Drei Jahrzehnte Web Design


Was für uns selbstverständlich geworden ist hat einst, nämlich vor 30 Jahren, begonnen: Das Web. Eine enorme technische Entwicklung hat das Web hinter sich. Typografisch allerdings nicht so sehr und bis heute sind Typografen nicht ganz glücklich mit vielen der Ergebnissen. Und so mancher Techniker oder Auftraggeber ignoriert das.

Eine umfangreiche Geschichte des Web Designs hat der Taschen Verlag herausgebracht, chronologisch auf über 600 Seiten dargestellt. Der Verlag schreibt: »Am Anfang stand die technische Pionierarbeit: die erste Website, die Surround-Sound verwendete, die erste Navigation per “drag and drop”, der erste Umblättereffekt, die erste Website mit nahtloser Videoeinbindung, die erste virale Site, die erste Website mit Parallaxeneffekt, die erste Website mit Gesichtserkennungsfunktion, die erste Seite, die ein Mobiltelefon integrierte, die erste Video-Sharing-“Website” im Stil von YouTube und viele andere«.

200 Websites werden im Buch  in 21 Kapiteln vorgestellt. Für jedes Jahr seit 1998 zeigen die Autoren die für sie besten Websites und Beispiele der genutzten Hardware. Und jedes Jahr erhielt eine Faktenseite mit 
Anzahl der Websites,
Anzahl der Internetnutzer,
Webistes mit der meisten Traffic,
Hardware und Software-Neuigkeiten
und andere für  die Mediensituation und Kulturgeschichte wichtige Ereignisse.

Wer das bereits schon alles mit verfolgt hat wird sich vielleicht zuhause fühlen. Denn die Kommentare für die einzelnen Sites zeugen von dem »Selbst erlebten« und einer zutiefst kenntnisreichen Einsicht. Und für jüngere ist das ein schönes und umfassendes Nachschlagewerk.

Der Autor Rob Ford ist ein Pionier der Internet-Awards und schreibt regelmäßig für Webdesign-Sites und -Magazine

Der Herausgeber Julius Wiedemann studierte Grafikdesign und Marketing und arbeitete in Tokio als Kunstredakteur für digitale Medien und Designmagazine. Man kennt ihn auch als Autor von Illustration Now!, Logo Design, Jazz Covers und Information Graphics.

Rob Ford, Julius Wiedemann
Web Design. The Evolution of the Digital World 1990–Today
Hardcover,
19,6 x 25,5 cm,
640 Seiten
ISBN 978-3-8365-7267-5
Taschen Verlag, Köln 2019
40 Euro

artWalk – die Erste.


Neues artDate-Format erfolgreich gestartet: Zauberhafter Christoph Niemann im Literaturhaus.

 

München, 11. Januar 2019 // „Wer kommt mit?“ fragte das artDate-Team per Newsletter, Facebook und Slack unter dem neuen Label artWalk: ohne Anmeldung teilnehmen, gemeinsam erleben.

Ziel war Christoph Niemann, der genialistisch-poetische Zauberer des illustrativen Grafikdesigns mit berühmt gewordenen Arbeiten und bisher unveröffentlichten Werken im Literaturhaus München. Ideenfeuerwerk, Charme und Professionalität in überwältigender Fülle, Begeisterung der Teilnehmer auch anschließend am reservierten runden Tisch.

Ein vielversprechender artWalk-Auftakt, um demnächst weitere spannende gestalterische Randgebiete, Ausstellungen oder Filmangebote zu erkunden.

PS: Die Ausstellung „Christoph Niemann – Im Auge des Betrachters“ wurde verlängert bis 5. Mai 2019

…POGR-AFIEN / …OGRA-PHIES


Ein neues Buch von Patrick Rössler, besprochen von Gerd Fleischmann

 

Überwältigend! Als ich den großformatigen Leinenband (245 x 280 mm, 232 Seiten) zum ersten Mal in die Hand nahm und durch die Seiten raste, habe ich mich an die Verlagsankündigung erinnert, in der davon die Rede ist, dass »über 500 Druckwerke vorgestellt« werden. Auch wenn zu einer Arbeit mehrere Abbildungen gezeigt werden, sind es fast 1000, wenn ich richtig überschlagen habe. Aber ein »Druckwerk« wie UdSSR periodica 1932 von Salomon Telingater (1903–1969) und Ivan Fiodorovich Rerberg (1892–1957) mit sechs Abbildungen (Schutzumschlag und Doppelseiten, S. 190) zeigt in diesen Abbildungen sechs verschiedene typografische Lösungen oder Figuren.

Aber auch die einzelnen Karten des Katalog der Muster von Herbert Bayer, 1927, S. 45, sind nicht einfach Variationen eines Layouts. Jedes einzelne der 13 abgebildeten Einlegeblätter stellt eine eigenständige Lösung vor. Verwirrend ist nur, dass gleich große Blätter in vier verschiedenen Größen abgebildet sind.

Aber es stimmt ja auch sonst nicht alles. Zum Glück. Als die Drucksachengestaltung mit den Futuristen und Dadaisten erst aus den Fugen geraten war und die Konstruktivisten ihr dann Korsettstangen einzogen, gab es noch kein »Grafik-Design«. Es waren Künstler, die Drucksachen gestalteten und begannen, mit der Fotografie zu experimentieren. Nur zwei der Protagonisten der Neuen Typographie hatten das Handwerk von der Pike auf gelernt: Philipp Albinus in Frankfurt am Main und Wilhelm Lesemann in Bielefeld. Und dann entstanden die Sachen nicht nur in Deutschland, wie der Untertitel suggeriert und an den sich der Inhalt dann aber (zum Glück) nicht hält. Jan Tschichold verstand und durchschaute alles, arbeitete aber selbst nie in der Satzgasse oder am Tiegel.

