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Buchbesprechung

Bleisatz und (Buch)Druck

Rudolf Paulus Gorbach
28. November 2022
Das Handwerk der »Schwarzen Kunst« ist wieder populär geworden. Die Gründe hierfür dürften viel­fältig sein: die Liebe zu einem hand­werk­lichen System, das es so nicht mehr gibt, und die Lust am hand­werk­lichen Machen: Setzen im Handsatz, Seiten umbrechen, Formen schließen, »echt drucken«, Werkstatt riechen.

Heut­zutage gibt es nur noch wenige Experten, die gelernt haben, wie man Bleisatz herstellt. Aber dafür gibt es den Verein für Schwarze Kunst, der erfolgreich Ausbil­dungen im Walz-System anbietet und bereits mehrere Kurse durch­geführt hat. Viele neue Werk­stätten und Druckereien sind entstanden, deren Arbeitsweise jedoch anders ist als die der etablierten biblio­philen Druckereien. Sie haben eine Vorliebe für einzelne Buch­staben aus Blei oder Holz und eine Faszi­nation für alte Tiegel­druck­pressen.

Das hat es seit dem Ende von Bleisatz und Buchdruck um 1970 nicht mehr gegeben: Die Faszination für Satzregale oder gar einen Heidelberger Tiegel greift um sich.

Die Fach­bücher für das grafische Gewerbe, die sich mit Bleisatz und Hochdruck beschäftigen, sind über 60 Jahre alt und auf die komplexe Ausbildung der einzelnen Berufe ihrer Zeit ausge­richtet. Zu mühsam zu lesen und zu detailliert, um sich heute einen Überblick zu verschaffen. Und so ist es eine gute Idee, dass Heike Schnotale, selbst spät gelernte Schrift­setzerin, und Michael Wörgötter, Professor für Typo­grafie mit Wurzeln in der Litho­grafie, das Thema für heutige Bedürfnisse zu einem Buch komponiert haben. Und da ist für die Werk­stattfans alles dabei, was man dazu braucht.

Das Buch beginnt mit der Orga­ni­sation und dem Aufbau einer Satz-Druck-Werkstatt, beschreibt die nötigen Möbel und Geräte und führt in den Bereich der Blei­satz­schrift ein. Etwas Schrift­ge­schichte und die DIN-Klssi­fi­kation werden mit einer Auswahl von gängigen Blei­satz­schriften ergänzt. Das ist wichtig für den kultu­rellen Bezug der Leser. Planvoll geht es dann ans Setzen, wobei ein Modell einer Nach­bildung einer Drucksache von Kurt Schwitters als »Laborratte« funk­tioniert. Die typo­gra­fische Basis wird hier an den Wurzeln, dem Bleisatz, erläutert und in vielen Abbil­dungen gezeigt. Die hand­werk­lichen Techniken um Druck­formen zu bauen (oft bestaunt) samt nötiger Arbeits­hilfen wie Klebeumbruch, aber auch die Basis des Druck­papiers finden Beachtung. Selbst an eine Mini-Einführung zur Farbe wurde gedacht. Setz­ma­schinen, Druck­pressen werden beschrieben. Aber einen Heidel­berger Zylinder kann man deshalb wohl noch nicht ohne weiteres bedienen, obwohl gerade das Kapitel über die Arbeit an der Druck­presse alle Arbeits­schritte (sogar die Zurichtung per Hand­aus­schnitt) enthält. Und schließlich wird auch das Finale einer Drucksache, die buch­bin­de­rische Vera­r­beitung oder das Fertig­machen beschrieben.

Das Text-Bild-Buch ist sehr lebendig gestaltet, gesetzt in der Genzsch-Antiqua von Lazydog (Schrift­mi­schung mit der Univers), allerdings sinn­vol­lerweise digital, also nicht im Bleisatz. Und das Buch ist informativ für alle, die die Techniken der Schwarzen Kunst verstehen wollen. Als ehemaliger Buch­drucker kommen bei mir viele Erin­ne­rungen hoch. Es war damals oft mühsam, aber im Rückblick auch schön.

Heike Schnotale, Michael Wörgötter
Bleisatz
Ein Werk­stattbuch
160 × 240 mm
319 Seiten
Ganz­pappband
Rheinwerk Design, Bonn 2022
ISBN 978–3–8362–8770–8
39,90 Euro

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