Gegensätze in der Stilauffassung von Typografie können zu ernsthaften Konflikten führen. Die gab es schon in früheren Jahrhunderten. Mitte des 20. Jahrhunderts bewegte eine Auseinandersetzung die typografische Welt. Max Bill schrieb 1946 in den Schweizer Graphischen Mitteilungen einen Beitrag »über typografie«, in dem er Tschichold heftig angriff. Tschichold antwortete in wohldosierten Worten in der gleichen Zeitschrift unter dem Titel »Glaube und Wirklichkeit«, wo er seine neue Position vehement verteidigte. Beide Beiträge sind nun in einer von Hans Rudolf Bosshard kommentierten Ausgabe wieder erschienen, wozu Jost Hochuli ein ergänzendes Nachwort schrieb.

Jan Tschichold: Hafis, Buchtitel von 1945

Max Bill, Doppelseite aus »Form« 1952

Was war geschehen? Es ging tatsächlich um eine damals bedeutende Auseinandersetzung. Schließlich hatte Jan Tschichold als Vorreiter einer modernen Typografie seine Position gewechselt und predigte fortan den Weg zu einer traditionellen Buchtypografie. Das schien ihm der Architekt und Grafiker Max Bill nicht zu verzeihen und so trafen die konträren Positionen aufeinander. Bosshard hat die beiden Positionen hervorragend aufgearbeitet und das Umfeld der Typografie entscheidend erläutert. So kommen die typografischen Strömungen der zwanziger und dreißiger Jahre zur Sprache, die Vorbilder Tschicholds, aber auch die Bemühungen von Bill als Grafiker in Zürich. Bosshard versucht beide Positionen in ihrer hohen Qualtät darzustellen und zu würdigen, was auch gelungen ist.

Man darf dabei nicht vergessen, welchen Riß es zwischen den Befürwortern der Moderne und der Tradition gab. Während meines Studiums Anfang der sechziger Jahre war das ja durchaus noch spürbar.  Deshalb ist dieses Buch ein ganz wichtiges Dokument zur Geschichte der Typografie im 20. Jahrhundert. Und schließlich sind beide Richtungen in der heutigen Zeit höchst lebendig.

Hans Rudolf Bosshard: Der Typografiestreit der Moderne – Max Bill kontra Jan Tschichold. 120 Seiten mit 60 Abbildungen. Verlag Niggli, Sulgen 2012, 29,80 Euro. ISBN 978-3-7212-0833-7