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Die virtuelle Welt beschert uns keine Verdop­pelung der Welt, sondern eine Verkrüp­pelung der Wirk­lichkeit.
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Event

Antwort geben statt Auftrag nehmen

Michi Bundscherer
23. Juni 2026
Gute Gestaltung findet sich selten dort, wo alle einver­standen sind. Der tgm-Vortrag des Archi­tekten Peter Haimerl am 9. Juni war kein Rundgang durch (s)ein Werk, sondern eine Zumutung im besten Sinn: eine Vertei­digung der Haltung gegen das bloße Erfüllen.

Die Welt ist schon gestaltet.

Das ist das Problem: Die Welt ist über­ge­staltet, zuge­richtet, reguliert, begradigt, verkleidet, zuge­pflastert, beschildert, verparkt.

Haimerls Ausgangsfrage: »Wie kann es sein, dass wir in einer Gesell­schaft leben, in der Häss­lichkeit und Unpas­sendes den Raum bestimmen, in dem wir uns zu 99,9 Prozent bewegen?« Unser Problem ist nicht der Mangel an Form, sondern die Selbst­ver­ständ­lichkeit schlechter Form.

Bestand ist keine Nostalgie

Haimerl spricht viel über Bestand. Bestand bedeutet »nicht nur, dass wir aus der Vergan­genheit Elemente in die Zukunft über­nehmen«, sagt er, »sondern Bestand heißt auch, dass es beständig ist.«
Das ist keine Absage ans Neue. Aber ein Eingriff sollte nicht zuerst das Alte auslöschen, um endlich frei gestalten zu können. Er sollte auf das antworten, das bereits da ist.

Haimerl will nicht zurück zur Vormoderne, histo­rische Rollen­spiele inter­es­sieren ihn nicht. Die Moderne habe uns von Ballast befreit, von Ornament und falscher Reprä­sen­tation. Aber auch von Erkennt­nissen getrennt, die über Jahr­hunderte in Propor­tion und Material gespeichert waren. Haimerl will »die Fäden der Vergan­genheit wieder anknüpfen«, sagt er, und zugleich die Abstrak­ti­ons­fä­higkeit der Moderne auf das Über­­­lieferte anwenden. Nicht Entweder-oder, sondern Reibung.

Vergan­genheit ist nicht auto­matisch gut. Deutlich wird das in Krailling an einem Haus aus den 1930er-Jahren, das umgebaut werden sollte. Es ist Teil einer Siedlung, die einst für Nati­o­nal­so­zi­a­listen errichtet wurde. »Ich kann es eigentlich nicht schön machen«, sagt er über dieses Haus, »weil die Schönheit war das Böse.« Form ist nie unschuldig, Schönheit kann verdecken, Harmonie kann verharmlosen. Haimerl verweigert die zwei bequemen Auswege: das Haus herzu­richten, als wäre nichts ge­wesen, oder komplett neu anzu­fangen. Statt­dessen sucht er eine Form, die den Konflikt trägt: Er zieht eine Hülle aus schwarzen Schindeln vom Dach über das gesamte Gebäude bis hinunter zum Boden. Ein sichtbarer Schatten der Geschichte. Nachts sieht man nur noch die beleuchteten Fenster im Raum schweben. Nach Fertig­stellung passierte etwas Unge­plantes: Auf den schwarzen Schindeln schmilzt der Raureif am Morgen schneller in der Sonne als im Schatten. Für einen Moment entstehen so scheinbar schneeweiße Schatten – die Umkehrung der Häss­lichkeit.

»Frage nicht, antworte!«

Dieser Satz richtet sich nicht gegen Parti­zi­pation oder Nutzer­zen­trierung, sondern gegen die Verwechslung mit Gehorsam. »Viele Archi­tekten glauben, sie sind so eine Art KI«, kritisiert Haimerl. Wünsche kommen rein, eine Form kommt raus. Doch wer Wünsche nur erfüllt, gibt keine Antwort.

»Verantwortung kann nur über­nehmen, wer Antworten gibt.« Eine Antwort kann scheitern, zu weit oder zu wenig weit gehen. Aber sie steht für etwas ein, nimmt das Risiko auf sich, macht eine Haltung sichtbar. Gestaltung beginnt dort, wo ein Auftrag nicht nur ausgeführt wird, sondern eine bewusste Antwort erhält. Darin liegt der Unter­schied zwischen geschmack­voller Ausführung und profes­si­o­neller Gestaltung.

Widerstand als Berufsethos

Haimerl geht noch einen Schritt weiter. »Ihr müsst Widerstand leisten«, sagt er. »Wenn da jemand kommt und sagt, versau jetzt mein Haus, versau jetzt meine Stadt, dann machst du das nicht.« Haimerl geht es um essen­tielle Fragen: Was richten wir an? Was machen wir dauerhaft schlechter, weil es für uns kurz­fristig ein­facher scheint? Wem dient unsere Gestaltung eigentlich? Wo antworten wir? Wo tun wir nur so?

Widerstand heißt, die eigene Kompetenz nicht kampflos abzugeben. Nicht an den Markt, nicht an ein Gremium, nicht an die KI, nicht an den Reflex, alles zu entschärfen, bis es niemandem mehr auffällt. Es ist das Beharren darauf, dass eine Frage mehr verdient als die bequemste Antwort.

Das Jahresthema der tgm lautet: »Zeichen setzen. Gestaltung braucht Haltung.« Was das heißt, hat Haimerl auschaulich präzisiert. Haltung ist nicht die Summe guter Absichten. Haltung ist die eigene Antwort, die Form wird – und damit angreifbar.

Weitere Fotos des Vortrags finden Sie in unserer Flickr-Gruppe.

Dieser Beitrag wurde vom Autor verfasst und verant­wortet. KI wurde redak­tionell unter­stützend eingesetzt.

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