Bernhard E. Bürdek gehört zu den wichtigsten Theoretikern der Designszene. Seit 1972 unterrichtete er an der Hochschule für Gestaltung in Offenbach am Main. Seine Bücher sind Standards der Designgeschichte. tgm-Besucher können sich vielleicht an Bürdeks Vortrag vor der tgm 1995 erinnern. Dieser Vortrag ist bei der tgm damals auch als Jahresgabe erschienen.
In seiner jetzt erschienenen Dissertation mit dem Titel »Design auf dem Weg zu einer Disziplin« schaut Bürdek auf das 20. Jahrhundert zurück und gibt eine Vorschau auf das 21. Jahrhundert. Gestaltung als Kernbereich von Design und weit weg von angewandter Kunst durchzieht den Text bereits von den Anfängen des Designs an.

Bemängelt wird, dass Design kein eigenes disziplinäres Designwissen besitzt und Theorie und Praxis angesichts der Globalisierung oft weit von einander entfernt sind. Die Verständigung ist vielfach diffus. Auch in den Diskursen um Disziplinität und Interdisziplinität der Neunziger Jahre wird die eigene Disziplin der Designer nicht genügend beachtet.
Bürdek untersucht Design ausgehend von der Kunst, von der Technik und von der Kultur. Die Erkentnisse der Ökonomie hält der Autor für ebenso wichtig (damit man sich nicht »hinter einem eigenem diffussen Kreativitätsbegriff verschanzt«). Zwischen Design und »Craft« gibt es keine Konvergenzen. Das Industrial-Design ist der industriellen Produktion verpflichtet, wogegen Kunsthandwerk eher zum Handwerk und nicht zur Kunst gehört.

Die Anfänge moderner Formgebung werden anhand einer Rückschau auf Nikolaus Pevsner und Herbert Read begonnen. So tritt schon im Wechsel vom 19. zum 20. Jahrhundert die Diskrepanz zwischen einer Technik, die als Mittel zum Zweck eingesetzt wird und einer Kunst, die sich als Selbstzweck versteht, auf. Produkte für die großen Weltausstellungen wurden mit Bedeutung angereichert, dekoriert, um sie besser zu verkaufen.
Virtruvs Begriffe der Zweckmäßigkeit, Festigkeit und Schönheit sieht Bürdek als Prinzipien-Wurzeln. Und daran schließt beispielsweise Andreas Dorschel mit seiner »Gestaltung und Ästhetik des Brauchbaren« an (siehe Vier Seiten Nr. 25, 2004). Wilhelm Wagenfeld spricht vom Selbstverständlichen der funktionellen Gestaltung, die sich aus der Handhabung des Gebrauchs und aus der Herstellung ergeben. Max Bill war ebenfalls vom Gebrauch der Dinge überzeugt und setzte diesen gegen den Schein. Und er wehrt sich gegen zufällige Ergebnisse, denn »die Gestalt umfasst das ganze Wesen einer Sache«, wohingegen die Formgebung sich vorwiegend mit dem äußeren Erscheinungsbild befasst.

Wilhelm Braun-Feldwege hat den Begriff der industriellen Formgebung geprägt und nennt als wichtige Parameter:
was die Funktion erfordert;
was die Produktion verlangt,
was der Markt wünscht.
Adolf Loos kritisierte bereits Anfang des 20. Jahrhunderts »das lügnerische Schlagwort angewandte Kunst«.
Bürdek befasst sich natürlich auch mit der Hochschule für Gestaltung in Ulm, an der er ja selbst studiert hatte. Die Auseinandersetzungen zwischen Kunst und Design sind ja bekannt. In der kurzen Zeit der Existenz der hfg wurden in Ulm auch eine wissenschaftliche Basis von Design versucht. Dagegen wurde in den Achtziger Jahren an der HFG Offenbach der Begriff der Produktsprache eingeführt.

Der Begriff »Gestaltung« ist vielfältig und wird bisweilen unseriös gehandhabt, der Begriff »Design« noch viel mehr. In der Architektur wird der eigene Begriff präzise verwendet. »Das Ziel aller Architektur ist Gestalt. Sie ist die Übermittlung einer Idee durch Form«, zitiert Bürdek den Architekturtheoretiker Jürgen Pahl, der sich gleichzeitig gegen den Formalismus (abgewandelt vom Begriff der Idee) wendet. Und Jaques Herzog meint »Architektur als Kunst ist unerträglich«. Gestalt meint weit mehr als Form, Gestalt ist der Vollzug einer Idee. Leider wird der Begriff der Gestalt heute nicht mehr positiv verwendet, denn unter dem Deckmantel »Design« erscheint ein Sammelsurium an Tätigkeiten, was für den eigentlichen Begriff »Design« fatal ist.

Ein disziplinäres Wissen wurde in Offenbach mit einer Theorie der Produktsprache begonnen (Formalästhetik, Anzeichenfunktion und Symbolfunktion). Die Produktgestaltung wurde in den Achtziger Jahren bei Siemens untersucht: die Formmerkmale und ihre Wirkung sowie die Bedeutungsträger und ihre Inhalte. Dabei kommt auch der jeweilige Zeitgeist zwischen dem Beginn der Industrialisierung und der heutigen Zeit ins Visier.

Das Design von Produkten hat heute eine enorme Bedeutung bekommen. An Formen orientieren sich beispielsweise besonders Heranwachsende. Neue Tendenzen gab es ab den Achtziger Jahren. Das führte unter anderem zu einer Designkunst, die sich vom Gebrauch völlig verabschiedet hatte. Das hatte sicher auch mit der Postmoderne zu tun, die mit dem Funktionalismus aufräumen wollte und solche Erscheinungen wie Memphis hervorbrachte.

