Philipp Luidl wäre am 11. Dezember 90 Jahre alt geworden. Die tgm hat ihn nicht vergessen. Er war ein vielseitig interessierter und informierter Mensch: Politik, Gesellschaft, Kunst und natürlich die Anwendung von Gestaltung; ein Lebenswerk als Buchgestalter, Autor, Lehrer und Programm-Macher für die tgm.

Philipp Luidl
Philipp Luidl am 12.02.2009 bei einer Vernissage der tgm (Foto: Michi Bundscherer)

Für einige Generationen war er prägend als Lehrer für Typografie und Gestaltung an der Berufsschule für das graphische Gewerbe und an der Akademie für das Graphische Gewerbe, der alten Meisterschule für Deutschlands Buchdrucker in München. Vielen seiner zahlreichen Schüler und Schülerinnen merkt man seinen Einfluss heute noch an. Luidl vertrat eine strenge, moderne, aber traditionsbewusste Typografie. Oft verbunden mit einer positiven Kargheit, dem Klang von Schrift und Raum zugetan.
Ob in der Berufsschule oder in weiterbildenden Kursen, vielen Schüler hatte Luidl nicht nur zu einer exakten Typografie verholfen, sondern darüber hinaus mannigfach kulturelle, politische und künstlerische Anregungen gegeben.

Phillip Luidl
Luidl im Unterricht (Foto: Geigges Jahr?)

Luidl war Sohn eines Buchdruckers und erlebte eine klassische Karriere im graphischen Gewerbe. 1930 in Dießen am Ammersee geboren, hatte er die Auswirkungen des Zweiten Weltkriegs als Jugendlicher erlebt – und nie vergessen. 1945 begann er eine Schriftsetzerlehre bei einer damals sehr angesehenen Druckerei, Jos. C. Huber in Dießen. Danach war er bei namhaften Betrieben beschäftigt, die für die Qualität von Satz und Druck maßgebend waren. Daraufhin wurde er, der Schriftsetzermeister, Fachlehrer in München an der Akademie für das graphische Gewerbe sowie an der Berufsschule, der Meisterschule für Mode und an der Fachhochschule. Luidl war ein herausragender Pädagoge. Er hinterfragte die Dinge, dachte quer und hatte die Fähigkeit, komplexe Sachverhalte auf den Punkt zu bringen, in lapidaren, kurzen Sätzen.

Desktop Knigge 1988

Technisch bedeutende Veränderungen fielen in die Jahre von Luidls Tätigkeit. Vom Bleisatz kommend gab es bald die Probleme des Fotosatzes zu bewältigen. Seine Reaktion auf heutige technische Verhältnisse blieb natürlich nicht aus. Qualität im Satz und in der Typografie ist schließlich nicht an eine technische Epoche gebunden. Den neuen Desktopern schrieb er einen »Knigge« für ein besseres typografisches Verhalten.

Philipp Luidl beteiligte sich an frühen tgm-Initiativen. So gab es 1969 bis 1971 einen Arbeitskreis für Gestaltung. Im viele Jahre angebotenen Kurs »Grafische Techniken« vertrat er die Typografie und er begründete das Seminar »Das Einmaleins der Typografie«, das ich 20 Jahre weiterentwickeln und durchführen durfte.

Eine von Luidl gestaltete Einladung zu einem tgm-Vortrag 1991

Luidls Oeuvre als Autor oder Gestalter ist ziemlich groß. Ab 1972 war er als Typograf für die Bücher der tgm dominant. Doch nicht nur das; für die tgm war er inhaltlicher Katalysator, Jahresprogramme und Kurse entstanden adäquat zu den Bedürfnissen der Zeit, z. B. über eine Gesamtschau der grafischen Techniken, zur Entwurfstechnik oder zur Manuskriptvorbereitung

1996 und 1999 nahm es die wichtigste deutsche Druckzeitschrift zum Anlass, auf gute und sorgfältige Typografie aufmerksam zu machen. Autor der beiden Bände war Philipp Luidl. In erweiterter Form zeigte Luidl hier plattformunabhängig die Bandbreite von funktionierender Typografie und Gestaltung.

