Rechtzeitig zum 100. Geburtstag von Otl Aicher wurde dem Zeitkritiker, Lehrer, Fotograf, Architekt, Typograf und Designer als bahnbrechende und faszinierende Figur des 20. Jahrhunderts ein großformatiges Buch gewidmet. Aichers Lebenswerk dürfte allen Typografen und visuellen Gestaltern ein Begriff sein. Olympische Spiele, hochschule für gestaltung ulm, Piktogramme oder die Schrift »Rotis« und noch viel mehr. Manches davon geriet fast zum Mythos. Jedoch werden in diesem Buch Werk und Leben des Meisters recht objektiv, aber auch kritisch beschrieben.

Das Buch enhält Beiträge über den Denker, Lehrer, Designer, die Olypiade, den Architekt, Fotograf und Typograf sowie eine Erinnerung von Norman Foster. Der Philosoph Wilhelm Vossenkuhl hat in seinem Beitrag auf das Philosophische im Leben von Otl Aicher hingewiesen und kommt dabei auf die Moral des Entwerfens zu sprechen, wobei der Entwerfende und nicht der Gegenstand, also der Entwurf, gemeint sind.

»mein denken war andenken gegen hitler« zitiert Winfried Nerdinger Aicher. Er beschreibt dabei auch den generellen Widerstand Aichers gegen Staat und Autorität und besonders gegen die Formen staatlicher Repräsentation und Symbolik. Design sollte auch nicht Kunst sein, obwohl er den wahrnehmungsästhetischen Gesetzen von Harmonie, Ordnung und Proportion in seinen Entwürfen folgte. Aicher war fasziniert von Le Corbusiers Werk und Denken und sah fast im Gegensatz dazu die oberschwäbischen Barockkirchen als Sieg des Adels gegen die aufständischen Bauern. Natürlich wird (auch in anderen Beiträgen des Buches) die recht vielfältige Rolle Aichers innerhalb der hfg Ulm behandelt. Dabei verschwieg Aicher die Vorbildrolle der »Guten Form« von Max Bill oder die schon 50 Jahre vorher erbrachte Leistung des Deutschen Werkbunds. Es war ja Max Bill, der in der ersten Phase der hfg zur dominanten Figur wurde. Die Frage der wissenschaftlichen Durchdringung von Gestaltung wurde zu einem Dauerthema.

Plakat Ulmer Volkshochschule ab 1946

René Spitz stellt unter dem Thema »Die Doktrin des moralischen Denkens drei interessante Fragen:
»Welche Motivation hat seiner Lehre zugrunde gelegen, welche Programme hat er daraus abgeleitet? [1]
Welche Gegenstände hat er thematisiert, welche Aufgaben hat er gestellt? [2]
Welche Methoden hat er praktiziert, welche Wirkung hat er dabei entfaltet? [3]«

[1] Aichers biografische Entwicklung ist intensiv mit der Frage nach einer Verwissenschaftlichung der Gestaltung verbunden. In einer scharfen Kritik an seinem Diplomkolloquium schreibt er 1961: »… zielt die ausbildung der hfg auf konkrete veränderungen, … vertritt der designer eine politik und eine moral. … er hat nicht den kompromiß im auge, selbst wenn er kompromisslos ausgehen muß.

[2] Grundlehre, Abteilungsarbeit, Diplomarbeit und Entwicklungsgruppen waren die Bereiche in denen Aicher jeweils präsent agierte. Die Entwicklung ist dabei lebendig, vom Vorbild Bauhaus bis zu einer wissenschaftlichen Unterstützung von Gestaltung, wozu Kunst nicht zählt.

[3] Ehemalige der hfg zitiert Spitz in recht unterschiedlichen Aussagen, von sehr positiv bis verhalten kritisch. »Seine Klarheit und Rigorosität zogen einen Teil der Studierenden an, die darin genau die einfachen Formeln fanden, die sie für ihre Gestaltung suchten«.