 

»Bauhaus & mehr« suggeriert Entwicklungslinien. Aber das vermitteln die Abbildungen nicht. Wer hat bei wem wann was gesehen? Sie machen auch nicht deutlich, wovon sich die Neue Typographie absetzen wollte. Oder wie ein Plakat in »Neuer Typographie« neben anderen an der Litfaßsäule wirkt.

 

Patrick Rössler behandelt das Thema in vier Gruppen mit insgesamt 11 Kapiteln: Innovation, Diffusion, Medien und Epilog. Warum das Buch deutsch und englisch sein muss mit einem Wende-Schutzumschlag verstehe ich nicht. Die Bildlegenden sind nur deutsch. Leser, die Deutsch nicht verstehen, können die Drucksachen nur als Bilder aufnehmen. Der Gestalter hätte nur lesen müssen, was Herbert Bayer auf seiner VdR-Karte sagt (S. 35): »immer das wesentliche einer aufgabe muß erforscht und erkannt werden, dann wird die äußere erscheinung […] das logische mittel sein zum zweck.« Das gilt auch für Bücher.

 

In der »Gebrauchsanweisung« vor dem Inhaltsverzeichnis wird das Buch als »Überblickswerk« charakterisiert, »das eher bestehende Erkenntnisse zusammenfasst und bündelt denn eigene Forschungen präsentiert; es dominiert nicht die detailverliebte Analyse, sondern der kursorische Blick auf die Vielfalt an Positionen einer lebendigen Epoche, die auch mit der Gleichschaltung unter dem nationalsozialistischen Regime nicht zu Ende ging«. Er zeigt mit einer bisher nicht gesehenen Fülle von Beispielen die Entwicklung der Typografie von den Anfängen der Neuen Typographie um 1920 bis zum arrivierten Grafik-Design am Ende des letzten Jahrhunderts mit dem Süddeutsche Zeitung Magazin, (etwa Alex Katz, 1999).

 

Die Abbildungen scheinen aus unterschiedlichen Quellen zu stammen. Manche sind figürlich freigestellt, andere beim gleichen Objekt und gleicher Größe streng rechtwinkelig bestoßen, alle ohne Körperschatten. Die Wiedergaben zeigen auch Gebrauchsspuren. Eine Abbildung allerdings ist völlig daneben: ein einziger grau gedruckter 50 000 000 / Fünfzig Millionen Mark Notgeld-Schein von Herbert Bayer auf Seite 35, datiert 9. August 1923, in der programmatischen Form eines Doppelquadrates 14 x 7 cm. Dabei hätte das Projekt »Notgeld des Landes Thüringen« eine ganze Seite verdient, war es doch der erste Auftrag für ein industriell hergestelltes Produkt nach einem Entwurf aus dem Bauhaus, lange bevor die Typografie von Bayer die Drucksachen des Bauhauses dominierte. Alle sechs oder acht Nennwerte und möglichst viele der Serien und Farbvarianten erst hätten die Intelligenz des Entwurfs zeigen können. Diese Scheine waren mit einer geschätzten Gesamtauflage von bis zu 5 Millionen die bei weitem meist verbreitete Drucksache des Bauhauses und der Neuen Typographie – das Bauhaus in der Hosentasche. Die galoppierende Inflation und die Armut allerdings verstellten den Benutzern den Blick auf den epochalen Entwurf. Am Ende taugten die Papiere gerade noch zum Feuer anmachen. Heute würde man den Entwurf als Meta-Design bezeichnen, da nicht mehr das einzelne Objekt gestaltet wurde, sondern ein Template für eine beliebig erweiterbare Serie, die dann von anderen, in diesem Fall Setzern, realisiert werden kann und auch wurde. Das war ein ganz anderer Ansatz, als bei den ›künstlerisch gestalteten‹ Notgeldscheinen.

 

Das Buch ist voller Ungereimtheiten. Wenn man dann aber den Umschlag der Zeitschrift Dekorations- und Reklamekunst (Offizielles Organ der DuR-Vereinigung zur Förderung der Schaufenster-Dekorationskunst und Reklame e. V.) vom Mai 1927 sieht, des Sonder-Heftes werbwart weidenmüller mit dem »geschnitzten« Titel eines/r unbekannten Gestalters/in mit expressionistisch anmutenden Lettern und Formen sieht (Seite 21), dann sind alle Bedenken wie weggewischt und man möchte anfangen, in dem Heft zu blättern und zu lesen. Aber Angaben, wo dieses seltene Heft ist, in welcher Bibliothek oder Sammlung, oder wie groß es ist, sucht man vergeblich.

 

Das Thema Gebäudebeschriftung fehlt völlig: B-A-U-H-A-U-S (in Versalien von oben nach unten) am Werkstattflügel des bauhaus dessau – das meist fotografierte bauhaus-Motiv, HAUS DES VOLKES in Probstzella (Alfred Arndt), die beleuchtete Außenreklame und die beleuchteten Haltestellenbeschriftungen von Walter Dexel im Rahmen des Neuen Frankfurt oder CAFÉ EUROPA (in Versalien) in Bielefeld.