Sonderhefte des Deutschen Druckers über Typografie, 1984

Als Fachautor findet man ihn in den gängigen Büchern und Fachzeitschriften mit wichtigen Beiträgen vertreten, kulturell mahnend in der Süddeutschen Zeitung oder beispielsweise in seinem knapp und eindrücklich gefassten Standardwerk von 1984: »Typografie Herkunft Aufbau Anwendung«. Dabei war er längst »Rufer« für Qualität mit Vortragsthemen wie »Was bedeutet uns heute noch Schrift« 1978 oder 1989 »Die Typografie in den Fängen der Technik«. Der oft valentineske Kritiker Philipp Luidl bleibt wohl vielen Zeitgenossen in Erinnerung.

Beitrag in der Süddeutschen Zeitung 1971

Nahe am Zeitgeschehen kritisiert er das Olympische Komitee wegen ihrer Ausschreibung für das Emblem für die Spiele 1972, er hinterfragt die Zukunft der Mode (29. Mai 1968) oder im gleichen Jahr befasst er sich kritisch mit dem Klapprad und damit auch der Fahrradentwicklung.
Ein anderer Beitrag nimmt die Zigarettenwerbung von 1968 unter die Lupe. Es geht um den Slogan, um die Grafik, die Farben und die Verpackung. Wobei von Luidl die dazugehörige Grafik positiv beurteilt wird.

Lange bevor die ATypI zur jährlich hippen Begegnung wurde, gab es diese schon als Kreis, der vor allem international die »übersichtlichen« Schrifthersteller und Schriftentwerfer vereinte. In diesem Kreis traf Luidl viele namhafte Fachleute und so entstanden viele Vorträge mit Persönlichkeiten, die dann zur tgm nach München kamen.

Einladung zu einer Veranstaltung über Jazz-Plakate, 1968, Intergraphis München

In der von BMW geförderten Galerie Intergraphis war Luidl im Führungsteam, das außer ihm aus Walter Biering, Olaf Leu, Hans Numberger, Rudolf Rieger und Kurt Weidemann bestand. Fünf Jahre entstanden so sehr wichtige Ausstellungen von Arbeiten meist internationaler Gestalter.

Buch über Günter Gerhard Lange, 1983

Über Günter Gerhard Lange schreibt Luidl in der Chronik zu 100 Jahre tgm: »[wir haben] manch konträre Auffassung hart und erbittert diskutiert. … Es ging immer nur um eines: um Schrift, um Typografie.«

Zur ersten von Luidl gestalteten Jahresgabe der tgm 1972 (aus der Akzidenz Grotesk gesetzt), bemerkte der Chronist der tgm, Xaver Erlacher: »Es war eine Jahresgabe, die aus dem gewohnten Rahmen fiel und prompt die etwas konservativen Mitglieder die Stirn runzeln ließ.«

Jan Tschichold wurde bereits 1976 von der tgm mit einem Buch geehrt. Luidl ließ dies natürlich aus Tschicholds Schrift »Sabon« bei D. Stempel in Frankfurt setzen, also an der Quelle, welche die Schrift auch herausgebracht hatte.

Buch über Jan Tschichold, 1976

Eine für die Typografie heute noch wichtige Reihe entstand: »Aus Rede und Diskussion«. Hier erschienen in der Folge der Vorträge unter anderen die Texte von G. Willem Ovink, Gerik Nordzij, Jan Philipp Reemtsma.
Für die gerade aktuelle Diskussion zu Lesbarkeit darf vielleicht an Nordzijs »Das Kind und die Schrift« von 1985 erinnert werden.

Manchmal war die Grenze zur Bibliophilie überschritten, nämlich dann, wenn Luidl Dichter ins Buch-Spiel brachte. So mit Hans Magnus Enzensberger, Wolfgang Bächler, Wolfdietrich Schnurre, Horst Bienek und Rainer Kunze, Letztere mit Illustrationen vom Gestalter des dtv, Celestiono Piatti. Zum hundertjährigen Jubiläum der tgm hielt dann der längst legendäre Verleger des dtv, Heinz Friedrich, die Festrede, die als Buch folgte.

