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Wirklich innovativ ist man nur dann, wenn mal etwas dane­ben­ge­gangen ist.
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Typographische
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Event

Die Tiefe der Fläche

Michi Bundscherer
30. August 2026
Ober­flächlich, das ist selten ein Lob. Sybille Krämer hält dagegen: Gerade auf der Fläche wird Komplexes sichtbar, vergleichbar und bear­beitbar. Manches können wir überhaupt erst denken, wenn wir es flächig vor uns sehen. Auch die Schrift ist eine solche Fläche, eine uns vertraute. Und mehr als aufge­schriebene Sprache.

»Schrift ist die Menge der grafischen Zeichen, mit denen gesprochene Sprache fest­ge­halten wird.«

Dieser Satz klingt zunächst vernünftig. Er stammt aus dem Handbuch »Schrift und Schrift­lichkeit. Writing and Its Use«, einem Stan­dardwerk der Schrift­for­schung. Krämer stellt diese Defi­nition an den Anfang ihres Vortrags und sagt: »Das ist falsch.«

Sybille Krämer ist Philo­sophin und eine der prägenden Medi­en­wis­sen­schaft­le­rinnen im deutsch­spra­chigen Raum. Am 14. Juli war sie zu Gast bei der tgm. In ihrem Vortrag wider­spricht sie einer einfluss­reichen Annahme der Schrift­for­schung, die sie als euro­pä­ischen »Alpha­betzen­trismus« bezeichnet: Schrift sei dazu da, Sprache aufzu­zeichnen, und das Alphabet das voll­kom­menste Schrift­system. Andere Schrift­systeme galten als Vorstufen auf dem Weg zur »eigent­lichen« Schrift. Weil das Alphabet eine grie­chische Erfindung ist, steht Europa somit prak­ti­scherweise im Zentrum dieser Geschichte.

Krämer bestreitet nicht, dass Schrift Sprache fest­halten kann. Doch sie findet: Wer Schrift darauf reduziert, übersieht einen beträcht­lichen Teil dessen, was wir mit ihr anstellen können. Partituren und Programmcodes, Hegel und Gauß, Diagramme und Wort­zwi­schenräume: Krämer reiht nicht bloß Beispiele aneinander, sondern entwickelt in hoher Dichte einen Gedanken aus dem nächsten. Das fordert Aufmerk­samkeit. Nicht alles erschließt sich im ersten Moment des Zuhörens. Aber gerade deshalb bleiben einige ihrer Gedanken hängen – und arbeiten weiter.

Die vier Leis­tungen der Schrift

Kaum dass sie ausge­sprochen ist, verschwindet gesprochene Sprache wieder. Schrift setzt dem Dauer entgegen. Aber nicht nur. Krämer unter­scheidet vier Leis­tungen.

  1. Schrift speichert. Sie bewahrt, was im Sprechen vergeht, und macht es zu einem Gegenstand, auf den wir später wieder zugreifen können. Damit verändert sie unser Verhältnis zur Zeit: Vergangenes bleibt verfügbar, Entwürfe lassen sich über­a­r­beiten, Wissen lässt sich weitergeben.

  2. Schrift ordnet. Die Reihenfolge der Buch­staben von A bis Z hat mit Phonetik wenig zu tun. Doch als Sortier­prinzip macht sie Wörter­bücher, Register, Archive und Daten­be­stände überhaupt erst navi­gierbar. Die alpha­be­tische Ordnung sagt wenig über die Dinge selbst, aber sie erlaubt, sie wieder­zu­finden.

  3. Schrift leitet an. Partituren, Formeln, Baupläne und Programme teilen häufig keinen fertigen Sach­verhalt mit. Sie sind Angebote zum Handeln. Wer sie lesen und umsetzen kann, verwandelt die Partitur in Musik, die Formel in ein Ergebnis, den Bauplan in ein Haus, das Programm in einen Vorgang.

  4. Schrift ermöglicht Denken. Diese vierte Leistung ist die folgen­reichste: Zeichen auf einer Fläche bewahren Gedanken nicht bloß für später. Ihre Anordnung hilft, Gedanken überhaupt erst zu bilden.

Wie sie das mit dem Denken meint, erläutert Krämer mit einer Anekdote über den neun­jährigen Carl Friedrich Gauß. Sein Lehrer soll der Klasse aufgegeben haben, die Zahlen von eins bis hundert zu addieren. Gauß soll sich schon nach wenigen Minuten mit der Lösung gemeldet haben: 5050. Er ordnete die Zahlen auf dem Papier zu Paaren (1+100, 2+99, 3+98). Jedes Paar ergibt 101, fünfzig solcher Paare ergeben 5050.

