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Die Schrift ist das Bindeglied von Mensch zu Mensch.
Hermann Virl

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Event

Über das »Neue« in Schrift­gestaltung und Typo­grafie

Silvia Werfel
12. Mai 2016
Die 23. Typotage waren wie alle ihre Vorgän­ge­rinnen ausgebucht. Ein Zeichen dafür, wie gut solche Infor­mations- und Fort­bil­dungs­ver­an­stal­tungen ankommen. Zudem ist der äußere Rahmen großartig, nämlich in einem sehr lebendigen Museum für Druckkunst.
Museum für Druckkunst in Leipzig

»Neuer Blick auf die Neue Typo­graphie«

„Woher kommt es überhaupt ›das Neue«?«, fragte anschließend Julia Meer und entlarvte dabei ein Detail der Typo­gra­fie­ge­schichte als Mythos: denn wie neu war sie wirklich, die elementare »Neue Typo­graphie«? War sie tatsächlich so revo­lu­tionär, wie ihre Prot­ago­nisten behaupteten, allen voran Jan Tschichold (damals noch Iwan)?

Die in Wuppertal ausge­bildete Kommu­ni­ka­ti­ons­de­si­gnerin forscht an der Berliner Humboldt-Universität und hat über »Die Rezeption der Avantgarde in der Fachwelt der 1920er Jahre« promoviert; so lautet der Untertitel ihrer inzwischen als Buch erschienenen Arbeit »Neuer Blick auf die Neue Typo­graphie«. Darin übt sie Kritik an der Desi­gnfor­schung, welche die Mythen, die die Avantgarde höchst­selbst in die Welt setzte, allzu oft unre­flektiert übernahm; sie bietet aber auch einen anderen Ansatz an: So sei Gebrauchs­grafik – anders als Kunst – immer auch im Zusam­menhang mit der Sozial- und Tech­nik­ge­schichte zu unter­suchen und zu bewerten. Nicht zuletzt gehe es dabei um Kommu­ni­kation.

Mit geradezu spitz­bü­bischer Freude zeigte die Refe­rentin, dass die Ideen und Arbeits­er­gebnisse der Neuen Typo­grafen in der Fachwelt, etwa in den Fach­zeit­schriften der Druck- und Werbe­branche, als veraltet und unpro­fes­sionell galten. Tatsächlich waren sie es teilweise auch, denn Forde­rungen nach Sach­lichkeit, Zweck­mä­ßigkeit und dynamisch-kontrast­starker Gestaltung gab es – inklusive entspre­chende Beispiele – in der Reklame schon seit der Jahr­hun­dertwende. Wegweisend war die 1900 von Fritz Helmuth Ehmcke, Friedrich Wilhelm Kleukens und Georg Belwe gegründete Steg­litzer Werkstatt, in der neben Büchern vor allem Reklame gemacht wurde. Die für den Kleb­stoff­her­steller Syntheticon gestalteten Anzeigen und Plakate gehören zu den Ikonen des Corporate Designs, wie man heute sagen würde.

Für die Gebrauchs­grafiker und Drucker der 1920er Jahre waren die Neuen Typo­grafen mit ihren so radikal klin­genden Mani­festen nichts weiter als »eine Gruppe wild gewordener Auto­di­dakten«. Gleichwohl boten die vom Bildungs­verband Deutscher Buch­drucker heraus­ge­gebenen »Typo­gra­phischen Mittei­lungen« und andere Fach­zeit­schriften den Neuen Typo­graphen eine Bühne. In der Folge über­setzten sie das »ideo­lo­gische Gezetere« überhaupt erst in praxi­s­taugliche, verständliche Sprache.

Keinesfalls will Julia Meer die Leis­tungen der Avantgarde schlecht reden; gleichwohl lädt sie dazu ein, sich nicht nur von Design-Heroen mit künst­le­rischer Attitüde inspi­rieren zu lassen, sondern den Blick auch auf die komplexen Zusam­menhänge zu werfen, in denen Gebrauchs­grafik bzw. Kommu­ni­ka­ti­ons­design entsteht.

»Herz, Hand, Mouse«

Eine hoch­fahrende künst­le­rische Attitüde liegt den Wiener Type­jockeys fern. Gern jedoch lassen sie sich unter anderem auch von der Kunst inspi­rieren. Weitere Inspi­ra­ti­ons­quellen gaben sie in ihrem Vortrag »Herz, Hand, Mouse« preis. Sie gestalten Satz­schriften, Lettering und Grafik­design für alle Medien; zum Portfolio gehören so erfolg­reiche Schriften wie die klas­si­zis­tische Ingeborg und die seri­fenlose Vito, aber ebenso der Entwurf einer Haus­schrift für einen west­fä­lischen Wursther­steller, das Corporate Design für Lenzing Recy­cling­papier und vieles mehr.

Typejockeys
Für die Arbeit – wie im Leben – seien Freude und Leidenschaft wichtig und ebenso Harmonie. Dafür ziehen sich die drei Typejockeys mehrmals im Jahr in die Einsamkeit der Natur zurück, zum Innehalten, vor allem aber zum Reflektieren und Neu-Planen.

