Einer der bedeutendsten Gestalter des 20. Jahrhunderts wäre am 13. Mai diesen Jahres 100 Jahre alt geworden: Otl Aicher. Als Typograf und Lehrer hat Aicher wie kaum ein anderer die moderne Typografie und das Kommunikationsdesign geprägt.

100 Jahre Otl Aicher

Während der NS-Zeit entwickelte Otl Aicher eine starke politische Haltung, die er auch in seine gestalterische Arbeit übertrug. Er verteidigte vehement die bürgerliche Freiheit und wollte durch seine Arbeit »die Welt verändern«. Otl Aichers Werk folgte einer ganzheitlichen Gestaltungsphilosophie. Er hat entscheidend zu unserem heutigen Verständnis von Corporate Design beigetragen. Aicher entwickelte stets authentische und einheitliche Erscheinungsbilder, die alle Bereiche eines Unternehmens widerspiegelten – die Produkte und Dienstleistungen genauso wie auch die Firmenphilosophie. Neben dem grafischen System (Farben, Typografie, Logo, Gestaltungsraster) gehören für ihn auch die Produkte selbst, deren Verpackung, das Leitsystem, die Beschriftung der Fahrzeuge, die Architektur, die Möbel und gegebenenfalls auch die Personalbekleidung zum Erscheinungsbild eines Unternehmens.

»artDate« Exkursion der tgm nach Ulm – 100 Jahre Otl Aicher im HfG-Archiv

Aicher 100 Festival

Andreas Görres und Hannes Gumpp sind schon lange Anhänger von Otl Aicher und Sammler seiner Arbeiten. Zum 100. Geburtstag von Otl Aicher veranstalten sie das »Aicher 100 Festival«. Diverse Veranstaltungen, die im Rahmen der mcbw 2022 stattfinden, finden Sie auf der Website aicher100.de. Wir empfehlen auch den Besuch der Ausstellung mit Tafeln, Plakaten und Büchern von Otl Aicher vom 14. bis 28. Mai 2022:

Pavillon 333
Türkenstraße 15, 80333 München
Dienstag bis Freitag 14 bis 18 Uhr
Samstag bis Sonntag 11 bis 18 Uhr
Eintritt frei

»artDate« Exkursion der tgm nach Ulm – 100 Jahre Otl Aicher im HfG-Archiv

HfG-Archiv Ulm

Anlässlich des Geburtstags zeigt das HfG-Archiv Ulm bis zum 8. Januar 2023 100 Plakate von Otl Aicher. Im Rahmen einer Exkursion »artDate« der tgm machte sich am 29. April eine Gruppe von Gestaltern und Interessierten nach Ulm auf. Der Leiter des HfG-Archivs, Dr. Martin Mäntele, führte uns persönlich durch die ständige Ausstellung und die Räumlichkeiten der früheren Hochschule für Gestaltung – eine besondere Ehre. Zwei Stunden lang lauschten wir gespannt Geschichten über die Gründung der Hochschule, politische wie gesellschaftliche Einflüsse und interne Konflikte in der Hochschule. Ein weiteres Highlight des Besuchs waren die Erläuterungen zu den Arbeiten der Studierenden und Dozenten der HfG.

(Weitere Fotos von unserem Besuch finden Sie weiter unten am Ende des Beitrags.)

Otl Aicher und Inge Scholl

Als Jugendlicher schließt Otl Aicher eine Freundschaft mit seinem Mitschüler Werner Scholl. Durch ihn lernt er mit 17 Jahren die weiteren Geschwister Scholl und somit auch seine spätere Frau Inge kennen. Als Kritiker des NS-Regimes weigert sich Aicher, der Hitlerjugend beizutreten, und darf wegen seiner kritischen Haltung nicht am Abitur Teilnehmen. 1941 wird er zur Wehrmacht eingezogen, desertiert aber im März 1945 und versteckt sich bei der Familie Scholl auf dem Bruderhof in Ewattingen. 

