Die Tiefe der Fläche
»Schrift ist die Menge der grafischen Zeichen, mit denen gesprochene Sprache festgehalten wird.«
Dieser Satz klingt zunächst vernünftig. Er stammt aus dem Handbuch »Schrift und Schriftlichkeit. Writing and Its Use«, einem Standardwerk der Schriftforschung. Krämer stellt diese Definition an den Anfang ihres Vortrags und sagt: »Das ist falsch.«
Sybille Krämer ist Philosophin und eine der prägenden Medienwissenschaftlerinnen im deutschsprachigen Raum. Am 14. Juli war sie zu Gast bei der tgm. In ihrem Vortrag widerspricht sie einer einflussreichen Annahme der Schriftforschung, die sie als europäischen »Alphabetzentrismus« bezeichnet: Schrift sei dazu da, Sprache aufzuzeichnen, und das Alphabet das vollkommenste Schriftsystem. Andere Schriftsysteme galten als Vorstufen auf dem Weg zur »eigentlichen« Schrift. Weil das Alphabet eine griechische Erfindung ist, steht Europa somit praktischerweise im Zentrum dieser Geschichte.
Krämer bestreitet nicht, dass Schrift Sprache festhalten kann. Doch sie findet: Wer Schrift darauf reduziert, übersieht einen beträchtlichen Teil dessen, was wir mit ihr anstellen können. Partituren und Programmcodes, Hegel und Gauß, Diagramme und Wortzwischenräume: Krämer reiht nicht bloß Beispiele aneinander, sondern entwickelt in hoher Dichte einen Gedanken aus dem nächsten. Das fordert Aufmerksamkeit. Nicht alles erschließt sich im ersten Moment des Zuhörens. Aber gerade deshalb bleiben einige ihrer Gedanken hängen – und arbeiten weiter.
Die vier Leistungen der Schrift
Kaum dass sie ausgesprochen ist, verschwindet gesprochene Sprache wieder. Schrift setzt dem Dauer entgegen. Aber nicht nur. Krämer unterscheidet vier Leistungen.
Schrift speichert. Sie bewahrt, was im Sprechen vergeht, und macht es zu einem Gegenstand, auf den wir später wieder zugreifen können. Damit verändert sie unser Verhältnis zur Zeit: Vergangenes bleibt verfügbar, Entwürfe lassen sich überarbeiten, Wissen lässt sich weitergeben.
Schrift ordnet. Die Reihenfolge der Buchstaben von A bis Z hat mit Phonetik wenig zu tun. Doch als Sortierprinzip macht sie Wörterbücher, Register, Archive und Datenbestände überhaupt erst navigierbar. Die alphabetische Ordnung sagt wenig über die Dinge selbst, aber sie erlaubt, sie wiederzufinden.
Schrift leitet an. Partituren, Formeln, Baupläne und Programme teilen häufig keinen fertigen Sachverhalt mit. Sie sind Angebote zum Handeln. Wer sie lesen und umsetzen kann, verwandelt die Partitur in Musik, die Formel in ein Ergebnis, den Bauplan in ein Haus, das Programm in einen Vorgang.
Schrift ermöglicht Denken. Diese vierte Leistung ist die folgenreichste: Zeichen auf einer Fläche bewahren Gedanken nicht bloß für später. Ihre Anordnung hilft, Gedanken überhaupt erst zu bilden.
Wie sie das mit dem Denken meint, erläutert Krämer mit einer Anekdote über den neunjährigen Carl Friedrich Gauß. Sein Lehrer soll der Klasse aufgegeben haben, die Zahlen von eins bis hundert zu addieren. Gauß soll sich schon nach wenigen Minuten mit der Lösung gemeldet haben: 5050. Er ordnete die Zahlen auf dem Papier zu Paaren (1+100, 2+99, 3+98). Jedes Paar ergibt 101, fünfzig solcher Paare ergeben 5050.
Erst auf dem Blatt erhielten die Zahlen eine räumliche Ordnung. Durch diese Anordnung trat die Regel hervor, die in der bloßen Zahlenfolge verborgen blieb. Das Papier diente als Arbeitsraum: Es entlastet das Gedächtnis, hält Zwischenschritte fest und erlaubt, Elemente neu zu gruppieren. Aus einer langen Rechenaufgabe wird ein überschaubares Muster.