Erst auf dem Blatt erhielten die Zahlen eine räumliche Ordnung. Durch diese Anordnung trat die Regel hervor, die in der bloßen Zahlenfolge verborgen blieb. Das Papier diente als Arbeitsraum: Es entlastet das Gedächtnis, hält Zwischen­schritte fest und erlaubt, Elemente neu zu grup­pieren. Aus einer langen Rechen­aufgabe wird ein über­schaubares Muster.

Schrift ist Erkennt­nis­be­dingung

An diesem Punkt beruft sich Krämer auf Hegel, der gesagt hat, erst der Zwang zur Formu­lierung bringe aus dem Chaos im Kopf überhaupt einen Gedanken hervor. Krämer formuliert das so: »Die Kultur­technik der Verflachung schafft überhaupt erst den Gedanken.«

Viel­leicht kennen Sie das: Man schreibt etwas, und erst der folgende Satz verrät, wohin der Gedanke führt. Der Gedanke entsteht auf dem Papier. Unzählige Skiz­zen­bücher füllen sich mit solchen Fährten (ich denke u. a. an von Rogisters kreatives Scribbeln oder Campes Alphabets): Das Nach­denken sucht die Fläche. Weil die Bezie­hungen dort sichtbar neben­ein­an­der­stehen, lässt sich mit ihnen arbeiten. So gewinnt das Denken Abstand zu sich selbst.

Mehr Verflachung wagen

Verflachung klingt zunächst nicht nach einer Kultur­technik, auf die man besonders stolz sein sollte. Krämer dreht diese Wertung mit sicht­lichem Vergnügen um. Verflachung ist bei ihr die Fähigkeit, räumliche, zeitliche oder abstrakte Zusam­menhänge in zwei Dimen­sionen darzu­stellen und dadurch überhaupt erst zugänglich zu machen. Krämer ist überzeugt: »Ich halte das für eine der größten, frucht­barsten, krea­tivsten Kultur­techniken, die wir überhaupt entwickelt haben.«

Wie weit das reicht, zeigt Krämer an einem Beispiel. Beim Ausbruch des Vesuvs im Jahr 79 n. Chr. verkohlte die Bibliothek der Villa dei Papiri in Hercu­laneum. Die Rollen sahen aus wie »verschmolzene Brat­würste« und zerfielen bei der kleinsten Berührung; ihr Inhalt schien für immer verloren. 2023 startete die Vesuvius Challenge, ein offener Wett­bewerb zur digitalen Entzif­ferung dieser Rollen. Noch im selben Jahr erkannte ein KI-Modell die ersten Buch­staben. Erst kürzlich gelang es, eine komplette Rolle durch­gehend zu lesen, ohne sie zu öffnen: ein bislang unbe­kannter stoischer Text aus der Zeit um 200 vor Christus. Die KI verstand kein Wort. Sie erkannte das Muster der Tinte auf dem Untergrund. Gerade deshalb fand sie Texte, die fast zwei Jahr­tausende verschlossen waren und nun wieder lesbar werden.

Für Krämer kein Beweis für die Intel­ligenz der KI, sondern vor allem für ihre These der Schrift­bild­lichkeit. Die Maschine versteht nicht, was sie entziffert. Sie analysiert Spuren auf einer Fläche.

Typo­grafie als Zugang zu Erkenntnis

»Schrift« verwendet Krämer philo­so­phisch in einem weiteren Sinn. Gemeint ist die grafische Orga­ni­sation von Zeichen auf einer Fläche – also ihre »Schrift­bild­lichkeit«. Schreiben verwandelt die zeitliche Abfolge der Laute in eine räumliche Abfolge von Buch­staben. Entscheidend ist, dass Zeichen sichtbar ange­ordnet sind und dass wir mit dieser Anordnung operieren können. Typo­grafie ist dann nicht nur das, was einem Inhalt eine Form gibt. Sie orga­nisiert den Raum, in dem wir mit Sprache und Zeichen arbeiten können.

Schon der einfache Wort­zwi­schenraum zeigt, wie eigen­ständig die Logik der Schrift­fläche ist. Beim Sprechen hören wir zwischen den Wörtern selten regel­mäßige Pausen. Erst die Schrift macht aus dem Sprachstrom (sichtbare) Einheiten. Der Wort­abstand ist eine rein grafische Erfindung.

