Was wir gestalten, gestaltet uns.
Lob von der KI
Der Vortrag von Ulysses Voelker beginnt mit einem Experiment. Zwei Wochen vor dem Abend bittet er eine KI, seinen Vortrag vorzubereiten. Einmal gibt er ihr die These, dass heute in der Gestaltung alles gleich aussieht. Fünf Minuten später das Gegenteil, dass die Vielfalt so groß ist wie nie zuvor. Die Antworten sind in beiden Fällen überzeugend: Die KI lobt den Ansatz als »spannend und hochrelevant«, strukturiert den Vortrag und gibt sogar Hinweise zur Dramaturgie, inklusive »provokanter Fragen und Interaktion mit dem Publikum«.
Das beeindruckt zunächst, doch kippt rasch ins Grundsätzliche: »Ich kriege immer das bestätigt, wie ich in den Wald reinrufe.« Die Maschine antwortet nicht, sie spiegelt. Sie generiert keine originären Antworten, sondern wiederholt, was bereits vorhanden ist – nur besser formuliert. Und sie tut das gut, zu gut vielleicht.
Die Konsequenz: KI taugt als Recherchehilfe, als Sparringspartner, als Ideenbeschleuniger. Aber, »man muss viel wissen, um damit umzugehen.« Wer das nicht mitbringt, bekommt nur gut formulierte Antworten auf schlecht gestellte Fragen.
Sechs Magazine – ein Absender?
Von hier aus führt Voelker in eine Beobachtung, die viele im Raum teilen dürften: Designs sehen sich immer ähnlicher. Er zeigt unterschiedliche Magazine mit unterschiedlichen Ausrichtungen. Sparkassenbroschüre, Lifestyle-Magazin, politisches Heft – formal kaum noch zu unterscheiden. Man sieht viel, erkennt aber wenig.
Die Gründe sind bekannt: Was früher individuelle Formfindung war, ist heute vielerorts zur Konfiguration verkommen. Design-Tools wie Canva oder Adobe Express machen Gestaltung für alle möglich, aber sie machen die Gestaltung auch alle gleich. Dazu kommen frei verfügbare Schriften in Massen: »30.000 bei Fontsquirrel, alle umsonst. Wie wollen Sie das dem Kunden erklären?«. Und eine Branche, die vor lauter Dynamik kaum noch den Kopf hebt. »Da ist man dauernd getrieben und muss irgendwie funktionieren.« Wer keine Zeit hat, innezuhalten, kann auch keine Haltung entwickeln.
Gleichzeitig wächst der Druck: 80.000 Gestalter:innen sollen derzeit in Deutschland arbeiten, jedes Jahr kämen 2.500 neue Absolventinnen und Absolventen dazu! »Da muss irgendwas passieren«, sagt Voelker. Und er hat auch eine Antwort parat: Zurück zu den Grundlagen! Wer sich nur vor den Rechner setzt, InDesign aufmacht und schaut, was sich so hin- und herschieben lässt, wird bald Konkurrenz bekommen, die genauso mittelmäßig gestaltet – nur schneller.
Was wir als Wirklichkeit wahrnehmen
Voelker tritt einen Schritt zurück: weg von Tools und Trends, hin zu den Grundlagen visueller Kommunikation. Was bewirkt Gestaltung eigentlich – und warum? Er spricht von visueller Rhetorik, von kulturellen Codes, von der Prägung durch Medien und Zeitgeist.
Wie eng das zusammenhängt, zeigt er durch einen Blick in die Geschichte: Die dichte Typografie der Nachkriegszeit folgte dem gesellschaftlichen Bedürfnis nach Information. Die Punk-Gestaltung der späten Siebziger entstand nicht nur aus Haltung, sondern auch aus Technik – Kopierer, Letraset, Selbstermächtigung. Auch die Gegenwart bringt ihre Mittel hervor: Renderings, generative Systeme; jede Zeit hat ihre Form, und jede Form prägt zurück.
Anschaulich wird das am Beispiel eines Kinderbuchs aus den USA von 1961, das Voelker als Fünfjähriger las. Es vermittelte ihm eine Wertewelt, die das reale Amerika konsequent ausblendete – keine Native Americans, keine Großstädte, nur weißes ländliches Mittelstandsidyll. »Ich habe dieses Buch geliebt. Und was sagt das? Das sagt, dass visuelle Kommunikation extremes Potenzial hat, um zu verführen.« Wer glaube, er merke es schon, wenn etwas nicht stimme, unterliege einem Irrtum. »Heute mehr denn je.«
Oder das Rollstuhlsymbol: 1968 entworfen, starr und zunächst sogar ohne Kopf, erst Jahrzehnte später neu interpretiert als Mensch in Bewegung. Scheinbar derselbe Inhalt – und doch eine völlig andere Haltung. »Jede Gestalterin, jeder Gestalter trägt dazu bei, wie die Welt aussieht, die wir als Wirklichkeit wahrnehmen.«
Vom Marketing-Sklaven zum Problemlöser
Diese Überzeugung zieht sich durch den gesamten Abend – und auch durch das gleichnamige Buch, das Voelker gemeinsam mit Michael Schmitz erarbeitet hat und das er vorstellt (wir haben es im tgm-Blog besprochen).
Was bedeutet all das für die Praxis? Wer heute eine:n Auftraggeber:in überzeugen will, der vorher schon die KI befragt hat, muss nicht »nur« gestalten können: »Sie müssen das, was Sie gemacht haben, gut verargumentieren können.« Denn die Kunden verstehen oft gar nicht, was gute Gestaltung leistet.
Eigentlich, überlegt er laut, müsste man »diesen Vortrag woanders halten, wo keine Designer sitzen.«
Den Schluss bildet eine Übung, die Voelker seinen Studierenden stellt: »Ich als Gestalter:in in 30 Jahren«. Er liest eines dieser Essays vor. Es formuliert nüchtern, was dieser Beruf bedeuten kann: »vom Marketing-Sklaven hin zum multidisziplinären Problemlöser«, ein Berufsverständnis als Verbindung von Disziplinen, als kontinuierliches Lernen, als verantwortliche Gestaltung von Zusammenhängen.
Der entscheidende Satz fällt ganz am Ende und klingt wie ein Programm für die gesamte Vortragsreihe und darüber hinaus: »Wer viel weiß, kann glaubwürdig Haltung beziehen. Wer eine Haltung hat, kann mutig werden. Wer Wissen, Haltung und Mut hat, kann etwas bewegen.«
Der Auftakt zur Vortragsreihe »Zeichen setzen – Gestaltung braucht Haltung« hätte kaum passender sein können. Zwischen KI, kultureller Prägung, Wahrnehmungspsychologie und Berufsrealität erinnert Voelker daran, dass Gestaltung Wissen über Wahrnehmung, Kultur und Kommunikation voraussetzt. Gestaltung ist eine Form des Denkens. Das macht Lust auf die kommenden Vorträge.
Weitere Fotos des Vortrags finden Sie in unserer Flickr-Gruppe.
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