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Event

Was wir gestalten, gestaltet uns.

Michi Bundscherer
22. März 2026
Künstliche Intel­ligenz, ein Kinderbuch aus dem Jahr 1961 und sechs Magazine, die alle aussehen wie aus einer Hand: Prof. Jean Ulysses Voelker eröffnete die tgm-Vortrags­­reihe 2026 »Zeichen setzen – Gestaltung braucht Haltung« mit einer ehrlichen Diagnose des der Gestaltungs-Branche und einem Schluss, der dennoch Mut macht.

Lob von der KI

Der Vortrag von Ulysses Voelker beginnt mit einem Expe­riment. Zwei Wochen vor dem Abend bittet er eine KI, seinen Vortrag vorzu­be­reiten. Einmal gibt er ihr die These, dass heute in der Gestaltung alles gleich aussieht. Fünf Minuten später das Gegenteil, dass die Vielfalt so groß ist wie nie zuvor. Die Antworten sind in beiden Fällen über­zeugend: Die KI lobt den Ansatz als »spannend und hoch­re­levant«, struk­turiert den Vortrag und gibt sogar Hinweise zur Drama­turgie, inklusive »provo­kanter Fragen und Inter­aktion mit dem Publikum«.

Das beein­druckt zunächst, doch kippt rasch ins Grund­sätzliche: »Ich kriege immer das bestätigt, wie ich in den Wald reinrufe.« Die Maschine antwortet nicht, sie spiegelt. Sie generiert keine originären Antworten, sondern wiederholt, was bereits vorhanden ist – nur besser formuliert. Und sie tut das gut, zu gut viel­leicht.

Die Konsequenz: KI taugt als Recher­chehilfe, als Spar­rings­partner, als Ideen­­­be­schleuniger. Aber, »man muss viel wissen, um damit umzugehen.« Wer das nicht mitbringt, bekommt nur gut formu­lierte Antworten auf schlecht gestellte Fragen.

Sechs Magazine – ein Absender?

Von hier aus führt Voelker in eine Beob­achtung, die viele im Raum teilen dürften: Designs sehen sich immer ähnlicher. Er zeigt unter­schiedliche Magazine mit unter­­schied­lichen Ausrich­tungen. Spar­kas­sen­bro­schüre, Lifestyle-Magazin, poli­tisches Heft – formal kaum noch zu unter­scheiden. Man sieht viel, erkennt aber wenig.

Die Gründe sind bekannt: Was früher indi­vi­duelle Form­findung war, ist heute vielerorts zur Konfi­gu­ration verkommen. Design-Tools wie Canva oder Adobe Express machen Gestaltung für alle möglich, aber sie machen die Gestaltung auch alle gleich. Dazu kommen frei verfügbare Schriften in Massen: »30.000 bei Font­squirrel, alle umsonst. Wie wollen Sie das dem Kunden erklären?«. Und eine Branche, die vor lauter Dynamik kaum noch den Kopf hebt. »Da ist man dauernd getrieben und muss irgendwie funk­tio­nieren.« Wer keine Zeit hat, inne­zu­halten, kann auch keine Haltung entwickeln.

Gleich­zeitig wächst der Druck: 80.000 Gestalter:innen sollen derzeit in Deut­schland arbeiten, jedes Jahr kämen 2.500 neue Absol­ven­tinnen und Absol­venten dazu! »Da muss irgendwas passieren«, sagt Voelker. Und er hat auch eine Antwort parat: Zurück zu den Grundlagen! Wer sich nur vor den Rechner setzt, InDesign aufmacht und schaut, was sich so hin- und herschieben lässt, wird bald Konkurrenz bekommen, die genauso mittelmäßig gestaltet – nur schneller.

Was wir als Wirk­lichkeit wahr­nehmen

Voelker tritt einen Schritt zurück: weg von Tools und Trends, hin zu den Grun­d­lagen visueller Kommu­ni­kation. Was bewirkt Gestaltung eigentlich – und warum? Er spricht von visueller Rhetorik, von kultu­rellen Codes, von der Prägung durch Medien und Zeitgeist.

