typographische
zitate
Typo­grafie ist Mittel zum Zweck und zum Genuss, ist Alltag und alltäglich, ist Lust und Leiden­schaft.
Boris Kochan

Typographische
Gesellschaft
München e. V.

Elsenheimerstraße 48
80687 München

info@tgm-online.de
089.7 14 73 33

Buchbesprechung

Checkliste für optimale Schrift

Rudolf Paulus Gorbach
Michael Bundscherer
22. Januar 2022
Bücher zum Thema Schrift gibt es nicht wenige. Möchte sich ein neues Werk vom Rest abheben, muss es mehr bieten, als Fach­be­griffe bebildert zu erklären. Mit »Schrift. Wahl und Mischung«, einem fast 1.660 Gramm schweren Buch – das man so beispielsweise auch als kleines schwarzes Podest verwenden könnte – ist nun ein weiteres erschienen. Kann dieses Buch Neues bieten?
Der Rücken des Buches »Schrift. Wahl und Mischung«.
»Schrift. Wahl und Mischung« von Kai Büschl und Oliver LInke. Die gebundene Ausgabe hat einen Umfang von 399 Seiten und ist im Verlag Rheinwerk erschienen.

RPG: Das tut es wirklich, denn der inhaltliche Ansatz ist ziemlich neu. Es erforscht syste­matisch den Umgang mit Schrift.

MB: Zudem lassen die beiden Autoren aufhorchen: Kai Büschl ist Schrift­ge­stalter und Dozent. Er kennt sich wahrlich mit Schrift aus und kura­tierte jahrelang die Schrift­vor­stel­lungen der tgm-Vortragsreihe. Oliver Linke ist ebenfalls Designer, Schrift­ge­stalter und Dozent. Darüber hinaus ist Oliver der ehemalige tgm-Vorsitzende.

Vergleich mit anderen Büchern

RPG: Aber es sei erlaubt, einen Vergleich mit zwei anderen, ebenso wichtigen und sehr gut gestalteten Büchern zu erwähnen. „Schrifttypen verstehen, kombi­nieren“ von Philipp Stamm befasst sich mit demselben Problem, geht aber ganz anders damit um. Ein älteres, aber ebenfalls aktuell gebliebenes Buch, „Schrift­wechsel“ von Stephanie und Ralph de Jong.

Ich habe in meiner Bibliothek nach­ge­schaut, ob ich noch weitere Bücher zu diesem Thema finde. Diese behandeln jedoch entweder nur einen Bruchteil von »Schrift. Wahl und Mischung« oder sind eher für Schrift­ge­stalter geschrieben, statt für Schrift­nutzer. Offen­sichtlich schließt dieses Werk eine bestehende Lücke.

Schrift­profile als Strategie für die Schriftwahl

RPG: Bisher hatte man sich überlegt, welche Schrift zu einem Projekt passen könnte. Die Autoren empfehlen eine eigene Strategie: Erstellung von Schrift­profilen, und bieten verschiedene Profile für verschiedene Anwen­dungs­be­reiche an: vom unge­störten linearen Lesen bis zu Schriften für Karto­grafie. Das wird gut beschrieben und in einer das Kapitel abschlie­ßenden Tabelle ersichtlich. Das schafft schon mal eine gute Basis.

MB: Ich kann mir gut vorstellen, dass dieses System auch in der Ausbildung Verwendung findet. Nicht nur Studierende lieben Listen, und tatsächlich helfen solche Schrift­profile, sich syste­matisch mit den unter­schied­lichen Details ausein­an­der­zu­setzen.

Schriften mischen

RPG: Mehrere Schrif­ten­gekonnt zu kombi­nieren, setzt enormes Wissen voraus. Im Buch werden verschiedene Methoden erläutert. Das beginnt ganz einfach, nämlich dort, wo man eigentlich noch nicht von einer Mischung sprechen kann, innerhalb einer Schrift­familie. Als nächster Schritt wird die Mischung innerhalb einer Schriftsippe erwogen. Für mich ist das eine sehr gute Möglichkeit der Akzen­tu­ierung durch Schrift­schnitte. Doch Büschl und Linke gehen viel weiter und damit wird es spannend und kompliziert. Ich selbst stehe diesem stilis­tischen Mittel skeptisch gegenüber, weil ich meistens schon mit einer Groß­familie gut zurechtkomme.

MB: Auch wenn es nichts grund­sätzlich Neues geboten wird – denn die Kriterien zur Schrift­mi­schung sind ja kein Geheim­wissen – finde ich dieses Kapitel ebenfalls ganz spannend: von den eher theo­re­tischen Methoden bis hin zu Beispielen aus der Praxis.

