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Buchbesprechung

Systeme höchst eigenartiger Symbole

Rudolf Paulus Gorbach
22. Februar 2026
45 höchst eigen­artige Symbole als Forschungs­er­gebnisse, persönliche Erfah­rungen und komplexe Ideen in eine visuelle Identität übersetzt. Zur Inspi­ration syste­matisch von Künstlern und Designern entwickelt.
Buch Cover, Ansicht der Vorderseite.
Cover des Buchtitels »45 Symbols; Clay to Code«

Die 45 Symbole aus der Phaistos-Scheibe geben die Vorlage oder Referenz zu einer inter­na­ti­onalen Sammlung von 45 Symbol-Systemen. So entstanden in forschender, aber auch speku­lativer Art sehr indi­vi­duelle Symbol­samm­lungen. Diese sind unab­hängig von prak­tischen Aufgaben, höchst indi­viduell ausgedacht. Die 45 Symbole auf der Phaistos

Doppelseite, auf der die 45 Symbole der Phaistos-Scheibe abgebildet und besprochen sind.
Die 45 Symbole auf der Phaistos-Scheibe gaben die Anregung für das vorliegende Buch.

Im leicht überhöht klin­genden Vorwort wird die Entstehung erläutert und dabei Bezug auf das Bauhaus, das Black Mountain College, Ulm und die Humboldt-Universität genommen. Doch sind in der 10-jährigen Zusam­me­n­arbeit mittels Seminaren, Lehr­ver­an­stal­tungen und vor allem eines funk­tio­nie­renden Netzwerks sehr inter­essante und auch bisweilen lustige Symbol­systeme entstanden. Der Denk­prozess dahinter (oder davor) wäre wahr­scheinlich noch inter­es­santer.

Die jeweilige Forschungsfrage wird immer mit visuellen Mitteln »belegt« und das reicht von expe­ri­men­teller Typo­grafie, symbo­lischen Systemen bis daten­ge­steuerten Kartie­rungen. Es sind in ihrem Ergebnis immer Inter­pre­ta­tionen. Und das macht das Buch und die 45 Beispiele so spannend und auch sympa­thisch.
»Die Teil­nehmer (am gesamten Symbol-Projekt) wurden dazu aufge­fordert, ihre Beiträge nicht nur als Designer oder Künstler zu betrachten, sondern als kulturelle Akteure, die in der Lage sind, auf die symbo­lischen Dimen­sionen ihrer eigenen Zeit zu reagieren und die Dring­lich­keiten der Gegenwart in visuelle Formen zu über­setzen, die sowohl persönliche als auch kollektive Bedeutung haben«.

Ein an den Anfang des Buches gestellter Beitrag beschäftigt sich mit  der Entwicklung von Petro­glyphen bis zu Portable Document-Formats. »Unser Verständnis der Ursprünge der mensch­lichen Kommu­ni­kation erweitert sich ständig. Artefakte wurden auf ein Alter von mehr als 30.000 Jahren datiert, neuere Entde­ckungen deuten auf ein Alter von bereits 57.000 Jahren hin, und die jüngsten Belege reichen sogar über 115.000 Jahre zurück«, so im Text. Dass die Scheibe von Phaistos noch immer nicht entsch­lüsselt ist, gibt weiteren Speku­la­tionen die Möglichkeit. Doch bewegen wir uns in einer recht gut erforschten Kommu­ni­ka­ti­ons­kultur, die recht oft bildhaft ist.

Doppelseite aus dem Einleitungsteil des Buches.
Doppelseite aus dem Einleitungsteil des Buches.

Die einzelnen Ergebnisse sind in 5 Kapitel unterteilt:

I. Spuren des Alltags, mate­rielle Kultur und das häusliche Archiv

II. Plane­ta­rische Ober­flächen, Land­schaft als Archiv und das ökolo­gische Gedächtnis des Anthro­pozäns

III. Sprach­politik, Symbole des Protests und kollektive Trans­for­mation

IV. Kulturelle Schriften, spiri­tuelle Codes und visuelle Identität

V. Speku­lative Alphabete, sprach­licher Wandel und zukünftige Archive

Einige Beispiele zum besseren Verständnis möchte ich hier in den Abbil­dungen heraus­greifen. So ist die Bewegung mir der Hand auf der Tastatur (siehe oben), die eine andere Art von Wort­kürzeln entstehen lässt, durch die Aufzeichnung von Bewe­gungen, die die Hand für ein bestimmtes Wort zurücklegt für Typo­grafen und Schreibende besonders inter­essant. Hier das Wort »Language« als abstrakte Lini­enfigur.

Eine Mischung aus dem bekannten Friedenssymbol und mittelalterlichen Karten. Der Gestalter legt hier einen weiten Gedankenbogen hinein, da er die Zeichen mit seiner täglichen Radfahrt verbindet.

Zur Buch­ge­staltung: Die faden­ge­heftete Broschur mit breiten Klappen funk­tioniert sehr gut, vor allem beim intensiven Lesen und Nach­schlagen. In Frage stellen würde ich bei diesem Buch, ob das große Format tatsächlich nötig ist oder ob das vor allem der Reprä­sen­tation gilt. Die Über­schriften sind aus der Conman gesetzt. Ihr Pixe­laufbau dient viel­leicht einem tech­noiden Image, ist aber eher dekorativ. Ärgerlich wird es dann, wenn man die biblio­gra­fischen Angaben in der Conman lesen muss: In dieser Größe sind das eklatante Lese­stö­rungen: verschwommenes Schriftbild, Versalien leicht schräg und dann noch auf Mitte gesetzt. Bei den Bild­le­genden sind die Versalien eine echte Zumutung.

Doch gibt das ganze Projekt so verschie­den­artige Denk­weisen, Denk­prozesse in den jeweils erstaun­lichsten grafischen Mani­fes­ta­tionen wieder, dass es beim Lesen und Schauen nicht nur inter­essant, sondern äußerst vergnüglich ist.

45 Symbols 
Clay to Code 
Olivier Arcioli, Pascal Glissmann, Andreas Henrich (Hrsg.) 
320 Seiten 
Klap­pen­broschur 
Englisch
Slanted Publishers, Karlsruhe 2026 
ISBN 978–3–94844095–4 
32 Euro

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