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Typo­graphie ist die Kunst des feinen Maßes. Ein Zuwenig und Zuschwach entfernt sie ebenso von der Meis­ter­schaft, wie ein Zuviel und Zustark.
Kurt Weidemann

Typographische
Gesellschaft
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Event

Zwischen Reiz und Resonanz

Michi Bundscherer
26. April 2026
Jeder dritte 15-jährige Junge in Deut­schland liest auf Grund­schul­niveau. Gleich­zeitig werden dank BookTok pro Jahr zusätzlich rund 25 Millionen Bücher verkauft. Jutta Echt­erhoff bewegte sich bei ihrem tgm-Vortrag zwischen nüch­ternem Daten­ma­terial und über­ra­schender Hoffnung – und ließ kaum jemanden gleich­gültig.

Zum zweiten Abend der tgm-Reihe »Zeichen setzen – Gestaltung braucht Haltung« hatten wir Jutta Echt­erhoff zu Gast: Buch­mar­ke­ting­ex­pertin, Mitgründerin von Books for Future und jemand, die Lese­för­derung als demo­kra­tische Notwen­digkeit begreift. Was sie mit ihrem Vortrag »Bücher geben Halt(ung)« mitbrachte, war nicht nur ein Beitrag über Bücher – sondern auch ein Blick auf uns.

30 Stunden gegen 3,5 Stunden

In den meisten OECD-Ländern verbringt mindestens die Hälfte der 15-Jährigen 30 Stunden oder mehr pro Woche an digitalen Geräten. In südeu­ro­pä­ischen Ländern ist die Nutzungsdauer tendenziell kürzer, in nord­eu­ro­pä­ischen Ländern noch länger. (Man fragt sich unwei­gerlich, wo man selbst in dieser Rechnung steht.) Gleich­zeitig nimmt das »Deep Reading« weltweit ab – also jene Fähigkeit, sich in einen Text zu vertiefen, Zusam­menhänge herzu­stellen, Ambi­va­lenzen auszu­halten. (Auch das erkennt man viel­leicht im eigenen Alltag wieder, zumindest bei anderen.)

Eine folgen­reiche Entwicklung, denn was tiefes Lesen leistet, entfaltete Echt­erhoff Schritt für Schritt: Wer sich in Figuren hineinliest, versteht, dass andere Menschen manchmal aus guten Gründen anders denken – die Grundlage jeder ernst­haften Ausein­an­der­setzung. Lesen lädt ein zur Selbs­t­re­flexion: Mit wem iden­ti­fiziere ich mich, und warum nicht? Bücher geben Zuversicht und Struktur: »Bücher haben wie das Leben einen Anfang, einen Höhepunkt und ein Ende«, sagt Echt­erhoff. Es wird weitergehen, im Leben wie im Buch.

Die Neuro­wis­sen­schaft kann das messen: Deep Reading stärkt die Theory of Mind, fördert Empathie, dehnt die Aufmerk­sam­keitsspanne aus. Und: Wer mehr als 3,5 Stunden wöchentlich liest, lebt statistisch zwei Jahre länger.

»Ohne fundiertes Wissen lässt sich keine Haltung entwickeln.« Die JIM-Studie zeigt für 2023: nur noch 35 Prozent der 12– bis 19-Jährigen lesen regelmäßig, 16 Prozent lesen nie. Die tägliche Lesedauer ist seit 2021 von 61 auf 49 Minuten gesunken. Bei Studie­renden sank der Anteil täglicher Lese­rinnen und Leser laut Allensbach von 43 Prozent im Jahr 2002 auf 17 Prozent im Jahr 2024. Nicht verwun­derlich: Die PISA-Ergebnisse von 2022 waren bis dahin die schlech­testen, die je in Deut­schland gemessen wurden.

Die poli­tische Dimension des Lesens

Wo Lese­kom­petenz fehlt, entsteht ein Vakuum. Und dieses Vakuum »füllt sich sehr schnell«, sagt Echt­erhoff. »Mit Popu­lismus oder einfachen Antworten.« Die PISA-Defi­nition von Lese­kom­petenz betont: Es geht nicht nur darum, Texte zu verstehen, sondern auch darum, sie zu nutzen und sich mit ihnen ausein­an­der­zu­setzen, »um aktiv am gesell­schaft­lichen Leben teil­zu­nehmen«.

Poli­tische Meinungen formen sich heute zunehmend in digitalen Räumen. Social Media ermögliche zwar Betei­ligung, aber selten echte Debatte. Während die Mitte in der Regel eher schweigt, entstehen an den poli­tischen Rändern »Schein­riesen«.

Hinzu kommt ein neuro­bio­lo­gischer Aspekt: Das Gehirn junger Menschen befindet sich in einem daue­r­haften Span­nungsfeld zwischen Reiz und Regu­lation. Der »Daue­r­be­schuss« durch kurze, dopa­min­ge­triebene Inhalte trifft auf einen präfrontalen Kortex, der noch nicht voll­ständig entwickelt ist.

70.000 Bücher am Tag

Doch Echt­erhoff hatte für diesen Abend auch eine andere Zahlen mitge­bracht: 2024 wurden in Deut­schland 25 Millionen Bücher durch BookTok-Empfeh­lungen verkauft – 70.000 am Tag, Tendenz steigend. Während der Gesamtmarkt im selben Jahr 3 Prozent Umsatz verlor wächst die Belle­tristik.