Typo­grafie besteht zu einem erheb­lichen Teil aus solchen kulti­vierten Selbst­ver­ständ­lich­keiten. Absatz­um­brüche teilen Gedanken. Über­schriften bilden Hier­a­rchien. Margi­nalien kommen­tieren. Weißraum kann trennen, beruhigen oder hervorheben. Ein Inhalts­ver­zeichnis macht aus einem langen Text eine navi­gierbare Struktur. Eine Tabelle bringt Zahlen in Beziehung. Ein Diagramm lässt Daten zu einer Form werden, in der Muster hervor­treten. Ein Interface übersetzt unsichtbare tech­nische Vorgänge in Schalt­flächen, Zustände und Hand­lungen.
Jede dieser gestal­te­rischen Entschei­dungen beein­flusst, in welcher Reihenfolge etwas wahr­ge­nommen wird, welches Gewicht es erhält und in welchem Zusam­menhang es erscheint.

Die Fläche ist ein Möglich­keitsraum. Noch bevor ein Text gelesen wird, bietet seine Gestaltung eine erste Inter­pre­tation an. Sie zeigt, wo wir anfangen können, was wichtig aussieht, was zusam­men­gehört und wie sich selbst komplexe Inhalte erschließen. Gute Typo­grafie nimmt den Leser:innen das Denken nicht ab. Sie macht es ihnen möglich. Gute Typo­­­grafie erspart das Lesen nicht, sie belohnt es.

Hier liegt die Verbindung zu Krämers Ausgangsthese. Schrift leistet weit mehr als die Aufbe­wahrung gespro­chener Sprache. Sie orga­nisiert Gedanken, macht Zusam­menhänge sichtbar und schafft Voraus­set­zungen für Erkenntnis.

Haltung auf zwei Dimen­sionen

Das Jahresthema der tgm lautet »Gestaltung braucht Haltung«. Nach diesem Abend wissen wir: Haltung zeigt sich auch darin, wie wir eine Fläche orga­ni­sieren. Typo­grafie arbeitet an diesen Bedin­gungen. Ihre kulturelle Bedeutung liegt in einer Tätigkeit, die Gestalter:innen gut kennen: Dinge auf einer Fläche zueinander in Beziehung zu setzen.

Darin liegt die Verbindung zwischen Krämers Philo­sophie und der Arbeit der Typograf:innen: Gestaltung kommt nicht erst ins Spiel, wenn der Gedanke fertig ist und noch eine schöne oder funk­tionale Form braucht. Die Form bringt den Gedanken mit hervor.

In diesem besten Sinne war das ein flacher Vortrag von Frau Krämer. Denn manchmal muss man die Dinge flach machen, um in die Tiefe zu kommen.

Quellen und weiterführende Hinweise

Hartmut Günther, Otto Ludwig (Hrsg.): Schrift und Schriftlichkeit. Writing and Its Use. Ein interdisziplinäres Handbuch internationaler Forschung. De Gruyter, Berlin/New York 1994/1996.

Sybille Krämer: Schriftbildlichkeit oder: Über eine (fast) vergessene Dimension der Schrift. In: Sybille Krämer, Horst Bredekamp (Hrsg.): »Bild – Schrift – Zahl.« Wilhelm Fink, München 2003.

Sybille Krämer: Figuration, Anschauung, Erkenntnis. Grundlinien einer Diagrammatologie. Suhrkamp, Berlin 2016.

Eva Cancik-Kirschbaum, Sybille Krämer, Rainer Totzke (Hrsg.): Schriftbildlichkeit. Wahrnehmbarkeit, Materialität und Operativität von Notationen. Akademie Verlag, Berlin 2012. Darin: Sybille Krämer, „Punkt, Strich, Fläche. Von der Schriftbildlichkeit zur Diagrammatik“, S. 79–101.

Chris Campe: Alphabets. 50 Lettering-Alphabete aus meinen Skizzenbüchern als Inspiration für alle, die Schrift gestalten und Buchstaben zeichnen. Verlag Books on Demand, 2025.
https://www.allthingsletters.com/buch-alphabets/

Anna Dannecker: 2.000 Jahre nach Vesuv-Ausbruch: KI macht Papyrus-Rollen lesbar, Bayern 2 berichtete am 6.8.2025 um 17.04 Uhr. https://www.br.de/nachrichten/wissen/2-000-jahre-nach-vesuv-ausbruch-ki-macht-papyrus-rollen-lesbar,UszC2Vc

Weitere Fotos des Vortrags finden Sie in unserer Flickr-Gruppe.

Dieser Beitrag wurde vom Autor verfasst und verant­wortet. KI wurde redak­tionell unter­­stützend eingesetzt.

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