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Event

Happy Birthday, Otl Aicher

Michi Bundscherer
Rudolf Paulus Gorbach
12. Mai 2022
Einer der bedeu­tendsten Gestalter des 20. Jahr­hunderts wäre am 13. Mai 100 Jahre alt geworden: Otl Aicher. Als Typograf und Lehrer hat Aicher wie kaum ein anderer die moderne Typo­grafie und das Kommu­ni­ka­ti­ons­design geprägt. Anlässlich seines Geburtstags fuhren wir nach Ulm.
Die tgm zu Besuch in der Ausstellung des HfG-Archivs in Ulm

Anlässlich seines Geburtstags zeigt das HfG-Archiv Ulm bis zum 8. Januar 2023 die Ausstellung 100 Plakate von Otl Aicher. Im Rahmen einer artDate-Exkursion machte sich eine Gruppe von Gestaltern und Inter­es­sierten nach Ulm auf. Der Leiter des HfG-Archivs, Dr. Martin Mäntele, führte uns persönlich durch die ständige Ausstellung und die Räum­lich­keiten der früheren Hoch­schule für Gestaltung – eine besondere Ehre. Zwei Stunden lang lauschten wir gespannt Geschichten über die Gründung der Hoch­schule, poli­tische wie gesell­schaftliche Einflüsse und interne Konflikte in der Hoch­schule. Ein weiteres Highlight des Besuchs waren die Erläu­te­rungen zu den Arbeiten der Studie­renden und Dozenten der HfG.

Otl Aicher. Sein Leben. Sein Werk.

Als Jugend­licher schließt Otl Aicher eine Freund­schaft mit seinem Mitschüler Werner Scholl. Er weigert sich, der Hitler­jugend beizu­treten, und darf wegen seiner kritischen Haltung nicht am Abitur teil­nehmen. 1941 wird er zur Wehrmacht eingezogen, desertiert aber im März 1945 und versteckt sich bei der Familie Scholl. Nach Kriegsende wird Robert Scholl, Inges und Werner Vater, Ober­bür­ger­meister der Stadt Ulm und die jungen Leute enga­gieren sich politisch und gesell­schaftlich. Otl Aicher gestaltet sämtliche Plakate für die selbst orga­ni­sierten Vorträge sowie für die Ulmer Volks­hoch­schule, die Inge Scholl 1946 gründet.

1953 verwirk­lichen Max Bill, Otl Aicher und Inge Aicher-Scholl (Otl und Inge sind inzwischen verheiratet) ihren gemeinsamen Traum, eine Hoch­schule für Gestaltung zu eröffnen – HfG. Ihr Ziel war nicht weniger, als das gesamte gesell­schaftliche Leben im Nach­kriegs­deut­schland neu zu denken. Gut gestaltete Produkte sollen den Menschen zu Wohlstand und einem guten demo­kratisch orga­ni­sierten Leben verhelfen. Zwischen 1962 und 1964 leitet Otl Aicher die Hoch­schule als Rektor. Das Lehr­konzept der HfG Ulm setzt nun auf modernes Indus­trie­design. Eine Studen­ten­gruppe entwickelt unter seiner Leitung das Corporate Design der Deutschen Lufthansa AG. Es folgen Max Braun AG, Dresdner Bank, ERCO, bulthaup und Blohm + Voss.

1967 wird Aicher mit der Gestaltung des visuellen Erschei­nungs­bildes der XX. Olym­pischen Spiele beauftragt. Das erklärte kulturelle Ziel dabei war, das Image vom Nazi-Deut­schland durch ein neues, modernes und demo­kra­tisches zu ersetzen. Noch während der Olym­pischen Spiele beginnen Otl Aicher und Rolf Müller, aus dessen Feder auch das tgm-Logo stammt, die Arbeit an den Entwürfen für die Stadt München. Aicher zeichnete für die Beschil­derung eine Schrift – basierend auf Univers 55. Sie trug den Namen »Münchner Stra­ßen­schil­der­schrift« und wurde die Grundlage der Schrift »Traffic« (CI von FSB und bulthaupt).

1972 bezieht die Familie Aicher-Scholl eine ehemalige Mühle­n­anlage in der Ortschaft Rotis im Allgäu. Rotis wurde zu einem wichtigen Begeg­nungsort für inter­na­tionale Gäste aus Kultur und Wirt­schaft, der Aichers Philo­sophie von einem ganz­heit­lichen Konzept von Leben und Arbeiten wider spiegelte. Rotis gab auch der Schriftsippe ihren Namen, die Aicher in den 1980er entwickelt.

Infolge eines Verkehrs­unfalls in Rotis stirbt Otl Aicher im Alter von 69 Jahren am 1. September 1991.

Der Name »hfg ulm« wird klein geschriebenen. Otl Aicher lehnte die (gemischte) Großschreibung ab. Für ihn symbolisiere sie Hierarchie und Unterdrückung.

Veranstaltungen zum Otl Aicher-Jubiläum:

Aicher 100 Festival
14. bis 28. Mai 2022
Pavillon 333
Türkenstraße 15
80333 München

Ausstellung 100 Plakate von Otl Aicher
26. März 2022 bis 8. Januar 2023
HfG-Archiv Ulm
Am Hochsträß 8
89081 Ulm

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