typographische
zitate
Typo­graphie ist eine Dienst­leistung. Die Kunst daran ist vor allem die Kunst, von sich selbst einmal absehen zu können, die Disziplin, sich nicht zwischen Autor und Leser zu drängen.
Kurt Weidemann

Typographische
Gesellschaft
München e. V.

Goethe­straße 28 Rgb.
80336 München

info@tgm-online.de
089.7 14 73 33

Buchbesprechung

Drei große Typografen des 20. Jahrhunderts

Rudolf Paulus Gorbach
6. Mai 2020
Die großen Typo­grafen des 20. Jahr­hunderts sind für die heutige Typo­grafie immer noch größ­tenteils maßgebend und sie werden vielfach zitiert. Drei solcher Beiträge hat Klaus Detjen in seiner Reihe »Ästhetik des Buches« zusam­men­ge­stellt und heraus­gegeben. Und es sind tatsächlich ganz wesentliche Aufsätze von Stanley Morison, Eric Gill und Paul Renner.

Morison schreibt 1929 über die „Grund­regeln der Buch­ty­po­graphie“. Wie Ästhetik und Lese­funktion zusam­men­hängen und was nicht damit gemeint ist, gibt viel­leicht schon wider:  »… daß der Druck von Büchern, die zum Lesen bestimmt sind, blen­dender Typo­graphie wenig Spielraum bietet«. Insgesamt geht es Morison um die Gesetze, die für die Buch­ge­staltung maßgebend sind und das wird sehr detailliert behandelt. Das üppige Nachwort des Verfassers der Ausgabe von 1966, aus der diese Aufsätze stammen, geht intensiv auf das Zeit­ge­schehen in Politik, Kunst und Gesell­schaft ein.

Eric Gills Beitrag von 1931 mit dem Titel »Typo­graphie« befasst sich vor allem mit der Schrift, im Detail mit unserer drei Alphabete (Majuskeln, Minuskeln, Ziffern), wie sie zusam­men­gefügt die Grundlage unserer Schrift bilden. Die Qualität von (Buchdruck)Typen und ihre diffizile Anwendung folgen in seiner Betrachtung. Indus­trielle Buch­pro­duktion findet Gill abstoßend und für ihn gilt vor allem die künst­le­rische und hand­ge­machte Arbeit.

Paul Renners Rede von 1947, in Lindau vor Verlegern und Buch­händlern gehalten, geht dagegen ganz prag­matisch und gut gegliedert auf die Möglich­keiten der Buch­ge­staltung ein. 

Das beginnt mit der Frage, was heute (1947) modern in der Buch­ge­staltung sei. Was das für ein modernes Buch samt seiner Lesbarkeit bedeutet kann man im Wesent­lichen auch heute noch bestätigen. Gerade in der Nach­kriegszeit war die Diskussion ob man in der Schriftwahl Antiqua oder Fraktur benützt, aus schmerz­lichen Gründen wichtig geworden. Und genau so war in dieser Zeit erneut die Diskussion aufge­kommen, ob man nicht alle Texte klein schreiben solle. Oder was Schreib­weisen wie ph oder f bein­halten, wobei er eine vorsichtige Reform vorschlägt. Und schließlich geht er auf die Art, wie Bücher gestaltet werden sollten, besonders intensiv ein, spricht über moderne und unmoderne Text­schriften, was die Typo­grafie selbst für Bücher möglich machen kann, die Hand­lichkeit und das Format von Büchern (selbst die Lauf­richtung des Papiers im Buch findet er im Vortrag erwäh­nenswert). Schließlich kommt auch noch das illus­trierte Buch und sogar das Luxusbuch zur Sprache. Und werk­bünd­lerisch folgt der Lohn der Arbeit, die dem Buch­ge­stalter viel Freude und Befrie­digung bringen kann; besser als der Lohn »den ihm das Finanzamt doch wieder abnimmt«, wenigstens zum Teil.

