artDate: Heimweh nach dem anderen
Fotos sind nicht einfach nur Fotos, sie zeigen nicht einfach nur die Wirklichkeit: Fotos definieren sie. Denn als Menschen verbinden wir Fotos sofort mit Sinn, mit einer Geschichte, mit einer Story. Werden Fotos oft genug wiederholt, dann verfestigt sich die Story und gerinnt zum Klischee. Bayern wird dann beispielsweise zum »Land der Laptops und Lederhosen«.
Als tgm veranstalten wir sogenannte »artDates«, um den Blick und das Verständnis zu erweitern, indem wir neue Perspektiven ermöglichen: Wir besuchen gemeinsam Orte, Sammlungen, Künstler·innen, die uns einen Blick hinter die Kulissen gewähren oder sogar selbst durch ihre Ausstellungen führen. In diesem Sinne sind wir auf der Suche nach Nuancen, Vielfalt, Zwischentönen, Differenziertheit oder eben: nach neuen Geschichten.
Sebastian Beck ist Reporter der Süddeutschen Zeitung und ein kreativer Fotograf, der Bayern in ein anderes Licht stellt und es uns jenseits der eingestanzten Klischees von Dirndl und Gamsbart zeigt, den »anderen« Geschichten Raum gibt und sie erzählt. In Nantesbuch bei Penzberg hat er uns durch seine Ausstellung »Zeitlang« geführt und die Geschichten hinter den Fotos erzählt. Im Jahr 2022 wurde das Zeitlang-Projekt mit dem Kulturpreis der Bayerischen Landesstiftung ausgezeichnet. Nach Stationen unter anderem in Burghausen, Passau, Regensburg und München war »Zeitlang« nun zum Abschluss der Ausstellungsreihe ein letztes Mal in Nantesbuch zu sehen. Entwickelt hat er sie zusammen mit Hans Kratzer, der ebenfalls für die Süddeutsche Zeitung arbeitet.
Im bayerischen Dialekt ist die »Zeitlang« ein wunderbares Beispiel dafür, wie ein Wort je nach Kontext eine völlig andere emotionale Färbung annehmen kann. Zum Beispiel bedeutet es auch »Sehnsucht« oder »Heimweh«. Beck reist jedes Jahr 30–40.000 Kilometer durch Bayern, begleitet über Jahre Projekte wie zum Beispiel die Passionsfestspiele in Oberammergau, fährt 16-mal zum Gasthaus Lanz, um den einen Moment einzufangen, der Bayern eben abseits der Postkartenmotive zeigt. Gäuboden, Gnadenkapelle, Traditionswirtschaft, Wallfahrtsort: Hier schaut jemand aufs Land, mit einer Mischung aus Neugier, Wohlwollen, Widersinn und dem Wunsch, das echte Leben zu zeigen. Und neben all den Menschenbildern spiegeln auch seine Landschaftsaufnahmen diese warmherzige Melancholie eines anderen Bayern wider.
Die Ausstellung fand statt in der Stiftung Kunst und Natur Nantesbuch, die einen wunderbaren Raum für Begegnung, Austausch und nachhaltiges Handeln bietet. Die Stiftung wurde 2012 von Susanne Klatten gegründet und das dazugehörige Areal beträgt 320 Hektar, welches von der Stadt München erworben wurde.
Im Zentrum steht das »Lange Haus« – Bühne für Konzerte, Literaturfeste, Vorträge, Filmabende und kreative Workshops – durch das uns Sinan von Stietencron führte, leitender Netzwerkkoordinator in Nantesbuch. Der Umweltphilosoph zeigte das architektonisch extrem spannende Projekt, das von Florian Nagler Architekten entworfen wurde und die traditionelle oberbayerische Voralpen-Architektur auf sehr moderne, reduzierte Weise neu interpretiert.
