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Event

artDate: Heimweh nach dem anderen

Dr. Hermann Iding
15. April 2026
In Nantesbuch bei Penzberg zeigte der Fotograf und Reporter der Süddeutschen Zeitung Sebastian Beck sein Bild von Bayern, dass er in den letzten Jahr­zehnten foto­gra­fierend erforscht hat und zusammen mit Hans Kratzer in der Ausstellung »Zeitlang« zusam­men­ge­stellt hat. Bei unserem artDate hatten wir das große Glück, dass Sebastian Beck selbst uns ein letztes Mal seine Fotos gezeigt hat, bevor sie ins Baye­rische Nati­o­nal­museum wandern. Die Ausstellung fand statt in der Stiftung Kunst und Natur Nantesbuch, im Langen Haus, durch das wir anschließend noch eine Führung erhielten.

Fotos sind nicht einfach nur Fotos, sie zeigen nicht einfach nur die Wirk­lichkeit: Fotos defi­nieren sie. Denn als Menschen verbinden wir Fotos sofort mit Sinn, mit einer Geschichte, mit einer Story. Werden Fotos oft genug wiederholt, dann verfestigt sich die Story und gerinnt zum Klischee. Bayern wird dann beispielsweise zum »Land der Laptops und Lederhosen«.

Als tgm veran­stalten wir soge­nannte »artDates«, um den Blick und das Verständnis zu erweitern, indem wir neue Perspektiven ermög­lichen: Wir besuchen gemeinsam Orte, Samm­lungen, Künst­ler·innen, die uns einen Blick hinter die Kulissen gewähren oder sogar selbst durch ihre Ausstel­lungen führen. In diesem Sinne sind wir auf der Suche nach Nuancen, Vielfalt, Zwischentönen, Diffe­ren­ziertheit oder eben: nach neuen Geschichten.

Sebastian Beck ist Reporter der Süddeutschen Zeitung und ein kreativer Fotograf, der Bayern in ein anderes Licht stellt und es uns jenseits der einge­stanzten Klischees von Dirndl und Gamsbart zeigt, den »anderen« Geschichten Raum gibt und sie erzählt. In Nantesbuch bei Penzberg hat er uns durch seine Ausstellung »Zeitlang« geführt und die Geschichten hinter den Fotos erzählt. Im Jahr 2022 wurde das Zeitlang-Projekt mit dem Kulturpreis der Baye­rischen Landes­­s­tiftung ausge­­zeichnet. Nach Stationen unter anderem in Burg­hausen, Passau, Regensburg und München war »Zeitlang« nun zum Abschluss der Ausstel­­lungsreihe ein letztes Mal in Nantesbuch zu sehen. Entwickelt hat er sie zusammen mit Hans Kratzer, der ebenfalls für die Süddeutsche Zeitung arbeitet.

artDate x Zeitlang x Sebastian Beck

Im baye­rischen Dialekt ist die »Zeitlang« ein wunderbares Beispiel dafür, wie ein Wort je nach Kontext eine völlig andere emotionale Färbung annehmen kann. Zum Beispiel bedeutet es auch »Sehnsucht« oder »Heimweh«. Beck reist jedes Jahr 30–40.000 Kilometer durch Bayern, begleitet über Jahre Projekte wie zum Beispiel die Passi­ons­fest­spiele in Ober­am­mergau, fährt 16-mal zum Gasthaus Lanz, um den einen Moment einzu­fangen, der Bayern eben abseits der Post­kar­ten­motive zeigt. Gäuboden, Gnaden­kapelle, Tradi­ti­ons­wirt­schaft, Wall­fahrtsort: Hier schaut jemand aufs Land, mit einer Mischung aus Neugier, Wohl­wollen, Widersinn und dem Wunsch, das echte Leben zu zeigen. Und neben all den Menschen­bildern spiegeln auch seine Land­schafts­auf­nahmen diese warm­herzige Melan­cholie eines anderen Bayern wider.

Sinan von Stietencron erklärt die Architektur des »Langen Hauses«

Die Ausstellung fand statt in der Stiftung Kunst und Natur Nantesbuch, die einen wunderbaren Raum für Begegnung, Austausch und nach­haltiges Handeln bietet. Die Stiftung wurde 2012 von Susanne Klatten gegründet und das dazu­­­ge­hörige Areal beträgt 320 Hektar, welches von der Stadt München erworben wurde.

Im Zentrum steht das »Lange Haus« – Bühne für Konzerte, Lite­ra­turfeste, Vorträge, Film­abende und kreative Workshops – durch das uns Sinan von Stie­tencron führte, leitender Netz­werk­ko­or­dinator in Nantesbuch. Der Umwelt­phi­losoph zeigte das archi­tek­tonisch extrem spannende Projekt, das von Florian Nagler Archi­tekten entworfen wurde und die tradi­ti­onelle ober­baye­rische Voralpen-Archi­tektur auf sehr moderne, redu­zierte Weise neu inter­pretiert.

Nantesbuch: Auf 320 Hektar werden Moore wiedervernässt, Wiesen und Wälder renaturiert, die Artenvielfalt gefördert.

