben gültig.

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