Das Gebäude macht seinem Namen alle Ehre und ist stolze 130 Meter lang. Es vereint die Grundrisse und zum Teil die Grundmauern von zwei ehemaligen Stallgebäuden unter einem einzigen, riesigen Dach. Nagler griff die klassische landwirtschaftliche Typologie von »unten Ställe, oben Tenne« auf. Das Erdgeschoss ist massiv gemauert. Hier befinden sich die kleinteiligeren Räume wie Gästezimmer, Küche, Werkstätten und der Speiseraum. Das Obergeschoss (wo sich die großen Veranstaltungsräume und der Bergeraum befinden) ist als weite, gezimmerte Holzkonstruktion aufgesetzt. Sehr auffällig ist die vertikale Holzschalung (eine sogenannte Brett-Deckel-Verkleidung) im Obergeschoss. Die kräftigen Deckleisten fassen das lange Gebäude optisch zusammen. An den Stellen, wo die Veranstaltungsräume Licht brauchen, wurden die Bretter weggelassen – die Leisten laufen aber weiter und fungieren so als textiler, dämpfender Lichtfilter. Ein durchgehendes, mit roten Ziegeln gedecktes Dach mit mäßigem Dachüberstand zieht sich komplett ohne Unterbrechung über die gesamte Länge. Für dieses stimmige und landschaftsbezogene Konzept hat das Gebäude unter anderem den ArchitekturPreis 2018 des Wessobrunner Kreises gewonnen.
2022 wurde das »Forum Nantesbuch« gegründet und der Aufbau eines interdisziplinären Netzwerks begann, um die Bedeutung lebendiger Böden für Klima, Ernährung und Biodiversität nicht nur in Fachkreisen, sondern auch in der breiten Öffentlichkeit stärker ins Bewusstsein zu rücken. Auf dem Stiftungsgelände finden sich Hoch-, Übergangs- und Niedermoore, die Teil der rund 30 km langen Moorachse vom Kochelsee bis Deining sind. In Nantesbuch stehen Böden im Mittelpunkt – für eine lebenswerte Zukunft. Maßnahmen wie die Renaturierung von Mooren, die Förderung von Mischwäldern und eine nachhaltige Landwirtschaft zeigen, wie Böden geschützt und regeneriert werden können. Das Forum Nantesbuch vereint Fachleute und Akteure aus Wissenschaft, Kultur, Wirtschaft, Medien und Gesellschaft. Ihr gemeinsames Ziel: das Bewusstsein für die Bedeutung lebendiger Böden zu stärken und Lösungsansätze zu fördern.
Wer mehr wissen möchte:
Fotos und Geschichten gibt es als Fotobuch:
Sebastian Beck und Hans Kratzer: Zeitlang – Erkundungen im unbekannten Bayern. 3. überarbeitete Auflage, München, 2021, Süddeutsche Zeitung Edition.
Im Anhang des Fotobuchs gibt es eine nummerierte Übersicht zu den Fotos. Ergänzend dazu hat Sebastian Beck einige Originalstimmen sowie Musik von den Well-Brüdern oder Kommentare von Gerhard Polt bereitgestellt unter:
https://www.sebastian-beck.bayern/zeitlang-audiokommentare/
Bauwelt (Ausgabe 20.2017) – »Das Lange Haus in Karpfsee«
Ein sehr ausführlicher Artikel von Florian Aicher mit vielen Bildern (u.a. von Stefan Müller-Naumann), Grundrissen und Details zur Konstruktion der Holzfassade:
Im Forum Nantesbuch arbeiten über 200 Akteur·innen aus Forschung, Landwirtschaft, Wirtschaft, Politik, Kunst und Zivilgesellschaft zusammen. In Workshops, Fachgesprächen und Projektformaten tauschen sie Wissen aus, diskutieren aktuelle Herausforderungen und entwickeln neue Ansätze für einen verantwortungsvollen Umgang mit Böden. Das Forum ist Teil der langfristigen Bodeninitiative der Stiftung:
https://nantesbuch.de/projekte/forum-nantesbuch/
Fotos in diesem Blogbeitrag von H. Iding
Die artDates der tgm sind ein Format, bei dem ungewöhnliche Einsichten ermöglicht werden: Besuche und Führungen durch besondere Sammlungen, Museen, Ateliers, Corporate Collections, einschließlich inspirierenden Begegnungen mit Künstlerlnnen, Fotografen, Architekten, Kuratoren. Gerne auch verbunden mit der Möglichkeit, sich handwerklich auszuprobieren und schon mal verbunden mit einem Tagesausflug. Die artDates der tgm sind ein offenes Format: Jeder kann einen Vorschlag machen. Seit vielen Jahren umsichtig von Helga Schörnig kuratiert, kultiviert begleitet von Andreas S. Müller und neugierig ausgegraben von Thomas Schlierbach.
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