Exaktes Wissen für eine passende Schriftwahl

von Michael Bundscherer und Rudolf Paulus Gorbach

Bücher zum Thema Schrift und Typografie gibt es nicht wenige. Möchte sich ein neues Werk vom Rest abheben, muss es mehr bieten, als Fachbegriffe bebildert zu erklären. Mit »Schrift. Wahl und Mischung«, ein fast 1660 g schweres Buch – das man so beispielsweise auch als kleines schwarzes Podest verwenden könnte – ist nun ein weiteres erschienen. Kann so viel Volumen auch mit Inhalt gefüllt werden, kann dieses Buch Neues bieten?

Das tut es ja wirklich, denn der inhaltliche Ansatz ist ziemlich neu. Auf systematische Weise wird der Umgang mit Schrift für die typografische Gestaltung erforscht.

Vorab die konkreten Inhalte des Buchs: Die Publikation ist auf 400 Seiten in verschieden umfangreiche Kapitel aufgeteilt: 1. grundlegende formale Betrachtungen zu Schriftgeschichte, Schriftwirkung und -Anmutung sowie Klassifikationsmöglichkeiten; 2. Schrifttechnik, u.a. Fontformate, OpenType-Features, Variable Fonts; 3. Funktion von Schrift, u.a. Leserlichkeit und Kriterien zur Schriftbeurteilung; 4. allgemeine Vorstellung der im folgenden verwendeten Schriftprofile; 5. Definition von Schriftanforderungen nach Anwendungsbereiche anhand der Profil-Listen; 6. Schriftmischung theoretisch und praktisch; 7. Tipps zur Arbeit mit Schriften, u.a. für Mengensatz und Wortmarken (Logos); 8. Schriftquellen, also wie man heutzutage Schriften findet und lizenziert. 

Zudem lassen die beiden Autoren aufhorchen: Kai Büschl (Dozent, Illustrator und Schriftgestalter) kennt sich wahrlich mit Schrift aus – jahrelang hat er für die tgm u. a. die Schriftvorstellungen vor unseren Hauptvorträgen kuratiert. Und Oliver Linke (ebenfalls Dozent, Designer und Schriftgestalter) der ehemalige Vorsitzende der tgm – das macht neugierig.


Die Schriftprofile

Um eine Schrift überhaupt für geeignet bestimmen zu können, empfehlen die Autoren die Erstellung von Schriftprofilen. Das wird gut beschrieben und in einer das Kapitel abschließenden Tabelle ersichtlich. Mit den Hauptteilen: Lizenz und Technik, Schnitt und Zeichenausbau, Formqualität und Funktionalität sowie Schriftcharakter und Anmutung. Das schafft schon mal eine Basis zum Weiterdenken.

Bisher hatte man zur Wahl der Schrift seine eigenen Erfahrungen und überlegt sich, was etwa zum Buch oder zum Produkt passen könnte. Und hier kommt nun das entscheidende und wichtigste Kapitel des Buches mit vorgeschlagenen Anwendungsprofilen für verschiedene Anwendungsbereiche. Das reicht in 15 Unterkapiteln vom ungestörten linearen Lesen bis zu Schriften für Kartografie. Und wieder sehr hilfreich sind auch hier die Tabellen für Anforderungsprofile jeweils am Ende des Kapitels.

Ich kann mir gut vorstellen, dass dieses System auch in der Ausbildung Verwendung findet. Nicht nur Studierende lieben Listen und tatsächlich helfen solche Schriftprofile, sich systematisch mit den unterschiedlichen Details auseinanderzusetzen.

Das Mischen verschiedener Schriften

Mehrere Schriften miteinander zu kombinieren, Schriftmischungen erzeugen und dass dies gelingen könnte, setzt enormes Wissen über die ganze Bandbreite von Schriften voraus. Im Buch werden die hierfür bekannten verschiedenen Methoden erläutert. Das beginnt ganz einfach, nämlich dort, wo man eigentlich noch nicht von einer Mischung sprechen kann, innerhalb einer Schriftfamilie. Als nächster Schritt wird die Mischung innerhalb einer Schriftsippe erwogen. Für mich ist das eine sehr gute Möglichkeit der Akzentuierung durch Schriftschnitte. Doch Büschl und Linke gehen viel weiter und damit wird es spannend und kompliziert. Denn verschiedene oder sehr verschiedene Schriften werden miteinander gemischt. Und dazu braucht es eben viel Wissen und auch Recherche. Ich selbst stehe dem stilistisch skeptisch gegenüber, weil ich meistens schon mit einer Großfamilie gut zurechtkomme.

