Das neue »Grafikmagazin«


Für Grafikdesign gibt es recht wenig Zeitschriften. Die Empörung war deswegen deutlich, als die alte »novum« ihr Ende verkündete. Nun kennt man das auch aus der Buchbranche, wenn ein Verlag verkauft wurde und die neuen Eigner nicht am Inhalt oder dem Objekt / Organ interessiert sind. Das ist dann fast immer das Ende des Programms. Manchmal glückt so etwas trotzdem und es entsteht etwas schönes Neues, wie das beim Triest Verlag erfolgreich geschah. Und jetzt ist ein von der alten personellen Besetzung der »novum« herausgegebenes Fachmagazin mit seinem ersten Heft erschienen, das »Grafikmagazin«. 

Im sympathisch relativ kleinen Format 210 x 270 mm, auf angenehm mattem Papier gedruckt, präsentiert die neue (alte) Chefredakteurin Christine Moosmann das Heft 01. Man darf anmerken, dass die »novum« inhaltlich und gestalterisch eine gute Zeit hatte und sich das positive hier offensichtlich fortsetzen lässt. 

Vertraute Kolumnisten wie Andreas Koop oder Sylvia Lerch finden sich und natürlich wird wieder Gestaltung, Produktion und Papier des Covers genau beschrieben. Im ersten Heft ist es eine Arbeit von Dafi Kühne. Und hier ergibt sich gleich die Frage, wo Grafikdesign endet und Kunst beginnt. Vielleicht ein unterschätztes Thema. 

Gesetzt wird die Zeitschrift aus einer schönen und gut lesbaren Serifenschrift, der Arizona Text und der serifenlosen ABC Favorit. Verschiedene Spaltenbreiten werden verwendet und die Headlines wirken klassisch (20. Jahrhundert), wenn auch mit eher zu großem Zeilenabstand.

Das Layout der Seiten ist sicher nicht einfach, da das Format dann eben doch etwas gedrängt wirkt (aber ich verzichte sehr gerne auf große »Angeberformate«). Es gibt sehr schöne typografische Zwischenseiten.

Und nun zum Eigentlichem, dem Inhalt. Die Struktur ist klar. Im ersten Heft gibt es neben den Kolumnen, von denen eine davon der Typografie gewidmet ist (diesmal Jana Madle-Elmerhaus in ihrem »Buchdruckrausch«):
Fotografie: Wes Anderson und ein Beitrag über »queere« Fotografie, beide auf glänzendem Bilderdruckpapier gedruckt;
Design & Research: zum Beispiel der Nachhaltigkeit und der Mitwirkung des Designers am Produkt selbst;
Production & Publishing: Unter anderem wird über einen ungewöhnlichen Geschäftsbericht von Melitta berichtet;
Fokus Gründung und Showroom: (eher künstlerisch ausgerichtet) kennt man aus der »novum«;
und ein umfangreicher Teil widmet sich der 
Grafik + dem digitalen Museum (Zeichensetzung & + stammen aus den angegebenen Rubriken). 

Klar, unsere Branche steckt in einem ziemlichen Umbruch und ist vielfältiger geworden. Aus diesem Grund wäre es sicher hilfreich, wenn dieses Magazin nicht nur über die Szene berichtet, sondern diese auch kritisch begleitet. 

Mit dem ersten Heft von 2022 würde ich – oder wir in der tgm – vielleicht einen kritischen Rückblick auf das »Grafikmagazin« werfen, wozu jetzt ein Heft noch zu wenig wäre. Aber erst einmal viel Erfolg für die Initiative zu diesem Magazin und Gratulation zu dem sehr guten Beginn.

Grafikmagazin
erscheint alle zwei Monate
Chefredaktion Christiane Moosmann
Sonja Pham
Art Director Tobias Holzmann
104 Seiten
210 x 270 mm
Broschur
Phoenix Verlag für Grafikdesign, München 2021
ISSN 2703-1071
www.grafikmagazin.de

Bücher mit spürbarem Anpressdruck


Besondere Bücher, besonders gestaltet sind nach wie vor begehrt. Etwas für Sammler und auch für die vielen Verehrer und Verehrerinnen von Erik Spiekermanns Arbeiten: TOC 01 ist erschienen. Doch was hat es damit auf sich?

TOC (The Other Collection) schreibt: »Unsere Bücher werden ausgewählt, um zeitlose Fragen zu finden und zu beantworten und um die Möglichkeit für ein tieferes Verständnis der Welt um uns herum zu bieten«. Und das geschieht mittels einer besonderen Buchgestaltung, die von Erik Spiekermann stammt.

Der erste erschienene Band  von Deborah Levy »The Cost of Living«, den Birgit Schmitz herausgegeben hat, liegt nun auf meinem Tisch und ich will hier explizit die Buchgestaltung untersuchen. Verpackt in einer einfachen schwarzgrauen Stülpschachtel fällt gleich das Muster des Schutzumschlags (der hier als Buch-Abdeckung bezeichnet wird) auf. Zweifarbig auf Gmund-Baumwollpapier, die Unvollkommenheit des Drucks auf einer Korrex zu »feiern«,  sind diverse Muster für die Buchreihe vorgesehen.

Schutzumschlag

Der Einband mit feinem Leinen und geprägt (mit farblosem Lack), leider etwas zu kräftigen Pappen wirkt insiderisch elegant. Vermutlich muss man sich die ganze Reihe im Regal vorstellen, oder läßt man die Bücher lieber in der Schachtel?

Natürlich gibt es ein farbiges Vorsatz, Leseband und Kapitalband (heißt hier Stirnband) und der Inhalt wird auf Schleipen Werkdruckpapier gedruckt und die typografische Einrichtung (Fußtitel, Einzüge, Werksatz) ist vorbildlich. 

Zwei Schrifttypen wurden bei diesem Band verwendet. Die Nähe von Baskerville und Caslon wurde gesucht und benutzt wurde die William Text von Maria Doreuli, eine sehr schöne Serifenschrift. Im Buch ist der Schriftgrad etwas zu groß. Die zweite Schrift für die wohl obligatorische Schriftmischung ist die FF Real des Meisters selbst. Werksatz und Typografie sind vorbildlich. 