 

Moholy-Nagy forderte von der Neuen Typographie in seinem Aufsatz mit genau diesem Titel 1923: »Also zu allererst: eindeutige Klarheit in allen typographischen Werken. Die Lesbarkeit – die Mitteilung darf nie unter einer a priori angenommenen Ästhetik leiden. Die Buchstabentypen dürfen nie in eine vorbestimmte Form, z. B. Quadrat gezwängt werden.« Das Buch widerspricht diesem Grundsatz nicht nur mit den Titeltreppen, die an Bauklötze denken lassen. Auch die gesamte Anordnung des Satzes, wie damals die Buchtypografie genannt wurde, schafft mit wahllos variierenden Abbildungsgrößen nicht, eine »klare Mitteilung in der eindringlichsten Form« zu sein.

 

Trotzdem.

Das Buch lädt ein zu einer faszinierenden Entdeckungsreise.

Ein Muss für Sammler, Händler und Gestalter – auch wenn Breuer, Brüning, Fleischmann, Heller, Holstein, Rademacher, Rattemeyer/Helms schon im Regal stehen.

 

Patrick Rössler

Neue Typografien.

Bauhaus & mehr: 100 Jahre funktionales Grafikdesign in Deutschland

New Typographies Bauhau
s & Beyond: 100 years of functional Graphic Design

in Germany.

Ein Bildband über die Revolution der Buch- und Reklamegestaltung zum Bauhaus-Jubiläum 2019.

232 Seiten

Wallstein Verlag, Göttingen: 2018

ISBN 978-3-8353-3367-3

38 Euro

 

Das Buch erscheint begleitend zur Ausstellung Das Bauhaus wirbt. Neue Typografie und funktionales Grafik-Design in der Weimarer Republik, 1. März bis 12. Mai 2019 im KunstForum Gotha.

 

 

 

Corporate-:


– Identity, Design, Costumize Design, Interaction, Behaviour, Storytelling, Sound, Szenography, Events, Architecture, Signage, Typography, Reporting, Thinking, Industrial-Design, Packaging, Fashion

Ganz schön viele Begriffe, die hier auftauchen. Laut Herausgeber handelt es sich bei dem besprochenen Buch um die vierte Ausgabe. Die erste Ausgabe erschien bereits 1980 und mit der neuen Ausgabe soll vor allem ein »aktueller Überblick über  Strategien und Instrumente bei der Gestaltung von CI / CD heute» gegeben werden. Bekanntheit der Autoren und die Themen selbst versprechen dies auch anhand von 25 Beiträgen. 4.0 im Titel deuten auf die aktuelle Zukunft des Themas hin.


Als Untertitel steht »Das Kompendium». Kompendium heißt eigentlich »kurz gefasstes Lehrbuch». Davon kann aber keine Rede sein. Es ist kein Lehrbuch und auch nicht kurz gefasst. Einzelne Aufsätze zu bestimmten Themen nehmen fast nie Bezug auf die anderen Themen. Hinzu kommt noch das riesige Buchformat, das mehr einer Repräsentation als einem guten Leseprozess dient. Die Bilder können hierzu weder von der Größe noch vom Inhalt her ein Argument sein, da sie bei vielen Beiträgen für die Verständlichkeit des Textes unerheblich sind.

Doch beginnt das Buch inhaltlich äußerst anregend. Matthias Beyrow beginnt mit einer Beschreibung der Begriffe, Erkenntnisse und Methoden aus den Bereichen Marketing, Design und Marken. Das geht von Agonie bis Zielgruppe und ist sehr informativ und durchaus kritisch.

Florian Pfeffer startet mit einer Korrektur der Identity und beschreibt den Fall einer Korrektur des Chemieunfalls in Bhopal 1984. Die Rede ist auch von Glaubwürdigkeit einer Marke und dass »Marken nicht mehr als alleiniges Eigentum von Unternehmen … sondern als gesellschaftlich-kulturelles Gut» angesehen werden. Und der Beitrag endet mit der Forderung nach neuen Modellen des Wachstums. Nur welche?

Jochen Rädeker kennt man allein schon wegen seiner bereits erschienenen »gewichtsvollen Bücher«. Er plädiert dafür, »die Dinge nicht schön machen, sondern richtig«. Da so viele Bauchentscheidungen stattfinden, sollten Designer »Wirkung genauestens analysieren und auf Basis klarer Parameter logisch, messbar und verständlich kommunizieren …«. An anderer Stelle wird davon gesprochen, dass Scheitern der sicherste Weg zum Erfolg sei. Wie das funktionieren könnte geht aber aus dem Text nicht hervor.

Vor allem um große Marken geht es in diesem Buch. Knut Maierhofer stellt sich grundsätzliche Fragen (was, wer, warum, wozu, wieviel, mit wem, wann, wie, worauf?), denn der Ruf nach Orientierung und Einfachheit würde immer lauter. Beispielsweise: Wieviel kostet heute die Entwicklung einer Marke? Als Antwort gibt es eine Reihe von Argumenten oder Feststellungen (dass Logos heute wieder wie Logs aussehen dürfen), oder der Hinweis darauf, dass ja täglich neue Fragen und Aufgaben auftauchen wozu für die Markenarbeit ein jährliches Budget benötigt wird.

