Ine Ilg

Prof. Michael Stoll: »Wer nichts weiß, muss alles glauben«
Der unermüdliche Sammler und Forscher sieht die Geschichte der Infografik als Rüstzeug für die Visualisierung komplexer Zusammenhänge und erläutert diese anhand von geschichtlichen Fakten und unzähligen Ausstellungstafeln, die die Wände der übervollen Konferenzhalle säumen und die Zuhörer umrahmen. Stoll, Professor für Medientheorie und Infografik an der Hochschule Augsburg und international gefragter und engagierter Experte, betrachtet Infografiken als Werkzeuge des Denkens, mit Steigbügelfunktion für das Verständnis innerer Zusammenhänge komplexer Sachverhalte.

Jan Schwochow: »Wahrheitsfindung im Datendschungel«
Der Infografiker, Journalist und leidenschaftliche Rechercheur zeigt, wie zeitaufwändig das Visual Storytelling ist und welch vielfältige Kompetenzen es erfordert: Recherchieren, Organisieren, Gestalten, Texten, Programmieren und, und, und. Diesen Erfahrungsschatz hat sich Schwochow, der heute die vielfach ausgezeichnete Berliner Agentur Golden Section Graphics leitet, in den letzten 20 Jahren in unzähligen Projekten erworben, darunter Informationsdesign für Magazine wie Stern und Focus und für Verlage wie die Milchstraße. Eine intensive thematische Auseinandersetzung und eine gründliche Recherche hält er dabei für essentiell. Um möglichst früh involviert sein, geht er deshalb bspw. schon mal mit auf eine Ausgrabung und entdeckt selbst Fundstücke. Mit dieser Erfahrung lassen sich Daten später absolut anschaulich, begreifbar und glaubwürdig darstellen. Und mit solcher Art erlangtem, grundlegendem Wissen lässt sich das Ergebnis, die Infografik, bestens verifizieren. Getreu seiner Überzeugung: »Das eigene Gehirn ist das beste Tool.«

Stefan Fichtel: »Nichts ist wie es scheint«
Mit beinahe kriminologischer Präzision entlarvt der Infografik-Experte Stefan Fichtel beispielhaft einige verfälschte Darstellungen und weist damit auf den politischen, meinungsbildenden Aspekt von Informationsdesign hin. Verantwortungsbewusstsein bei der Darstellung von Werten und Präzision bei der Übersetzung von Daten in Grafiken hält er deshalb für absolut unerlässlich. Fichtel ist Geschäftsführer und Creative Director der Berliner Agentur ixtract und arbeitet mir seinem Team für Kunden wie National Geographic, Siemens, das Handelsblatt oder den WWF. Für letztere hat er auf der Grundlage von 4.000.000 Werten eine eindrucksvolle Visualisierung zur Überfischung der Weltmeere geschaffen. Die Herausforderung bei dieser animierten Infografik sieht er darin, »die Augen zu öffnen und ein vermeintliches Low-Interest-Thema auf den ersten Blick in seiner ganzen Tragweite erfahrbar zu machen.« Damit es scheint, wie es ist.

Carlo Zapponi: »It’s a lot of fun«
Carlo Zapponi liebt es, die Welt zu beobachten, in Daten zu stöbern, im Alltäglichen Interessantes, Inspirierendes zu entdecken, das er auf seiner Website makinguse.com veröffentlicht. Der Informationsdesigner, vormals bei frogdesign als Senior Design Technologist und aktuell bei Nokia verantwortlich für Datenvisualisierung, verwandelt Unmengen von Verbraucherdaten in beeindruckend lebendige Daten-Stories. Diese generiert er einerseits durch eine kraftvolle metaphorische Bildsprache, andererseits durch ansprechende und verständliche Online-Tools, die es dem User ermöglichen, Daten ohne Umschweife zu verstehen, sie in den richtigen Kontext einzuordnen, selbstständig Muster, Trends und Beziehungen zu erkennen. So bietet er bspw. mit dem Projekt »Un mare di…tweet« auf makinguse.com ein spezielles Tool zur Beobachtung der aktuellen Parlamentswahl in Italien: Twitter als Meer, Tweets als Wellen in unterschiedlichen Ausmaßen dargestellt, zeigen in Echtzeit Tendenzen in der Bewertung einzelner Kandidaten. Und dass Zapponi eine Menge Spaß beim Visualisieren der Daten hatte.

Moritz Stefaner: »Think about Framing«
Der Interfacedesigner und selbst ernannte »trooth and beauty operator« interessiert sich für Informationsästhetik, interaktive Datenvisualisierung und wie das Web unsere Wahrnehmung von Information und damit unsere Sicht der Welt verändert. Den Datenkontext als Bezugsrahmen einer Infografik hält er für die Kamera des Betrachters, die es zu hinterfragen gilt: Welche Datensätze wurden wie ausgewertet, welche Informationen wurden weggelassen. Stefaner arbeitet freischaffend für Kunden wie OECD, World Economic Forum, Skype, dpa, FIFA, und die Max Planck Gesellschaft. Als sein »momentan spannendstes Projekt« stellt er das Daten-Kunst-Projekt emoto vor, das Resonanz und Reaktionen auf die Olympischen Spiele 2012 in London thematisiert. Wie schon bei Zapponis Visualisierung »Un mare di…tweet« dient auch hier Twitter als Quelle für ein Online-Emotionsbarometer, das Stefaner gleichzeitig in Frage stellt: Findet hier nicht auch eine Verfälschung durch Datenauswahl statt, kann Twitter überhaupt die Welt repräsentieren? Mit seinen Projektpartnern Drew Hemmend und Studio NAND transformiert Stefaner die emoto-Daten schließlich auch noch in eine dreidimensionale Datenskulptur, eine in Holz gefräste Emotionslandschaft und schafft damit nochmals eine neue Sicht der Welt.