Schriftvergleich. Aus dem Nachwort.

Das Problem ist aber die Veränderung durch den Druck mit Polymerplatten im Hochdruck. Ich meine fast, dass sich hier die hypermoderne Satztechnik mit dem Notbehelf des Buchdrucks im Weg stehen. Denn das Schriftbild im Druck wirkt breiter als die Schrift erscheint und etwas erinnert es mich auch an sehr weit zurückliegende Epochen. Als Buchdrucker im Werkdruck in den fünfziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts hatte ich manchmal Bücher gedruckt, deren Satz via Stereotypie vom Monotypesatz abgeprägt waren. Und die Schriftveränderungen waren ähnlich (wenn auch viel krasser). Besonders ist das bei den Überschriften zu sehen. Beim Lesen gewöhnt man sich natürlich sehr schnell an das Schriftbild. Aber offensichtlich geben Polymerplatten nicht genau das Schriftbild wieder. Und es soll ja keineswegs ein spitzes Schriftbild wie im Fotosatz erreicht werden. Ein anderer Effekt ist der relativ hohe Anpressdruck, sodass man noch ein leichtes Relief spürt. Das ist zur Zeit Mode. Von der Sicht des klassischen Buchdrucks aus wäre das ein schwerer Fehler. Als Buchdrucker hatten wir mit viel Mühe mit individueller Formzurichtung das entstehende Relief zu minimieren. Und jetzt will man das möglichst spüren!

Schriftwiedergabe der William Text

Sehr schön sind die farbigen Zwischenblätter mit den Zeichnungen von Erik Spiekermann. Das Buch wird in einer Proportion des Goldenen Schnitts angekündigt mit 135 x 215 mm (genau wäre 133 x 215), was hierfür auch genau die richtige Proportion ist (auf das Fibonacci-Getue sollte man verzichten). Bei den Randstegen 14, 18, 20 und 30 mm finde ich nur teilweise den direkten Bezug zur Proportion (wobei das in vielen Buchproduktionen aus Angst vor dem Bund des Buches ziemlich vernachlässigt wird). 

Das ist jetzt keine Buchbesprechung im Sinn der Literatur, was im tgm-Blog auch sehr ungewöhnlich wäre. Von sehr hoher inhaltlicher Qualität darf man für die ganze Reihe ausgehen. Lesenswert ist auch das Nachwort von Erik Spiekermann zur Machart der Buchreihe.

Es handelt sich also um eine höchst individuelle Edition, die wahrscheinlich besondere Sammler anziehen dürfte. Eine ganz andere Konzeption als das die Andere Bibliothek seinerzeit mit Franz Greno und Hans Magnus Enzensberger beabsichtigte. Und natürlich wieder anders als SchumacherGeblers klassische Edition.

Deborah Levy
The Cost of Living
Herausgegeben von Birgit Schmitz
toc 01
144 Seiten
135 x 215 mm
Feinleinenband mit Schutzumschlag
toc Berlin 2021
ISBN 978-3-949164-00-2
138 Euro
Abo für 12 Bücher 1 536 Euro

Zauber der (Hand)Schrift, wirklich


Nach dem »Lettering« als Begriff seine ursprüngliche Bedeutung gewechselt hat und sich zum angesagten Trend entwickelt hat, rückt ganz selbstverständlich die persönliche Handschrift verstärkt in allgemeinere Interessen. Natürlich gab es schon lange Bücher mit Beispielen Handschriften, oft fachspezifisch zusammengestellt (Liebesbriefe berühmter Frauen und Männer bei Piper, Handschriften von bildenden Künstlern oder Deutsche Gedichte in Handschriften bei Insel schon 1935 erschienen). Bei Taschen erschien nun ein Buch über eine bedeutende Autographensammlung, nämlich die mit etwa 100 000 Beispielen bestückte Sammlung von  Pedro Corrêa do Lago, die im The Morgan Library & Museum New York liegt und 2018 ausgestellt wurde.

Erst begeisterte mich die Schönheit der Handschriften, wobei auch viele Postkarten und signierte Fotos im Buch vorhanden sind. Aber sehr schnell steigt man dann in die Offenbarung des Charakters der Handschrift ein, was nicht graphologisch gemeint ist. Geschichten aus den Briefen (dank der Übersetzungen der Brieftexte) werden lebendig und sehr gut verstehe ich die Faszination des Sammlers. Die Zeit, in der die Briefe geschrieben wurden, wird greifbarer und manche Denkweise oder gar Geheimnisse geben vielleicht Einblicke.

Dass die Schreibwerkzeuge wichtig sind geht aus dem Beitrag von Declan Kiely ( er ist mit Christine Nelson einer der beiden Kuratoren der Ausstellung gewesen) hervor. Nämlich dass am 29. Oktober 1945 das Warenhaus Gimpelhaft in New York von Bereitschaftspolizei geschützt werden musste. Was war geschehen? Das Warenhaus bot zum ersten Mal den Verkauf des soeben erfundenen neuen Kugelschreibers an und die Menschen strebten in Scharen zum Kaufhaus. Auch der Kugelschreiber gehört neben Feder, Bleistift, Füller zu den durchaus sozialen  Schreibwerkzeugen.

Der Sammler, Pedro Corrêa do Lago, nennt als Vorbild den Autor und Sammler Stefan Zweig. Eingeteilt sind die Exponate in die Urheber aus Kunst, Geschichte, Literatur, Wissenschaft, Musik, Philosophie, Entdeckung, Eroberung und Unterhaltung.

Christine Nelson
Zauber der Schrift
Sammlung Pedro Corrêa do Lago
464 Seiten
Leinen
Taschen, Köln 2019
30 Euro
ISBN 978-3-8365-7519-5

Gemischter Satz: gemischte Schriften


Einer der schwierigen Bereiche der typografische Gestaltung ist das Mischen von Schriften. Typografie, die so logisch aufgebaut ist, kommt hier an eine Grenze, wo entweder enormes Wissen oder Dekoration das Feld beherrschen. Ich persönlich gehöre allerdings zu der Gruppe von Typografen, die sehr selten Schriften mischen.

