Antwort geben statt Auftrag nehmen
Die Welt ist schon gestaltet.
Das ist das Problem: Die Welt ist übergestaltet, zugerichtet, reguliert, begradigt, verkleidet, zugepflastert, beschildert, verparkt.
Haimerls Ausgangsfrage: »Wie kann es sein, dass wir in einer Gesellschaft leben, in der Hässlichkeit und Unpassendes den Raum bestimmen, in dem wir uns zu 99,9 Prozent bewegen?« Unser Problem ist nicht der Mangel an Form, sondern die Selbstverständlichkeit schlechter Form.
Bestand ist keine Nostalgie
Haimerl spricht viel über Bestand. Bestand bedeutet »nicht nur, dass wir aus der Vergangenheit Elemente in die Zukunft übernehmen«, sagt er, »sondern Bestand heißt auch, dass es beständig ist.«
Das ist keine Absage ans Neue. Aber ein Eingriff sollte nicht zuerst das Alte auslöschen, um endlich frei gestalten zu können. Er sollte auf das antworten, das bereits da ist.
Haimerl will nicht zurück zur Vormoderne, historische Rollenspiele interessieren ihn nicht. Die Moderne habe uns von Ballast befreit, von Ornament und falscher Repräsentation. Aber auch von Erkenntnissen getrennt, die über Jahrhunderte in Proportion und Material gespeichert waren. Haimerl will »die Fäden der Vergangenheit wieder anknüpfen«, sagt er, und zugleich die Abstraktionsfähigkeit der Moderne auf das Überlieferte anwenden. Nicht Entweder-oder, sondern Reibung.
Vergangenheit ist nicht automatisch gut. Deutlich wird das in Krailling an einem Haus aus den 1930er-Jahren, das umgebaut werden sollte. Es ist Teil einer Siedlung, die einst für Nationalsozialisten errichtet wurde. »Ich kann es eigentlich nicht schön machen«, sagt er über dieses Haus, »weil die Schönheit war das Böse.« Form ist nie unschuldig, Schönheit kann verdecken, Harmonie kann verharmlosen. Haimerl verweigert die zwei bequemen Auswege: das Haus herzurichten, als wäre nichts gewesen, oder komplett neu anzufangen. Stattdessen sucht er eine Form, die den Konflikt trägt: Er zieht eine Hülle aus schwarzen Schindeln vom Dach über das gesamte Gebäude bis hinunter zum Boden. Ein sichtbarer Schatten der Geschichte. Nachts sieht man nur noch die beleuchteten Fenster im Raum schweben. Nach Fertigstellung passierte etwas Ungeplantes: Auf den schwarzen Schindeln schmilzt der Raureif am Morgen schneller in der Sonne als im Schatten. Für einen Moment entstehen so scheinbar schneeweiße Schatten – die Umkehrung der Hässlichkeit.
»Frage nicht, antworte!«
Dieser Satz richtet sich nicht gegen Partizipation oder Nutzerzentrierung, sondern gegen die Verwechslung mit Gehorsam. »Viele Architekten glauben, sie sind so eine Art KI«, kritisiert Haimerl. Wünsche kommen rein, eine Form kommt raus. Doch wer Wünsche nur erfüllt, gibt keine Antwort.
»Verantwortung kann nur übernehmen, wer Antworten gibt.« Eine Antwort kann scheitern, zu weit oder zu wenig weit gehen. Aber sie steht für etwas ein, nimmt das Risiko auf sich, macht eine Haltung sichtbar. Gestaltung beginnt dort, wo ein Auftrag nicht nur ausgeführt wird, sondern eine bewusste Antwort erhält. Darin liegt der Unterschied zwischen geschmackvoller Ausführung und professioneller Gestaltung.
Widerstand als Berufsethos
Haimerl geht noch einen Schritt weiter. »Ihr müsst Widerstand leisten«, sagt er. »Wenn da jemand kommt und sagt, versau jetzt mein Haus, versau jetzt meine Stadt, dann machst du das nicht.« Haimerl geht es um essentielle Fragen: Was richten wir an? Was machen wir dauerhaft schlechter, weil es für uns kurzfristig einfacher scheint? Wem dient unsere Gestaltung eigentlich? Wo antworten wir? Wo tun wir nur so?
Widerstand heißt, die eigene Kompetenz nicht kampflos abzugeben. Nicht an den Markt, nicht an ein Gremium, nicht an die KI, nicht an den Reflex, alles zu entschärfen, bis es niemandem mehr auffällt. Es ist das Beharren darauf, dass eine Frage mehr verdient als die bequemste Antwort.
Das Jahresthema der tgm lautet: »Zeichen setzen. Gestaltung braucht Haltung.« Was das heißt, hat Haimerl auschaulich präzisiert. Haltung ist nicht die Summe guter Absichten. Haltung ist die eigene Antwort, die Form wird – und damit angreifbar.
Weitere Fotos des Vortrags finden Sie in unserer Flickr-Gruppe.
Dieser Beitrag wurde vom Autor verfasst und verantwortet. KI wurde redaktionell unterstützend eingesetzt.
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