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Event

Nähe und Distanz

Michi Bundscherer
26. Mai 2026
Wie ehrlich dürfen Bilder heute eigentlich sein? Martina Borsches Vortrag war nicht nur ein Foto­vortrag, sondern auch eine Reflexion über Wahr­haf­tig­keit in der visuellen Kommu­ni­kation. Über die Frage, wie ehrliche Bilder entstehen können – jenseits von Hoch­glanz­äs­thetik oder zufälligem Schnapp­schuss.

Eine Frau sucht unter dem Sofa nach einer Socke. »Bist du dir sicher, dass du meine alten Brüste hier sehen willst?«, fragt die Porträ­tierte. Martina Borsche ist sich sicher. Den Blick durch den Sofaspalt, den Körper in einem alltäg­lichen, unbe­ob­achteten Moment: das Bild hat sie seit Wochen im Kopf.

Borsches Lang­zeit­projekt »Dome­sticated« zeigt Mütter in ihren eigenen vier Wänden, die Gesichter meist unkenntlich verdeckt. Keine idea­li­sierten Mutter­schafts­bilder. Statt­dessen Körper im Alltag: erschöpft, bean­sprucht, präsent. Kinder klettern über Rücken, hängen an Armen, igno­rieren Scham­grenzen voll­kommen selbst­ver­ständlich. »Der mütte­rliche Körper kann manchmal einfach ein Nutz­objekt sein«, sagt Borsche.

Anonymität als Befreiung

»Ich habe gemerkt, dass sie sich viel freier fühlen, wenn sie nicht wahr­ge­nommen werden«, erklärt sie. Nicht das Gesicht verbürgt die Person, sondern dessen Verschwinden macht sie erst sichtbar. Borsche foto­grafiert dort, »wo sich die Menschen wohl­fühlen«, selten im Studio, eher am Küchentisch, im Bad oder auf dem Bett. Dann erzählen nicht nur die Körper selbst etwas, sondern auch die Räume: herum­liegende Wäsche, Spiel­zeugberge, Klorollen, enge Flure, schlechte Licht­ver­hältnisse. Dinge, die in der zeit­ge­nös­sischen Bild­pro­duktion eher vermieden oder wegre­tu­schiert werden. Doch gerade dadurch entstehen Bilder, die nicht bloß glaub­würdig aussehen, sondern tatsächlich etwas Ehrliches trans­por­tieren.

Imper­fektion nicht als Look

Werbung inszeniert Imper­fektion inzwischen genauso sorg­fältig wie früher Perfektion. Die zerknitterte Bett­wäsche im Möbel­katalog, die Brot­krümel auf dem Früh­stückstisch. Authen­tizität als Stil­mittel. Borsche benutzt das Unperfekte nicht als Look, sondern akzeptiert es als Realität. Sie lässt zu, dass die Realität dazwi­schenfunkt: Kinder machen nicht mit, Wohnungen sind zu eng, Hunde laufen durchs Bild. »Es ist super wichtig, dass man in solchen Fällen einfach mit dem Flow geht.«

Borsche spricht erstaunlich offen über Insze­nierung. Viele ihrer Bilder exis­tieren vorher bereits sehr konkret in ihrem Kopf. Das Sofa-Bild etwa plante sie genau so: Perspektive, Situation, Körper­haltung. Und trotzdem verlieren die Bilder nichts von ihrer Offenheit. Viel­leicht weil sie ihre Insze­nierung nie als Wahrheit tarnt. »Letzt­endlich sind alle Bilder inszeniert«, sagt sie später in der Diskussion. Selbst doku­men­ta­rische Foto­grafie bleibt ein gewählter Ausschnitt.

Verant­wortung in zwei Rich­tungen

Borsche foto­grafiert ausschließlich analog: weniger Bilder, mehr Bedacht. Ihre Bildethik richtet sich in zwei Rich­tungen. »Wenn ich Frauen porträtiere, habe ich die Verant­wortung, Frauen so darzu­stellen, wie ich gerne gesehen werde. Und das muss nicht immer schön sein.« Wie Teen­a­ge­rinnen abge­lichtet werden, formt das Bild, das andere Mädchen von sich selbst entwerfen.

»Wenn ich jemanden porträtiere, fühlt sich das oft an wie ein One-Night-Stand. Man fordert viel und man gibt viel. Diese Vulne­ra­bility darf man nicht für sich ausnutzen.«

Wahr­haf­tigkeit, sagt Borsches Arbeit, liegt nicht im Bild selbst. Sondern in der Beziehung, aus der es entsteht.

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