Umso interessanter finde ich das vorliegende Buch von Philipp Stamm mit dem Titel »Schrifttypen Verstehen Kombinieren«. Der Untertitel zeigt die Lust am Thema mit »Schriftmischung als Reiz in der Typografie«. Dass dieser Reiz kaum ein Bauchgefühl ist geht schon aus dem Inhaltsverzeichnis hervor. Denn es zeigt sich, dass für Schriftmischen ein anspruchsvolles Wissen, aber auch echtes Können erforderlich ist.


Stamm beginnt mit einer historischen Betrachtung, die bereits mit dem Rosette-Stein in Ägypten fast 200 Jahre vor unserer Zeitrechnung beginnt und zeigt später, was in der Inkunabel-Zeit so »gemischt« wurde. Und natürlich ist das 19. und 20. Jahrhundert für Schriftmischungen offen, was nicht immer gelungen zu sein braucht.

Um Schriften zu mischen, muss man die Schriften auch verstehen. Deshalb werden im Buch Grundlagen der Schrift und Typografie und deren Grundformen und Maßsysteme vorgestellt und das immer unter dem Aspekt des Mischens von zwei verschiedenen Schriften.

Der Charakter von Schrift wird als Anmutung von Schrift bezeichnet. In der wissenschaftlichen Forschung spricht man auch von Anmutungsqualität oder dem Atmosphärenwert von Schriften. Gleichzeitig stellt Stamm seine eigene »Schriftklassifikation Pro« vor. Eine neue Schriftklassifikation beim DIN ist leider immer noch nicht fertig. Eine Klassifikation ist aber für die systematische Arbeit des Schriftmischens notwendig.

Was das Buch besonders ausweist, ist seine hervorragende inhaltliche und typografische Struktur, seine zahlreichen systematischen Tabellen und brauchbaren Tipps. Dabei werden die Kriterien für Schriftmischungen von der eigenen Idee, dem Kontrast zwischen den Schriften und der Analogie, der ähnlichen Elemente, verdeutlicht. »Beim Kombinieren von Schrifttypen bildet der Kontrast die Vitalität und die Analogie (Bogenform und Höhen) die Harmonie«, so Philipp Stamm. Natürlich muss alles eher umfangreich getestet und verglichen werden.

In einem eigenen Kapitel stellt Stamm seine Systematik des Schriftmischens und deren Kriterien vor. Es sind insgesamt 12 Bereiche, die man für eine sinnvolle Vorgehensweise braucht. Die Checkliste daraus sollte man sich als Schriftmischer an den typografischen Spiegel heften.

Danach werden im Buch eine Fülle von 76 Schrittkombinationen vorgestellt. Gezeigt werden dabei die Figuren der jeweils beiden Schriften mit einem Hinweis auf die Herkunft und die Zuordnung in der Schriftklassifikation Pro. Benannt werden auch die Arten des Kontrasts, die Unterschiede und Analogien. Das kann man als üppige Anregung sehen. Aber selbstverständlich könnte man sich anhand der untersuchten Beispiele selbst »bedienen« (siehe Beispiel).

Das Buch selbst ist für seinen Zweck vorbildlich gestaltet und produziert. Es kommt vollständig ohne modischen Firlefanz aus. Meisterlich. Philipp Stamm dürfte den meisten Typografen ein Begriff sein, da er vor einigen Jahren zusammen mit Heidrun Osterer das Buch über Frutigers Gesamtwerk geschrieben und herausgebracht hatte (siehe Besprechung in den »Vier Seiten« der tgm Nr. 39 vom März 2009).

Philipp Stamm
Schrifttypen verstehen und kombinieren
Schriftmischung als Reiz in der Typografie
360 Seiten mit 335 Abbildungen
Format 200 x 205 mm
Ganzpappband
Birkhäuser Verlag, Basel 2021-02-01
ISBN 978-3-0356-1113-7
50 Euro

Renaissance als wunderbare Erinnerung


Für Typografen und Gestalter ist der Begriff »Renaissance« besetzt mit Erinnerungen oder Wissen an die Renaissance-Antiqua, an den Beginn des Buchdrucks und der Medien, an Proportionsgeschichte oder Taschenbuch. Doch es war ein Aufbruch, der ein neues Epochenbild hervorbrachte. Neue Horizonte mit freiem Denken entstanden. Eine einzigartige Zeit.

Alle Bilder © Verlag Galiani Berlin

Das Buch von Tobias Roth, ein Foliant, liegt vor mir. Und dazu braucht es der Dimension und des Gewichts wegen einen Tisch. Doch bevor ich auf Buchgestaltung zu sprechen komme erst einmal zum Grundsätzlichen des Buches.

Das Buch wird in der Tagespresse bereits gut besprochen und gelobt, zurecht. Es handelt sich um Texte wichtiger Autoren der Renaissance aus ganz verschiedenen Bereichen, sortiert nach den Geburtsjahren der Autoren. Und so gibt die Textauswahl von Tobias Roth einen kontinuierlichen Eindruck, der so zuvor kaum zustande kommen konnte. Vor Jahren befasste ich mich mit der Kunst der Renaissance anhand zweier Werke aus dem Wagenbach Verlag (Peter Burke: »Die Renaissance in Italien. Sozialgeschichte einer Kultur zwischen Tradition und Erfindung« und»Italienische Kunst. Eine neue Sicht auf ihre Geschichte“, Wagenbach, Berlin 1984 und 1988). Dabei suchte ich nach Informationen zum Buch dieser Zeit, die ja auch die Zeit der Inkunabeln ist. Und die finde ich erst hier bei Tobias Roth, in üppiger Art. Außerdem hat Roth von allen der hier versammelten Autoren knappe, aber sehr informative Biografien geschrieben.