Einfach wird manchmal mit endlosem serifenlosen Versalsatz verwechselt. Eine seltsame Reduktion, unter der wir schon länger zu leiden haben. »Die ewige Wiederkehr des Immergleichen» nennt das zurecht Laurent Lacour. Er spricht von »Corporate Costumized Design«, wofür ein hochkomplexes Brand-Management nötig wäre. An anderer Stelle schreibt er über Demokratisierung der Corporate Identity, wobei sich in Zukunft der User innerhalb eines Markenauftritts seine individuelle Website zusammen stellen kann. Wie das gehen soll und vor allem warum, bleibt auch hier offen.

Petra Eisele beschreibt  ein Designverständnis, in dem Gestalter und Nichtgestalter zusammen arbeiten und eintwickeln, der Co-Creation; denkt auch über Systeme nach, bei denen die Kunden die Produkte individualisieren. Verwandt dazu ist die Open Source-Bewegung. Ruedi Baur lenkt seinen Blick auf die Zeit nach dem »Brand». Seinem eher philosophischen Text ist etwas schwer zu folgen.

Heinrich Parivicini kommt in seinem Beitrag zum Schluss, dass seit 1000 Jahren die gleichen Bedürfnisse der Menschen gelten, nämlich Verwirklichung, Anerkennung, Liebe. Und schön gesprochen: »Wenn Sie es schaffen, werden Sie ungeahnte Kräfte freisetzen können. Dann entsteht die Power of Identity». Die Realität scheint mir etwas rauher und anders zu sein.

Während es bisher um Strategien des CI ging, folgt der an Seitenzahl größere Teil unter dem Zwischentitel »Instrumente». Hier berichten Spezialisten ihres jeweiligen Gebietes über den heutigen Stand ihrer Bemühungen oder auch Beobachtungen.

Das beginnt gleich mit Frank Heidmanns »Interface Design:  Corporate Interaction». Die Berührungspunkte zwischen Marken und Kunden haben sich verschoben zu digitalen Geräten und Formaten. Algorithmen gelten als Mittler zwischen Kunden und Marken. Trotz heutiger Kritik daran scheint Heidmann mit diesen (heutigen) Tendenzen zufrieden zu sein. Zwar weist er in seinem Fazit darauf hin, dass der ganze Prozess auf die Bedürfnisse potenzieller Nutzer oder Kunden ausgerichtet werden muss. Markenunternehmen beziehen aber immer mehr Daten über ihre Kunden. Das scheint für Heidmann nicht beunruhigend zu sein.

Wenn sich Organisationen weitaus effektiver durch ihr Verhalten als durch ihre Kommunikationsbotschaften darstellen können, bedeutet es doch, dass Corporate Behaviour neben CD und CI noch wichtiger wird. Christian Vatter versucht hier Unternehmensverhalten und Service-Design miteinander zu verbinden. Service-Design beschäftigt sich mit der Konsequenz aus dem Verhalten. Auch wieder nicht was ganz Neues, aber vielleicht doch besser definiert und für ein Konzept klarer, hoffentlich.

Storytelling, also Geschichten erzählen gibt es schon immer. Oliver Rufs Corporate Storytelling befasst sich damit, wie ein solche Erzählweise der Identität und Identifizierung einer Marke förderlich ist. Schemata, die im Langzeitgedächtnis gespeichert sind, werden aktiviert und ergänzt. Ruf beschreibt sehr genau, was die Wirkung und das Wie des Erzählens ausmachen. Selbst die visuelle Erzählweise, aber auch die Situation durch soziale Medien werden beschrieben.

Wie Unternehmen »klingen« ist das Thema von Felix Urban und Frank Westermann. Es sei mehr möglich, als mit einer Sound-Logo-Melodiefolge die Wiedererkennbarkeit einer Marke zu sichern. Und hier wird alles Hörbare einbezogen; die Sprechweise der Mitarbeiter, Telefonschleifen, Imagefilm, der Sound möglicher Produkte.

Szenografie kennt man in Markenauftritten vor allem seit der Expo Hannover 2000. Uwe R. Brückner holt aber viel weiter aus und nennt frühe Beispiele wie die Sixtinische Kapelle oder Friedrich Kieslers »Endless House» um 1930. Natürlich spielen hier Architekten eine Vorbildrolle wie Carlo Scarpa und LeCorbusier. Die Elektronik hat für die Szenografie ganz neue Möglichkeiten gebracht, die auch für Messen oder Ausstellungsräume verwendet werden. Der Raum und seine Ausstattung werden dabei analog zu Sprache und Musik begriffen. Brückner vergleicht das mit der Oper, wobei eben auch eine Dramaturgie geschaffen werden muss. Beispiele werden kurz beschrieben aus Messe, Ausstellung (Expo), permanente Räume (Börse) oder Markenmuseen.

Über die Markeninszenierung im Raum schließt ein Beitrag von Thomas Hundt und Ingo Zirngibl an. Wer schon in einem der Automuseen der großen Marken war, kennt das ein wenig. Aber dazu gehört auch das »begehbare Autorwerk» Und eine andere Tendenz geht so weit, dass Räume Spielplätze werden (Andreas Horbelt) und schließlich spielt die Architektur des Unternehmens selbst eine ganz wichtige Rolle. Gebaute Architektur sieht Jons Messedat als gebaute Identität.