Wie eng das zusam­menhängt, zeigt er durch einen Blick in die Geschichte: Die dichte Typo­grafie der Nach­kriegszeit folgte dem gesell­schaft­lichen Bedürfnis nach Infor­mation. Die Punk-Gestaltung der späten Siebziger entstand nicht nur aus Haltung, sondern auch aus Technik – Kopierer, Letraset, Selbs­t­er­mäch­tigung. Auch die Gegenwart bringt ihre Mittel hervor: Renderings, gene­rative Systeme; jede Zeit hat ihre Form, und jede Form prägt zurück.

Anschaulich wird das am Beispiel eines Kinderbuchs aus den USA von 1961, das Voelker als Fünf­jähriger las. Es vermittelte ihm eine Wertewelt, die das reale Amerika konsequent ausblendete – keine Native Americans, keine Groß­städte, nur weißes länd­liches Mittel­stand­sidyll. »Ich habe dieses Buch geliebt. Und was sagt das? Das sagt, dass visuelle Kommu­ni­kation extremes Potenzial hat, um zu verführen.« Wer glaube, er merke es schon, wenn etwas nicht stimme, unterliege einem Irrtum. »Heute mehr denn je.«

Oder das Roll­stuhl­symbol: 1968 entworfen, starr und zunächst sogar ohne Kopf, erst Jahr­zehnte später neu inter­pretiert als Mensch in Bewegung. Scheinbar derselbe Inhalt – und doch eine völlig andere Haltung. »Jede Gestalterin, jeder Gestalter trägt dazu bei, wie die Welt aussieht, die wir als Wirk­lichkeit wahr­nehmen.«

Vom Marketing-Sklaven zum Problemlöser

Diese Über­zeugung zieht sich durch den gesamten Abend – und auch durch das gleich­namige Buch, das Voelker gemeinsam mit Michael Schmitz erar­beitet hat und das er vorstellt (wir haben es im tgm-Blog besprochen).

Was bedeutet all das für die Praxis? Wer heute eine:n Auftraggeber:in über­zeugen will, der vorher schon die KI befragt hat, muss nicht »nur« gestalten können: »Sie müssen das, was Sie gemacht haben, gut verar­gu­men­tieren können.« Denn die Kunden verstehen oft gar nicht, was gute Gestaltung leistet.

Eigentlich, überlegt er laut, müsste man »diesen Vortrag woanders halten, wo keine Designer sitzen.«

Den Schluss bildet eine Übung, die Voelker seinen Studie­renden stellt: »Ich als Gestalter:in in 30 Jahren«. Er liest eines dieser Essays vor. Es formuliert nüchtern, was dieser Beruf bedeuten kann: »vom Marketing-Sklaven hin zum multi­dis­zi­plinären Problemlöser«, ein Berufs­ver­ständnis als Verbindung von Diszi­plinen, als konti­nu­ier­liches Lernen, als verant­wortliche Gestaltung von Zusam­men­hängen.

Der entscheidende Satz fällt ganz am Ende und klingt wie ein Programm für die gesamte Vortragsreihe und darüber hinaus: »Wer viel weiß, kann glaub­würdig Haltung beziehen. Wer eine Haltung hat, kann mutig werden. Wer Wissen, Haltung und Mut hat, kann etwas bewegen.«

Der Auftakt zur Vortragsreihe »Zeichen setzen – Gestaltung braucht Haltung« hätte kaum passender sein können. Zwischen KI, kultu­reller Prägung, Wahr­neh­mungs­psy­chologie und Berufs­re­alität erinnert Voelker daran, dass Gestaltung Wissen über Wahr­nehmung, Kultur und Kommu­ni­kation voraussetzt. Gestaltung ist eine Form des Denkens. Das macht Lust auf die kommenden Vorträge.

Weitere Fotos des Vortrags finden Sie in unserer Flickr-Gruppe.

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