Ich blättere natürlich sofort zu Aldo Manuzio, dem ersten Verleger. Die klar erzählte Biografie zeigt Manuzio als einen gut vernetzten Intellektuellen. Und zum Bekanntenkreis gehörten auch die aus Deutschland stammenden Drucker Pannartz und Sweynheim, die wohl die erste Druckerei in Italien im Kloster Subiaco betrieben hatten. In Venedig waren die ersten Drucker ebenfalls Deutsche, nämlich Johannes und Wendelin aus Speyer. Manuzio kommt nach Venedig und findet dort zahlreiche Gelehrte und vor allem einzigartige Bibliotheken. Im Text tauchen u. a. Namen auf wie Pietro Bembo, Erasmus von Rotterdam. Den Verweis auf die ebenfalls im Buch beschriebenen Persönlichkeiten muss man allerdings via Register finden. Querverweise waren bereits in der Renaissance besser gelöst als hier. Es folgen jeweils eine Auswahl von Originaltexten, die ins Deutsche übersetzt sind. Und fast ausschließlich werden hierzu Buchseiten der jeweiligen Ausgaben abgebildet, ein besonderer Fundus. Man kann die Schrift und Typografie zwar gut erkennen. Aber bisweilen wirken die Reproduktionen leider etwas »verschmiert«, ähnlich einer Fotokopierästhetik der 70er-Jahre. 

Und jetzt müsste ich ein paar begeisterte Seiten über die Inhalte der einzelnen Renaissance-Autoren schreiben, was nicht zu meiner Kompetenz gehört. Begeistert habe ich mich eingefunden in die Welt von Petrarca, Boccaccio, Albert, Colonna, Aretino, Vasari, um nur einige wenige zu nennen. Das Buch wird mich noch einige Zeit begleiten und beschäftigen. Und das trotz einiger buchgestalterischer Vorbehalte.

Gut gesetzt ist das Buch aus der Schrift Polyphilus und für eine Kursive der Blado. Die passen vorzüglich zum Inhalt, denn sie stammen 1499 von Aldus Manutius und Francesco Griffo in Venedig. 1923 hat die Monotype beide Schriften für den Bleisatz herausgebracht und darauf basiert letzthin die heutige digitale Version. Das große Buchformat erinnert an Renaissance-Codici. Die Buchgestaltung ist zurückhaltend. Die Bücher des Renaissance-Humanismus waren, was die typografische Gestaltung betrifft, damals schon viel funktionaler und interessanter. Beim Buchformat entsteht die Frage, warum das Format so groß (220 x 305 mm) sein muss. Ich finde keinen Grund. Für die Handhabung wäre ein kleineres Format und dann in zwei Bänden angenehmer. Zudem in dieser Zeit der Renaissance bereits die Aldinen, nämlich kleinformatige Lesebücher erfunden waren. Warum spielen diese Aspekte der Kulturgeschichte in der heutigen Buchgestaltung keine Rolle? Schade, vor allem bei der überwältigenden Fülle der Inhalte.

Tobias Roth
Welt der Renaissance
640 Seiten
220 x 305 mm
Leinen
Verlag Galiani, Berlin 2020
89 Euro
ISBN: 978-3-462-30241-7

Zum Kernthema von Typografen, nämlich der Schrift und der Buchtypografie  in der Renaissance darf ich noch auf folgende durchaus ältere Bücher hinweisen:

Frantisèk Muzika: Die schöne Schrift. Prag und Hanau 1965. Hier besonders im Band 2 das große Kapitel »Die Lateinschrift der Renaissance und die Renaissancetypen«.

Albert Kapr: Schriftkunst. VEB Verlag der Kunst, Dresden 1971. Das Kapitel »Die Schriften der Renaissance«.

Als die Lettern laufen lernten. Medienwandel im 15. Jahrhundert. Inkunabeln aus der Bayerischen Staatsbibliothek. Reichert Verlag, Wiesbaden 2009.

Ulrich Johannes Schneider (Hrsg): Textkünste. Buchrevolution um 1500. Philip von Zabern, Darmstadt 2016. Hier wird besonders auf die typografischen Details dieser Buchepoche eingegangen. Siehe auch Besprechung im tgm-Blog vom 3. Dezember 2016.

Buch oder Objekt? Die Schönsten Deutschen Bücher 2020


Jährlich werden sie von einer Jury auserkoren. Wer sind die schönsten im ganzen Land? Schon seit über 60 Jahren werden jährlich die Schönsten Bücher ausgesucht. Früher waren es 50, inzwischen wurde der Wert der prämierten Bücher erhöht und die Zahl verknappt auf 25 Bücher. Für Insider der Buchbranche ist es jährlich ein Ereignis und man hofft, dass das auch beim Buchkäufer und Buchliebhaber ankommt.

Der Wettbewerb begann zum ersten Mal 1951. Es gab wichtige Epochen für das Buch mit den Sekretären und Sekretärin der Jury Georg Kurt Schauer, Hans Peter Willberg, Ute Schneider. Und immer gab es hierzu einen jährlichen Katalog. Das begann einst mit einer schmalen Broschur, die die jeweiligen Titelabbildung und eine umfangreiche Bibliografie der prämierten Bücher enthielt. Inzwischen ist das zu einem ausführlichen und jedes Jahr ganz andersartigem Buchobjekt mutiert. 

Die Ausgabe für die Schönsten Bücher des Jahrgangs 2020 gibt erst einmal einen Eindruck, der nicht gerade auf Bücher verweist. Ein Ringbuch mit der Materialabwehr vom Metall der Ringbindung zu den verschiedenen Papiersorten und eine leere, glänzend weiße Umschlagseite. Oben schauen starke Zwischenblätter aus Graukarton heraus. Archivcharakter.

Schlägt man den Katalog auf, erwartet einen eine klare und gut lesbare und funktionierende Typografie; gesetzt aus den Schriften Suisse BP, Serif und Riposte Medium (ohne Schriftmischung scheint es heute nicht mehr zu gehen). Es gibt ganz ausführliche Angaben zu den Büchern und jeweils sorgfältige und höchst lesenswerte und originelle Beschreibungen der Buchgestaltung. Die vorzüglich auf 60 g Papier gedruckten Abbildungen sind in der Art der japanischen Blockbindung gefalzt. Wobei die Bilder immer über die äußere Kante laufen. Wenn man das jeweilige Bild ganz sehen will, muss man zwischen die Papierlagen greifen. Aber so wichtig ist das nun auch wieder nicht. Der Informationswert dieser überlaufenden Bilder ist vielleicht nicht so hoch. Dann ist es eben mehr ein gestalterisches Merkmal, allerdings auf Kosten der Funktion. 

