Systeme höchst eigenartiger Symbole
Die 45 Symbole aus der Phaistos-Scheibe geben die Vorlage oder Referenz zu einer internationalen Sammlung von 45 Symbol-Systemen. So entstanden in forschender, aber auch spekulativen Art sehr individuelle Symbolsammlungen. Diese sind unabhängig von praktischen Aufgaben, höchst individell ausgedacht.Die 45 Symbole auf der Phaistos
Im leicht überhöht klingenden Vorwort wird die Entstehung erklärt, sich auf Bauhaus, Black Mountin College, auf Ulm, auf Humboldt bezogen. Doch sind in der 10-jährigen Zusammenarbeit mittels Seminaren, Lehrveranstaltungen und vor allem eines funktionierenden Netzwerks sehr interessante und auch bisweilen lustige Symbolsysteme entstanden. Der Denkprozess dahinter (oder davor) wäre wahrscheinlich noch interessanter.
Die jeweilige Forschungsfrage wird immer mit visuellen Mitteln »belegt« und das reicht von experimenteller Typografie, symbolischen Systemen bis datengesteuerten Kartierungen. Es sind in ihrem Ergebnis immer Interpretationen. Und das macht das Buch und die 45 Beispiele so spannend und auch sympathisch.
»Die Teilnehmer (am gesamten Symbol-Projekt) wurden dazu aufgefordert, ihre Beiträge nicht nur als Designer oder Künstler zu betrachten, sondern als kulturelle Akteure, die in der Lage sind, auf die symbolischen Dimensionen ihrer eigenen Zeit zu reagieren und die Dringlichkeiten der Gegenwart in visuelle Formen zu übersetzen, die sowohl persönliche als auch kollektive Bedeutung haben«.
Ein an den Anfang des Buches gestellter Beitrag beschäftigt sich mit der Entwicklung von Petroglyphen bis zu portablen Documents-Formates. »Unser Verständnis der Ursprünge der menschlichenKommunikation erweitert sich ständig. Artefakte wurden auf ein Alter von mehr als 30.000 Jahren datiert, neuere Entdeckungen deuten auf ein Alter von bereits 57.000 Jahren hin, und die jüngstenBelege reichen sogar über 115.000 Jahre zurück«, so im Text. Dass die Scheibe von Phaistos noch immer nicht entschlüsselt ist, gibt weiteren Spekulationen die Möglichkeit. Doch bewegen wir uns in einer recht gut erforschten Kommunikationskultur, die recht oft bildhaft ist.
Die einzelnen Ergebnisse sind in 5 Kapitel unterteilt:
I. Spuren des Alltags, materielle Kultur und das häusliche Archiv
II. Planetarische Oberflächen, Landschaft als Archiv und das ökologische Gedächtnis des Anthropozäns
III. Sprachpolitik, Symbole des Protests und kollektive Transformation
IV. Kulturelle Schriften, spirituelle Codes und visuelle Identität
V. Spekulative Alphabete, sprachlicher Wandel und zukünftige Archive
Einige Beispiele zum besseren Verständnis möchte ich hier in den Abbildungen herausgreifen. So ist die Bewegung mir der Hand auf der Tastatur (siehe oben), die eine andere Art von Wortkürzeln entstehen läßt durch die Aufzeichnung von Bewegungen, die die Hand für ein bestimmtes Wort zurücklegt für Typografen und Schreibende besonders interessant. Hier das Wort »Language« als abstrakte Linienfigur.
Zur Buchgestaltung: Die fadengeheftete Broschur mit breiten Klappen funktionier sehr gut, vor allem beim intensiven Lesen und Nachschlagen. In Frage stellen würde ich bei diesem Buch, ob das große Format tatsächlich nötig ist oder ob das vor allem der Repräsentation gilt. Die Überschriften sind aus der Conman gesetzt. Ihr Pixelaufbau dient vielleicht einem technoiden Image, ist aber eher dekorativ. Ärgerlich wird es dann, wenn man die bibliografischen Angaben in der Conman lesen muss: In dieser Größe sind das eklatante Lesestörungen: verschwommenes Schriftbild, Versalien leicht schräg und dann noch auf Mitte gesetzt. Bei den Bildlegenden sind die Versalien eine echte Zumutung.
Doch gibt das ganze Projekt so verschiedenartige Denkweisen, Denkprozesse in den jeweils erstaunlichsten grafischen Manifestationen wieder, dass es beim Lesen und Schauen nicht nur interessant, sondern äußerst vergnüglich ist.
45 Symbols
Clay to Code
Olivier Arcioli, Pascal Glissmann, Andreas Henrich (Hrsg.)
320 Seiten
Klappenbroschur
Englisch
Slanted Publishers, Karlsruhe 2026
ISBN 978–3–94844095–4
32 Euro