Das Gebäude macht seinem Namen alle Ehre und ist stolze 130 Meter lang. Es vereint die Grundrisse und zum Teil die Grund­mauern von zwei ehemaligen Stall­ge­bäuden unter einem einzigen, riesigen Dach. Nagler griff die klas­sische land­wirt­schaftliche Typologie von »unten Ställe, oben Tenne« auf. Das Erdge­schoss ist massiv gemauert. Hier befinden sich die klein­tei­ligeren Räume wie Gäste­zimmer, Küche, Werk­stätten und der Spei­seraum. Das Ober­ge­schoss (wo sich die großen Veran­stal­tungsräume und der Bergeraum befinden) ist als weite, gezimmerte Holz­kon­struktion aufgesetzt. Sehr auffällig ist die vertikale Holz­schalung (eine soge­nannte Brett-Deckel-Verkleidung) im Ober­ge­schoss. Die kräftigen Deck­leisten fassen das lange Gebäude optisch zusammen. An den Stellen, wo die Veran­stal­tungsräume Licht brauchen, wurden die Bretter wegge­lassen – die Leisten laufen aber weiter und fungieren so als textiler, dämp­fender Licht­filter. Ein durch­ge­hendes, mit roten Ziegeln gedecktes Dach mit mäßigem Dach­überstand zieht sich komplett ohne Unter­brechung über die gesamte Länge. Für dieses stimmige und land­schafts­be­zogene Konzept hat das Gebäude unter anderem den Archi­tek­turPreis 2018 des Wesso­brunner Kreises gewonnen.

2022 wurde das »Forum Nantesbuch« gegründet und der Aufbau eines inter­dis­zi­plinären Netzwerks begann, um die Bedeutung lebendiger Böden für Klima, Ernährung und Biodi­versität nicht nur in Fach­kreisen, sondern auch in der breiten Öffent­lichkeit stärker ins Bewusstsein zu rücken. Auf dem Stif­tungs­­­gelände finden sich Hoch-, Übergangs- und Niedermoore, die Teil der rund 30 km langen Moorachse vom Kochelsee bis Deining sind. In Nantesbuch stehen Böden im Mittelpunkt – für eine lebenswerte Zukunft. Maßnahmen wie die Rena­tu­rierung von Mooren, die Förderung von Misch­wäldern und eine nach­haltige Land­wirt­schaft zeigen, wie Böden geschützt und rege­neriert werden können. Das Forum Nantesbuch vereint Fachleute und Akteure aus Wissen­schaft, Kultur, Wirt­schaft, Medien und Gesell­schaft. Ihr gemeinsames Ziel: das Bewusstsein für die Bedeutung lebendiger Böden zu stärken und Lösungs­ansätze zu fördern. 

 

 

Wer mehr wissen möchte:

Fotos und Geschichten gibt es als Fotobuch:

Sebastian Beck und Hans Kratzer: Zeitlang – Erkun­dungen im unbe­kannten Bayern. 3. über­a­r­beitete Auflage, München, 2021, Süddeutsche Zeitung Edition.

Im Anhang des Fotobuchs gibt es eine numme­rierte Übersicht zu den Fotos. Ergänzend dazu hat Sebastian Beck einige Origi­nal­stimmen sowie Musik von den Well-Brüdern oder Kommentare von Gerhard Polt bereit­ge­stellt unter:

https://www.sebastian-beck.bayern/zeitlang-audio­kom­mentare/

 

Bauwelt (Ausgabe 20.2017) – »Das Lange Haus in Karpfsee«

Ein sehr ausführ­licher Artikel von Florian Aicher mit vielen Bildern (u.a. von Stefan Müller-Naumann), Grund­rissen und Details zur Konstruktion der Holz­fassade:

https://www.bauwelt.de/themen/bauten/Langes-Haus-Karpfsee-Nagler-Archi­tekten-Bad-Heilbrunn-2903395.html

 

Im Forum Nantesbuch arbeiten über 200 Akteur·innen aus Forschung, Land­wirt­schaft, Wirt­schaft, Politik, Kunst und Zivil­ge­sell­schaft zusammen. In Workshops, Fach­ge­sprächen und Projekt­formaten tauschen sie Wissen aus, disku­tieren aktuelle Heraus­for­de­rungen und entwickeln neue Ansätze für einen verant­wor­tungs­vollen Umgang mit Böden. Das Forum ist Teil der lang­fristigen Bode­nin­i­tiative der Stiftung:

https://nantesbuch.de/projekte/forum-nantesbuch/

Fotos in diesem Blog­beitrag von H. Iding

Die artDates der tgm sind ein Format, bei dem unge­wöhnliche Einsichten ermöglicht werden: Besuche und Führungen durch besondere Samm­lungen, Museen, Ateliers, Corporate Collections, einschließlich inspi­rie­renden Begeg­nungen mit Künst­lerlnnen, Foto­grafen, Archi­tekten, Kuratoren. Gerne auch verbunden mit der Möglichkeit, sich hand­werklich auszu­pro­bieren und schon mal verbunden mit einem Tages­ausflug. Die artDates der tgm sind ein offenes Format: Jeder kann einen Vorschlag machen. Seit vielen Jahren umsichtig von Helga Schörnig kuratiert, kultiviert begleitet von Andreas S. Müller und neugierig ausge­graben von Thomas Schlierbach.

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