Im Anhang finden sich Verzeichnisse und wichtige Register von Autoren, Gestaltern, Verlagen, Satz, Herstellung, Reproduktion, Druckereien, Buchbindereien, Grundschriften, Papier und Einbandsorten. Sehr brauchbar. Ein gut durchdachtes und ausgeführtes Konzept vom Bureau Est aus Leipzig und Paris.

Und was ganz vorzüglich ist: Man kann mit einer App in den einzelnen prämierten Büchern blättern (für ein Jahr).

Die Schönsten deutschen Bücher 2020
Herausgeber: Katharina Hesse, Stiftung Buchkunst, Frankfurt am Main
Konzept/Gestaltung: Bureau Est, Leipzig/Paris
Fotografie und Videografie / Reproduktionen, Lithographie: Choreo, Leipzig (Roman Häbler, Lars-Ole Bastar)
Texte Jurybegründungen: Elmar Lixenfeld, , Frankfurt am Main
App Provider: visionar GmbH, Innsbruck
Stiftung Buchkunst, Frankfurt am Main 2020
ISBN 978-3-9814291-9-0
20€

Schriftgestaltung in Zürich


Warum gestaltet jemand eine neue Schrift, wo es doch unzählige, vor allem neue gibt? Zum Broterwerb dient es eher selten. Aber mit der Entwicklung und Gestaltung einer neuen und eigenen Schrift ergeben sich interessante und vielfältige Erfahrungen für den Schriftgestalter. Über die Lehre für Schriftgestalter und Aspekte um das Thema berichtet aus seiner umfassenden Erfahrung Rudolf Barmettler von der Züricher Hochschule für Gestaltung.

Gestalten hat viel mit Haltung zu tun und das kommt bereits im Vorwort zur Geltung. Viele Gestalter wollen sich mit einer eigenen Gestaltungsidentität inszenieren. Eine individuell kreierte Schrift gilt hierzu als Beweis. Für die Außenwahrnehmung eines Unternehmens gilt eine neue Schrift auch als neuer Look, beschränkt sich aber häufig auf »des Kaisers neue Kleider«. 

Schriftproduktion wird häufig von »dekorierenden« Grafikern erobert. Hierzu nennt Barmettler die Schule von Lausanne. Wogegen in Den Haag und Reading alte Schriften ausgegraben und neugestaltet würden. Und in Zürich bemühe man sich einfach um neue Schriften, nämlich Textschriften, so Barmettler. Beständig und nachhaltig sollen diese Schriften sein und nicht nur ein »blosses Spiel mit Formen auf der Fläche«. Es geht dagegen um sehr feine formale Differenzen, um Proportionen auch der Tradition, wissenschaftlich-optische Tatsachen, die Zusammenhänge daraus und natürlich das Lernen aus der Schriftgeschichte. 

Über die Aufgabe der Schriftlehre speziell in Zürich berichtet Barmettler ausführlich. Der schwierige Weg, wie es überhaupt zu der Sonderform dieses Studiums kam, wie tief verwurzelt in die Möglichkeiten eines modernen und intensiven Unterrichts seine Arbeit ist und vor allem wie für das Ziel der Gestaltung einer Leseschrift vorgegangen wird. Dazu kommen auch Barmettlers Mitstreiter und Dozenten zu Wort wie André Baldinger Hans-Jürg Hunziker und Anton Studer. 

Dass Kalligrafie für die Schriftgestaltung nicht nur wichtig, sondern bedeutend ist, stellt Katharina Wolff dar. Sie geht dabei auf verschiedene Entwurfsprinzipien, Schreibtraditionen, Werkzeuge und Übungen ein. Dass künftige Schriftentwicklungen nicht dem aktuellen Zeitgeist folgen, sondern aus der Vergangenheit neu entstehen müssen, ist Barmettlers Prinzip, die er in seinem Fach Geschichte der Schrift vertritt. 

Basis des Buches sind aber 70 neue Schriften, die vorgestellt werden und im Schriftunterricht von CAS Schriftgestaltung und MAS Type Design und MAS (das sind die Namen der Kurse) als Ergebnis und praxisreif entstanden sind. Dazu gehören auch einige Schriften, die bereits in der Praxis bekannt und etabliert sind. 

Spannend sind auch zusätzliche Beiträge wie die Vorstellung des »Typefinders« von Christian Flepp oder die Entwicklung des Type-Generators von Remo Caminada. Doch kommt auch die Geschichte nicht nur in den Darstellungen zur Schriftgeschichte oder Kalligrafie zur Geltung. Robert Kinross über die große Zeit der Monotype. Georg Saldens erinnert daran, dass Formarbeit nur aus der Handarbeit entstehen kann und Schriftenmachen auch eine Schulung des optischen Empfindens ist. An Eduard Meier wird erinnert (er hatte schon in den Fünfzigerjahren des vergangenen Jahrhunderts eine neue Schrift (erstmals vielleicht) konzeptionell vorgestellt; die Schrift heißt Syntax. Bruno Margreth gibt eine spezielle Epoche wieder mit seiner Abhandlung zum Schriftbild im Fotosatz. 

Das sich Schriftentwicklung längst nicht mehr nur im europäischen Raum abspielt, ist auch der Blick von Fiona Ross auf »Non-latin type design« unentbehrlich.

Während ich dies schreibe und zum Lesen der Seitenzahlen laufend das doch relativ große Buch drehen muss, denke ich auch über die Gestaltung, also die Typografie dieses Buches nach. Generell eine sympathische schweizerische Buchgestaltung, ohne »Kinkerlitzchen«, gesetzt aus der Baldinger Pro. Jedoch sind die Fußnoten in einer dünnen, sehr kleinen Bline Mono gesetzt. Die kleinen Seitenzahlen sind zudem gestürzt angeordnet. Ein Widerspruch zu dem, was hier über Lesbarkeit gesagt wird?