»Was beein­flusst uns?«, fragten sie sich selbst. Zu allererst ist das der Leben­s­alltag. Des weiteren Reisen in ferne Länder oder in der eigenen Region. »Altes Zeugs«, das gesammelt wird und fein säuberlich in Kartons sortiert ist (also alte Film­pro­spekte, Bier­deckel, Bücher, Schrift­muster etc.). Fehler, eigene wie die anderer, aus denen man lernen kann.

Die Gestalter gehen mit offenen Augen durch die Welt. Foto­grafiert und gesammelt werden natürlich auch Beschrif­tungen aller Art, schöne, hässliche, skurrile; auch solche mit falschen Apostroph­zeichen und falschem Versal-Eszett. Ärgerlich, wenn man schon beim Frühstück auf dem Nutella-Glas mit falscher Zeichen­setzung konfrontiert wird. Daraus folgt bei den eigenen Satz­schriften gleichsam eine »Bevor­mundung« des Nutzers: setzt jemand statt eines Apostrophs etwa das Minu­ten­zeichen, wird das auto­matisch korrigiert …

»Schriften auf Bild­schirmen«

Atilla Korap von Monotype widmete sich dem Thema »Schriften auf Bild­schirmen« und gab einen gut dosierten Einblick in allerlei tech­nische Details der Schrift­ge­staltung. Am Anfang stand die Frage: Auf wievielen Bild­schirmen begegnet uns Schrift im Laufe eines Tages eigentlich? Auf vielen … beim Wecker früh­morgens, im Auto mit Tacho, Navi und Media­system, an elek­tro­nischen Werbe­tafeln, Haus­halts­geräten und an Rechner, Tablet und Smartphone sowieso.  

Große Unter­schiede in Qualität und Lese­komfort fallen auf — von gepixelt bis höch­stauf­gelöst. Während skalierbare Vektor­schriften aufwendig gerendert und gehinted werden und viel Spei­cher­ka­pazität brauchen, ist der Haupt­vorteil einfacher Bitmap-Fonts der geringe Date­n­umfang. Mit Monotype Spark liegt inzwischen aber eine Software für Minichips vor, die auch in Geräten, in die keine großen Prozessoren eingebaut werden können, eine bessere Schrift­dar­stellung ermöglicht, etwa Fitness­tracker, medi­zi­nische Instrumente oder die Displays im Auto.

Atila Korap von Monotype
Mit seiner Arbeit setzt sich Atilla Korap für Schriftqualität und Lesekomfort ein und kämpft gegen »Verklumpungen« aller Art. Hier bei Typo Day.

Auf eine kleine Lektion in Sachen Vektor-Schriften-Rendering (Grau­stufen-, Subpixel-, Edge-Rendering) folgten Beispiele für eText-Fonts, die fürs Lesen an  Bild­schirmen, auch an kleineren, optimiert sind. Grund­legend: offenere Punzen, eine größere x-Höhe, vermin­derter Kontrast, eine gross­zü­gigere Laufweite, also insgesamt mehr Weißraum innerhalb und außerhalb der Buch­staben. Klassiker wie Didot, Bodoni. Helvetica und Palatino sind bereits entsprechend aufbe­reitet.

Atilla Korap zeigte darüber hinaus auch Josh Dardens Freight, die speziell für kleinste Größen opti­mierte Minuscule von Thomas Huot-Marchand und die Thelo von Tassiana Nuñez Costa, eine für drei Größen­be­reiche Bild­schirm-opti­mierte Schrift­familie mit den Versionen Texte (16 Pixel), Grand (18 bis 64 Pixel) und Micro (8 bis 14 Pixel).

Fontstand: gegen die Netz-Piraterie

Andrej Krátky stellte den zusammen mit dem Schrift­ge­stalter-Kollegen Peter Bil’ak entwi­ckelten neuen Schrift­li­zen­zie­rungs­dienst für unab­hängige Type­foundries »Fontstand« vor. Ähnlich wie auch schon in der Musik­branche wurden hier die Kreativen selbst aktiv, denn Digi­ta­li­sierung und Internet haben keineswegs nur positive Folgen. Sie ziehen so gegen die Netz-Piraterie zu Felde, geleitet von dem Wunsch, fürs aufwendige Feilen am Detail, also für hohe Schrift­qualität, auch ange­messen entlohnt zu werden. Fontstand dient den Schrift­ge­staltern und den Nutzern glei­chermaßen.

Die Grundidee ist so simpel wie genial, das Ganze funk­tioniert so: Man lädt die App, kann dann nach verschiedenen Kriterien (Stil, Anbieter, Sprach­ver­sionen etc.) Schriften suchen und diese eine Stunde lang kostenfrei testen. Danach mietet man den Font bei Bedarf monatsweise für jeweils zehn Prozent des regulären Preises. Nach zwölf Monaten ist er abbezahlt und man erhält eine normale Lizenz.

Der Dienst gilt zur Zeit ausschließlich für Desktop Fonts. 37 unab­hängige Anbieter sind mitt­lerweile beteiligt, von Bold Monday und Commercial Type über House Industries, Letterror und Ludwig Type bis zu Type­to­gether und Typo­theque, auch die Type­jockeys sind mit an Bord. Wer Schriften für Web-, Mobile- und App-Anwen­dungen sucht, wird direkt an die Anbieter verwiesen.

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