Schrift ist Erkenntnisbedingung
An diesem Punkt beruft sich Krämer auf Hegel, der gesagt hat, erst der Zwang zur Formulierung bringe aus dem Chaos im Kopf überhaupt einen Gedanken hervor. Krämer formuliert das so: »Die Kulturtechnik der Verflachung schafft überhaupt erst den Gedanken.«
Vielleicht kennen Sie das: Man schreibt etwas, und erst der folgende Satz verrät, wohin der Gedanke führt. Der Gedanke entsteht auf dem Papier. Unzählige Skizzenbücher füllen sich mit solchen Fährten (ich denke u. a. an von Rogisters kreatives Scribbeln oder Campes Alphabets): Das Nachdenken sucht die Fläche. Weil die Beziehungen dort sichtbar nebeneinanderstehen, lässt sich mit ihnen arbeiten. So gewinnt das Denken Abstand zu sich selbst.
Mehr Verflachung wagen
Verflachung klingt zunächst nicht nach einer Kulturtechnik, auf die man besonders stolz sein sollte. Krämer dreht diese Wertung mit sichtlichem Vergnügen um. Verflachung ist bei ihr die Fähigkeit, räumliche, zeitliche oder abstrakte Zusammenhänge in zwei Dimensionen darzustellen und dadurch überhaupt erst zugänglich zu machen. Krämer ist überzeugt: »Ich halte das für eine der größten, fruchtbarsten, kreativsten Kulturtechniken, die wir überhaupt entwickelt haben.«
Wie weit das reicht, zeigt Krämer an einem Beispiel. Beim Ausbruch des Vesuvs im Jahr 79 n. Chr. verkohlte die Bibliothek der Villa dei Papiri in Herculaneum. Die Rollen sahen aus wie »verschmolzene Bratwürste« und zerfielen bei der kleinsten Berührung; ihr Inhalt schien für immer verloren. 2023 startete die Vesuvius Challenge, ein offener Wettbewerb zur digitalen Entzifferung dieser Rollen. Noch im selben Jahr erkannte ein KI-Modell die ersten Buchstaben. Erst kürzlich gelang es, eine komplette Rolle durchgehend zu lesen, ohne sie zu öffnen: ein bislang unbekannter stoischer Text aus der Zeit um 200 vor Christus. Die KI verstand kein Wort. Sie erkannte das Muster der Tinte auf dem Untergrund. Gerade deshalb fand sie Texte, die fast zwei Jahrtausende verschlossen waren und nun wieder lesbar werden.
Für Krämer kein Beweis für die Intelligenz der KI, sondern vor allem für ihre These der Schriftbildlichkeit. Die Maschine versteht nicht, was sie entziffert. Sie analysiert Spuren auf einer Fläche.
Typografie als Zugang zu Erkenntnis
»Schrift« verwendet Krämer philosophisch in einem weiteren Sinn. Gemeint ist die grafische Organisation von Zeichen auf einer Fläche – also ihre »Schriftbildlichkeit«. Schreiben verwandelt die zeitliche Abfolge der Laute in eine räumliche Abfolge von Buchstaben. Entscheidend ist, dass Zeichen sichtbar angeordnet sind und dass wir mit dieser Anordnung operieren können. Typografie ist dann nicht nur das, was einem Inhalt eine Form gibt. Sie organisiert den Raum, in dem wir mit Sprache und Zeichen arbeiten können.
Schon der einfache Wortzwischenraum zeigt, wie eigenständig die Logik der Schriftfläche ist. Beim Sprechen hören wir zwischen den Wörtern selten regelmäßige Pausen. Erst die Schrift macht aus dem Sprachstrom (sichtbare) Einheiten. Der Wortabstand ist eine rein grafische Erfindung.
