Zwischen Reiz und Resonanz
Zum zweiten Abend der tgm-Reihe »Zeichen setzen – Gestaltung braucht Haltung« hatten wir Jutta Echterhoff zu Gast: Buchmarketingexpertin, Mitgründerin von Books for Future und jemand, die Leseförderung als demokratische Notwendigkeit begreift. Was sie mit ihrem Vortrag »Bücher geben Halt(ung)« mitbrachte, war nicht nur ein Beitrag über Bücher – sondern auch ein Blick auf uns.
30 Stunden gegen 3,5 Stunden
In den meisten OECD-Ländern verbringt mindestens die Hälfte der 15-Jährigen 30 Stunden oder mehr pro Woche an digitalen Geräten. In südeuropäischen Ländern ist die Nutzungsdauer tendenziell kürzer, in nordeuropäischen Ländern noch länger. (Man fragt sich unweigerlich, wo man selbst in dieser Rechnung steht.) Gleichzeitig nimmt das »Deep Reading« weltweit ab – also jene Fähigkeit, sich in einen Text zu vertiefen, Zusammenhänge herzustellen, Ambivalenzen auszuhalten. (Auch das erkennt man vielleicht im eigenen Alltag wieder, zumindest bei anderen.)
Eine folgenreiche Entwicklung, denn was tiefes Lesen leistet, entfaltete Echterhoff Schritt für Schritt: Wer sich in Figuren hineinliest, versteht, dass andere Menschen manchmal aus guten Gründen anders denken – die Grundlage jeder ernsthaften Auseinandersetzung. Lesen lädt ein zur Selbstreflexion: Mit wem identifiziere ich mich, und warum nicht? Bücher geben Zuversicht und Struktur: »Bücher haben wie das Leben einen Anfang, einen Höhepunkt und ein Ende«, sagt Echterhoff. Es wird weitergehen, im Leben wie im Buch.
Die Neurowissenschaft kann das messen: Deep Reading stärkt die Theory of Mind, fördert Empathie, dehnt die Aufmerksamkeitsspanne aus. Und: Wer mehr als 3,5 Stunden wöchentlich liest, lebt statistisch zwei Jahre länger.
»Ohne fundiertes Wissen lässt sich keine Haltung entwickeln.« Die JIM-Studie zeigt für 2023: nur noch 35 Prozent der 12– bis 19-Jährigen lesen regelmäßig, 16 Prozent lesen nie. Die tägliche Lesedauer ist seit 2021 von 61 auf 49 Minuten gesunken. Bei Studierenden sank der Anteil täglicher Leserinnen und Leser laut Allensbach von 43 Prozent im Jahr 2002 auf 17 Prozent im Jahr 2024. Nicht verwunderlich: Die PISA-Ergebnisse von 2022 waren bis dahin die schlechtesten, die je in Deutschland gemessen wurden.
Die politische Dimension des Lesens
Wo Lesekompetenz fehlt, entsteht ein Vakuum. Und dieses Vakuum »füllt sich sehr schnell«, sagt Echterhoff. »Mit Populismus oder einfachen Antworten.« Die PISA-Definition von Lesekompetenz betont: Es geht nicht nur darum, Texte zu verstehen, sondern auch darum, sie zu nutzen und sich mit ihnen auseinanderzusetzen, »um aktiv am gesellschaftlichen Leben teilzunehmen«.
Politische Meinungen formen sich heute zunehmend in digitalen Räumen. Social Media ermögliche zwar Beteiligung, aber selten echte Debatte. Während die Mitte in der Regel eher schweigt, entstehen an den politischen Rändern »Scheinriesen«.
Hinzu kommt ein neurobiologischer Aspekt: Das Gehirn junger Menschen befindet sich in einem dauerhaften Spannungsfeld zwischen Reiz und Regulation. Der »Dauerbeschuss« durch kurze, dopamingetriebene Inhalte trifft auf einen präfrontalen Kortex, der noch nicht vollständig entwickelt ist.
70.000 Bücher am Tag
Doch Echterhoff hatte für diesen Abend auch eine andere Zahlen mitgebracht: 2024 wurden in Deutschland 25 Millionen Bücher durch BookTok-Empfehlungen verkauft – 70.000 am Tag, Tendenz steigend. Während der Gesamtmarkt im selben Jahr 3 Prozent Umsatz verlor wächst die Belletristik.
Getrieben von jungen Frauen zwischen 16 und 29, die lesen – sehr viel lesen. Hundert Bücher im Jahr. Mehrere hundert Seiten pro Werk, sind keine Ausnahme. Das Feuilleton reagiert darauf gern mit Skepsis: zu viel Romantik, zu wenig Anspruch. Echterhoff nicht. Diese Leserinnen können lesen, und das ist, gemessen an den zuvor genannten Zahlen, alles andere als selbstverständlich. Der Schritt von Romantasy zu Sachbuch ist klein. Der Schritt von Nicht-Lesen zu Lesen nicht.
