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Branche

Buchstaben erzählen Geschichte

Michi Bundscherer
16. Januar 2026
Hard Disk, Floppy Disk, Compact Disc, DVD-Disc. Disk und Disc – mal mit k, mal mit c. Klingt nach einem Tipp­fehler – ist aber ein Stück Tech­nik­ge­schichte. Und ein Beispiel dafür, wie Buch­staben zum typo­gra­fischen Geheimcode werden können.
Schallplatten-Cover mit Bedruckung wei ein beschrifteter CD-Rohling: Steal this Album

1956: IBM baut ein Ungetüm

Im Jahr 1956 brachte IBM die erste Fest­platte der Welt auf den Markt. Ein tonnen­schweres Ungetüm, so groß wie zwei Kühl­schränke – und mit sagen­haften fünf Megabyte Speicher. Das reicht heute gerade einmal für ein modernes Smartphone-Foto oder etwa zwei bis drei Seiten Text, und kostete damals doch über 3 Millionen Dollar. IBM taufte die Fest­platte auf den Namen: Disk Storage Unit. Disk mit k.

Warum mit k? Vermutlich, weil IBM ein ameri­ka­nisches Unter­nehmen war. Im ameri­ka­nischen Englisch wird in bestimmten Fällen ein k verwendet, wo das britische Englisch ein c bevorzugt. Die ameri­ka­nische und britische Ortho­grafie unter­scheidet sich ohnehin in vielen Details: »color« (AE) statt »colour« (BE), »theater« (AE) statt »theatre« (BE), »analyze« (AE) statt »analyse« (BE).

Viel­leicht war es aber auch einfach nur Zufall. Fest steht: Ob Hard Disk, Floppy Disk oder Diskette – alles, was sich magnetisch drehte, schrieb die Compu­terwelt von da an mit k. Selbst das britische Englisch übernahm diese Schreibweise: k, weltweit.

1982: Sony und Philips setzen auf Stil

Dann kamen die 1980er. Japa­nische Präzision trifft nieder­län­disches Inge­ni­eurswesen: Mit der Compact Disc entwi­ckelten Sony und Philips gemeinsam ein neues Spei­cher­medium. Eine glänzende, kreisrunde Scheibe, die Musik nicht magnetisch, sondern optisch spei­cherte – Laser statt Magnet.

Sie nannten sie Disc: mit c. In der Musikwelt war dieser Begriff längst etabliert: Schall­platten hießen so, Disc Jockeys legten in der Disco Musik auf. Disc klang leicht, stilvoll, musi­kalisch. Das passte zum Medium. Viel­leicht spielte sogar die Form eine Rolle: Das runde c erinnerte mögli­cherweise stärker an eine glit­zernde Scheibe als das kantige k der Fest­plat­ten­gehäuse.

In jedem Fall war es eine bewusste Entscheidung: Recht­schreibung als Posi­tio­nierung. Mit einem einzigen Buch­staben entstand eine bemer­kenswerte Unter­scheidung der Tech­nikwelt: Magne­tische Speicher waren fortan »disk«, optische Medien »disc«.

Technik vergeht, Sprache bleibt

Der Ursprung dieser Unter­scheidung war bald vergessen. Verwendet wurde sie weiterhin: »Disk« stand für Mechanik und Magne­tismus, »Disc« für Licht und digitale Präzision. Etymo­logisch ist diese Unter­scheidung nicht begründbar, denn beide Wörter gehen auf denselben Ursprung zurück, auf das latei­­nische discus – die Scheibe. Praktisch jedoch ist es genial: Ein einziger Buchstabe verriet, ob Daten mit einem Magnetkopf gelesen oder mit einem Laser gebrannt werden.

Heute rotieren in unseren Geräten keine Scheiben mehr. USB-Sticks, SSDs, Cloud-Speicher. Und doch bleibt die Sprache beharrlich: Wer von einer Fest­platte spricht, sagt nach wie vor »Hard Disk«. Selbst die digitalen Nach­folger heißen Solid State Disk (SSD), obwohl darin nichts mehr dreht. Technik vergeht, Sprache bleibt.

Typo­grafie macht Sprache sichtbar

»Schrift ist nicht einfach nur zum Lesen da, man sieht sie auch«, formu­lierte es einst Hans Peter Willberg. Ob »Disk« oder »Disc« – die Schreibweise wird zum visuellen Signal, zu einem Code, der über Jahre hinweg Bedeutung trans­portiert. Die Buch­staben selbst tragen Bedeutung!

Im Deutschen begegnen uns weitere solche Phänomene: »schick« und »chic«, »kreativ« und »creativ«. Die gewählte Schreibweise gibt Auskunft über kulturelle Zuschrei­bungen, Haltungen und über die eigene Position in der Welt. Nicht zuletzt macht es schließlich auch einen Unter­schied, ob wir von einer »typo­gra­fischen Gesell­schaft« sprechen oder von der »Typo­gra­phischen Gesell­schaft«.

Visuelle Codes sind allge­gen­wärtig: Kursive Schrift kann Fremd­wörter signa­li­sieren, Anfüh­rungs­zeichen Ironie andeuten, GROẞ­BUCH­STABEN Aufmerk­samkeit erzwingen. Wir entsch­lüsseln solche versteckten Hinweise täglich, meist ohne sie bewusst wahr­zu­nehmen. Dennoch reagiert unser Gehirn unmit­telbar: Hier ist mehr gemeint als nur der Text­inhalt.

Sprache folgt ihrer eigenen Logik. Typo­grafie ist Sprache, die gesehen wird – und viel­leicht liegt genau darin ihre schönste Stärke: Sie erzählt Geschichten, noch bevor wir zu lesen beginnen, manchmal mit nur einem einzigen Buch­staben.

Dieser Text ist eine subjektive Perspektive von Michi Bund­­scherer – teilen Sie uns gern Ihre eigene Sicht mit.

Herz­­lichen Dank an Christoph Draxler (Dr. phil., Institut für Phonetik, Ludwig-Maxi­milians-Universität München) für seine Hinweise zum Thema.

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