Bei den für Typografen mehr vertrauten Themen wie Typografie im CD oder CI, fällt uns sofort die Orientierung ein. Andreas Uebe
le, dessen großflächige Orientierungs-Inszenierungen berühmt geworden sind, arbeitet theoretisch und ein wenig spielerisch an Begriffen mit O wie Obacht, Objekt, Objektivität, Obsession, Offenheit, Ohnegleichen, Ohnmacht, on the Road, Optik, Originalität, Ornament Oxymoron und erzählt damit recht viel über Orientierung an sich.

Natürlich darf Erik Spiekrmann in so einem Buch nicht fehlen. Er schreibt hier über Schrift als sichtbare Sprache, womit natürlich vor allem die eigenen Schriften hervorgehoben werden. Matthias Beyrow und Constanze Vogt behandeln Logos als Bilder von Qualität. Markenzeichen sind natürlich für die CI dominant. Sie gelten als Kürzel des Unternehmens wobei die Reduktion auf das »Richtige» zu erfolgen hat. Mit Hubert Jocham kommt ein erfahrener Praktiker der Entwicklung von Wortmarkenzeichen zu Wort (im Interview).

Corporate Reporting heißt heute der Geschäftsbericht. In keiner der Buchsorten, die wir im Buchhandel finden, wird so viel gestaltet und inszeniert wie in Geschäftsberichten. Und wahrscheinlich nirgendwo sonst so wenig gelesen. Trotzdem ist der Geschäftsbericht das Leitmedium der Unternehmenskommunikation, so Gisela Grosse.

Was die bis zum Überdruss genannte Globalisierung für das CI bedeutet, beschreibt knapp Christoph Böninger. Und um Corporate Industrial Design anhand von Produktreihen geht es bei Jürgen R. Schmid. Das Corporate Packing, in einer kurzen Darstellung, kommt fast zu kurz (Armin Angerer), wenn man an die marktspezifisch wichtige Funktion und die Angst der Kunden vor Veränderungen denkt. Und schließlich schreibt Regina Henkel über Corporate Fashion und spricht dabei sehr für die Wiedererkennung und Zuordnung von Menschen, die im Auftrag einer Firma handeln.

Corporate Identity & Corporate Design 4.0
Das Kompendium
Herausgeber Matthias Beyrow, Petra Kiedaisch, Bettina Klett
264 Seiten
390 Abbildungen (laut Verlag)
Avedition, Stuttgart 2018
ISBN 978-3-89986-284-3
69 Euro

Im tgm-Blog finden Sie auch Buchbesprechung und Tagungsberichte über:
Brands Talk: 23. Juli 2018 und 3. September 2017
Nachhaltiges Design: 2. Januar 2017
Archigrafie: 7. September 2016
Florian Pfeffer: 31. Juli 2016
Marco Spies: 19. Juni 2013
Jochen Rädeker: 9. März 2012
Uwe Brückner: 22. Februar 2012 und 6. Februar 2012
Simonetta Carbonara: 13.7.2013
Michael Hardt: 29.7.2012

Aber es gibt auch viele weitere Beiträge zum Thema unter den über 200 tgm-Blog-Beiträgen.

Neue DIN-Norm 1451-1 zur Leserlichkeit von Schriften


Mit Erscheinen der aktualisierten Norm wird die alte Verkehrsschrift nach DIN 1451-1 nur noch für Verkehrsschilder, Ortsschilder und Wegweiser für den Straßenverkehr empfohlen. Die aktualisierte DIN 1451-1 rät aus Gründen der Leserlichkeit und der barrierefreien Gestaltung von der Benutzung von Schriften wie Arial, Helvetica und Univers für Leitsysteme usw. ab. Empfohlen werden dagegen Schriften wie Calibri, Frutiger und ähnliche Schriften der Gruppe »humanistische Grotesk«. Also eigentlich das, was Frutiger selbst schon in den 1970er Jahren bei der Konzeption der Frutiger entdeckt hat. Dies teilte soeben Albert-Jan Pool, der Obmann des Normenausschusses Schriften, mit.

Pressetext bei DIN:
https://www.din.de/de/din-und-seine-partner/presse/mitteilungen/gut-zu-lesen-317892

 

Schönheit


»Was sollte man gegen den schlechten Geschmack tun, die Vertreibung der Schönheit, die Ausbreitung der Vulgarität?« fragt der Icherzähler in Michael Krügers Roman »Vorübergehende« (Hanser, München 2018). Nachdenken über die Schönheit führt zunächst vor allem zur Philosophie. In einem schmalen, aber dicht geschriebenen Band reflektiert der Philosoph Byung-Chul Han über die Errettung des Schönen. Er sieht das »Glatte« als Gegensatz, obwohl es in unserer Zeit so ästhetisch hoch gehalten wird. In den einzelnen Kapiteln wird das Denken über Schönheit knapp reflektiert. Doch das Resümee muß man sich selbst ziehen (S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main 2015).

»Das so genannte Schöne« nennt der Schweizer Grafikdesigner Otmar Bücher sein leicht ironisches Buch, das bereits 2006 erschienen ist (Ott Verlag, Bern 2006). Anhand vieler Themen setzt er sich mit Ästhetik und besonders mit dem Schönen auseinander. Dabei ist der Umgang mit dem Begriff des Schönen seit den Zwanziger Jahren des 20. Jahrhunderts etwas strapaziert. Doch können wir trotzdem bedenkenlos etwas schön empfinden und das auch so sagen. Bedarf es deshalb neuer Erkenntnisse, falls es die gibt?

