Buchstaben erzählen Geschichte
1956: IBM baut ein Ungetüm
Im Jahr 1956 brachte IBM die erste Festplatte der Welt auf den Markt. Ein tonnenschweres Ungetüm, so groß wie zwei Kühlschränke – und mit sagenhaften fünf Megabyte Speicher. Das reicht heute gerade einmal für ein modernes Smartphone-Foto oder etwa zwei bis drei Seiten Text, und kostete damals doch über 3 Millionen Dollar. IBM taufte die Festplatte auf den Namen: Disk Storage Unit. Disk mit k.
Warum mit k? Vermutlich, weil IBM ein amerikanisches Unternehmen war. Im amerikanischen Englisch wird in bestimmten Fällen ein k verwendet, wo das britische Englisch ein c bevorzugt. Die amerikanische und britische Orthografie unterscheidet sich ohnehin in vielen Details: »color« (AE) statt »colour« (BE), »theater« (AE) statt »theatre« (BE), »analyze« (AE) statt »analyse« (BE).
Vielleicht war es aber auch einfach nur Zufall. Fest steht: Ob Hard Disk, Floppy Disk oder Diskette – alles, was sich magnetisch drehte, schrieb die Computerwelt von da an mit k. Selbst das britische Englisch übernahm diese Schreibweise: k, weltweit.
1982: Sony und Philips setzen auf Stil
Dann kamen die 1980er. Japanische Präzision trifft niederländisches Ingenieurswesen: Mit der Compact Disc entwickelten Sony und Philips gemeinsam ein neues Speichermedium. Eine glänzende, kreisrunde Scheibe, die Musik nicht magnetisch, sondern optisch speicherte – Laser statt Magnet.
Sie nannten sie Disc: mit c. In der Musikwelt war dieser Begriff längst etabliert: Schallplatten hießen so, Disc Jockeys legten in der Disco Musik auf. Disc klang leicht, stilvoll, musikalisch. Das passte zum Medium. Vielleicht spielte sogar die Form eine Rolle: Das runde c erinnerte möglicherweise stärker an eine glitzernde Scheibe als das kantige k der Festplattengehäuse.
In jedem Fall war es eine bewusste Entscheidung: Rechtschreibung als Positionierung. Mit einem einzigen Buchstaben entstand eine bemerkenswerte Unterscheidung der Technikwelt: Magnetische Speicher waren fortan »disk«, optische Medien »disc«.
Technik vergeht, Sprache bleibt
Der Ursprung dieser Unterscheidung war bald vergessen. Verwendet wurde sie weiterhin: »Disk« stand für Mechanik und Magnetismus, »Disc« für Licht und digitale Präzision. Etymologisch ist diese Unterscheidung nicht begründbar, denn beide Wörter gehen auf denselben Ursprung zurück, auf das lateinische discus – die Scheibe. Praktisch jedoch ist es genial: Ein einziger Buchstabe verriet, ob Daten mit einem Magnetkopf gelesen oder mit einem Laser gebrannt werden.
Heute rotieren in unseren Geräten keine Scheiben mehr. USB-Sticks, SSDs, Cloud-Speicher. Und doch bleibt die Sprache beharrlich: Wer von einer Festplatte spricht, sagt nach wie vor »Hard Disk«. Selbst die digitalen Nachfolger heißen Solid State Disk (SSD), obwohl darin nichts mehr dreht. Technik vergeht, Sprache bleibt.
Typografie macht Sprache sichtbar
»Schrift ist nicht einfach nur zum Lesen da, man sieht sie auch«, formulierte es einst Hans Peter Willberg. Ob »Disk« oder »Disc« – die Schreibweise wird zum visuellen Signal, zu einem Code, der über Jahre hinweg Bedeutung transportiert. Die Buchstaben selbst tragen Bedeutung!
Im Deutschen begegnen uns weitere solche Phänomene: »schick« und »chic«, »kreativ« und »creativ«. Die gewählte Schreibweise gibt Auskunft über kulturelle Zuschreibungen, Haltungen und über die eigene Position in der Welt. Nicht zuletzt macht es schließlich auch einen Unterschied, ob wir von einer »typografischen Gesellschaft« sprechen oder von der »Typographischen Gesellschaft«.
Visuelle Codes sind allgegenwärtig: Kursive Schrift kann Fremdwörter signalisieren, Anführungszeichen Ironie andeuten, GROẞBUCHSTABEN Aufmerksamkeit erzwingen. Wir entschlüsseln solche versteckten Hinweise täglich, meist ohne sie bewusst wahrzunehmen. Dennoch reagiert unser Gehirn unmittelbar: Hier ist mehr gemeint als nur der Textinhalt.
Sprache folgt ihrer eigenen Logik. Typografie ist Sprache, die gesehen wird – und vielleicht liegt genau darin ihre schönste Stärke: Sie erzählt Geschichten, noch bevor wir zu lesen beginnen, manchmal mit nur einem einzigen Buchstaben.
Dieser Text ist eine subjektive Perspektive von Michi Bundscherer – teilen Sie uns gern Ihre eigene Sicht mit.
Herzlichen Dank an Christoph Draxler (Dr. phil., Institut für Phonetik, Ludwig-Maximilians-Universität München) für seine Hinweise zum Thema.
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