Bei der Frage nach der Disziplin wird deutlich, dass oft nicht das disziplinierte Wissen vorhanden ist, das für eine interdisziplinäre Diskussion nötig wäre. Eine unbestimmte Haltung von Design ist längst in Verruf (Designermöbel). Anspruch und Wirklichkeit klaffen hier auseinander und Bürdek beklagt und zitiert wiederholt das Dilemma.

Designer empfanden sich im 20. Jahrhundert mitunter als die besseren Techniker, was Bürdek bereits früher als das »Leonardo-Prinzip« bezeichnet hatte. Heute wären die Designer jedoch nicht mehr die Erfinder »von Welt«, sondern eher deren Interpreten. Richard Buckminster Fuller wurde Vorbild für einen wissenschaftlichen Ansatz im Design, und wird heute als Vorläufer einer Design-Wissenschaft genannt. An der hfg in Ulm wurde die Techniknähe bei gleichzeitiger Kunstferne gelehrt. Dabei erscheint gleichzeitig eine Methodologie wie sie auch in der DDR in Halle gelehrt wurde. Design wirkt heute besonders um eigentlich nicht Sichtbares sichtbar zu machen.

Ab den achtziger Jahren gab es eine Renaissance des Handwerklichen, was auch mitunter zu einer Mischung mit Kunst führte. Jedoch wurde Handwerk manchmal verherrlicht. Neue Technologien brachten bisher nie Gesehenes zu Tage, wenn man nur an die Bauten von Zara Hadid denkt. Und ganz anders wirkt die werkraum-Initiative in Vorarlberg. Dort wird  nicht romantisiert sondern an einer neuzeitlichen Lebensgestaltung gearbeitet. Auch Manufakturen erlebten einen Neubeginn, wenngleich der Begriff der »Gläsernen Manufaktur« in Dresden für den Fahrzeugbau zweifelhaft erscheint.

Die Bedeutung der Ökonomie für das Design kam in der Kritik der Warenästhetik der achtziger Jahre hervor. Während gleichzeitig die Postmoderne im Design versuchte, das Denken über Design umzustürzen, wurde in den sozialistischen Ländern eine klare Rationalität bevorzugt. Große Firmen empfanden Design für ihre Produkte als wichtig während viele mittlere Unternehmen glaubten, dass die Kosten hierfür zu hoch wären. Die Untersuchungen über den Mehrwert durch Design oder den Markenwert durch Design nahmen Ende des 20. Jahrhunderts zu. Gleichzeitig erlebt man die Zunahme großer Designunternehmen, deren Dienstleistungen weit über das klassische Designangebot hinausgehen.

Für das Design ist heute auch oft schon die Aufgabe mehr aus dem Begehren heraus zu verstehen und nicht aus den Bedürfnissen oder aus der Funktion heraus. Dabei spielt das ästhetische Denken (Wolfgang Welsch, Gernold Böhme) eine bedeutende Rolle, die Ästhetisierung der Ware gepaart mit einem Gebrauchswertversprechen.

Seit den 2000er Jahren gewinnen Designtheorie, Designwissenschaft und Designforschung an Bedeutung. Dabei wird der Designbegriff auch auf logische Systeme angewandt. Da Design eine auf Praxis bezogene Tätigkeit ist darf die Theorie dazu nicht nur selbstreferentiell sein. Auch die starke Kritik an Design (Papanek: »d
ie schäbige Art … sein Brot zu verdienen. Der Designer, der die schwachsinnigen Ideen ausheckt, mit denen Werbeleute hausieren gehen«) dürfte sich für die Zukunft und das Verständnis von Design auswirken. Klar, der Gegensatz zwischen industriellen Vorstellungen der Bedürfniserweckung und den ökologischen Anforderungen heute ist erheblich und eine starke Herausforderung. Neues Wissen wäre nötig und dazu gehört auch, dass nicht verdrängt wird was die letzte Generation gemacht hat. Und ohne Gebrauchswert wird Design zum Styling.

Über die Zukunft des Designs resümiert Bürdek am Ende seiner Dissertation und nennt drei unterschiedliche Bereiche:
der industrielle, Produktgestaltung, Industrial oder Product Design genannt;
der handwerkliche, wozu auch die angewandte »Kunst« gehört und
einer beliebig ökonomischen, doch medial wirksamer Bereich (Body-, Hair-, Waffendesign etc.) mit inflationärer Wirkung.
Sehr viele grundlegende Aspekte, finden sich in dem sehr komplexen und vielleicht einzigartigen Werk von Bürdek wieder. Könnte man nicht Designer und Gestalter zu dieser Lektüre verpflichten?

Aber nun auch noch etwas zur Form dieses Buches. Dem Thema nicht entsprechend kommt die äußere Gestalt etwas dröge daher. Auch Dissertationen könnten ihre Leser etwas umwerben (vor allem wenn es um einen so hervorragenden Inhalt geht). Im Anhang könnten sich Bibliografie und Register an eine typografische Mindestform halten, das kostet keinen Cent mehr. Die im Anhang benutze Einspaltigkeit (!) ist leider armselig dilettantisch.

Bernhard E. Bürdek
Design – auf dem Weg zu einer Disziplin
288 Seiten
Verlag Dr. Kobalt, Hamburg 2012
ISBN 878-3-8300-6713-9
89,80 Euro