Getrieben von jungen Frauen zwischen 16 und 29, die lesen – sehr viel lesen. Hundert Bücher im Jahr. Mehrere hundert Seiten pro Werk, sind keine Ausnahme. Das Feuilleton reagiert darauf gern mit Skepsis: zu viel Romantik, zu wenig Anspruch. Echt­erhoff nicht. Diese Lese­rinnen können lesen, und das ist, gemessen an den zuvor genannten Zahlen, alles andere als selbst­ver­ständlich. Der Schritt von Romantasy zu Sachbuch ist klein. Der Schritt von Nicht-Lesen zu Lesen nicht.

Was früher als »Schun­droman« oder »Groschenheft« galt – schnell produziert, billig gemacht, für ein vermeintlich anspruchsloses Publikum –, erscheint heute in fast umge­kehrter Form. Viele New-Adult-Titel sind als visuelle Objekte konzipiert: mit aufwendigem Farb­schnitt, hoch­wertigen Einbänden und Sammler-Ästhetik. Bücher stellt man zuweilen mit der Schnittkante nach vorne ins Regal, damit diese Gestaltung sichtbar ist. Lesen wird nicht nur prak­tiziert, sondern inszeniert. Das Design ist dabei Teil der Lesei­dentität.

Gestaltung als stille Verant­wortung

Echt­erhoff richtete sich an diesem Abend daher bewusst an Gestal­te­rinnen und Gestalter. Sie zeigte einen Sachcomic zum Thema Waldsterben, illus­triert von Hanna Harms: wenig Text, eine ruhige Bild­sprache, viel Weißraum – Raum zum Mitdenken. Das sei eine Gestal­tungs­aufgabe, so Echt­erhoff: Bücher so zu konzi­pieren, dass sie Ruhe vermitteln und dem getakteten Medi­enstrom etwas entge­gen­setzen. Typo­grafie, Weißraum und Mate­ri­alität sind dabei keine Neben­sachen, sondern Bedin­gungen für Aufmerk­samkeit und Konzen­tration. Dieselbe Verant­wortung trägt übrigens auch, wer digitale Platt­formen gestaltet.

Den Schluss bildete ein persön­licher Auftrag ans Publikum: Seien Sie lesend sichtbar, in der Tram, im S-Bahn-Stau, auf dem Arbeitsweg. Verschenken Sie Bücher, sprechen Sie über Gelesenes, holen Sie Klassiker wieder aus dem Regal.

Echt­erhoffs Initiative Books for Future greift diesen Impuls auf und begeistert junge Menschen über soziale Medien und Veran­stal­tungen für Literatur, die sich mit den großen Fragen der Gegenwart befasst – Demo­kratie, Klima­schutz, Gleich­stellung.

Lesen ist also noch lange keine nost­al­gische Praxis. Es ist eine Kultur­technik mit Folgen – für unser Denken, für unsere Haltung. Und, wenn man der Studie glauben will, sogar für unsere Lebenszeit.

Einige von Jutta Echt­erhoff im Vortrag gezeigte Empfeh­lungen

ZUM VORTRAGSTHEMA:

SACH­BÜCHER:

  • Kathrin Schocke: Weiße Tränen (Perspek­tiv­wechsel zum Thema Rassismus)

  • Die Natur retten, Oekom Verlag (KI als Werkzeug des Umwelt­schutzes)

  • Waldsterben, Sachcomic illus­triert von Hanna Harms (visuell, ruhig, für alle Alters­gruppen)

BELLE­TRISTIK & YOUNG ADULT:

  • Benedict Wells: Hard Land (Coming-of-Age in den 80ern, besonders für junge Männer)

  • Mona Kasten: Save Me-Trilogie (New-Adult-Klassiker, inzwischen auch als Serie »Maxton Hall« verfilmt)

  • Colleen Hoover: Nur noch ein einziges Mal (über toxische Bezie­hungen; erlangte erst 2021 durch TikTok seinen Durchbruch)

  • Rebecca Yarros: Flam­men­geküsst, Onyx-Serie (Romantasy-Best­seller)

Viele weitere Empfeh­lungen u. a. auf books4­future.

PLATT­FORMEN FÜR JUNGE LESE­RINNEN UND LESER:

  • books4­future.de – offi­zielle Website der Lite­ra­tur­be­wegung books4­future mit Büchertipps für junge Menschen

  • @books4­future_de – Instagram-Auftritt von books4­future mit Buchin­spi­ra­tionen, Aktionen und Empfeh­lungen

  • #BookTok – Hashtag-Übersicht auf TikTok zur BookTok-Community

  • Wattpad – Online-Plattform, auf der Auto­rinnen und Autoren Geschichten veröf­fent­lichen, oft kapi­telweise

  • Archive of Our Own (AO3) – gemein­nützige Fanfiction-Plattform mit von Nutze­rinnen und Nutzern veröf­fent­lichten Geschichten, 10 Mio. User

Ein schöner persön­licher Eindruck aus dem Publikum findet sich u. a. in einem LinkedIn-Beitrag. Gerne liken.

Weitere Fotos des Vortrags finden Sie in unserer Flickr-Gruppe.

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