Was früher als »Schundroman« oder »Groschenheft« galt – schnell produziert, billig gemacht, für ein vermeintlich anspruchsloses Publikum –, erscheint heute in fast umgekehrter Form. Viele New-Adult-Titel sind als visuelle Objekte konzipiert: mit aufwendigem Farbschnitt, hochwertigen Einbänden und Sammler-Ästhetik. Bücher stellt man zuweilen mit der Schnittkante nach vorne ins Regal, damit diese Gestaltung sichtbar ist. Lesen wird nicht nur praktiziert, sondern inszeniert. Das Design ist dabei Teil der Leseidentität.
Gestaltung als stille Verantwortung
Echterhoff richtete sich an diesem Abend daher bewusst an Gestalterinnen und Gestalter. Sie zeigte einen Sachcomic zum Thema Waldsterben, illustriert von Hanna Harms: wenig Text, eine ruhige Bildsprache, viel Weißraum – Raum zum Mitdenken. Das sei eine Gestaltungsaufgabe, so Echterhoff: Bücher so zu konzipieren, dass sie Ruhe vermitteln und dem getakteten Medienstrom etwas entgegensetzen. Typografie, Weißraum und Materialität sind dabei keine Nebensachen, sondern Bedingungen für Aufmerksamkeit und Konzentration. Dieselbe Verantwortung trägt übrigens auch, wer digitale Plattformen gestaltet.
Den Schluss bildete ein persönlicher Auftrag ans Publikum: Seien Sie lesend sichtbar, in der Tram, im S-Bahn-Stau, auf dem Arbeitsweg. Verschenken Sie Bücher, sprechen Sie über Gelesenes, holen Sie Klassiker wieder aus dem Regal.
Echterhoffs Initiative Books for Future greift diesen Impuls auf und begeistert junge Menschen über soziale Medien und Veranstaltungen für Literatur, die sich mit den großen Fragen der Gegenwart befasst – Demokratie, Klimaschutz, Gleichstellung.
Lesen ist also noch lange keine nostalgische Praxis. Es ist eine Kulturtechnik mit Folgen – für unser Denken, für unsere Haltung. Und, wenn man der Studie glauben will, sogar für unsere Lebenszeit.
Einige von Jutta Echterhoff im Vortrag gezeigte Empfehlungen
ZUM VORTRAGSTHEMA:
Alexander Brand: Die Bildungsweltmeister, Beltz 2024 (warum Estland, Singapur und Japan bei PISA vorne liegen)
Nina Kollek: Der Kampf in den Köpfen, Herder 2024 (Social Media und das jugendliche Gehirn)
SACHBÜCHER:
Kathrin Schocke: Weiße Tränen (Perspektivwechsel zum Thema Rassismus)
Die Natur retten, Oekom Verlag (KI als Werkzeug des Umweltschutzes)
Waldsterben, Sachcomic illustriert von Hanna Harms (visuell, ruhig, für alle Altersgruppen)
BELLETRISTIK & YOUNG ADULT:
Benedict Wells: Hard Land (Coming-of-Age in den 80ern, besonders für junge Männer)
Mona Kasten: Save Me-Trilogie (New-Adult-Klassiker, inzwischen auch als Serie »Maxton Hall« verfilmt)
Colleen Hoover: Nur noch ein einziges Mal (über toxische Beziehungen; erlangte erst 2021 durch TikTok seinen Durchbruch)
Rebecca Yarros: Flammengeküsst, Onyx-Serie (Romantasy-Bestseller)
Viele weitere Empfehlungen u. a. auf books4future.
PLATTFORMEN FÜR JUNGE LESERINNEN UND LESER:
books4future.de – offizielle Website der Literaturbewegung books4future mit Büchertipps für junge Menschen
@books4future_de – Instagram-Auftritt von books4future mit Buchinspirationen, Aktionen und Empfehlungen
#BookTok – Hashtag-Übersicht auf TikTok zur BookTok-Community
Wattpad – Online-Plattform, auf der Autorinnen und Autoren Geschichten veröffentlichen, oft kapitelweise
Archive of Our Own (AO3) – gemeinnützige Fanfiction-Plattform mit von Nutzerinnen und Nutzern veröffentlichten Geschichten, 10 Mio. User
Ein schöner persönlicher Eindruck aus dem Publikum findet sich u. a. in einem LinkedIn-Beitrag. Gerne liken.
Weitere Fotos des Vortrags finden Sie in unserer Flickr-Gruppe.
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