Nähe und Distanz
Eine Frau sucht unter dem Sofa nach einer Socke. »Bist du dir sicher, dass du meine alten Brüste hier sehen willst?«, fragt die Porträtierte. Martina Borsche ist sich sicher. Den Blick durch den Sofaspalt, den Körper in einem alltäglichen, unbeobachteten Moment: das Bild hat sie seit Wochen im Kopf.
Borsches Langzeitprojekt »Domesticated« zeigt Mütter in ihren eigenen vier Wänden, die Gesichter meist unkenntlich verdeckt. Keine idealisierten Mutterschaftsbilder. Stattdessen Körper im Alltag: erschöpft, beansprucht, präsent. Kinder klettern über Rücken, hängen an Armen, ignorieren Schamgrenzen vollkommen selbstverständlich. »Der mütterliche Körper kann manchmal einfach ein Nutzobjekt sein«, sagt Borsche.
Anonymität als Befreiung
»Ich habe gemerkt, dass sie sich viel freier fühlen, wenn sie nicht wahrgenommen werden«, erklärt sie. Nicht das Gesicht verbürgt die Person, sondern dessen Verschwinden macht sie erst sichtbar. Borsche fotografiert dort, »wo sich die Menschen wohlfühlen«, selten im Studio, eher am Küchentisch, im Bad oder auf dem Bett. Dann erzählen nicht nur die Körper selbst etwas, sondern auch die Räume: herumliegende Wäsche, Spielzeugberge, Klorollen, enge Flure, schlechte Lichtverhältnisse. Dinge, die in der zeitgenössischen Bildproduktion eher vermieden oder wegretuschiert werden. Doch gerade dadurch entstehen Bilder, die nicht bloß glaubwürdig aussehen, sondern tatsächlich etwas Ehrliches transportieren.
Imperfektion nicht als Look
Werbung inszeniert Imperfektion inzwischen genauso sorgfältig wie früher Perfektion. Die zerknitterte Bettwäsche im Möbelkatalog, die Brotkrümel auf dem Frühstückstisch. Authentizität als Stilmittel. Borsche benutzt das Unperfekte nicht als Look, sondern akzeptiert es als Realität. Sie lässt zu, dass die Realität dazwischenfunkt: Kinder machen nicht mit, Wohnungen sind zu eng, Hunde laufen durchs Bild. »Es ist super wichtig, dass man in solchen Fällen einfach mit dem Flow geht.«
Borsche spricht erstaunlich offen über Inszenierung. Viele ihrer Bilder existieren vorher bereits sehr konkret in ihrem Kopf. Das Sofa-Bild etwa plante sie genau so: Perspektive, Situation, Körperhaltung. Und trotzdem verlieren die Bilder nichts von ihrer Offenheit. Vielleicht weil sie ihre Inszenierung nie als Wahrheit tarnt. »Letztendlich sind alle Bilder inszeniert«, sagt sie später in der Diskussion. Selbst dokumentarische Fotografie bleibt ein gewählter Ausschnitt.
Verantwortung in zwei Richtungen
Borsche fotografiert ausschließlich analog: weniger Bilder, mehr Bedacht. Ihre Bildethik richtet sich in zwei Richtungen. »Wenn ich Frauen porträtiere, habe ich die Verantwortung, Frauen so darzustellen, wie ich gerne gesehen werde. Und das muss nicht immer schön sein.« Wie Teenagerinnen abgelichtet werden, formt das Bild, das andere Mädchen von sich selbst entwerfen.
»Wenn ich jemanden porträtiere, fühlt sich das oft an wie ein One-Night-Stand. Man fordert viel und man gibt viel. Diese Vulnerability darf man nicht für sich ausnutzen.«
Wahrhaftigkeit, sagt Borsches Arbeit, liegt nicht im Bild selbst. Sondern in der Beziehung, aus der es entsteht.