Rudolf Barmettler (Hrsg.)
Zürich Type Design
Ein Fach- und Lesebuch für alle an Schrift Interessierten
Buchgestaltung: Baldinger + Vu-Huu, Paris
296 Seiten, durchgehend illustriert
222 × 30,7 mm
Broschur mit freiem Rücken und Schutzumschlag
Triest Verlag, Zürich 2020
49 Euro
ISBN 978-3-03863-043-2

Philipp Luidl, Gestalter und Denker


Philipp Luidl wäre am 11. Dezember 90 Jahre alt geworden. Die tgm hat ihn nicht vergessen. Er war ein vielseitig interessierter und informierter Mensch: Politik, Gesellschaft, Kunst und natürlich die Anwendung von Gestaltung; ein Lebenswerk als Buchgestalter, Autor, Lehrer und Programm-Macher für die tgm.

Philipp Luidl
Philipp Luidl am 12.02.2009 bei einer Vernissage der tgm (Foto: Michi Bundscherer)

Für einige Generationen war er prägend als Lehrer für Typografie und Gestaltung an der Berufsschule für das graphische Gewerbe und an der Akademie für das Graphische Gewerbe, der alten Meisterschule für Deutschlands Buchdrucker in München. Vielen seiner zahlreichen Schüler und Schülerinnen merkt man seinen Einfluss heute noch an. Luidl vertrat eine strenge, moderne, aber traditionsbewusste Typografie. Oft verbunden mit einer positiven Kargheit, dem Klang von Schrift und Raum zugetan.
Ob in der Berufsschule oder in weiterbildenden Kursen, vielen Schüler hatte Luidl nicht nur zu einer exakten Typografie verholfen, sondern darüber hinaus mannigfach kulturelle, politische und künstlerische Anregungen gegeben.

Phillip Luidl
Luidl im Unterricht (Foto: Geigges Jahr?)

Luidl war Sohn eines Buchdruckers und erlebte eine klassische Karriere im graphischen Gewerbe. 1930 in Dießen am Ammersee geboren, hatte er die Auswirkungen des Zweiten Weltkriegs als Jugendlicher erlebt – und nie vergessen. 1945 begann er eine Schriftsetzerlehre bei einer damals sehr angesehenen Druckerei, Jos. C. Huber in Dießen. Danach war er bei namhaften Betrieben beschäftigt, die für die Qualität von Satz und Druck maßgebend waren. Daraufhin wurde er, der Schriftsetzermeister, Fachlehrer in München an der Akademie für das graphische Gewerbe sowie an der Berufsschule, der Meisterschule für Mode und an der Fachhochschule. Luidl war ein herausragender Pädagoge. Er hinterfragte die Dinge, dachte quer und hatte die Fähigkeit, komplexe Sachverhalte auf den Punkt zu bringen, in lapidaren, kurzen Sätzen.

Desktop Knigge 1988

Technisch bedeutende Veränderungen fielen in die Jahre von Luidls Tätigkeit. Vom Bleisatz kommend gab es bald die Probleme des Fotosatzes zu bewältigen. Seine Reaktion auf heutige technische Verhältnisse blieb natürlich nicht aus. Qualität im Satz und in der Typografie ist schließlich nicht an eine technische Epoche gebunden. Den neuen Desktopern schrieb er einen »Knigge« für ein besseres typografisches Verhalten.

Philipp Luidl beteiligte sich an frühen tgm-Initiativen. So gab es 1969 bis 1971 einen Arbeitskreis für Gestaltung. Im viele Jahre angebotenen Kurs »Grafische Techniken« vertrat er die Typografie und er begründete das Seminar »Das Einmaleins der Typografie«, das ich 20 Jahre weiterentwickeln und durchführen durfte.

Eine von Luidl gestaltete Einladung zu einem tgm-Vortrag 1991

Luidls Oeuvre als Autor oder Gestalter ist ziemlich groß. Ab 1972 war er als Typograf für die Bücher der tgm dominant. Doch nicht nur das; für die tgm war er inhaltlicher Katalysator, Jahresprogramme und Kurse entstanden adäquat zu den Bedürfnissen der Zeit, z. B. über eine Gesamtschau der grafischen Techniken, zur Entwurfstechnik oder zur Manuskriptvorbereitung

1996 und 1999 nahm es die wichtigste deutsche Druckzeitschrift zum Anlass, auf gute und sorgfältige Typografie aufmerksam zu machen. Autor der beiden Bände war Philipp Luidl. In erweiterter Form zeigte Luidl hier plattformunabhängig die Bandbreite von funktionierender Typografie und Gestaltung.

Sonderhefte des Deutschen Druckers über Typografie, 1984

Als Fachautor findet man ihn in den gängigen Büchern und Fachzeitschriften mit wichtigen Beiträgen vertreten, kulturell mahnend in der Süddeutschen Zeitung oder beispielsweise in seinem knapp und eindrücklich gefassten Standardwerk von 1984: »Typografie Herkunft Aufbau Anwendung«. Dabei war er längst »Rufer« für Qualität mit Vortragsthemen wie »Was bedeutet uns heute noch Schrift« 1978 oder 1989 »Die Typografie in den Fängen der Technik«. Der oft valentineske Kritiker Philipp Luidl bleibt wohl vielen Zeitgenossen in Erinnerung.

Beitrag in der Süddeutschen Zeitung 1971

Nahe am Zeitgeschehen kritisiert er das Olympische Komitee wegen ihrer Ausschreibung für das Emblem für die Spiele 1972, er hinterfragt die Zukunft der Mode (29. Mai 1968) oder im gleichen Jahr befasst er sich kritisch mit dem Klapprad und damit auch der Fahrradentwicklung.
Ein anderer Beitrag nimmt die Zigarettenwerbung von 1968 unter die Lupe. Es geht um den Slogan, um die Grafik, die Farben und die Verpackung. Wobei von Luidl die dazugehörige Grafik positiv beurteilt wird.

