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Die Infor­ma­ti­onsebene „Gestaltung“ wird vor der Infor­ma­ti­onsebene „Text“ wahr­ge­nommen.
Hans-Rudolf Lutz

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Verein

Das Ende des tiefen Lesens?

Dr. Hermann Iding
8. Januar 2026
Immer mehr Erwachsene verlieren die Fähigkeit zum konzen­trierten Lesen. Eine aktuelle Studie zeigt: 10,6 Millionen Menschen in Deut­schland verfügen nur noch über eine geringe Lese­kom­petenz. Die tgm reagiert darauf mit dem Projekt »Lese­kom­petenz entwickeln, Demo­kratie stärken« – und bittet um Unter­stützung.
eine junge Erwachsene schaut über den Rand eines Buches in die Kamera
Ein Buch lesen?! Ganz?

Mit diesem Blog­beitrag möchten wir über unser aktuelles Projekt »Lese­kom­petenz entwickeln, Demo­kratie stärken« infor­mieren, indem wir die Hinter­gründe darlegen. Das Thema hat im Verlauf des Jahres 2025 deutlich an Fahrt aufge­nommen bis hin zum Schock­moment im Spät­sommer durch die Veröf­fent­lichung der Auswertung der Universität Hamburg, die belegt, dass die Zahl der Erwachsenen mit geringer Lese­kom­petenz nicht mehr bei 6,2 Millionen (Stand 2018) liegt, sondern auf 10,6 Millionen ange­stiegen ist. Wir wollen als tgm helfen, die Lese­kom­petenz bei jungen Münchner Erwachsenen zu steigern und stellen hier das Projekt vor. Dafür benötigen wir auch finan­zielle Unter­stützung und bitten um Ihre Spende.

Kriege, Kata­s­trophen, Kako­phonie: Wegschauen, Abschalten, Newsmü­digkeit und Digital Detox sind aktuelle Bewäl­tigungs-Stra­tegien im Umgang mit dem Zuviel an schlechten Nach­richten. Zu dieser gesunden Abwehr­haltung gesellt sich bei jungen Erwachsenen um die 20 Jahre aber auch immer häufiger die Unfä­higkeit, Texte in Länge und Tiefe lesen zu können. Die Aufmerk­sam­keits­kom­petenz nimmt in dieser Gene­ration rapide ab. Die Apps auf dem Smartphone, die ihre Feeds im unend­lichen Scrolling (Infinite Scrolling oder auch: Doom­s­crolling) anbieten, liefern kürzere, stark emoti­o­na­li­sierte »Stories«, und das Gehirn reagiert mit Dopa­mi­n­aus­schüttung, mit Belohnung – also weiter­s­crollen, immer kürzeres Lesen. Hinzu kommt die KI, die in der Schule und Universität anbietet, Texte zusam­men­zu­fassen, so dass man sich nicht mehr selbst die Mühe des tiefen Lesens machen muss.

Fracking der Kommu­ni­kation

Unser Gehirn benötigt aber das Training für das Deep Reading, um entspre­chende Nerven­strukturen ausbilden zu können, die uns in die Lage versetzen, unsere Aufmerk­samkeit über längere Strecken aufrecht zu halten und tiefer in Texte einzu­dringen. Wird das Gehirn in dieser Weise nicht trainiert und können sich entspre­chende Strukturen nicht ausbilden, kann man die Lese­kom­petenz für »tiefes Lesen« nicht erwerben. D. Graham Burnett spricht in diesem Zusam­menhang vom »Fracking der mensch­lichen Kommu­ni­kation« und warnt eindringlich vor einem möglichen Ende des tiefen Lesens: Ähnlich wie beim Fracking in der Umwelt werden unsere kognitiven Ressourcen aggressiv abgebaut, was die Fähigkeit zum tiefen, komplexen Lesen («Deep Reading«) zerstört.

Junge Erwachsene schaut sich in Bibliothek um
Foto von Arif Riyanto auf Unsplash

Biblio­theken in den Absetz­con­tainer

Das Scheitern an langen Texten macht sich auch besonders an den Univer­sitäten bemerkbar. In einem Artikel der Wochen­zeitung »DIE ZEIT« vom April 2025 wird provokant gefragt: Kommt der Geis­t­eselite ihre Kultur­technik abhanden?