Mit einem Großprojekt warten Sagmeister & Walsh auf, eine Ausstellung und ein dazugehöriges Buch mit entsprechender Ankündigung: Ein Plädoyer für die Lust am Schönen. Ich befasse mich hier ausschließlich mit dem Buch.

Nimmt man das Buch aus der Verpackung, fällt sofort die Hermann-Schmidt-Qualität auf. Feiner Kartonschuber, Lack, Prägungen, matte Glätte. So auch das Buch: Edle Broschur. Silber-Bundschnitt, verstärkte Klappen, matte Weiße, feine Prägung. Der Titel des Buches: Beauty. Und der Untertitel lautet: Schönheit = Funktion = Wahrheit. Das macht stutzig. Denn was hat es dabei mit der Wahrheit auf sich?

Die schon im Vorwort erwähnte Ablehnung des Schönen aus der Gestaltungsgeschichte des 20. Jahrhunderts kann ich nicht nachvollziehen. Das wird mit einer Infografik dekorativen Stils untermauert, wobei man nur die zwischen 1800 und 2000 abnehmende Menge sieht. Aber auf was bezieht sich das?

Die Autoren erklären: Indischer Mangosaft wird in größeren Mengen verkauft, wenn die »Form ernst genommen wird«. Bei der tonangebenden Rolle des Marketing muß man schon fragen, welche Form? Und wie sieht der Vergleich vorher – nachher aus? Dass die Schönheit im »gut gelungen« liegt oder liegen kann, wird kaum bezweifelt. Im Text des Buches wird der Zusammenhang von Funktion und Schönheit immer wieder angesprochen. Natürlich muß hier auch die Nachhaltigkeit her halten. Einige Experimente zum Gefallen von Gegenständen oder Bildern werden erwähnt. Blättert man im Buch, hat man den Eindruck eines suggestiven Albums, mit großen Zitaten und Abbildungen der schönen Dinge.

Als Adolf Loos sich gegen Ornamente wandte gab es genug Gründe dafür. Die Polemik gegen diesen längst verarbeiteten Aufbruch scheint mir seltsam. Natürlich wird Wiederholung auch langweilig, vor allem wenn man das Einzigartige sucht oder glaubt, es zu bringen. Die Nachahmung ist sicher für eine Weiterentwicklung wichtig. Gesetze, die im übrigen Gabriel Tarde 1890 herausgebracht hatte (Gabriel Tarde, Die Gesetze der Nachahmung. Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main 2009). Ohne diese Tradition kann auch wirklich Neues kaum entstehen. Das ganzseitige Zitat »Der einzige Weg, unnachahmlich zu werden, ist die Nachahmung« (Winkelmann) steht in einer Umgebung von reichlich verzierten Gegenständen, das läßt einen zumindest erstaunen.

Die Frage, ob es Pracht im Modernismus gibt, wird mit Erlebnissen Sagmeisters in seinen stark publizierten Sabaticals garniert. Zwar werden Koons und Hirst eher der Kitschwelt zugezählt. Aber warum stehen sie überhaupt hier? Natürlich musste auch kommen, dass Form die Funktion ersetzt. Da sind wir auch mitten in der vergangenen Postmoderne angelangt, wo ja angeblich alles ging. Instagram wird »als sorgsam kuratierte Sicht auf unser Leben« gesehen.

Im Kapitel „Schönheit erleben“ geht es vor allem um Möglichkeiten in der Werbung und der Konsum-Produktgestaltung. Und im anschließenden Kapitel „Das Auge des Betrachters“ werden viele Umfragen vorgestellt. Hier zählt die Mehrzahl der befragten Stimmen. Dass Schönheit in uns etwas bewirken kann ist wohl nicht ganz neu. Und ein umfangreiches „Schönheitsarchiv“ zeigt durchgehend besonders extravagante Gegenstände, die schön sind, wenn auch nicht alle. Und schließlich gibt es am Schluß des Buches ein Manifest, das die Argumente und Ziele des Buches in den Alltag umsetzen soll. Nicht klar im ganzen Projekt wird, was Schönheit und Funktion bedeuten und welche Rolle das Dekorative spielt. Und das Dekorative ist hier sehr dominant. Der Schönheit kommt man damit nicht wirklich näher.

Vielleicht noch eine Bemerkung zur Typografie der Textseiten. Die für dieses Buch kreierte Titelschrift ist reichlich dekorativ und etwas fremd in unserer Zeit. Die eingebauten informierenden kleinen Bilder stehen auf Mitte. Ihre Bildlegenden sind kräftig unterstrichen. An der Außenkante befindet sich ein etwas verwirrendes Muster. Ein nettes Spiel. In seiner Verborgenheit wird es zum Dekor?

Sagmeister & Walsh
Beauty
Schönheit = Funktion = Wahrheit
280 Seiten
377 Abbildungen
Edelbroschur im Schuber
Hartmann Schmidt Verlag, Mainz 2018
39,80 Euro
ISBN 978-3-87439-922-7

Theater und Typografie durch Kurt Schwitters


In meinem Bericht über die nun letzte Typo 2018 (tgm-Blog 23. Juli 2018) wünschte ich mir, dass Gerd Fleischmanns Vortrag über Schwitters in Buchform erschiene. Manchmal werden Wünsche Wirklichkeit. Fleischmanns Beitrag ist tatsächlich erschienen, ziemlich erweitert in der Reihe »prinzenstraße« des Niedersächsischen Staatstheaters Hannover.

