Das Ende des tiefen Lesens?
Mit diesem Blogbeitrag möchten wir über unser aktuelles Projekt »Lesekompetenz entwickeln, Demokratie stärken« informieren, indem wir die Hintergründe darlegen. Das Thema hat im Verlauf des Jahres 2025 deutlich an Fahrt aufgenommen bis hin zum Schockmoment im Spätsommer durch die Veröffentlichung der Auswertung der Universität Hamburg, die belegt, dass die Zahl der Erwachsenen mit geringer Lesekompetenz nicht mehr bei 6,2 Millionen (Stand 2018) liegt, sondern auf 10,6 Millionen angestiegen ist. Wir wollen als tgm helfen, die Lesekompetenz bei jungen Münchner Erwachsenen zu steigern und stellen hier das Projekt vor. Dafür benötigen wir auch finanzielle Unterstützung und bitten um Ihre Spende.
Kriege, Katastrophen, Kakophonie: Wegschauen, Abschalten, Newsmüdigkeit und Digital Detox sind aktuelle Bewältigungs-Strategien im Umgang mit dem Zuviel an schlechten Nachrichten. Zu dieser gesunden Abwehrhaltung gesellt sich bei jungen Erwachsenen um die 20 Jahre aber auch immer häufiger die Unfähigkeit, Texte in Länge und Tiefe lesen zu können. Die Aufmerksamkeitskompetenz nimmt in dieser Generation rapide ab. Die Apps auf dem Smartphone, die ihre Feeds im unendlichen Scrolling (Infinite Scrolling oder auch: Doomscrolling) anbieten, liefern kürzere, stark emotionalisierte »Stories«, und das Gehirn reagiert mit Dopaminausschüttung, mit Belohnung – also weiterscrollen, immer kürzeres Lesen. Hinzu kommt die KI, die in der Schule und Universität anbietet, Texte zusammenzufassen, so dass man sich nicht mehr selbst die Mühe des tiefen Lesens machen muss.
Fracking der Kommunikation
Unser Gehirn benötigt aber das Training für das Deep Reading, um entsprechende Nervenstrukturen ausbilden zu können, die uns in die Lage versetzen, unsere Aufmerksamkeit über längere Strecken aufrecht zu halten und tiefer in Texte einzudringen. Wird das Gehirn in dieser Weise nicht trainiert und können sich entsprechende Strukturen nicht ausbilden, kann man die Lesekompetenz für »tiefes Lesen« nicht erwerben. D. Graham Burnett spricht in diesem Zusammenhang vom »Fracking der menschlichen Kommunikation« und warnt eindringlich vor einem möglichen Ende des tiefen Lesens: Ähnlich wie beim Fracking in der Umwelt werden unsere kognitiven Ressourcen aggressiv abgebaut, was die Fähigkeit zum tiefen, komplexen Lesen («Deep Reading«) zerstört.
Bibliotheken in den Absetzcontainer
Das Scheitern an langen Texten macht sich auch besonders an den Universitäten bemerkbar. In einem Artikel der Wochenzeitung »DIE ZEIT« vom April 2025 wird provokant gefragt: Kommt der Geisteselite ihre Kulturtechnik abhanden?
Der Althistoriker Michael Sommer von der Universität Oldenburg konstatiert: »70 bis 80 Prozent der Studierenden haben massive Probleme, sich auch nur mittelschwere Texte zu erarbeiten.« Das Lesepensum der Studierenden hat sich innerhalb der letzten 20 Jahre ungefähr halbiert. Lernforscher Peter Gerjets aus Tübingen berichtet, dass sein Institut die Bibliothek verkleinert hat und drei Viertel der Bücher weggeschmissen hat. Und angehende Germanistikstudierende, die Kindern das Lesen beibringen sollen, lesen selbst nicht mehr ganze Bücher.