Der Althis­toriker Michael Sommer von der Universität Oldenburg konstatiert: »70 bis 80 Prozent der Studie­renden haben massive Probleme, sich auch nur mittel­schwere Texte zu erar­beiten.« Das Lese­pensum der Studie­renden hat sich innerhalb der letzten 20 Jahre ungefähr halbiert. Lern­forscher Peter Gerjets aus Tübingen berichtet, dass sein Institut die Bibliothek verkleinert hat und drei Viertel der Bücher wegge­schmissen hat. Und angehende Germa­nis­tik­stu­dierende, die Kindern das Lesen beibringen sollen, lesen selbst nicht mehr ganze Bücher.

Lese­kom­petenz und Demo­kratie

Doch Lesen ist unmit­telbar auch mit der Ausbildung weiterer Fähig­keiten verbunden: Lese­fä­higkeit verlieren heißt Kompe­tenzen einbüßen wie Gedächtnis, Konzen­tra­ti­ons­fä­higkeit, Wort­schatz, Empathie und nicht zuletzt die Fähigkeit zum kritischen Denken selbst. Das führt nicht nur zu Absetz­con­tainern vor Insti­tuts­bi­blio­theken, sondern auch zur Gefährdung unserer Demo­kratie: »Mir fehlt die Fantasie, wie eine Demo­kratie damit klar­kommen soll, wenn 80 Prozent keine Texte lesen können.« sagt der Geschichts­pro­fessor Michael Sommer. In der Tiefe lesen können heißt deshalb auch: Demo­kratie bewahren.

Während sich Lehrende an den Hoch­schulen qua ihres Amtes damit ausein­an­der­setzen, wie man jungen Erwachsenen neben dem eigent­lichen Studium auch wieder die Fähigkeit zum Deep Reading antrai­nieren kann, sieht die Lage bei den nicht studie­renden jungen Erwachsenen zwischen 20 und 25 anders aus. Hier geht das Lesen einfach den Bach runter. Häufig liegt der Fokus bei Studien wie IGLU oder PISA auf den üblichen »Sorgen­kindern«, den Grund­schü­ler·innen. Im Sommer stellt dann die Universität Hamburg eine Sonder­analyse der aktuellen PIAAC-Daten zur Entwicklung der Lese- und Schreib­kom­pe­tenzen Erwachsener in den Jahren 2012 bis 2023 vor (»Programme for the Inter­na­tional Assessment of Adult Compe­tencies«): Die Studie ist der eigentliche »Schock­moment« des Jahres, weil sie belegt, dass die Zahl der Erwachsenen mit geringer Lese­kom­petenz nicht mehr bei 6,2 Millionen (Stand 2018) liegt, sondern auf 10,6 Millionen ange­stiegen ist. «Diese Analyse ist entstanden, da es uns ein wichtiges Anliegen ist, diese Befunde für die 2026 endende Dekade für Alpha­be­ti­sierung und Grund­bildung bereit­zu­stellen, « sagt Prof. Dr. Anke Grot­lüschen. Sie ist Professorin für Lebens­langes Lernen und Leiterin der LEO-Studien sowie der »LEO PIAAC 2023«-Sonder­analyse. Insbe­sondere zeigten die Ergebnisse, wie wichtig Lite­ralität für poli­tische Selbst­wirk­samkeit und demo­kra­tische Teilhabe sei: »Lese- und Schreib­kom­pe­tenzen sind notwendig, um Infor­ma­tionen kritisch zu hinter­fragen und zu einer durch­dachten poli­tischen Meinung zu kommen«, so Grot­lüschen.

