Im Spiel der Systeme
Was für eine Entdeckung: Ein Buch über Systeme in der Gestaltung, in dem sich auch auf Philosophie, Musik, Mathematik und Literatur bezogen wird. Voller Ermutigungen und Inspirationen um zu forschen, zu erfahren und zu experimentieren. Die Herausgeberin Heike Grebin blickt auf viele Jahrzehnte der Erfahrung in ihrem Studio Toppo Design und als Lehrende an der HAW Hamburg zurück. Und mit diesen Erfahrungen ist das Buch üppig bestückt.
Es startet mit Gesprächen als Dialoge, zwischen der Herausgeberin und Designern, Theoretikern und Entwicklern, zeigt und beschreibt Beispiele (auch historische) wie einfach die sind. Es folgt ein umfangreicher »Katalog« an Beispielen aus Projekten, aus Kursen, Workshops und Publikationen und sogar von Events.
Fangen wir mit dem Einfachen an. Das beginnt mit einem wunderbaren Motto von John Cage: »Struktur ohne Leben ist tot, aber Leben ohne Struktur ist unsichtbar. Reines Leben drückt sich innerhalb und durch Struktur aus«. Designer programmieren heute oft selbst, der Fokus verlagert sich oft von der konkreten Gestaltung zur Entwicklung eines Systems, und das mit einer Planung des Prozesses. »Parametrisches« Design bedeutet nicht nur den Zustand, sondern immer auch deren Veränderung und Variationen. Das ist bereits in Renaissance-Büchern zu sehen. Als Beispiel wird hier das 1495 in Venedig gedruckte Buch »Marcus Tullius Cicero, Epistulae ad familiares« gezeigt und genau beschrieben. Aus der neueren Typografiegeschichte werden László Moholy-Nagys »Dynamik der Großstadt« und neben anderen Markus Kutters »Schiff nach Europa« aufgeführt.
Der Hauptteil des Buches umfasst die Darstellung und Beschreibung von »parametrisch« gestalteten Projekten, die an der HAW entstanden sind. Dabei wird deutlich, so verschieden die Arbeiten auch sein mögen, es geht immer auch um Systeme in der jeweiligen Gestaltung. Wobei das vor allem bei Büchern naheliegt, denn Textbücher sind ja bereits Systeme.
Im Teil »Dialoge« geht es um die Rolle systemischer Denkmodelle und die Wechselbeziehung zwischen Technologie, Gesellschaft und Design. Wobei die Gespräche öfter auch zu betonten Experimenten und zur Kunst driften. Gut vorbereitet bat Heike Grebin die Gesprächspartner 50 von 84 Begriffen auszuwählen und visuell anzuordnen.
Luna Maurer (Designstudio Moniker) sprach über ihren Weg vom Grafikdesign zum Conditional Design (Designmethode, bei der der Prozess im Vordergrund steht und nicht das fertige Produkt). Dementsprechend quirlig sind auch die zahlreichen Bezüge zu Programmen und Tools. Im Übrigen werden alle wichtigen Begriffe von Programmen, Tools, usw. in den jeweiligen Anmerkungen kurz erklärt.
Im Gespräch mit Tom Bieling (Hochschule für Gestaltung, Offenbach) geht es um Designforschung und den Designprozess als Methode der Wissensgewinnung. Und da erwähnt Bieling gleich Systematisierung und Ordnung. Design würde immer zwischen Ordnung und Chaos entstehen, zwischen klaren Regeln und Formfreiheit. Dinge müssen geordnet werden, das Thema strukturiert und systematisiert werden. Denkpraxis und Wissenspraxis können die Intuition anregen. Und gleichzeitig ist jedes Design eine Fortsetzung von etwas, was es schon gab, in einem Prozess des Annäherns und Distanzierens. Und Bieling erwähnt die Wichtigkeit des Dokumentierens, wie sie in der Wissenschaft üblich ist. Später geht es auch um den Zusammenhang von Design und Sprache, von Handlungsaufforderungen durch Design oder die Rolle von Reibungen im Designprozess. Im weiteren Gespräch wird die Gegenwart der Designszene angesprochen, aber auch wie wichtig die Geschichte hierfür ist.
Andreas Trogisch war Mitbegründer des berühmten Grafikstudios Grappa in der DDR, ist Grafiker, Fotograf und arbeitet über und mit regelbasierten Designmethoden. Der kreative Aspekt des Entwurfsprozesses wird in das Aufstellen von Regeln verlagert. Wobei diese Regeln mehr Impulse als Einschränkungen böten.
Anja Groten (Sandberg Instituut) kam von einer klassischen Designausbildung zum Programmieren, hat in ihrer Entwicklung die Gegensätze von Design-Denken zu den Programmierern und ihrer anderen Sicht von Fehlern erlebt. Die Arbeit in der Gemeinschaft ist ihr sehr wichtig und die dazugehörigen Werkzeuge (Programme) wollte sie selbst beherrschen. Sie denkt, dass Design- und Programmierprozesse zusammenwachsen werden.
Der Mathematiker Edmund Weitz erklärt im Gespräch die mathematische Bedeutung vieler Begriffe, die auch im Designprozess relevant sind. Das ist amüsant und für Nicht-Mathematiker sehr aufschlussreich und gibt ein ganz anderes Bild der mathematischen Notation.
Frieder Nake zählt zu den Pionieren der Computergrafik. Er kam über sein Programm für eine Zeichenmaschine (Graphomat) zur Kunst. Er beschäftigt sich mit abstrakter Kunst und den mit Rechnern erzeugten Möglichkeiten, sieht »Processing« als einen Sprung, sogar als kulturelle Revolution. Für ihn ist »Form der Ort, an dem Kunst entsteht«.
Alles ziemlich spannend und vielfältig und wohl auch hilfreich für die tägliche Arbeit.
Heilke Grebin (Hrsg.)
Play the System
Parametric Approaches in Graphic Design
320 Seiten
Broschur
Slanted Publishing, Karlsruhe 2026
ISBN 978–3–948440–97–8
37 Euro
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