Von Rudolf Paulus Gorbach und Silvia Werfel

Rudolf Paulus Gorbach:

»Intuition«, das Thema der Tÿpo 2021 in Sankt Gallen kann für Gestaltende verführerisch sein. Denn was verstehen wir darunter? Geht es um eine jähe oder auch langsamere Eingebung oder hat sich das, was wir wissen, gelernt und geübt haben, im Unterbewussten  zu einer These oder Meinung entwickelt? Und im besten Fall läuft alles bewusst ab. Das war auch das eröffnende Thema des Schweizer Musikers Rudolf Lutz, der Musik gestaltend über Improvisation (kaum Intuition) sprach. Und alles worüber er sprach und dies auch am Klavier spielte, ist auch im visuellen Bereich gültig: Tonart, Intervall, Klang, Lautstärke, das Leise, die Harmonie, Deklamatorik und die Improvisation, um nur einige zu nennen. Eine wunderbare Einstimmung für eine Tagung über Typografie.

Typografie kann auch bewegt sein. Motion-Design heißt so etwas. Und wie man das macht, einfach, klar und sehr witzig, das zeigte Josh Schaub in seinen Arbeiten, die er motivierend erläutert. Wie oft hat uns schon Bewegung in der Gestaltung oder besonders in der Typografie entsetzlich genervt. Es geht auch anders und es muss eben nicht blinken und flimmern. Die Zukunft des Plakats liegt sicher in der Bewegung mit begründet. Dabei geht es um eine Animation der Gestaltung. Und das heißt, dass die Bewegung aus der Grafik oder der Schrift kommt mit dem Vorteil der Wirkung nach der ersten Sekunde des Betrachtens. Botschaften können so, laut Schaub, sogar versteckt werden. Infografiken, in der wichtige Vorgänge durch Animationen für das schnelle Begreifen verdeutlicht werden. Aber auch bei Schriftvorstellung ist dies möglich, wie Schaub am Beispiel von Grilli Type Zürich zeigte. Gleichzeitig beharrt er darauf, lieber nicht etwas neues erfinden sondern das nützen, was schon da ist. Man kann mit der Lesbarkeit sogar mehr spielen als im Printbereich.

Animation von Josh Schaub fürFons Hickmann M23

Schrift gestalten ist heute längst ein wichtiger Teil einer Typografie-Tagung. Sehr unterschiedlich konnte man das in Sankt Gallen erleben. Wunderbar wie einer der Meister der ersten Stunde der digitalen Gestaltung, Just van Rossum, spielerisch und elegant aus seiner Kariere berichtete.

Dass über digitale Schrift berichten auch schwieriger sein kann, war bei anderen Referaten zu sehen und zu hören. Aber ein ganz wichtiger Fakt dieser Tagung ist das Treffen mit Kollegen.

Mit der Gestaltung kommt Typografie erst zur Geltung. Das gelingt nicht immer. Das Frauenquartett Büro Klass aus Hamburg sprach im Team mit viel erdachtem Hintergrund und emotionalem Anteil. Sie zeigten ausführlich eine Vorgehensweise mit sehr vielen unterschiedlichen Arbeiten, also Lösungen. Und die sandten Sie dann fast alle an die Kundin, die sich den Richtigen aussuchen sollte. Das misslang wohl gründlich, da die Kundin wohl den mäßigsten der Entwürfe ausgesucht hat. Viel Pomp um nicht ausgereifte Arbeiten.

Andreas Koop von der designgruppe koop in Marktoberdorf folgte seinem Auftrag, wie er sagte, über Intuition zu sprechen, obwohl er kein Experte sei. Sein Titel »Zwischen Usability und Esoterik« bezieht sich auf eigene Betrachtungen und Erfahrungen. Er gesteht: »Je mehr ich über Intuition nachgedacht habe, desto weniger wurde sie mir greifbar. Erkenntnis 1 lautet also: Intuition ist ein ambulantes Geschwerl. Und eine elende Diva!«. Und weiter erfährt man für den Zuhörer Amüsantes und wunderbar-ironisches aus Koops Biografie und seiner Sicht auf Design im Ganzen. Und es folgen dann doch recht tiefe Einsichten, Zweifel und Tatsachen zur Intuition und deren Möglichkeiten oder Versprechungen. »Auf den ersten Blick würde man Intuition vielleicht als gar nicht so über-relevant im Design vermuten. Klar, man hat »seine« Kreativität, die auch Wege kennt, die sich nicht erklären lassen, aber keinen Hokuspokus. Und doch kennt jede und jeder das, wenn sich im Entwurfsprozess auf einmal Dinge fügen, sich eine Stimmigkeit entwickelt und Schlüssigkeit entsteht – wahrlich, Lichtblicke sind das!«, so Andreas Koop. Er zeigt und kommentiert Arbeiten, die er selbst mit dem Begriff Intuition verbindet. Das geschieht bisweilen spöttisch, betrachtet aber die gesamte Designerszene.

Auf der Tÿpo Sankt Gallen gibt es immer auch eine Buchvorstellung. Diesmal war es die Fortsetzung eines bereits berühmten Buches von Hans Eduard Meier (dem Schöpfer der »Syntax«). Und das ist ein Buch über die Geschichte und Form der lateinischen Schrift, die Rudolf Barmettler und Roland Stieger aktualisiert und herausgegeben haben. Wir finden hier eine knapp beschriebene und gut illustrierte Schriftgeschichte, die Barmettler ebenso knapp wie einleuchtend vorgestellt hat. In einem sehr dicht geschriebenen, äußerst informativen Essay »Schreiben, drucken, tippen« behandelt Rupert Kalkofen Entwicklungslinien der Schriftgeschichte mit dem Besonderen des handschriftlichen Schreibens.