Einheit von Kunst und Design im Disput zwischen Otl Aicher mit Max Bill und dem Bauhaus waren prägend und wirkend für die hfg. Tobias Hoffmann hat sich damit befasst. Hier wird zurückgegriffen auf Muthesius’ Schockwirkung auf der Werkbundtagung von 1914  »… da die neue Tätigkeit des Entwerfens keine künstlerische Tätigkeit mehr sei«.  Daraus folge am Bauhaus nicht die Konsequenz. Design statt Kunst bedeutete dies für die hfg. Das Bauhaus lieferte demonstrativ seinen Namen mit »Gestaltung«, was Hannes Meyer mit Leben füllte. Max Bill, der Mitglied im Ring neuer Werbegestalter war, versuchte diese Ideen in Ulm zu platzieren, wollte aber die Einheit von Kunst und Gestaltung beibehalten. Doch für Aicher hat Kunst nichts mit der Wirklichkeit zu tun und das war vielleicht der Vorwand um seinen »Übervater« los zu werden.

Natürlich werden im Buch die großen Leistungen Aichers als Design beschrieben und gezeigt. Das führt zur Beschreibung der »Entwicklungsgruppe 5«, die für die Zusammenarbeit mit Firmen wichtig wurde oder zu einer umfangreichen Abhandlung über die Farbe als Argument von Christopher Haaf und Hannes Gumpp. Der Olympiade von 1972 in München ist ein eigenes Kapitel gewidmet, das vor allem Kilian Stauss geschrieben hat.

Mit Schrift und Typografie bei Aicher befasst sich Tino Graß ausführlich.
Aicher ist stark von den Erscheinungen der Typografieszene beeinflusst. Schließlich hat er das nicht studiert. Zum Verständnis führt Graß die Einflussquellen an. Ganz früh Rudolf Koch, Herbert Bayers Schriftversuche mit der Universaltype und die Einführung der Kleinschreibung im Bauhaus., Cassandres vereinheitlichte Formen für Groß- und Kleinbuchstaben, Paul Renner und die Futura, selbst Jakob Hegner. Aicher hat von Kollegen und Mitarbeitern immer viel für sich aufgenommen. So war sein Büroleiter Fritz Querengässer schließlich sein »Asbilder« für Satztechnik und Typografie. Adrian Frutigers Schrift Univers war nach Graß die wohl wichtigste Schrift für Otl Aicher (und man sollte die enorme Öffentlichkeitswirkung der Univers durch das Erscheinungsbild der Olympiade 1972 nicht vergessen). Manches entsteht im Team. Die Leistungen der Mitarbeiter sind wohl beträchtlich, vor allem ab der Zeit der Olympiade-Vorbereitung. Und schließlich werden Vorbereitungen zu Aichers Schrift Rotis angeführt. Aichers Buch »typografie« sah er selbst vielleicht als finalen Schluß der Typografiegeschichte?

Und es gibt noch mehr Themen. Das Buch rentiert sich für alle, die nicht nur Otl Aichers Werk großartig finden, sondern auch die Zusammenhänge verstehen wollen, die schließlich heute sehr aktuell geblieben sind.

Manchmal wünscht man sich ein umfangreiches Buch wie dieses in kleinerem Format. Zwar geht es hier um ein sehr schön gestaltetes Schaubuch mit hervorragend großen und gut reproduzierten Bildern. Aber das Lesen darin bleibt des Gewichts und Buchformats wegen etwas anstrengender auf den Tisch beschränkt. Gesetzt ist es aus der Neuen Helvetica, glücklicherweise nicht aus der Rotis.

Winfried Nerdinger und Wilhelm Vossenkuhl (Hrsg.):
Otl Aicher
Designer, Typograf, Denker
Hardcover mit Schutzumschlag
256 Seiten
240 x 287 mm
250 farbige Abbildungen
ISBN: 978-3-7913-7943-2
49 Euro