Knapp und auf das Wesentliche bezogen stellte die Autorin Eva Moser die Biografie Otl Aichers vor. Sechs Jahre Arbeit stehen dahinter und sie berichtet wohltuend kritisch (eine Buchbesprechung dieser für das Verständnis »Ulms« wichtigen Biografie folgt in Kürze in der »Buchsucht«).

Die Rotis als eine der bekanntesten Schriften wird von Intellektuellen, Architekten, auch Anthroposophen geliebt, von Typografen eher skeptisch gesehen. Logos des Alltags sind mit Aicher verbunden: Olympiade 1972, Lufthansa, Braun oder Erco. Eva Moser kommt nicht aus einem Ulmer Umkreis (die waren zu dieser Veranstaltung zahlreich erschienen). Sie fand ein Porträt im Ulmer Museum von Aicher so interessant, dass daraus eine kritische Biografie wurde. Nun stellt sie freilich viele Widersprüche im Wirken und im Leben Aichers fest und diese Distanz sorgt für Klarheit, wobei immer das große und wichtige Lebenswerk Aichers betont wird. Er stand für einen Weltentwurf, die Vernunft der Welt und ihre Funktionalität.

Eva Moser. Foto Catherine Avak

Professor Gerwin Schmidt, der offensichtlich ganz kurzfristig auf dieses Podium geriet, berichtete auf die Frage des Philosophen Wilhelm Vossenkuhl (Zeitzeuge Ulms), dass Ulm und Aicher im heutigen Gestaltungsunterricht kein Rolle spiele. Wobei er sich (Jahrgang 1966) durchaus der klassischen Moderne zugehörig fühle, aber auch wie Aicher zwischen Kunst und angewandten Arbeiten stark unterscheide.
Der Architekt Uwe Kiessler, ein Ulmer, betonte, dass diese Biografie ein wunderbares Buch sei, monierte aber zunächst fast lehrerhaft zwei vermeintliche Fehler im Buch Mosers. Die das damit kommentierte, dass ihre Ironie wohl nicht deutlich rüber gekommen wäre. Kiessler erzählte auch von seiner Zusammenarbeit mit Aicher und mancher Dogmatik. So durfte ein Fahrstuhl bei der Bayerischen Rück natürlich nicht gelb sein. Im Architekturunterricht würde Aicher wieder eine Rolle spielen. Und bei Erco käme Aicher in der Diskussion immer noch vor. Kiessler behauptete sogar, dass das Design von Apple ulmerisch wäre.
Schmidt spricht dagegen, da es im Grafik-Design eben nicht nur Ulm gab, sondern andere wie den Schweizer Müller-Brockmann oder Wim Crouwel aus Holland.
Vossenkuhl fragte nach den Schattenseiten Aichers. Eva Moser meinte, dass sie am Schluss ihrer Arbeit nicht alles anders gesehen hätte: Aicher, der Selfmademan der Nachkriegszeit, die kämpfende Person, der Aufsteiger, der nicht nur positiv zu sehen sei.
Kiessler erwähnte den Widerspruch in Aicher. Dort die Kritik am Auto, auf der anderen Seite der Motorrad- und Autonarr; Asket und Purist, aber gleichzeitig der Widerspruch zum Genießer. Der Konflikt zwischen Bill und Aicher musste natürlich angesprochen werden, wobei es um den Gegensatz von Kunst und angewandter Gestaltung ging.
Vossenkuhl erwähnte, dass Aicher  immer den Vorständen die Welt erklären wollte. Und unter dieser Ebene verhandelte er ohnehin nicht. Aicher hat normalerweise keinen Computer benutzt. Das Handwerkliche war entscheidend.
Kiessler sieht Aicher als »eingefleischten« Allgäuer Schwaben, gleichzeitig spielt für den Ort Rotis entfernt Monte Verità mit. Die Autorin betonte, dass  Aicher keine internationale Verbindung brauchte. Er hatte lauter deutsche Auftraggeber. Aicher hätte sich nie verglichen. Andere Gestalter hat er ignoriert. Das Handwerkeln, Selbermachen könnte auch als sehr schwäbischer Rückzug gesehen werden, trotz seiner (in Aufsätzen dokumentierten) wunderbaren Denkansätze.
Aus dem Publikum meldeten sich dann noch, aufgerufen durch Vossenkuhl, Weggenossen, die recht lustige, schöne,  aber auch schwierige Erlebnisse schilderten (Horst Avenarius von BMW, Hans-Hermann Wetcke von der Münchner Rück und der Fotograf Karsten de Riese).

Gerwin Schmidt, Wilhelm Vossenkuhl, Eva Moser, Uwe Kiessler, Reinhard Wittmann. Foto Catherine Avak