Auch wenn dem Profi hier natürlich nichts grundsätzlich Neues geboten wird – denn die Kriterien zur Schriftmischung sind ja kein Geheimwissen – finde ich dieses Kapitel ebenfalls ganz spannend. Von den eher theoretischen Methoden bis hin zu Beispielen aus der Praxis: Ich kenne kaum Literatur, welches dieses Thema so vielschichtig behandelt (hier auf 40 Seiten, siehe auch unten »Vergleich mit anderen Büchern«).
Rudolf, du hast recht: Großfamilien bzw. Schriftsippen sind praktisch, weil die unterschiedlichen Schriften von Haus aus bereits miteinander harmonieren. Für mich ist das aber nicht immer die Ideallösung. Bei Schriftmischungen möchte ich zu große Harmonie eher vermeiden und mische dann etwa eine lesbare Grotesk mit einer luftigen Renaissance-Kursive. Im Kapitel zur Schriftmischung erfährt man, welche Methoden es gibt und welche Feinabstimmungen in diesem Fall vorgenommen werden sollten – also essenzielles Wissen für Menschen, die mit Schrift umgehen.

Schrift formal betrachtet und Aspekte der Realisierung

Damit nun eine Schriftwahl auch gut gelingt, ist nicht nur das Vorwissen und konzeptionelles Arbeiten nötig. Dazu bietet dieses Buches eine Anleitung, wie der Mengen­satz eingerichtet wird. Was ist wichtig, wenn man Wortmarken erstellt oder gar Schriften modifizieren möchte. Und dazu folgt noch ein sehr informatives Kapitel, wo man Schriften finden kann, von Freefonts bis zu Schrift­lizensierung. Auch der gesamte Anhang mit Register, Schriften­verzeichnis und genauem Bild­nachweis scheint vorbildlich gelungen zu sein.

Wir sind mit unserer Betrachtung also schon recht tief drin im Buch. Was wir bis jetzt nicht erwähnt haben, sind die nicht ganz unwichtigen ersten Kapitel. Denn um mit Schrift professionell umgehen zu können, ist grundsätzliches Wissen unabdingbar – etwa zur Schriftgeschichte, Formprinzipien, Schnittausbau und Schriftanmutung. Diese sind sauber recherchiert und mit vielen Abbildungen versehen. Positiv hervorzuheben die Original-Beispiele im Kapitel Schriftgeschichte, denen jeweils eine aktuelle digitale Schrifttype gegenübersteht. 

Die Kapitel zu den verschiedenen konventionellen und neueren Ansätzen der Schriftklassifizierung und die technischen Aspekte bieten neben der angezeigten Breite auch die erforderliche Tiefe. Es werden die Eigenheiten der verschiednen Fontformate erklärt (von PostScript bis SVG Webfonts), auf die Inhalte einer Schriftdatei eingegangen (u.a. Glyphenvarianten und OpenType-Features) und weitere Details erläutert (Hinting, Variable Fonts, responsive Schriften).
Das Thema »Umformatierung von Schriftensoftware« haben nur wenige auf dem Schirm, könnte für einige Anwender aber Anfang 2023 aktuell werden, wenn Adobe die Type-1-Unterstützung auch für InDesign einstellt. Dazu gibt es Wissen zu Lizenz­recht, Stolper­fallen und Möglich­keiten, ohne allerdings konkrete Handlungs­anweisungen zu bieten.


Wo kommen die Schriften her?

Früher war das viel einfacher als heute: Hatte man ein Satzgerät eines bestimmten Herstellers, konnte man von diesem auch die Schriften beziehen. Dieses Monopol hat sich dieser zwar gut bezahlen lassen, aber immerhin wussten die Anwender, wo sie die Schriften beziehen können. Heute funktionieren Schriften in der Regel plattformübergreifend, man kann also aus den Vollen schöpfen. Durch relativ günstige und einfach zu bedienende Werkzeuge ist die Herstellung von Schriften zudem auch so einfach wie noch nie. Die Folge ist ein unübersichtliches Schriftenangebot von schier unzähligen unabhängigen Foudries. Einige neue Vertriebsplattformen versuchen mit unterschiedlichen Plattformkonzepten einige dieser Foundries in Webshops zusammenzufassen. Zudem gibt es nach wie vor die ehemaligen großen Foundries bzw. Plattformen (Monotype, Linotype, FontShop, URW, Bitstream, MyFonts, Hoefler&Co. etc.), welche sich zu einer Firma zusammengeschlossen haben. Dazu kommen weitere Global Player wie Adobe und Google, die ebenfalls zur Unterstützung des eigenen Angebots Schriften anbieten.

Die Frage aber bleibt: Wo findet man die passende Schrift für ein bestimmtes Projekt? Was können Freefonts und was konkret sollte man bei Schriftlizenzierungen beachten? Die beiden Autoren können auch einige Tipps liefern – freilich aus der Sicht einer Independence-Foundry, die sie ja ebenfalls betreiben.