Hier ist nachzulesen, wie Fleischmann Schwitters Thesen zur Typografie präzise analysiert, auch ihre Selbstverständlichkeiten benennt und wo sie schlichtweg ins Leere greifen können. Allerdings habe ich manche Erläuterungen im Vortrag kritischer in Erinnerung.

Der ganze Band der »prinzenstraße« ist Kurt Schwitters gewidmet. Neben Gerd Fleischmanns Beitrag »Alles Theater? Kurt Schwitters über Typografie« wird in diesem Heft klar, wie stark Schwitters mit Hannover und somit Bahlsen, Pelikan, der Stadtverwaltung und eben auch dem Theater verbunden war. Er hatte sich auch mit der Theorie des modernen Theaters auseinandergesetzt, selbst Stücke geschrieben. Dass er Vortragskünstler war, wissen wir spätestens aus der berühmten Aufnahme seiner »Ursonate«.

Ein eigener Beitrag beschäftigt sich mit Schwitters Merz-Bühne. Das Gesamtkunstwerk Merz-Bau gilt heute als frühe Form der Installationskunst.

Dem Band liegt ein Reprint eines von Kurt Schwitters gestalteten Programmheftes, Heft 1, Städtische Bühnen Hannover / 1929 / 1930 bei.

»Schlagkraft der Form«
Kurt Schwitters
Theater und Typografie
Herausgegeben von Isabel Schulz
176 Seiten
57 Abbildungen
Broschur mit breiten Klappen
prinzenstraße Doppelheft 17
Niedersächsisches Staatstheater Hannover 2018
ISBN 978-3-931266-16-5
13 Euro

Schrift, die nicht nur Text interpretiert


Die Faszination und das Geheimnis des Schreibens, das Schreiben von Bildern, als  »Bilderschreiben» lassen Buchstaben zu Bilder verschmelzen und manchmal sind es nicht einmal Buchstaben. Peter Krüll hat hierzu eine wunderschöne Sammlung solcher Exponate zusammengestellt. Blätter von bildenden Künstlern, Schriftstellern, Designern, Gestaltern und Studenten. Die Sammlung folgt keinem thematisch eingeteiltem Konzept. Sie ist aber Abwechslungsreich und wenn man sich als Typograf mit diesen Parallelen Bewegungen beschäftigt stößt man auf einen enormen Fundus.

Das fängt schon bei PaulKlee an, Joseph Beuys mit einer berühmten Karteikarte, Picasso, John Cage, Robert Walser, Robert Rauschenberg, Adolf Wölffli, Andy Warhol oder Edward Fella. Bei den Gestaltern findet man Blätter von Grapus, Heiz Edelmann, Niklaus Troxler, Fons Hickmann, Strichpunkt, Sagmeister & Walsh, um nur einige zu nennen. Aber viele Blätter von nicht so bekannten Namen sind oft besonders faszinierend.

In einer knappen Hinführung zum gesamten Komplex der Sammlung weist Krüll darauf hin, dass Arbeiten seiner Studierenden dazwischen eingefügt sind (und durchaus berechtigt sind). Zu manchen Blättern gibt es Kommentare oder kurze Geschichten, die das Verständnis vertiefen können.

Im anhängenden äußerst informativen Essay von Max Ackermann wird der thematische Bogen weit gespannt. Über Handschrift als Schrift-Bild unter dem Titel »Kann man ja gar nich` lesen». »Schrift, die sich zeigt, statt auf etwas zu verweisen, ist vielleicht erst einmal ungewöhnlich. Über das Unleserliche und über die Schrift, die sich der Lesbarkeit entzieht sind die Kernthemen. Geheimnisvolle Manuskripte, wie sie auch in der Literatur vorkommen, oft nicht lesbar, werden erwähnt. Derridas Spuren der Schrift werden angerissen und insgesamt wird deutlich, welchen hohen Stellenwert Schrift in der Bildenden Kunst hat. Und dabei spielt die Visuelle Poesie – auch im Grenzbereich zur Musik – eine entsprechende Rolle. Der Niedergang des mit der Hand schreiben wird beklagt (wobei die Bewegung um Kalligrafie und Hand-Lettering ja das Gegenteil bestätigen) und das digitale für die Handschrift, in dem individuelle Handschriften als Fonts erzeugt werden, ist ein wichtiges Thema.  Daneben gibt es eine Renaissance der Schrift in der häufigen Gestaltung neuer Fonts durch Designer und schließlich steht die Handschrift nach wie vor für Authentizität des Schreibenden. Und die anschließende kommentierte Bibliografie ist an sich schon ein prachtvoller Fundus.

Noch etwas zur Typografie des Buches. Beim Inhalt des Buches geht es nicht um Lesbarkeit. Für die Typografie des Textes sollte das gelten. Schwierig für die Lesbarkeit sind beispielsweise die in der halbfetten serifenlosen Schrift auftauchend Quellenhinweise. Die sind als magere, graue Schrift so stark zurück genommen, das vor jedem Vorkommnis der Atem stockt. Der wunderbare Essay ist aus einer mageren Serifenlosen gesetzt, auf grauem Fond, was das Kontrastverhalten etwas reduziert. Der Blocksatz mit den unterschiedlichen Wortabständen hielt hier eher dagegen mit. Leerzeilen statt Absätzen (mit Einzügen) machen das fortlaufende Lesen etwas zerrissen. Kleinigkeiten vielleicht, die den guten Druck der Bilder nicht schmälern.

