Jahresthema 2026: Gestaltung braucht Haltung
Wenn Design Dein Job ist, bist Du Friseur, Maler oder Schauwerbegestalter. Aber kein Gestalter. Gute Gestaltung ist eine Haltung, kein Beruf. (Jochen Rädeker)
Zeichen setzen
Als wir im August 2025 über das kommende Jahresthema diskutierten, war schnell klar: Es sollte nicht um Trends gehen, nicht um selbsternannte Stars und nicht um das nächste Must-have-Tool. Sondern um etwas Grundsätzlicheres.
Gesellschaftliche Debatten polarisieren zunehmend. Schriftarten gelten als politische Statements, Bildsprachen als ideologische Marker, selbst Satzzeichen geraten unter Verdacht. Auch scheinbar technische Fragen, etwa zur Zugänglichkeit oder zu unterschiedlichen Sprachfassungen, werden als Positionierung verstanden.
Wie verhalten wir uns dazu? Unsere diesjährige Vortragsreihe will dazu Antworten geben.
Bei der Gestaltung des Key Visuals entschieden wir uns für Bronze: Eine Sonderfarbe, die nicht aufs oberste Treppchen drängt, aber dennoch zu Recht gefeiert wird. Bronze ist eine bewusste Entscheidung gegen das neutrale Grau einer vermeintlichen Objektivität und vor allem gegen das grelle Neon der Aufmerksamkeitsökonomie. Genau diese Position wollen wir einnehmen.
Design heißt, Denken und Machen aufeinander zu beziehen. Ästhetik ohne Ethik tendiert zur Täuschung. (Otl Aicher)
Macher·innen und Unterstützer·innen
Dass Bronze als Sonderfarbe heute auf 1100 DIN-A2-Programmplakaten existiert, verdanken wir engagierter Unterstützung. Die Hoehl-Druck Medien + Service GmbH in Bad Hersfeld spendete vollständig Druck und Papier (Amber Graphic, 70 g/m²). Innerhalb der tgm gestalteten Catherine Hersberger und Maria Färbinger das Plakat, Tina Dompert entwickelte das Key Visual und führt es bis in die Social-Media-Anwendungen weiter, Nolan Paparelli stellte zwei Schriften zur Verfügung, Harald Degen koordinierte die Produktion und Michi Bundscherer und Dr. Hermann Iding begleiteten.
Auf einem Jour fixe der Aktivmitglieder entstand die Idee einer Geschenkkarte, mit der jedes Mitglied eine Person kostenfrei zu einem der diesjährigen Vorträge einladen kann. Michi Bundscherer leitete das Projekt, Erik Spiekermann (Hacking Gutenberg) übernahm Gestaltung und produktionelle Umsetzung. Gedruckt wurde die Klappkarte von Daniel Klotz (Die Lettertypen Berlin) im Buchdruck auf einem Heidelberger Zylinder, nach Vermittlung durch Petra Gebhard stellte die Büttenpapierfabrik Gmund GmbH & Co. KG das Papier (Lakepaper Extra Matt, Cream 200 g/m²) stark vergünstigt bereit. Auch hier: 1100 Exemplare. Ein tolles haptisches Objekt, dass hoffentlich viele Beschenkte findet.
Oliver Linke und Regina Jeanson organisierten den Mitglieder-Versand, Michi Bundscherer verantwortete Schriftstücke, Matthias Hauer koordinierte mit Bavaria Direktmarketing die Produktion, Lettering und den Versand.
Unserer Mitgliederaussendung also als zum großen Teil ehrenamtliche Gemeinschaftsleistung – was für eine beeindruckende Haltung. Herzlichen Dank an alle dafür!
Haltung ist im Grunde nicht objektivierbar. Sie ist gerade heute ein rares und scheues Gut und zeigt sich vor allem dort, wo Menschen, von ihren tiefen Überzeugungen und Werten getragen, Veränderungen meistern und über sich hinauswachsen. (Olaf Leu)
Warum das Thema »Haltung«?
Bilder zirkulieren schneller als Argumente. Künstliche Intelligenz produziert Texte und Visuals ohne eigenes Verantwortungsbewusstsein. Diskurse verhärten sich.
Gestaltung steht dabei nicht am Rand. Welche Schrift wir wählen, welche Wörter wir auszeichnen, welchen Bildausschnitt wir zeigen, sind keine rein formalen Fragen. Sie bestimmen, was sichtbar wird, welche Haltung dahinter steht.
Haltung verstehen wir also nicht als moralischen Überbau. Sie ist die Fähigkeit, Entscheidungen zu begründen, verantworten zu können und ihre Folgen mitzudenken. Haltung bezeichnet eine innere, wertegebundene Grundposition – geprägt von Integrität, Verantwortung und Zivilcourage. Sie zeigt sich dort, wo Überzeugung und Handeln übereinstimmen. Gerade dann, wenn es nicht bequem ist.
Und ebenso wichtig: Haltung ist keine moralische Keule gegen andere. Haltung ist der Anspruch an sich selbst.
Das Jahresprogramm 2026
Die Vortragsreihe versammelt Perspektiven aus Kommunikationsdesign und Typografie ebenso wie aus Buchgestaltung, Fotografie und Architektur. Es geht um visuelle Rhetorik unter dem Druck von Social Media, KI und Plattformen. Um Lesekompetenz als demokratische Grundlage. Um Architektur als kulturelle Verantwortung. Schrift als Kulturtechnik. Um das Bilderbuch als physischen, ästhetischen und narrativen Raum. Um Schrift als Kulturtechnik.
Wir freuen uns auf Prof. Jean Ulysses Voelker, Jutta Echterhoff, Martina Borsche, Peter Haimerl, Prof. Dr. Sybille Krämer, Martin Mosch und Hans ten Doornkaat.
Gemeinsam ist diesen Referent·innen die Überzeugung: Gestaltung ist kein dekorativer Service. Sie greift ein in öffentliche Diskurse, in individuelle Wahrnehmung, in das Selbstverständnis einer Gesellschaft.
Die Vorträge beginnen ab dem 10. März 2026. Mit der Geschenkkarte kann jedes Mitglied eine weitere Person mitbringen – eine zusätzliche Perspektive kann das nächste Gespräch verändern.
»Zeichen setzen – Gestaltung braucht Haltung« ist keine These. Es ist eine Forderung. An uns.
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