Weitere Blogbeiträge, die Sie interessieren könnten
Zwischen Reiz und Resonanz
Jeder dritte 15-jährige Junge in Deutschland liest auf Grundschulniveau. Gleichzeitig werden dank BookTok pro Jahr zusätzlich rund 25 Millionen Bücher verkauft. Jutta Echterhoff bewegte sich bei ihrem tgm-Vortrag zwischen nüchternem Datenmaterial und überraschender Hoffnung – und ließ kaum jemanden gleichgültig.
artDate: Heimweh nach dem anderen
In Nantesbuch bei Penzberg zeigte der Fotograf und Reporter der Süddeutschen Zeitung Sebastian Beck sein Bild von Bayern, das er in den letzten Jahrzehnten fotografierend erforscht hat und zusammen mit Hans Kratzer in der Ausstellung »Zeitlang« zusammengestellt hat. Bei unserem artDate hatten wir das große Glück, dass Sebastian Beck selbst uns ein letztes Mal seine Fotos gezeigt hat, bevor sie ins Bayerische Nationalmuseum wandern. Die Ausstellung fand statt in der Stiftung Kunst und Natur Nantesbuch, im Langen Haus, durch das wir anschließend noch eine Führung erhielten.
Was wir gestalten, gestaltet uns.
Künstliche Intelligenz, ein Kinderbuch aus dem Jahr 1961 und sechs Magazine, die alle aussehen wie aus einer Hand: Prof. Jean Ulysses Voelker eröffnete die tgm-Vortragsreihe 2026 »Zeichen setzen – Gestaltung braucht Haltung« mit einer ehrlichen Diagnose des der Gestaltungs-Branche und einem Schluss, der dennoch Mut macht.
Jahresthema 2026: Gestaltung braucht Haltung
Gestaltung prägt, wie wir wahrnehmen, lesen und verstehen. In Zeiten von Krisen, Polarisierung und permanenter Reizüberflutung gewinnt Haltung an Bedeutung. Die Vortragsreihe 2026 der tgm fragt: Wie kann Haltung der Gestaltung Orientierung geben?
Wahl-Familie: Zusammen weniger allein?
Ausgehend von der Typografie ist die nächste verwandte Disziplin die Fotografie. Typografisches Gestalten hat sehr viel mit ihr zu tun, vielleicht sogar mehr als mit grafisch gestalten und illustrieren. Und das führt bei Typografen zu Besuchen von Fotoausstellungen und Fotomuseen, um auch aktuell über Strömungen der Fotografie informiert zu sein.
Fotokunst von Barbara Niggl Radloff
Am 25. Februar 2022 erlebten wir eine beeindruckende Fotoausstellung samt hochkarätiger, detailreicher Führung durch Kurator Maximilian Westphal. Mediengestalter und Kunsthistoriker befasste sich schon lange mit der Fotografin und sichtete mehr als 2.500 Schwarz-Weiß-Abzüge aus ihrem Nachlass.
Bildsprache – ein Workshop in Fragen
Stundenlang könnte man über ein Bild diskutieren. Ist es zufällig entstanden oder wurde jedes Element bewusst durch den Fotografen eingesetzt oder arrangiert? Sehen wir als Betrachter überhaupt die Information, die der Fotograf vermitteln möchte? Wie betrachten wir Bilder, wie nehmen wir Informationen auf? Viele Fragen für ein Bild.
Annett Zinsmeisters Systemsicht der Platte
Die Künstlerin Annett Zinsmeister sieht all ihre Arbeiten unter dem Thema »Umbruch mit Wandel«. Und das scheint nicht nur ein Kompliment an das Jahresthema der tgm zu sein sondern sie zeigte das auch. Da fällt auch gleich das Zitat von Heraklit: Nichts ist so beständig wie der Wandel.
Bildbau in der Architektur
Architekturfotografie ist längst nicht mehr nur Dokumentation, sondern geht darüber hinaus und interpretiert ein bildwürdiges Objekt. Ein Band aus der Publikationsreihe S AM begleitet eine Ausstellung im Architekturmuseum Kunsthalle Basel. Der Band ist besonders interessant für Designer, da die Texte nicht nur reflektieren, sondern auch direkte Auskunft und Informationen bieten.