Vergleich mit anderen Büchern

Die Einzigartigkeit des Buches von Linke und Büschl wurde bereits betont. Aber es sei erlaubt, einen Vergleich mit zwei anderen, ebenso wichtigen und sehr gut gestalteten Büchern zu erwähnen. Philipp Stamm: Schrifttypen verstehen, kombinieren mit dem Untertitel »Schriftmischung als Reiz in der Typografie«, ebenfalls von 2021, befasst sich mit demselben Problem, geht aber ganz anders damit um (Besprechung im tgm-Blog am 2. Februar 2021). Ein älteres, aber ebenfalls aktuell gebliebenes Buch von 2008 stammt von Stephanie und Ralph de Jong: Schriftwechsel. Schrift sehen, verstehen, wählen und vermitteln (vier + vier Seiten Nr. 37., tgm, Sommer 2008). Alle drei Bücher sind in sich hervorragend, sind analysierend und praktisch helfend. Und so kann ich sie nur insgesamt empfehlen.

Ich habe in meiner Bibliothek nachgeschaut, ob ich noch weitere Bücher zu diesem Thema finde. Diese behandeln aber entweder nur einen Bruchteil von »Schrift. Wahl und Mischung« oder sind eher für Schriftgestalter geschrieben statt für Schriftnutzende und Typograf·innen. Offenbar füllt dieses Werk eine bisher bestehende Lücke. 

Die Gestaltung des Buches

Es werden auch beeindruckend viele verschiedene Schriften gezeigt. Meistens werden diese in einer Abbildungsunterschrift auch benannt, leider aber nicht überall. Ein eigener zwölfseitiger Anhang listet aber alle verwendeten Fonts auf. Da diese alphabetisch nach Schriftnamen sortiert sind, nicht nach Seitenzahl, hilft sie nicht, eine bestimmte Schrift zu finden. Persönlich hätte ich mir noch mehr Schriftbeispiele von Independence-Foundries gewünscht – dann gäbe es noch mehr zu entdecken. Aber ich sehe schon ein, dass dieses Werk nicht auch noch ein Schriftmusterbuch sein muss.

Schon 1951 wusste Jan Tschichold: »Schutzumschläge sollten auf einen nicht zu dauerhaften papier hergestellt werden, damit sie möglichst bald in den papierkorb wandern müssen. Sie sind verpackung und gehören nicht zur buchkunst, sondern zur reklame.«
Die matte, raue Oberfläche dieses Buches schaut gut aus und fühlt sich gut an. Dieses Hardcover-Buch möchte nicht oberflächlich glänzen und benötigt daher auch keinen Schutzumschlag. Ganz so, wie ein Arbeitsbuch eben sein sollte.

Hier handelt es sich um eine Sach- und Lehrbuchgestaltung von sehr gutem Niveau. Eine dreispaltige Seitenbasis mit einer starken Kraftachse durch das gesamte Buch. Die einzelnen Elemente auf den Seiten lassen sich gut unterscheiden. Die Zweitfarbe des Buches (Pantone 137 C) wird sparsam und nur dort eingesetzt, wo es sinnvoll für die didaktische Verständlichkeit ist. Gesetzt ist das Werk aus den Schriften LD Moderne Slab (8/12 pt) und LD Grotesk (9/12 pt) von Kai Büschl. Papier und Einband sind angenehm haptisch. Der Einband ist stabil und die didaktische Idee des Buches beginnt schon mit einem hinführenden Text auf der Buchvorderseite. Gesetzte Beispiele und die vielen Tabellen stehen hervorragend und es gibt unzählige abgebildete Beispiele aus der Praxis – und das noch in Schwarz-weiß!

Unser Fazit

Man merkt, dass die beiden Autoren nicht nur sehr gut wissen, wovon sie schreiben, sondern sie können das auch verständlich (didaktisch) in Wort und Bild kommunizieren. Ich kann dieses Buch sowohl Leuten empfehlen, die noch in der Ausbildung sind, als auch jenen, die ihr Wissen rund um »Schrift« auf dem aktuellen Stand halten möchten. Wie Anfangs erwähnt, taugt dieses Buch auch als Podest. Haben sich also Kai Büschl und Oliver Linke mit diesem Werk selbst auf ein solches gehoben?

Ich verstehe Respekt und Hochachtung von diesem gelungenen Wissens- und Bildungsprojekt, aber auf einem Podest oder gar einer Kanzel sehe ich die Autoren nicht. Dazu sind Sie den Typografinnen und Typografen zu nah und zu typotüchtig.

Kai Büschl, Oliver Linke
Schrift. Wahl und Mischung
210 × 280 mm
400 Seiten
Festband
Rheinwerk Verlag, Bonn 2021
49,90 Euro
ISBN 978-3-8362-6171-5I