Peter Krüll
Bilderschreiben
Challenging Calligraphy
Mit einem Essay von Max Ackermann
224 Seiten
Über 150 Abbildungen
Maro Verlag, Augsburg 2018
ISBN 978-3-87512-418-7
28 Euro

 

Konzeptionelle Buchgestaltung


Das Buch wird vom Verlag groß angekündigt: Pamminger, der »die räumlichen Strukturen des Buches nutzt, um den Erkenntnisgewinn zu steigern. Entgegen konventioneller, gefälliger Gestaltung, die auf den unmittelbaren optischen Genuss setzt und bei passiver Illustrierung oder euphorisierender Wiederspiegelung der Inhalte halt macht, ist Gestaltung für Pamminger ein kreativer, inhaltsgenerierender Darstellungsakt«. Was heißt das? Und was bedeutet das für die Gestaltung selbst?

Walter Pamminger beginnt mit dem Sehen im Gehen unterwegs. Und gleich fragt er, wie »aus einem Buch wieder etwas Fremdes und Unvertrautes werden« kann. Er bezieht sich auf Sol LeWitt, indem er die konzeptionelle Buchgestaltung als Aspekt der entscheidenden Idee betrachtet. Dabei möchte er den bedeutsamen Strukturen eines Inhalts gestalterisch Ausdruck geben, möchte signifikante Realisationen schaffen. Mit seinen Vorstellungen dürfte der Autor jedoch näher bei der Concept-Art liegen als bei einer durchaus anspruchsvollen, aber immer noch brauchbaren Buchgestaltung.

Anhand diverser schöner Themen, die wohl auch realisiert wurden, gibt Pamminger Einblicke in:
Bildbewegungen, Drängen der Zeit im Bild, Bauwerke mit zwei Stimmen, Gesten der Autoren, Tausch der Formulare, Simultanes Magazin oder Unsichtbare Linien. Die Themen versteht man nur durch die Lektüre des dazugehörigen Textes. Walter Pamminger, dessen Vortrag 2006 vor der tgm und dessen Essay »Exzess des Buches« (Leipzig 2007) ich sehr schätzen gelernt habe, geht seinen eigenen Weg.

Walter Pamminger
Konzeptionelle Buchgestaltung
Band 10 der Reihe »Ästhetik des Buches«,
herausgegeben von Klaus Detjen
88 Seiten
Broschur mit Schutzumschlag
Wallstein Verlag, Göttingen 2018
ISBN 978-3-8353-3314-7
14,90 Euro

Ordnung durch Raster


Wesentlich für eine grafische Gestaltung ist Lesbarkeit, gutes Erkennen, Klarheit: also Ordnung. Ulysses Voelker behandelt in seinem Buch grafische Raster in Theorie und Praxis. In klar geschriebenen Hinführungen, Anleitungen und wichtigen Hintergründen rollt er das Thema vor allem für einen studentischen Leserkreis auf. Alles wird erklärt, ein Vorwissen wird kaum vorausgesetzt.

Eine reduzierte Geschichte der Rasterarten wird im Kapitel A beschrieben und dargestellt. Der Satzspiegel im Roman oder in der Zeitung werden gegenüber gestellt. Die bekannte Konstruktion eines Satzspiegels im Goldenen Schnitt wird übergenau dargestellt. Verschiedene Arten von Randprogressionen im Textbuch werden gezeigt. Mit dem Raster im Sachbuch oder Kunstbuch  wird es konkreter und hier folgen auch die schwierigen Umstände von Zeilenspiegel und Bildeinbau. Zu jeder Buchkategorie werden auch zahlreiche Beispiele aus der Praxis gezeigt, allerdings ohne eingezeichnetem Raster.
Für den Raster im Magazin zeigt Voelker Seiten des »Spiegels«. Das ist dann auch relativ einfach, da es hier nicht sehr viel verschiedene Elemente gibt und die Horizontalen im Raster nicht bedeutend sind.
Sehr gut wird im Kapitel zum Raster im Web das Verschwinden des starren Rasters erklärt und was das bedeutet für ein liquides und adaptives Design.
Die Idee und der Zusammenhang zur Miniskizze und Skizze werden logisch erläutert. In ergänzenden Kapiteln geht es um Ordnung an sich, Verantwortung im Design, oder Reiz und Reaktionen. Schließlich endet das Buch mit einer dichten Betrachtung von Intuition und Methoden in der Gestaltung.
Auf die Problematik der Proportionen wird leider nicht eingegangen. Als System wird wiederholt die Fibonacci-Reihe erwähnt, die nun leider in den unteren Zahlenbereichen keine reinen Proportionen zulässt. Das Buch ist didaktisch sehr gut gestaltet, kommt also auch dem »flüchtigen« Leser entgegen. Die seitlich angebrachten Kapitel- und Seitenverweise sind zwar nett, wären aber für eine komplexere inhaltliche Struktur vielleicht eher angebracht.

Ulysses Voelker
Ordnung in der Gestaltung
Grafische Raster in Theorie und Praxis
176 Seiten mit 150 Abbildungen
Ganzpappband
Verlag Niggli, Salenstein, 2019
ISBN 978-3-7212-0995-2
35 Euro