Typografie besteht zu einem erheblichen Teil aus solchen kultivierten Selbstverständlichkeiten. Absatzumbrüche teilen Gedanken. Überschriften bilden Hierarchien. Marginalien kommentieren. Weißraum kann trennen, beruhigen oder hervorheben. Ein Inhaltsverzeichnis macht aus einem langen Text eine navigierbare Struktur. Eine Tabelle bringt Zahlen in Beziehung. Ein Diagramm lässt Daten zu einer Form werden, in der Muster hervortreten. Ein Interface übersetzt unsichtbare technische Vorgänge in Schaltflächen, Zustände und Handlungen.
Jede dieser gestalterischen Entscheidungen beeinflusst, in welcher Reihenfolge etwas wahrgenommen wird, welches Gewicht es erhält und in welchem Zusammenhang es erscheint.
Die Fläche ist ein Möglichkeitsraum. Noch bevor ein Text gelesen wird, bietet seine Gestaltung eine erste Interpretation an. Sie zeigt, wo wir anfangen können, was wichtig aussieht, was zusammengehört und wie sich selbst komplexe Inhalte erschließen. Gute Typografie nimmt den Leser:innen das Denken nicht ab. Sie macht es ihnen möglich. Gute Typografie erspart das Lesen nicht, sie belohnt es.
Hier liegt die Verbindung zu Krämers Ausgangsthese. Schrift leistet weit mehr als die Aufbewahrung gesprochener Sprache. Sie organisiert Gedanken, macht Zusammenhänge sichtbar und schafft Voraussetzungen für Erkenntnis.
Haltung auf zwei Dimensionen
Das Jahresthema der tgm lautet »Gestaltung braucht Haltung«. Nach diesem Abend wissen wir: Haltung zeigt sich auch darin, wie wir eine Fläche organisieren. Typografie arbeitet an diesen Bedingungen. Ihre kulturelle Bedeutung liegt in einer Tätigkeit, die Gestalter:innen gut kennen: Dinge auf einer Fläche zueinander in Beziehung zu setzen.
Darin liegt die Verbindung zwischen Krämers Philosophie und der Arbeit der Typograf:innen: Gestaltung kommt nicht erst ins Spiel, wenn der Gedanke fertig ist und noch eine schöne oder funktionale Form braucht. Die Form bringt den Gedanken mit hervor.
In diesem besten Sinne war das ein flacher Vortrag von Frau Krämer. Denn manchmal muss man die Dinge flach machen, um in die Tiefe zu kommen.
Quellen und weiterführende Hinweise
Hartmut Günther, Otto Ludwig (Hrsg.): Schrift und Schriftlichkeit. Writing and Its Use. Ein interdisziplinäres Handbuch internationaler Forschung. De Gruyter, Berlin/New York 1994/1996.
Sybille Krämer: Schriftbildlichkeit oder: Über eine (fast) vergessene Dimension der Schrift. In: Sybille Krämer, Horst Bredekamp (Hrsg.): »Bild – Schrift – Zahl.« Wilhelm Fink, München 2003.
Sybille Krämer: Figuration, Anschauung, Erkenntnis. Grundlinien einer Diagrammatologie. Suhrkamp, Berlin 2016.
Eva Cancik-Kirschbaum, Sybille Krämer, Rainer Totzke (Hrsg.): Schriftbildlichkeit. Wahrnehmbarkeit, Materialität und Operativität von Notationen. Akademie Verlag, Berlin 2012. Darin: Sybille Krämer, „Punkt, Strich, Fläche. Von der Schriftbildlichkeit zur Diagrammatik“, S. 79–101.
Chris Campe: Alphabets. 50 Lettering-Alphabete aus meinen Skizzenbüchern als Inspiration für alle, die Schrift gestalten und Buchstaben zeichnen. Verlag Books on Demand, 2025.
https://www.allthingsletters.com/buch-alphabets/
Anna Dannecker: 2.000 Jahre nach Vesuv-Ausbruch: KI macht Papyrus-Rollen lesbar, Bayern 2 berichtete am 6.8.2025 um 17.04 Uhr. https://www.br.de/nachrichten/wissen/2-000-jahre-nach-vesuv-ausbruch-ki-macht-papyrus-rollen-lesbar,UszC2Vc
Weitere Fotos des Vortrags finden Sie in unserer Flickr-Gruppe.
Dieser Beitrag wurde vom Autor verfasst und verantwortet. KI wurde redaktionell unterstützend eingesetzt.
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