Lange bevor die ATypI zur jährlich hippen Begegnung wurde, gab es diese schon als Kreis, der vor allem international die »übersichtlichen« Schrifthersteller und Schriftentwerfer vereinte. In diesem Kreis traf Luidl viele namhafte Fachleute und so entstanden viele Vorträge mit Persönlichkeiten, die dann zur tgm nach München kamen.

Einladung zu einer Veranstaltung über Jazz-Plakate, 1968, Intergraphis München

In der von BMW geförderten Galerie Intergraphis war Luidl im Führungsteam, das außer ihm aus Walter Biering, Olaf Leu, Hans Numberger, Rudolf Rieger und Kurt Weidemann bestand. Fünf Jahre entstanden so sehr wichtige Ausstellungen von Arbeiten meist internationaler Gestalter.

Buch über Günter Gerhard Lange, 1983

Über Günter Gerhard Lange schreibt Luidl in der Chronik zu 100 Jahre tgm: »[wir haben] manch konträre Auffassung hart und erbittert diskutiert. … Es ging immer nur um eines: um Schrift, um Typografie.«

Zur ersten von Luidl gestalteten Jahresgabe der tgm 1972 (aus der Akzidenz Grotesk gesetzt), bemerkte der Chronist der tgm, Xaver Erlacher: »Es war eine Jahresgabe, die aus dem gewohnten Rahmen fiel und prompt die etwas konservativen Mitglieder die Stirn runzeln ließ.«

Jan Tschichold wurde bereits 1976 von der tgm mit einem Buch geehrt. Luidl ließ dies natürlich aus Tschicholds Schrift »Sabon« bei D. Stempel in Frankfurt setzen, also an der Quelle, welche die Schrift auch herausgebracht hatte.

Buch über Jan Tschichold, 1976

Eine für die Typografie heute noch wichtige Reihe entstand: »Aus Rede und Diskussion«. Hier erschienen in der Folge der Vorträge unter anderen die Texte von G. Willem Ovink, Gerik Nordzij, Jan Philipp Reemtsma.
Für die gerade aktuelle Diskussion zu Lesbarkeit darf vielleicht an Nordzijs »Das Kind und die Schrift« von 1985 erinnert werden.

Manchmal war die Grenze zur Bibliophilie überschritten, nämlich dann, wenn Luidl Dichter ins Buch-Spiel brachte. So mit Hans Magnus Enzensberger, Wolfgang Bächler, Wolfdietrich Schnurre, Horst Bienek und Rainer Kunze, Letztere mit Illustrationen vom Gestalter des dtv, Celestiono Piatti. Zum hundertjährigen Jubiläum der tgm hielt dann der längst legendäre Verleger des dtv, Heinz Friedrich, die Festrede, die als Buch folgte.

Lust und Leidenschaft vermutlich führten zu den kleinen Werkstattbriefen, in denen einzelne Themen zwischen 4 und 16 Seiten behandelt wurden. Angenehme und heute noch gefragte Handreichungen.

Auch mit anderen wichtigen Kollegen setzte sich Luidl intensiv auseinander. Hier mit dem großen konservativen Buchgestalter Max Caflisch, aber auch mit Georg Trump, Hans Peter Willberg und vielen anderen.

Philipp Luidl: Die Schwabacher. Maro Verlag, Augsburg 2003

Einige Male gelang es mir dann noch, Philipp Luidl zur tgm zurückzuholen. So bat ich ihn um einen kritischen Rückblick auf 50 Jahre des Neubeginns der tgm nach 1945. Aus dem Vortrag entstanden die Zwischentexte zum Buch »Bücher und Drucksachen der tgm 1949 bis 2009«.

Und über die fast vergessenen gebrochenen Schriftarten hatte Luidl längst nachgedacht, darüber geschrieben. Das Thema war für einen schönen Vortrag einfach »fällig«.

Schließlich las er vor der tgm im Literaturhaus München seine Gedichte, die im Prinzip wunderbar zu seiner Typografie passen.

Neben der Arbeit an seiner Lehre und den umfangreichen Projekten für die tgm hatte Luidl immer auch für freie Kunden gearbeitet. Kataloge für bildende Künstler, Buchgestaltung und Buchcover, aber auch Prospekte und Briefbogen in reicher Zahl.

Schrift: Zerstörung der Nacht. Das Abschiedsbuch zur tgm von Philipp Luidl, 1993

»Die Typographische Gesellschaft ist keine Priesterschaft, obwohl Typografie manchmal den Anschein erweckt, als sei sie die Kunst von Geheimbünden.« So schreibt Philipp Luidl 1989 am Ende seines Beitrags mit dem Titel »Im Hauptfach Typografie« in der Chronik der tgm. Und dieser Beitrag ist gleichzeitig positiv auf die Zukunft bezogen und doch voller Skepsis, halt typisch Luidl.

»Wer der Zeit keinen Gedanken schenkt, der darf auch die Schrift vergessen«. So beginnt Philipp Luidl in seinem Buch »Schrift die Zerstörung der Nacht«, wo er immer wieder auf das Matriarchat zu sprechen kommt. Das Buch ist aus Günter Gerhard Langes Concorde gesetzt, aber eigentlich geht es um Aspekte zur Schriftgeschichte. Dieses Buch war Luidls Geschenk an die tgm, als er sich 1993 von dieser Gesellschaft verabschiedete und seiner zweiten großen Leidenschaft nachging, der Lyrik.

In Luidls Gedichten zeigen sich Ähnlichkeiten mit seiner Arbeit als Typograf. Kurze, prägnante Texte, absolut reduziert. Und diese von ihm selbst gelesen gehört zu einem Höhepunkt der »Nach-Luidl-Zeit« der tgm.

Gedenkstein auf dem Friedhof in Dießen am Ammersee

Auf seinem Grabstein finden wir die Walbaum in Stein gehauen oder ziseliert, was für die Bildhauerin Sibylle Schwarz nicht ganz einfach gewesen sein dürfte.

Als ich Philipp Luidls Nachfolge in der tgm antrat, war mir seine Größe bewusst. Die Zeit war ganz anders geworden, die Postmoderne war »erledigt«, der digitale Satz gewann enorm an Qualität. Doch die Qualitätsmaßstäbe technischer und ästhetischer Art, wie sie Luidl vertreten hatte, bleiben gültig.