Lust und Leidenschaft vermutlich führten zu den kleinen Werkstattbriefen, in denen einzelne Themen zwischen 4 und 16 Seiten behandelt wurden. Angenehme und heute noch gefragte Handreichungen.

Auch mit anderen wichtigen Kollegen setzte sich Luidl intensiv auseinander. Hier mit dem großen konservativen Buchgestalter Max Caflisch, aber auch mit Georg Trump, Hans Peter Willberg und vielen anderen.

Philipp Luidl: Die Schwabacher. Maro Verlag, Augsburg 2003

Einige Male gelang es mir dann noch, Philipp Luidl zur tgm zurückzuholen. So bat ich ihn um einen kritischen Rückblick auf 50 Jahre des Neubeginns der tgm nach 1945. Aus dem Vortrag entstanden die Zwischentexte zum Buch »Bücher und Drucksachen der tgm 1949 bis 2009«.

Und über die fast vergessenen gebrochenen Schriftarten hatte Luidl längst nachgedacht, darüber geschrieben. Das Thema war für einen schönen Vortrag einfach »fällig«.

Schließlich las er vor der tgm im Literaturhaus München seine Gedichte, die im Prinzip wunderbar zu seiner Typografie passen.

Neben der Arbeit an seiner Lehre und den umfangreichen Projekten für die tgm hatte Luidl immer auch für freie Kunden gearbeitet. Kataloge für bildende Künstler, Buchgestaltung und Buchcover, aber auch Prospekte und Briefbogen in reicher Zahl.

Schrift: Zerstörung der Nacht. Das Abschiedsbuch zur tgm von Philipp Luidl, 1993

»Die Typographische Gesellschaft ist keine Priesterschaft, obwohl Typografie manchmal den Anschein erweckt, als sei sie die Kunst von Geheimbünden.« So schreibt Philipp Luidl 1989 am Ende seines Beitrags mit dem Titel »Im Hauptfach Typografie« in der Chronik der tgm. Und dieser Beitrag ist gleichzeitig positiv auf die Zukunft bezogen und doch voller Skepsis, halt typisch Luidl.

»Wer der Zeit keinen Gedanken schenkt, der darf auch die Schrift vergessen«. So beginnt Philipp Luidl in seinem Buch »Schrift die Zerstörung der Nacht«, wo er immer wieder auf das Matriarchat zu sprechen kommt. Das Buch ist aus Günter Gerhard Langes Concorde gesetzt, aber eigentlich geht es um Aspekte zur Schriftgeschichte. Dieses Buch war Luidls Geschenk an die tgm, als er sich 1993 von dieser Gesellschaft verabschiedete und seiner zweiten großen Leidenschaft nachging, der Lyrik.

In Luidls Gedichten zeigen sich Ähnlichkeiten mit seiner Arbeit als Typograf. Kurze, prägnante Texte, absolut reduziert. Und diese von ihm selbst gelesen gehört zu einem Höhepunkt der »Nach-Luidl-Zeit« der tgm.

Gedenkstein auf dem Friedhof in Dießen am Ammersee

Auf seinem Grabstein finden wir die Walbaum in Stein gehauen oder ziseliert, was für die Bildhauerin Sibylle Schwarz nicht ganz einfach gewesen sein dürfte.

Als ich Philipp Luidls Nachfolge in der tgm antrat, war mir seine Größe bewusst. Die Zeit war ganz anders geworden, die Postmoderne war »erledigt«, der digitale Satz gewann enorm an Qualität. Doch die Qualitätsmaßstäbe technischer und ästhetischer Art, wie sie Luidl vertreten hatte, bleiben gültig.

Gekürzter Ausschnitt aus einem Vortrag im Lyrikkabinett München am 22. November 2016
Rudolf Paulus Gorbach
Rudolf Paulus Gorbach bei »Ein Abend zu Ehren von Philipp Luidl (1930–2015)«, 2016