Alle drei Beiträge sind entnommen aus: »Typo­graphie und Biblio­philie. Aufsätze und Vorträge über die Kunst des Buch­drucks aus zwei Jahr­hun­derten«. Ausgewählt und erläutert von Richard von Sichowsky und Hermann Tiemann. Maxi­milian-Gesell­schaft Hamburg, 1971. Kleiner Tipp: Wer sich auch für die anderen Beiträge dieser Ausgabe inter­essiert, der kann den Band im Anti­quariat noch immer recht günstig erwerben.

Typo­grafen der Moderne 
Heraus­gegeben von Klaus Detjen
in der Reihe Ästhetik des Buches
Band 12
80 Seiten
Englische Broschur
Wallstein Verlag Göttingen 2020
14,90 €
ISBN 978–3–8353–3660–5

Weitere Blogbeiträge, die Sie interessieren könnten

Buchbesprechung

Futura: Rückgriff auf die Antike, für die Zukunft gestaltet

Silvia Werfel

Geburts­tags­ausstellung, Buch, Workshops, Symposium – das Gutenberg-Museum und das Institut Desi­gnlabor Gutenberg der Fach­hoch­schule Mainz haben erneut ein bemer­kens­wertes Koope­ra­ti­ons­projekt realisiert. Diesmal geht es um die Entstehungs- und Verbrei­tungs­ge­schichte der Futura, die 1927 in der Bauerschen Gießerei erschien.

Buchbesprechung

Max Bill und Jan Tschichold. Ein typo­gra­fischer Streit

Rudolf Paulus Gorbach

Gegensätze in der Stilauf­fassung von Typo­grafie können zu ernst­haften Konflikten führen. Diese gab es schon in früheren Jahr­hun­derten. In der Mitte des 20. Jahr­hunderts bewegte eine Ausein­an­der­setzung die typo­gra­fische Welt. Max Bill schrieb 1946 in den Schweizer Graphischen Mittei­lungen einen Beitrag über Typo­grafie, in dem er Tschichold heftig angriff.

Buchbesprechung

Frisch gebunden: Spannende Neuer­schei­nungen

Rudolf Paulus Gorbach

Jetzt, kurz vor Weih­nachten, sind einige bemer­kenswerte Bücher zu Typo­grafie und Gestaltung erschienen. Von prämierten Arbeiten des TDC-Wett­bewerbs über inno­vative Ansätze zur barrie­re­freien Gestaltung bis hin zu tief­ge­henden Analysen zur Entwicklung von Schrift­formen: Diese Titel laden dazu ein, Typo­grafie aus neuen Perspektiven zu betrachten, alte Fragen neu zu stellen oder sich von der Vielfalt an Ideen inspi­rieren zu lassen.

Die neun beschriebenen Fachbücher
Buchbesprechung

Tschi­cholds Sammlung revo­lu­ti­onärer Typo­grafie

Rudolf Paulus Gorbach

Von Tschi­cholds Druck­sachen-Sammlung hat man früher auch schon oft gehört. Es sind wohl 1.500 Exponate. Inzwischen ist darüber ein ansehn­liches Buch erschienen. Und wer Glück hatte, konnte sogar viele der Originale in der Ausstellung in der Schule für Gestaltung Basel sehen.

Buchumschlag »Revolutionäre der Typografie«
Buchbesprechung

Gedanken zur Typo­grafie bei und von Klaus Detjen

Rudolf Paulus Gorbach

Sehr viel Erfahrung und Nach­denken über Typo­grafie in kleinen Beiträgen und Miniaturen fasst Klaus Detjen zusammen. Typo­grafie im »Detjen-puren Sinn« wird hier betrachtet, von Manutio bis Malarmé, beein­flusst von Künstlern, Literaten und Philo­sophen.

Branche

Serifen im Kaffee­satz: Ein Typograf packt aus

Michi Bundscherer

Die Welt des Designs ist bekanntlich wild und gefährlich: unvor­her­sehbare Druckerstaus, verschwundene Dateien, Farb­profil- und Schrift­­kon­flikte und die Jagd nach dem perfekt ausba­lan­cierten Weißraum.

Ein KI-generiertes Bild eines Vespafahrers. Die Vespa fährt auf den Betrachter zu, der Helm ist aber um 180 Grad gedreht und zeigt nach hinten.