Nach Kriegsende kehren die Familie Scholl und Otl Aicher in Ihre Heimatstadt Ulm zurück. Robert Scholl, Inges Vater, ist nach dem Krieg für drei Jahre Oberbürgermeister der Stadt Ulm und die jungen Leute engagieren sich politisch und gesellschaftlich in der Stadt. Otl Aicher gestaltete sämtliche Plakate für die selbst organisierten Vorträge und Begegnungen, sowie für die Ulmer Volkshochschule, die Inge Scholl 1946 gründet.

»artDate« Exkursion der tgm nach Ulm – 100 Jahre Otl Aicher im HfG-Archiv

HfG Ulm

(Nach dem Zweiten Weltkrieg lehnte Otl Aicher die (gemischte) Großschreibung ab, wie es viele in linken Kreisen taten. Für ihn symbolisiere sie Hierarchie und Unterdrückung. Daher begegnen wir oft auch der Schreibweise »hfg ulm« und anderen klein geschriebenen Wörtern.)

1953 verwirklichten Max Bill, Otl Aicher und Inge Aicher-Scholl (Otl und Inge sind inzwischen verheiratet) endlich ihren gemeinsamen Traum, eine Hochschule für Gestaltung zu eröffnen, und gründen die HfG am Kuhberg in Ulm. Die drei Gründer sahen die HfG als Nachfolgerin des Bauhauses. Ihr Ziel war nicht weniger, als das gesamte gesellschaftliche Leben im Nachkriegsdeutschland neu zu denken. Gut gestaltete Produkte sollen den Menschen zu Wohlstand und einem guten demokratisch organisierten Leben verhelfen.

Meinungsverschiedenheiten zum Lehrkonzept der Hochschule, insbesondere mit Tomás Maldonado, führten 1956 zum Rücktritt von Max Bill. Ein Rektoratskollegium übernimmt daraufhin die Leitung der Hochschule, der auch Otl Aicher angehört. Zwischen 1962 und 1964 leitet Otl Aicher die Hochschule als Rektor. In den nächsten Jahren verliert das Bauhaus immer mehr seine Vorbildfunktion in der Lehre an der HfG. Das Lehrkonzept der HfG Ulm setzt nun auf modernes Industriedesign. Bis zur Angliederung der HfG an die Ingenieurschule Ulm im 1968 ist Otl Aicher aktiv am Lehrbetrieb beteiligt. Die studentische Entwicklungsgruppe 5 entwickelt unter Aichers Leitung das Corporate Design der Deutschen Lufthansa AG, das in Teilen bis heute in Verwendung ist.

Spezialisierung auf visuelle Erscheinungsbilder

Gute Kontakte und die fruchtbare Zusammenarbeit mit Unternehmen wie der Lufthansa und der Max Braun AG sowie der gute Ruf der HfG Ulm haben Otl Aicher die Tür zu weiteren wichtigen Unternehmen geöffnet, wie der Dresdner Bank, ERCO, bulthaup und Blohm+Voss. Bereits 1966 ließ sich das Olympische Komitee von Otl Aicher zum visuellen Erscheinungsbild der Olympischen Spiele in München beraten. Eine Zusammenarbeit mit der Hochschule für Gestaltung in Ulm wurde zu dieser Zeit angestrebt.

Das Erscheinungsbild der Olympischen Spiele 1972 in München

1967 wird Aicher von Willi Daume, dem Präsidenten des Olympischen Komitees, mit der Gestaltung des visuellen Erscheinungsbildes der XX. Olympischen Spiele beauftragt. Das erklärte kulturelle Ziel dabei war, das damals noch bestehende Image vom Nazi-Deutschland durch ein ganzheitliches und authentisches Erscheinungsbild zu korrigieren. Die Originalplakate der Olympischen Spiele 1972 sind übrigens in der aktuellen Ausstellung im HfG-Archiv Ulm zu sehen.