Lesekompetenz und Demokratie
Doch Lesen ist unmittelbar auch mit der Ausbildung weiterer Fähigkeiten verbunden: Lesefähigkeit verlieren heißt Kompetenzen einbüßen wie Gedächtnis, Konzentrationsfähigkeit, Wortschatz, Empathie und nicht zuletzt die Fähigkeit zum kritischen Denken selbst. Das führt nicht nur zu Absetzcontainern vor Institutsbibliotheken, sondern auch zur Gefährdung unserer Demokratie: »Mir fehlt die Fantasie, wie eine Demokratie damit klarkommen soll, wenn 80 Prozent keine Texte lesen können.« sagt der Geschichtsprofessor Michael Sommer. In der Tiefe lesen können heißt deshalb auch: Demokratie bewahren.
Während sich Lehrende an den Hochschulen qua ihres Amtes damit auseinandersetzen, wie man jungen Erwachsenen neben dem eigentlichen Studium auch wieder die Fähigkeit zum Deep Reading antrainieren kann, sieht die Lage bei den nicht studierenden jungen Erwachsenen zwischen 20 und 25 anders aus. Hier geht das Lesen einfach den Bach runter. Häufig liegt der Fokus bei Studien wie IGLU oder PISA auf den üblichen »Sorgenkindern«, den Grundschüler·innen. Im Sommer stellt dann die Universität Hamburg eine Sonderanalyse der aktuellen PIAAC-Daten zur Entwicklung der Lese- und Schreibkompetenzen Erwachsener in den Jahren 2012 bis 2023 vor (»Programme for the International Assessment of Adult Competencies«): Die Studie ist der eigentliche »Schockmoment« des Jahres, weil sie belegt, dass die Zahl der Erwachsenen mit geringer Lesekompetenz nicht mehr bei 6,2 Millionen (Stand 2018) liegt, sondern auf 10,6 Millionen angestiegen ist. «Diese Analyse ist entstanden, da es uns ein wichtiges Anliegen ist, diese Befunde für die 2026 endende Dekade für Alphabetisierung und Grundbildung bereitzustellen, « sagt Prof. Dr. Anke Grotlüschen. Sie ist Professorin für Lebenslanges Lernen und Leiterin der LEO-Studien sowie der »LEO PIAAC 2023«-Sonderanalyse. Insbesondere zeigten die Ergebnisse, wie wichtig Literalität für politische Selbstwirksamkeit und demokratische Teilhabe sei: »Lese- und Schreibkompetenzen sind notwendig, um Informationen kritisch zu hinterfragen und zu einer durchdachten politischen Meinung zu kommen«, so Grotlüschen.
Die Debatte verschärft sich
Im Verlauf des Jahres hat sich die Debatte um die Lesekompetenz junger Erwachsener verschärft und politisiert. Nach dem erwähnten Artikel in der ZEIT weitet sich die Diskussion aus. Der Deutschlandfunk hat das Thema über den Sommer sehr konsequent begleitet und thematisch weiterentwickelt: weg vom reinen Kulturthema, hin zu einer harten Debatte über Demokratiefähigkeit und KI. Ab Herbst 2025 wandelt sich die Debatte um die Lesekompetenz von einer rein kulturkritischen Betrachtung hin zu einer akuten bildungspolitischen Krisenintervention. Die erwähnte Sonderauswertung der Uni Hamburg stellt einen Schockmoment für die Bildungspolitik dar und führt zur Forderung nach einer »Taskforce für Alphabetisierung«. Die Bedeutung von Lesekompetenz für eine Demokratie-Resilienz wird immer deutlicher. Kurz vor Weihnachten 2025 verschiebt sich die Debatte zu Fragen um die Finanzierung. Verbände wie die Stiftung Lesen verstärken ihr Kuratorium durch Bundespolitiker·innen zur politisch-dauerhaften Einflussnahme. Der Bundesverband Alphabetisierung und Grundbildung (BVAG) warnt davor, dass die aufgebauten Strukturen der Grundbildungszentren ohne eine Anschlussregelung für die Zeit nach 2026 (Ende der AlphaDekade) zusammenbrechen. Die Volkshochschulen tragen den Großteil der Grundbildungszentren in Deutschland. Der DVV veröffentlichte im September 2025 eine Stellungnahme, in der er die Verstetigung der Mittel forderte, um die spezialisierten Lehrkräfte und Beratungsstellen zu halten. Der DGB hält es für notwendig, dass die Nationale Dekade für Alphabetisierung und Grundbildung nach 2026 nahtlos fortgeführt und weiterentwickelt wird. So wird aus einem anfänglichen Erstaunen über die Abnahme von Lesekompetenz eine verschärfte Debatte, die vor Fragen der Finanzierung und verstärkten Forderungen an die Politik nicht zurückschreckt.