Gekürzter Ausschnitt aus einem Vortrag im Lyrikkabinett München am 22. November 2016
Rudolf Paulus Gorbach
Rudolf Paulus Gorbach bei »Ein Abend zu Ehren von Philipp Luidl (1930–2015)«, 2016

Erste Eindrücke und die Typografie


Der erste Eindruck zählt! Ein Buchtitel, der einen Gemeinplatz wiedergibt. Im Untertitel steht dann: Das Handwerk der Typografie verstehen und anwenden. Hmm. Ein Typografie-Grundlagenbuch? Haben wir darauf gewartet? Dann erst einmal ein sanftes Durchblättern des Buches. Die Typografie sieht interessant aus, ein angenehmes Textpapier. Also haben wir schon zwei erste Eindrücke.

Buch: „Der erste Eindruck zählt. Das Handwerk der Typografie verstehen und anwenden.“

Auf Grund der heutigen Bedingungen in den Buchverlagen und der technischen Produktion kommen immer mehr Bachelor- und Masterarbeiten in den Verlagsbereich. Das ist erst einmal positiv zu bewerten. Gleichzeitig besteht auch die Gefahr einer Art öffentlich werdender Privatdrucke. Im vorliegenden Fall scheint es allerdings, dass für dieses Buch auch ein hervorragendes Lektorat tätig war.

Und dann kommt auch die Frage, was das Buch besonders macht gegenüber anderen Grundlagenwerken. Warum erschien mir die Typografie beim Durchblättern interessant?

Die typografische Struktur des Buches wird von der Autorin zu Beginn erklärt. Die Komplexität der einzelnen Elemente auf den Seiten wird dadurch klar, vielleicht sogar für den Leser vereinfacht. Die Wahl der Textschriften Allegra und Sectra ist insofern spannend, da die Schriften auch in tragenden Farben wiedergegeben werden. Allerdings ist die Wahl der Schriftgröße zwar schön aber recht anstrengend.

Dominant bleibt im Buch durch alle Kapitel der Ausgangspunkt der Druckschrift. Die Schrift beherrscht zurecht die Typografie, wobei in diesem Buch die typografischen Aspekte jeweils einem Kapitelthema untergeordnet wurden. Mit den Überschriften zeigt sich eine klare inhaltliche Struktur. Die Hauptkapitel heißen:
Wie Schrift unseren Alltag begleitet,
Wie Schrift unterschiedlich wirken kann,
Wie Schrift verarbeitet und gelesen wird,
Wie Schrift gestaltet und ausgewählt wird,
Wie Schrift sorgfältig gesetzt wird
und
Wie Weißraum strukturiert wird.

Was in der Typografie passiert wird hier auch beschrieben. Natürlich ist so ziemlich alles schon an anderen Stellen gesagt und beschrieben worden. Doch vertritt die hier ordnende Interpretation die vielfältigen einzelnen Themen überzeugend. Doch ist das Lesen im Buch schon nach einer Stunde anstrengend. Vielleicht wäre eine Altersbegrenzung auf dem Cover sinnvoll; 40 vielleicht? Schade ist auch, dass es im Buch kein Register gibt. Aber insgesamt ist das Buch eine sorgfältige und auch sehr schöne Arbeit.

Sabrina Öttl
Der erste Eindruck zählt!
Das Handwerk der Typografie verstehen und anwenden
160 Seiten
Format 172 × 24 5 mm
Fadengeheftete Broschur
20 €
Verlag Hermann Schmidt, Mainz 2020
ISBN 978-3-87439-908-1

Die tgm im Stadtarchiv München


Die Drucksachen der tgm seit dem Neustart von 1949 sind jetzt im Stadtarchiv München. Ein Teil der Geschichte der tgm bleibt so erhalten und ist im Archiv nachvollziehbar. Die Sammlung besteht bisher aus jährlichen Mappen von 1949 bis 2020. In diesen befinden sich die Jahresprogramme, Bücher der tgm und sehr viele Einladungen und Einzeldrucksachen. Lange Zeit war es üblich, dass die tgm zu jeder Veranstaltung individuell einlud. Und daraus ergab sich ein Schatz von typografischen Arbeiten. Im Buch »Bücher und Drucksachen der tgm 1949 bis 2019« sind zahlreiche Beispiele daraus abgebildet.

1952 Gestalter: Franz Hottenroth, 1959 Peter Stoiber, 1967 Rudolf Rieger

Die Sammlung wurde von Xaver Erlacher, einst der Chefkorrektor der Süddeutschen Zeitung, begründet und bis 1996 gepflegt. Danach und bis 2020 wurde dies von Rudolf Paulus Gorbach fortgeführt. Am 23. Oktober 2020 hat Gorbach die Sammlung an das Stadtarchiv München übergeben, wo sie Dr. Brigitte Huber in Empfang nahm.

Die tgm, bereits 1890 gegründet, gehört zur Geschichte Münchens. In den 20er und 30er Jahren  von sehr aktiven Mitgliedern betreut oder geleitet, wie Jan Tschichold, Paul Renner, Georg Trump u.a. war und ist sie schon lange einer der wichtigsten Gesellschaften für Typografie.

Leider ist der gesamte Bestand an Drucksachen und Büchern der tgm von 1890 bis 1933 in der Staatsbibliothek München am Ende des 2. Weltkriegs verbrannt. Umso mehr können wir uns über den Bestand ab 1949 freuen. Die tgm wurde bereits 1923 in den Bildungsverband der Buchdruckergewerkschaft integriert. Dieser Verband wurde 1933 zerschlagen. Und erst 1949 gab es die unabhängige Neugründung der tgm.

Ein Besuch im Stadtarchiv München für tgm-Mitglieder ist geplant.

1953 anonym, 2003 Rudolf Paulus Gorbach / Waltraud Hofbauer
1985 Büro Schwaiger-Wischermann, 1987 Gerd D. Popielaty, 1991 Philipp Luidl

Im Stadtarchiv München demnächst zu finden unter:
Sigle DE-1992-GS-TYP-GS.