Rolf Müller, aus dessen Feder auch das tgm-Logo stammt, Otl Aicher sowie Vertreter der Stadtverwaltung und des Organisationskomitees erarbeiten Gestaltungsentwürfe für das Stadtbild Münchens während der Olympischen Spiele. Noch Jahre später kritisiert Aicher die deutsche Verkehrstypografie als Spiegelung des zurückgebliebenen, bürokratischen Denkens. Bereits 1969 zeichnete Otl Aicher für die Beschilderung Münchens eine Schrift basierend auf Univers 55. Sie trug den Namen »Münchner Straßenschilderschrift« und war die Grundlage der Schrift »Traffic«, die vier Jahre nach den Olympischen Spielen im Büro Aicher entwickelt wurde. Diese fand in den Erscheinungsbildern der Unternehmen FSB und bulthaupt Verwendung.

Rotis 

1972 bezieht die Familie Aicher-Scholl eine ehemalige Mühlenanlage in der Ortschaft Rotis im Allgäu. Die Anlage bestand aus sechs Gebäuden. Im Wohngebäude wurden bis 1980 vier Ateliers für die verschiedenen Arbeitsgruppen errichtet. Rotis wurde zu einem wichtigen Begegnungsort für internationale Gäste aus Kultur und Wirtschaft. Das Büro spiegelte Aichers Philosophie von einem ganzheitlichen Konzept von Leben und Arbeiten wider. 

Die Ortschaft gab auch der Schriftsippe ihren Namen, die Aicher zwischen 1985 und 1988 entwickelt. Die Schrift Rotis war als finales Ergebnis der Schriftgeschichte konzipiert und weist eher schmale aber markante und dynamische Buchstabenformen auf. Otl Aicher: »Eine Schrift dient nicht einem statischen, sondern einem dynamischen Vorgang. Schreiben und Lesen haben eine Richtung und die Form der Buchstaben folgt dieser Richtung.« Diese Schrift erfreute sich schnell großer Beliebtheit und ist auch heute noch oft anzutreffen (zum Beispiel auf vielen Veröffentlichungen der evangelischen Kirche). Dennoch wurde sie in Fachkreisen auch heftig kritisiert, vor allem weil sie mit einigen Konventionen gebrochen hat, was die Lesbarkeit erschwerte. Aicher selbst soll später gesagt haben, dass er sie am liebsten wieder aus dem Verkehr ziehen würde.

Infolge eines Verkehrsunfalls in Rotis stirbt Otl Aicher im Alter von 69 Jahren am 1. September 1991.

»artDate« Exkursion der tgm nach Ulm – 100 Jahre Otl Aicher im HfG-Archiv
»artDate« Exkursion der tgm nach Ulm – 100 Jahre Otl Aicher im HfG-Archiv
»artDate« Exkursion der tgm nach Ulm – 100 Jahre Otl Aicher im HfG-Archiv
»artDate« Exkursion der tgm nach Ulm – 100 Jahre Otl Aicher im HfG-Archiv

Mit Dank an Michi Bundscherer und Rudolf Paulus Gorbach für die Redaktion und an Christoph Draxler und Andreas Sebastian Müller für die Fotos.


Weitere interessante Blog-Beiträge

Podiumsdiskussion zum 90. Geburtstag von Otl Aicher

Im Rahmen von mcbw 2012 veranstaltete die Typographische Gesellschaft München e.V. in Kooperation mit dem Hatje Cantz Verlag und der Stiftung Literaturhaus eine Podiumsdiskussion und Buchvorstellung im Literaturhaus München. Aichers Biografin, Eva Moser, stellte ihr damals neues, inzwischen vergriffenes Buch »otl aicher, gestalter« vor. An der Podiumsdiskussion nahmen Eva Moser, Gerwin Schmidt, Wilhelm Vossenkuhl und Uwe Kiessler teil.
Lesen Sie hier unseren Blogbeitrag zu dieser Veranstaltung.

Die Buchsucht von Rudolf Paulus Gorbach

Hier finden Sie die Buchbesprechung der Otl-Aicher-Biografie von Eva Moser (vgl. vorigen Absatz).

Empfehlenswert ist auch die Buchbesprechung zum Buch »Die Hochschule für Gestaltung Ulm« von Christiane Wachsmann.