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Branche

Was Unter­nehmen an Typografie unterschätzen

Patrick Marc Sommer
22. September 2026
Im August und September 2026 haben 20 Menschen aus Typo­grafie, Gestaltung, Kommu­ni­kation, Lehre und Unter­neh­men­s­praxis dieselbe offene Frage beant­wortet: »Was unter­schätzen Unter­nehmen beim Thema Typo­grafie am häufigsten – und welche Folgen hat das?«
Publikation: Was unterschätzen Unternehmen beim Thema Typografie am häufigsten – und welche Folgen hat das?
Die Umfrage ist nicht repräsentativ. Interessant ist aber, wo sich die Antworten berühren und wo sie einen Widerspruch sichtbar machen.

Typo­grafie wird gern dort beurteilt, wo sie gut aussieht. Auf Muster­seiten, in ausge­wählten Anwen­dungen und mit Texten, die zum Entwurf passen. Ob ein System trägt, entscheidet sich jedoch später. In PowerPoint und Outlook, in Tabellen, langen Geschäfts­be­richten und unter Zeitdruck.

1. Das Manual ist noch nicht das System

Ein Corporate Design kann typo­grafisch schlüssig sein und trotzdem an seinen ersten realen Inhalten scheitern. Katharina Marx beschreibt das am Geschäfts­bericht. Während ein Marken­manual häufig zwei oder drei Über­schrif­te­n­ebenen und eine einfache Tabelle vorsieht, können Lage­bericht und Anhang fünf bis sieben Hier­a­rchien, komplexe Tabellen und unter­schiedlich ausge­zeichnete Diagramme verlangen.

Das Problem ist nicht mangelnde Konsequenz. Das Regelwerk bildet die Komplexität der Anwendung schlicht nicht ab. Susanne Huber richtet den Blick auf den Alltag, auf den schnell erstellten Flyer und den Onepager, der noch am selben Tag fertig werden muss. Ohne konti­nu­ierliche Begleitung, schreibt sie, »nützt das schönste Marken­manual nichts«.

Ein Manual doku­mentiert Entschei­dungen. Ein funk­tio­nie­rendes typo­gra­fisches System muss zusätzlich mit Ausnahmen, Zeitdruck und uner­warteten Inhalten umgehen können.

2. Konsistenz kann Mittelmaß produ­zieren

Jakob Runge spricht von der »negativen Kraft von PowerPoint-first-Denken«. Wenn die Grenzen eines Präsen­ta­ti­ons­pro­gramms den Ausgangspunkt der Schrif­tent­scheidung bilden, werden Kerning, OpenType-Funk­tionen und gestal­te­rische Möglich­keiten geopfert. Das Ergebnis nennt er »Konsistenz auf Mittelmaß«.

Die Alter­native ist nicht auto­matisch die exklusive Haus­schrift. Auch dort kann die Imple­men­tierung scheitern, wenn eine Abteilung ihre Anfor­de­rungen durchsetzt und andere Nutzer­gruppen zu spät beteiligt werden. Zugleich kann eine indi­viduell entwi­ckelte Schrift genau die Eigen­stän­digkeit, Sprachab­deckung und Funk­tionen schaffen, die eine Orga­ni­sation braucht.

Die eigentliche Aufgabe ist deshalb nicht maximale Einheit­lichkeit. Es geht um eine begründete Archi­tektur: Wo ist typo­gra­fische Eigen­stän­digkeit unver­zichtbar? Wo wird ein Systemfont gebraucht? Welche Einschränkung ist technisch notwendig und welche bloß bequem?

3. Qualität muss sich erklären lassen

Prof. Jean Ulysses Voelker stellt die grund­sätz­lichsten Fragen der Umfrage. Wie erklärt man Unter­nehmen, worin sich gute Typo­grafie von schlechter unter­scheidet? Hat es messbare und damit sichtbare Folgen, wenn sie Typo­grafie unter­schätzen? Braucht es Schu­lungen, um den Mehrwert mensch­lichen Designs zu vermitteln?

Die Fragen werden drän­gender, weil gute Free Fonts für viele Anwen­dungen und Sprachen verfügbar sind und KI akzeptable visuelle Ergebnisse zugänglich macht. Voelker fragt deshalb auch, wie sich Expertise, Arbeit und Honorare recht­fertigen lassen, wenn der Unter­schied »niemandem ins Auge sticht«.

Eine mögliche Antwort steckt in den übrigen Beiträgen. Profes­si­onelle Typo­grafie besteht nicht allein in der Wahl einer formal über­zeu­genden Schrift. Sie verbindet Lese­führung, Marken­cha­rakter, Sprachen, Anwen­dungen, Lizenzen und Zustän­dig­keiten. Ihre Qualität zeigt sich nicht nur auf der Musterseite, sondern in den Entschei­dungen, die später nicht mehr impro­visiert werden müssen.

Die voll­ständige Auswertung von Patrick Marc Sommer finden Sie in seiner Web-Fassung bzw. der PDF zum Download.

Sie geht über die hier vorge­stellten Ergebnisse hinaus und enthält außerdem die unge­kürzten Antworten aller 20 Befragten: Friedrich Althausen, Michael Bund­scherer, Angelika Emmert, Jan Erlinghagen, Susanne Huber, Manuel Kreuzer, Prof. Dr. Andreas Ken Lanig, Katharina Marx, Ulli Neutzling, Lukas Niehaus, Daniel Perraudin, Prof. Rüdiger Quass von Deyen, Jakob Runge, Erik Spie­kermann, Roland Stieger, Walter Strom­berger, Valentin von Vacano, Prof. Jean Ulysses Voelker, Julia Wittich und Prof. Michael Wörgötter.

Was unter­schätzen Unter­nehmen beim Thema Typo­grafie am häufigsten – und welche Folgen hat das?
Umfrage und Auswertung von Patrick Marc Sommer (Perspektiven).
Unter­stützt von der Typo­gra­phischen Gesell­schaft München e. V.

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