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Buchbesprechung

Im Spiel der Systeme

Rudolf Paulus Gorbach
21. Februar 2026
Systeme in und für die Gestaltung heute; in Gesprächen und vielen Beispielen, als Quelle und Inspi­ration für das kreative Schaffen. Zusam­men­ge­stellt und beschrieben von der Hamburger Professorin Heike Grebin.
Buch-Cover von

Was für eine Entdeckung: Ein Buch über Systeme in der Gestaltung, in dem sich auch auf Philo­sophie, Musik, Mathematik und Literatur bezogen wird. Voller Ermu­ti­gungen und Inspi­ra­tionen um zu forschen, zu erfahren und zu expe­ri­men­tieren. Die Heraus­geberin Heike Grebin blickt auf viele Jahr­zehnte der Erfahrung in ihrem Studio Toppo Design und als Lehrende an der HAW Hamburg zurück. Und mit diesen Erfah­rungen ist das Buch üppig bestückt.

Es startet mit Gesprächen als Dialoge, zwischen der Heraus­geberin und Designern, Theo­re­tikern und Entwicklern, zeigt und beschreibt Beispiele (auch histo­rische) wie einfach die sind. Es folgt ein umfang­reicher »Katalog« an Beispielen aus Projekten, aus Kursen, Workshops und Publi­ka­tionen und sogar von Events.

Fangen wir mit dem Einfachen an. Das beginnt mit einem wunderbaren Motto von John Cage: »Struktur ohne Leben ist tot, aber Leben ohne Struktur ist unsichtbar. Reines Leben drückt sich innerhalb und durch Struktur aus«. Designer program­mieren heute oft selbst, der Fokus verlagert sich oft von der konkreten Gestaltung zur Entwicklung eines Systems, und das mit einer Planung des Prozesses. »Para­me­trisches« Design bedeutet nicht nur den Zustand, sondern immer auch deren Verän­derung und Varia­tionen. Das ist bereits in Renaissance-Büchern zu sehen. Als Beispiel wird hier das 1495 in Venedig gedruckte Buch »Marcus Tullius Cicero, Epistulae ad fami­liares« gezeigt und genau beschrieben. Aus der neueren Typo­gra­fie­ge­schichte werden László Moholy-Nagys »Dynamik der Großstadt« und neben anderen Markus Kutters »Schiff nach Europa« aufgeführt.

Limke Seite: Beschreibung des Projektes »Dynamik der Gr0ßstadt von Lásl
Die »Dynamit der Großstadt« von László Moholy-Nagy von 1921/22 ist fast ikonisch mit der systematischen Typografiegeschichte verbunden. Im Buch wird sie analysiert und beschrieben.

Der Hauptteil des Buches umfasst die Darstellung und Beschreibung von »para­me­trisch« gestalteten Projekten, die an der HAW entstanden sind. Dabei wird deutlich, so verschieden die Arbeiten auch sein mögen, es geht immer auch um Systeme in der jeweiligen Gestaltung. Wobei das vor allem bei Büchern naheliegt, denn Text­bücher sind ja bereits Systeme.

Im Teil »Dialoge« geht es um  die Rolle syste­mischer Denk­modelle und die Wech­sel­be­ziehung zwischen Tech­nologie, Gesell­schaft und Design. Wobei die Gespräche öfter auch zu betonten Expe­ri­menten und zur Kunst driften. Gut vorbe­reitet bat Heike Grebin die Gesprächs­partner 50 von 84 Begriffen auszu­wählen und visuell anzu­ordnen.

Luna Maurer (Desi­gnstudio Moniker) sprach über ihren Weg vom Grafik­design zum Condi­tional Design (Desi­gnmethode, bei der der Prozess im Vordergrund steht und nicht das fertige Produkt). Dement­sprechend quirlig sind auch die zahl­reichen Bezüge zu Programmen und Tools. Im Übrigen werden alle wichtigen Begriffe von Programmen, Tools, usw. in den jeweiligen Anmer­kungen kurz erklärt.

Im Gespräch mit Tom Bieling (Hoch­schule für Gestaltung, Offenbach) geht es um Desi­gnfor­schung und den Desi­gnprozess als Methode der Wissens­ge­winnung. Und da erwähnt Bieling gleich Syste­ma­ti­sierung und Ordnung. Design würde immer zwischen Ordnung und Chaos entstehen, zwischen klaren Regeln und Form­freiheit. Dinge müssen geordnet werden, das Thema struk­turiert und syste­ma­tisiert werden. Denk­praxis und Wissen­spraxis können die Intuition anregen. Und gleich­zeitig ist jedes Design eine Fort­s­etzung von etwas, was es schon gab, in einem Prozess des Annäherns und Distan­zierens. Und Bieling erwähnt die Wich­tigkeit des Doku­men­tierens, wie sie in der Wissen­schaft üblich ist. Später geht es auch um den Zusam­menhang von Design und Sprache, von Hand­lungs­auf­for­de­rungen durch Design oder die Rolle von Reibungen im Desi­gnprozess. Im weiteren Gespräch wird die Gegenwart der Desi­gnszene ange­sprochen, aber auch wie wichtig die Geschichte hierfür ist.

Andreas Trogisch war Mitbe­gründer des berühmten Grafik­studios Grappa in der DDR, ist Grafiker, Fotograf und arbeitet über und mit regel­ba­sierten Desi­gnme­thoden. Der kreative Aspekt des Entwurfs­pro­zesses wird in das Aufstellen von Regeln verlagert. Wobei diese Regeln mehr Impulse als Einschrän­kungen böten.

Anja Groten (Sandberg Instituut) kam von einer klas­sischen Desi­gnaus­bildung zum Program­mieren, hat in ihrer Entwicklung die Gegensätze von Design-Denken zu den Program­mierern und ihrer anderen Sicht von Fehlern erlebt. Die Arbeit in der Gemein­schaft ist ihr sehr wichtig und die dazu­ge­hörigen Werkzeuge (Programme) wollte sie selbst beherrschen. Sie denkt, dass Design- und Program­mier­prozesse zusam­men­wachsen werden.

Der Mathe­matiker Edmund Weitz erklärt im Gespräch die mathe­ma­tische Bedeutung vieler Begriffe, die auch im Desi­gnprozess relevant sind. Das ist amüsant und für Nicht-Mathe­matiker sehr aufschlussreich und gibt ein ganz anderes Bild der mathe­ma­tischen Notation.

Frieder Nake zählt zu den Pionieren der Compu­ter­grafik. Er kam über sein Programm für eine Zeichen­ma­schine (Graphomat) zur Kunst. Er beschäftigt sich mit abstrakter Kunst und den mit Rechnern erzeugten Möglich­keiten, sieht »Processing« als einen Sprung, sogar als kulturelle Revo­lution. Für ihn ist »Form der Ort, an dem Kunst entsteht«.

Alles ziemlich spannend und viel­fältig und wohl auch hilfreich für die tägliche Arbeit.

Heilke Grebin (Hrsg.)
Play the System
Para­metric Approaches in Graphic Design
320 Seiten
Broschur
Slanted Publishing, Karlsruhe 2026
ISBN 978–3–948440–97–8
37 Euro

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