Rudolf, du hast recht: Groß­fa­milien bzw. Schrift­sippen sind praktisch, weil die unter­schied­lichen Schriften von Haus aus bereits miteinander harmo­nieren. Für mich ist das aber nicht immer die Ideal­lösung. Bei Schrift­mi­schungen möchte ich zu große Harmonien eher vermeiden und mische z.B. eine lesbare Grotesk mit einer luftigen Renaissance-Kursive. Im Kapitel zur Schrift­mi­schung erfährt man, welche Methoden es gibt und welche Fein­ab­stim­mungen in diesem Fall vorge­nommen werden sollten – also essen­zielles Wissen für Menschen, die mit Schrift umgehen.

Schrift formal betrachtet und Aspekte der Reali­sierung

RPG: Für eine gelungene Schriftwahl bietet dieses Buch eine Anleitung, wie der Mengen­satz einge­richtet wird. Es beschäftigt sich mit weiteren aktuellen Themen, wie erstellt man Wort­marken, wie modi­fiziert man eine Schrift, wo findet man diese – als Freefonts oder lizensiert. Auch der gesamte Anhang mit Register, Schrif­ten­­­ver­zeichnis und genauem Bild­nachweis scheint vorbildlich gelungen zu sein.

MB: Wir sind mit unserer Betrachtung also schon recht tief drin im Buch. Was wir bis jetzt nicht erwähnt haben, sind die nicht ganz unwichtigen ersten Kapitel. Denn um mit Schrift profes­sionell umgehen zu können, ist grund­sätz­liches Wissen unab­dingbar – etwa zur Schrift­ge­schichte, Form­prin­zipien, Schnit­t­ausbau und Schrift­an­mutung. Diese sind sauber recher­chiert und mit vielen Abbil­dungen versehen. Positiv hervor­zuheben die Original-Beispiele im Kapitel »Schrift­ge­schichte«, denen jeweils eine aktuelle digitale Schrifttype gegen­übersteht. 

Die Kapitel zu den verschiedenen konven­ti­o­nellen und neueren Ansätzen der Schrift­klas­si­fi­zierung und die tech­nischen Aspekte bieten neben der ange­zeigten Breite auch die erfor­derliche Tiefe. Es werden die Eigen­heiten der verschiednen Font­formate erklärt (Post­Script, SVG-Webfonts), auf die Inhalte einer Schriftdatei einge­gangen (Glyphen­va­rianten, OpenType-Features) und weitere Details erläutert (Hinting, Variable Fonts, responsive Schriften). Das Thema »Umfor­ma­tierung von Schrif­ten­software« haben nur wenige auf dem Schirm, könnte für einige Anwender aber Anfang 2023 aktuell werden, wenn Adobe die Type-1-Unter­stützung auch für InDesign einstellt.

Wo kommen die Schriften her?

MB: Früher war das viel einfacher als heute: Hatte man ein Satzgerät eines bestimmten Herstellers, konnte man von diesem auch die Schriften beziehen. Heute funk­tio­nieren Schriften in der Regel platt­for­m­über­greifend, man kann also aus den Vollen schöpfen. Durch relativ günstige und einfach zu bedienende Werkzeuge ist die Herstellung von Schriften zudem auch so einfach wie noch nie. Die Folge ist ein unüber­sicht­liches Schrif­ten­angebot von schier unzähligen unab­hängigen Foudries. Junge Foundries orga­ni­sieren sich auf neuen Vertriebs­platt­formen zu Webshops zusammen. Nach wie vor gibt es große Foundries wie Monotype, Linotype, FontShop, URW, Bitstream, MyFonts, Hoefler & Co. etc. Dazu kommen weitere Global Player wie Adobe und Google, die ebenfalls Schriften anbieten.

Die Frage aber bleibt: Wo findet man die passende Schrift für ein bestimmtes Projekt? Was können Freefonts und was konkret sollte man bei Schrift­li­zen­zie­rungen beachten? Die beiden Autoren können auch einige Tipps liefern – freilich aus der Sicht einer Inde­pendence-Foundry, die sie ja ebenfalls betreiben.

Die Gestaltung des Buches

RPG: Hier handelt es sich um eine Sach- und Lehr­buch­ge­staltung von sehr gutem Niveau. Eine drei­spaltige Seitenbasis mit einer starken Kraftachse durch das gesamte Buch. Die einzelnen Elemente auf den Seiten lassen sich gut unter­scheiden. Die Zweitfarbe des Buches (Pantone 137 C) wird sparsam und nur dort eingesetzt, wo es sinnvoll für die didak­tische Verständ­lichkeit ist.