Die tgm engagiert sich
Wir haben uns entschlossen, die Entwicklung von Lesekompetenz bei jungen Erwachsenen zu unterstützen, denn wir halten tiefes Lesen für eine essentielle Kulturtechnik, die nötig ist, um kritisches Denken zu erwerben und dadurch unsere Demokratie zu wahren. Während es für Kinder schon viele Programme gibt, sehen wir junge Erwachsene, die über diese Lesekompetenz nicht verfügen, eher vernachlässigt. Deshalb wollen wir uns für die Steigerung von Lesekompetenz bei jungen Münchner Erwachsenen einsetzen. Doch wie kann man diese Gruppe ein Stück weit von ihren Smartphones wegholen und motivieren, sich tiefes Lesen anzueignen, was ja nicht mühelos gelingt? Wie könnten passende Veranstaltungsformate aussehen, die zum tiefen Lesen animieren und im besten Fall eine Community schafft, die sich selbstorganisiert weiter trifft, um diese Kulturtechnik einzuüben?
Das sind die Fragen, an denen eine Gruppe von Expert·innen im Rahmen eines zweitägigen Workshops arbeiten soll. Dafür konnten wir eine Gruppe gewinnen, die sich aus erfahrenen Praktikern der Didaktik zusammensetzt, ergänzt um eine Bookfluencerin und auch die Münchner Organisationen »Junge VHS München« sowie die »Münchner Stadtbibliothek« sind eingebunden. Die Ergebnisse des Brainstormings sollen zu ganz konkreten Veranstaltungsformaten führen, die anschließend für junge Münchner Erwachsene angeboten werden. Und im besten Fall Bestand durch Selbstorganisation entwickeln.
Wir benötigen finanzielle Unterstützung
Für dieses Projekt »Lesekompetenz entwickeln, Demokratie stärken« benötigen wir finanzielle Unterstützung. Diese haben wir zum Teil bei der BürgerStiftung München angefragt. Einen Anteil von 5.200 Euro wollen wir durch unsere Mitglieder und unsere Eigenmittel selbst zur Verfügung stellen. In unserer Mitgliederbefragung von 2023 haben fast 100 befragte Mitglieder gesagt, sie würden Spenden, wenn es das passende Projekt gäbe. Jetzt ist die Zeit!
Auf der Startseite unseres Internetauftritts haben wir ein Spendenbarometer eingebaut. Wir sind dankbar, dass sich schon einige Mitglieder gefunden haben, die das Projekt unterstützen, aber das reicht noch nicht. Wenn Sie auch dieses Projekt letztlich zum Schutz unserer Demokratie mittragen möchten, freuen wir uns über Ihre Spende:
Spendenkonto:
Typographische Gesellschaft München e.V.IBAN: DE58 7016 9466 0000 4243 40
BIC: GENODEF1M03
Verwendungszweck: Spende Lesekompetenz
Alternativ können Sie auch über PayPal spenden.
Auf Wunsch stellen wir Ihnen gerne eine Spendenbescheinigung aus. Für Spenden bis 300 Euro genügt in der Regel jedoch der Zahlungsbeleg.
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