Frau mit Buch auf ihrem Kopf

Die Debatte verschärft sich

Im Verlauf des Jahres hat sich die Debatte um die Lese­kom­petenz junger Erwachsener verschärft und poli­tisiert. Nach dem erwähnten Artikel in der ZEIT weitet sich die Diskussion aus. Der Deut­sch­landfunk hat das Thema über den Sommer sehr konsequent begleitet und thematisch weiter­ent­wickelt: weg vom reinen Kulturthema, hin zu einer harten Debatte über Demo­kra­tie­fä­higkeit und KI. Ab Herbst 2025 wandelt sich die Debatte um die Lese­kom­petenz von einer rein kultur­kri­tischen Betrachtung hin zu einer akuten bildungs­po­li­tischen Krisen­in­ter­vention. Die erwähnte Sonder­aus­wertung der Uni Hamburg stellt einen Schock­moment für die Bildungs­politik dar und führt zur Forderung nach einer »Taskforce für Alpha­be­ti­sierung«. Die Bedeutung von Lese­kom­petenz für eine Demo­kratie-Resilienz wird immer deut­licher. Kurz vor Weih­nachten 2025 verschiebt sich die Debatte zu Fragen um die Finan­zierung. Verbände wie die Stiftung Lesen verstärken ihr Kura­torium durch Bundes­po­li­ti­ker·innen zur politisch-daue­r­haften Einflussnahme. Der Bundes­verband Alpha­be­ti­sierung und Grund­bildung (BVAG) warnt davor, dass die aufge­bauten Strukturen der Grund­bil­dungs­zentren ohne eine Anschluss­re­gelung für die Zeit nach 2026 (Ende der Alpha­Dekade) zusam­men­brechen. Die Volks­hoch­schulen tragen den Großteil der Grund­bil­dungs­zentren in Deut­schland. Der DVV veröf­fent­lichte im September 2025 eine Stel­lungnahme, in der er die Vers­te­tigung der Mittel forderte, um die spezi­a­li­sierten Lehr­kräfte und Bera­tungs­stellen zu halten. Der DGB hält es für notwendig, dass die Nationale Dekade für Alpha­be­ti­sierung und Grund­bildung nach 2026 nahtlos fort­geführt und weiter­ent­wickelt wird. So wird aus einem anfäng­lichen Erstaunen über die Abnahme von Lese­kom­petenz eine verschärfte Debatte, die vor Fragen der Finan­zierung und verstärkten Forde­rungen an die Politik nicht zurück­schreckt.

Die tgm engagiert sich

Wir haben uns entschlossen, die Entwicklung von Lese­kom­petenz bei jungen Erwachsenen zu unter­stützen, denn wir halten tiefes Lesen für eine essen­tielle Kultur­technik, die nötig ist, um kritisches Denken zu erwerben und dadurch unsere Demo­kratie zu wahren. Während es für Kinder schon viele Programme gibt, sehen wir junge Erwachsene, die über diese Lese­kom­petenz nicht verfügen, eher vernach­lässigt. Deshalb wollen wir uns für die Stei­gerung von Lese­kom­petenz bei jungen Münchner Erwachsenen einsetzen. Doch wie kann man diese Gruppe ein Stück weit von ihren Smart­phones wegholen und moti­vieren, sich tiefes Lesen anzu­eignen, was ja nicht mühelos gelingt? Wie könnten passende Veran­stal­tungs­formate aussehen, die zum tiefen Lesen animieren und im besten Fall eine Community schafft, die sich selbst­or­ga­nisiert weiter trifft, um diese Kultur­technik einzuüben?

Das sind die Fragen, an denen eine Gruppe von Exper­t·innen im Rahmen eines zwei­tägigen Workshops arbeiten soll. Dafür konnten wir eine Gruppe gewinnen, die sich aus erfahrenen Prak­tikern der Didaktik zusam­mensetzt, ergänzt um eine Book­flu­encerin und auch die Münchner Orga­ni­sa­tionen »Junge VHS München« sowie die »Münchner Stadt­bi­bliothek« sind einge­bunden. Die Ergebnisse des Brain­stormings sollen zu ganz konkreten Veran­stal­tungs­formaten führen, die anschließend für junge Münchner Erwachsene angeboten werden. Und im besten Fall Bestand durch Selbst­or­ga­ni­sation entwickeln.

Wir benötigen finanzielle Unterstützung

Für dieses Projekt »Lesekompetenz entwickeln, Demokratie stärken« benötigen wir finanzielle Unterstützung. Diese haben wir zum Teil bei der BürgerStiftung München angefragt. Einen Anteil von 5.200 Euro wollen wir durch unsere Mitglieder und unsere Eigenmittel selbst zur Verfügung stellen. In unserer Mitgliederbefragung von 2023 haben fast 100 befragte Mitglieder gesagt, sie würden Spenden, wenn es das passende Projekt gäbe. Jetzt ist die Zeit!

Auf der Startseite unseres Internetauftritts haben wir ein Spendenbarometer eingebaut. Wir sind dankbar, dass sich schon einige Mitglieder gefunden haben, die das Projekt unterstützen, aber das reicht noch nicht. Wenn Sie auch dieses Projekt letztlich zum Schutz unserer Demokratie mittragen möchten, freuen wir uns über Ihre Spende:

Spendenkonto:

Typographische Gesellschaft München e.V.
IBAN: DE58 7016 9466 0000 4243 40
BIC: GENODEF1M03

Verwendungszweck: Spende Lesekompetenz

Alternativ können Sie auch über PayPal spenden.

Auf Wunsch stellen wir Ihnen gerne eine Spendenbescheinigung aus. Für Spenden bis 300 Euro genügt in der Regel jedoch der Zahlungsbeleg.

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