Gesetzt ist das Werk aus den Schriften von Kai Büschl — LD Moderne Slab (8/12 pt) und LD Grotesk (9/12 pt). Papier und Einband sind angenehm haptisch. Der Einband ist stabil und die didak­tische Idee des Buches beginnt schon mit einem hinfüh­renden Text auf der Buch­vor­derseite. Gesetzte Beispiele und die vielen Tabellen stehen hervor­ragend und es gibt unzählige abge­bildete Beispiele aus der Praxis – und das noch in Schwarz-weiß!

Unser Fazit

MB: Es werden beein­druckend viele Schriften gezeigt. Persönlich hätte ich mir mehr Schrift­bei­spiele von Inde­pendence-Foundries gewünscht. Aber ich sehe schon ein, dass dieses Werk nicht auch noch ein Schrift­mus­terbuch sein muss. Und man merkt, dass die beiden Autoren nicht nur wissen, wovon sie schreiben, sondern sie können dies auch klar und verständlich in Worte fassen.

RPG: Ich empfinde Respekt und Hoch­achtung von diesem gelungenen Wissens- und Bildungs­projekt und spüre, wie typo­tüchtig die beiden sind.

Kai Büschl, Oliver Linke
Schrift. Wahl und Mischung
210 × 280 mm
400 Seiten
Festband
Rheinwerk Verlag, Bonn 2021
49,90 Euro
ISBN 978-3-8362-6171-5I

Weitere Blogbeiträge, die Sie interessieren könnten

Buchbesprechung

Lesen im digitalen Zeitalter

Rudolf Paulus Gorbach

Nein, dieses Buch jammert nicht darüber, dass dank der Computer immer weniger gelesen wird. Ganz im Gegenteil. Das Unbehagen am digitalen Lesen ist unbe­gründet. Der Lite­ra­tur­wis­sen­schaftler Gerhard Lauer geht dem auf den Grund und beginnt gleich mit dem uns Menschen inne­woh­nenden Hunger nach Geschichten.

Buchbesprechung

deco­deu­nicode

Oliver Linke

Exakt 109.242 codierte Schrift­zeichen gibt es derzeit auf der Welt – Tendenz steigend. Wir befinden uns im Zeitalter der »digitalen Inventur«, wie es die »deco­deu­nicode«-Autoren Johannes Berger­hausen und Siri Poarangan ausdrücken.

Branche

Sonder­zeichen für Content-Autoren

Michael Bundscherer

Wenn das Textfeld eines Content Management Systems (CMS) nur reine Text­eingaben zulässt, können also HTML-Entitäten (wie &⁠times; für ×) oder Unicode-Code­punkte (wie &⁠#xD7; für ×) nicht einge­tragen werden. Wie dennoch viele mikro­ty­po­gra­fische Opti­mie­rungen möglich werden erfahren Sie in diesem Quicktipp.

Buchbesprechung

Typo­grafie, ein ABC?

Rudolf Paulus Gorbach

Ein ABC der Typo­grafie nennt sich das Buch. Das stimmt aber zum Glück nicht, denn das Buch ist viel logischer nach Sach­ge­bieten sortiert. Zunächst könnte man denken, dass es sich um ein weiteres Grund­la­genbuch zur Typo­grafie handelt. Aber hier geht der Inhalt viel weiter. Die Darstel­lungen sind zeitgemäß, knapp und präzis in ihrer Verständ­lichkeit und beziehen immer die Anwendung in InDesign mit ein.

Event

Wenn Buch­staben tanzen

Hermann Iding

Und die Typo­grafie bewegt sich doch! Nach fünf Jahren fand wieder unser Dynamic Font Day in München statt – »endlich wieder«, möchte man sagen! Von 3D-Fonts über einge­bettete Schrift­dynamik bis hin zu para­me­tri­sierbarer Desi­gn­­software wurden die neuesten Entwick­lungen vorge­stellt und diskutiert. Und ja: Eine Welt­premiere gab es auch!

Tina Touli – Wasser, Öl und Lettern
Branche

Schrift und Macht in der Welt

Rudolf Paulus Gorbach

Typo­grafie in Theorie und Wirkung wird immer mehr zum Forschungs­ge­genstand, wie Siegfried Gronert, Vorsit­zender der Gesell­schaft für Desi­gnge­schichte, in seiner Einführung zu dieser Tagung betonte.

wir haben helmut schmidt jetzt genug zeit gelassen, um sich in seiner entscheidung zu winden, zwischen der amerikanischen strategie der vernichtung von befreiungsbewegungen in westeuropa/der 3. welt und dem interesse der bundesregierung, den zur zeit für sie wichtigsten wirtschaftsmagnaten - eben für diese imperialistische strategie - nicht zu opfern.  das ultimatum der operation