Benjamin Wiederkehr: »Mensch als Mittelpunkt«
Wiederkehr ist Gründungspartner und Geschäftsführer von Interactive Things, ein auf User Experience Design und Datenvisualisierung spezialisiertes Design- und Technologie- Studio, das er 2010 in Zürich zusammen mit Christian Siegrist und Jeremy Stucki gründete. Der Interaktions-Designer bezeichnet sich als »human-centered« und möchte mit Daten und Fakten visuelle Geschichten erzählen. Er beschäftigt sich mit der Frage, wie explizit eine Visualisierung sein muss, um den Betrachter berühren zu können, was umgekehrt abstrakte Darstellungen vermitteln können, und ob Visualisierungen überhaupt berühren müssen, um aussagekräftig zu sein: »Die besten Geschichten können auf einen einzigen Gedanken reduziert werden.« In seinem Projekt Ville Vivante für die Stadt Genf visualisiert er die dynamische Dimension der Stadt anhand digitaler Spuren, die mobile Telefonverbindungen generieren. Die aufgezeichneten Ströme liefern gebündelte Hinweise auf bspw. Verkehrsstaus, Nachtleben, beliebte und belebte Plätze. Der Puls der Stadt wird animiert durch ihre Bewohner, eben human-centered.

Andreas Uebele: »Ich glaube an die Schönheit«
Der Stuttgarter Professor für Kommunikationsdesign, studierter Architekt, entwirft seit 1996 unzählige Aufmerksamkeit erregende, vielfach ausgezeichnete Orientierungssysteme und ist bekannt als Autor von Büchern über Orientierung und Signaletik. Der humorvoll seinen Dialekt zelebrierende Schwabe gibt in einem Schnelldurchlauf Einblick in seine wichtigsten Arbeiten und hinter die Kulissen, begleitet von Anekdoten, z.B. über den Entstehungsprozess der typografischen Deckenskulptur in der Tübinger Mensa: Der Philosoph Böhringer hatte hierfür die rätselhaft-tiefsinnigen Worte »hin und wieder aber dennoch« kreiert. Uebele verkaufte sie dem Kunden als Spiegelung studentischen Laisser-Faire-Verhaltens. Böhringer fand hingegen, wie sich später herausstellte, einfach den Klang der Worte schön … Jüngst hat Uebele mit seiner – aktuell 10 Köpfe umfassenden – »süddeutschen Rasterfraktion« für das adidas design center ein Orientierungssystem geschaffen, das aus gewohnt plakativen, raumhohen Lettern besteht, die sich durch Multiplikation und Überlagerung scheinbar durch die Räume bewegen. Im Anschluss an den Vortrag holt er hierfür am selben Abend in München den renommierten if-design-Award in Gold ab.

Claudius Lazzeroni: »whothefuckwantstoknowallthatshit«
Der Vortragstitel Lazzeronis kann sich allenfalls auf die bereits von mehreren Referenten zitierte Krise der generativen Gestalter beziehen, denn seine Berichte über die Erforschung der »Dramaturgie des Zwischenraums« und die Vorstellung konkreter Studienprojekte sind außerordentlich spannend. Lazzeroni ist seit 1999 Professor für Interfacedesign an der Folkwang Universität der Künste in Essen. Der Fotograf und Mediendesigner war zuvor u.a. als Creative Director bei Pixelpark für Unternehmen wie Oetker, Langnese und Mannesmann zuständig. Mit seinen Studenten versucht er, das Erleben von Raum und Zeit hautnah wiederzuentdecken, und diese Erfahrungen in Informationsgestaltung zu übersetzen. So werden bspw. Klangformen generiert und dann in Bilder übersetzt, Informationen auf einem täglich zurückgelegten Weg gesammelt, geordnet und in Form einer mehrschichtigen visuellen Partitur dargestellt. Fundstücke werden von unterschiedlichsten Orten zusammengetragen und mit dem Klang ihres Fundortes kombiniert und ausgestellt. Alltägliche Informationen werden so mit geänderter Sicht wahrgenommen, werden bedeutungsvoll, bieten reelle Bezüge. Das Ergebnis sind Produkte, die Information in einen anderen Kontext stellen und eine synästhetische Wahrnehmung schaffen. Oder sogar Produkte, die Verhalten verändern oder umkehren, wie eine Lampe, die man, weil sie sich immer wieder selbst ausschaltet, um Licht bitten muss. Mit der Schlussbemerkung »Ich denke, wir machen einfach weiter« schließt Lazzeroni die Reihe der Vorträge des Typotags 2013. Von einer Krise keine Spur.

Fotos: © Michael Bundscherer (Flickr), Michael Schmidt