Das Buch:
Geschichte und Form der lateinischen Schrift
Hans Eduard Meiers Standardwerk überarbeitet und aktualisiert
Herausgegeben von Rudolf Barmettler und Roland Stieger mit einem Essay von Rupert Kalkofen
Schweizer Broschur
92 Seiten
VGS Verlagsgenossenschaft Sankt Gallen 2021
ISBN 978-3-7291-1137-0
28 Euro

Am zweiten Tÿpo-Tag wurden 10 je zweistündige Workshops angeboten. Die Wahl fiel schwer. Ich entschied mich für Ulrich Vogt: Das Schöne im Hässlichen. Der Kurator des Grubenmann Museums im Zeughaus Teufen bot eine Baubegehung an. Es wurde über Nützliches, Funktionelles, Grässliches oder nur Hässliches diskutiert. Vogt betonte dabei immer wieder die Offenheit und die Vermeidung von Wertung. Und mich erfreute wie kompetent und offen Typografinnen und Typografen mit dieser sehr schönen Begehung im Haus der Schule für Gestaltung (Baujahr xxxx) umgingen.

Den Abschluss der Tagung bildete entweder:

ein Vortrag und die Ausstellungsvernisage zu den schönsten Büchern aus Deutschland, Österreich, der Schweiz und den Niederlanden. Eigentlich eine wunderbare Gelegenheit, die Ergebnisse der diversen nicht vom Zeitgeist freien Jurys zu sehen,

Ich entschied mich aber für die Ausstellung über die Galerie, Edition, Verlag »Erker« aus Sankt Gallen, die mich bereits um 1960 beeindruckt hatte. Das Phänomen Erker von Franz Larese und Jürg Janett beschäftigte sich mit Expressionismus und der klassischen Moderne schon seit 1958 in wegweisenden Ausstellungen. Die waren für Sankt Gallen gleichzeitig der Anschluss an die große weltweite Kunst der Gegenwart. Werke von Hans Arp, Alberto Magnelli, Max Bill, Asger Jorn, Hans Hartung und noch viele andere stehen dafür. Die Kuratorin Nadia Veronesi war für die Führung leider erkrankt. Ihre Mitarbeiterin versuchte das Wesen des »Erkers« zu erläutern. Leider beendete sie jeden Satz (wie das oft so salopp und störend in jüngeren Generationen geschieht) mit »genau«, was von ihrer Kompetenz leider ablenkte. rpg

Fotos: Manuel Kreuzer, Silvia Werfel, Archiv

Silvia Werfel:

Mein persönliches Highlight der TŸPO St. Gallen war Aleksandra Samuļenkova. Aufgewachsen ist sie in einer Russisch sprechenden Familie in Lettland, studiert hat sie in Riga, Berlin und Den Haag. Inzwischen lebt sie in den Niederlanden, ihre Satzschriften erscheinen bei Bold Monday. Die kyrillischen Schriftzeichen sind ihr so vertraut wie das lateinische Alphabet mit all seinen sprachabhängigen diakritischen Sonderzeichen.

Sie gab Einblicke in ihr Typedesign und sensibilisierte die Zuhörerschaft für all die feinen regional bedingten Unterschiede. Allein die Positionierung der Punkte fürs i und für die Umlaute ist dabei eine Herausforderung. Sie zeigte zudem die bandartige russische und die differenziertere bulgarische Version der kyrillischen Schrift: diese fußt auf der Handschrift und zeichnet sich durch Ober- und Unterlängen aus, hat auch andere Proportionen, was sie insgesamt besser lesbar macht. 

Sodann stellte sie ihre Arbeit an der IBM Plex vor, zu der eine Sans-, Serif- und eine Mono-Familie gehören. Dem Creative Director Mike Abbink lag daran, den IBM-Spirit einzufangen und die Beziehung Mensch–Maschine spürbar zu machen, für die IBM steht. Aleksandra Samuļenkova entwarf die kyrillischen Versionen für die drei Schriftstile. Und wagte es, ein paar ungewohnte, ältere Formen unterzubringen, zu sehen etwa im Ka und Zhe mit den traditionellen „Ohren“. 

Erwähnenswert ist zu guter Letzt ihre preisgekrönte kantig-kräftige Satzschrift Pilot, die es als digitale Version gibt (Bold Monday) und als Bleisatzschrift in 24 Punkt (Ed Rayher, Swamp Press, Northfield/MA). Aber das ist eine andere Geschichte …

Um Schrift ging es auch bei der Niederländerin Britt Möricke, genauer: um Handschrift. Dazu gab sie auch einen Workshop mit dem Titel „My handwriting sucks“. Schon als 12-Jährige entdeckte sie Edward Johnstons Buch „Writing, Illuminating and Lettering“ – Beginn ihrer Leidenschaft für Buchstaben. Studiert hat sie dann Typographic Design (Abschluss 2002) an der Royal Academy of Art in Den Haag, absolvierte zusätzlich den Masterstudiengang Type & Media (2003) und unterrichtet seither Kalligrafie, Typografie und Schriftdesign. Solides Wissen und Können zu vermitteln, ist ihr genauso wichtig wie selbständiges Denken und Forschen. Zum Repertoire gehört natürlich die humanistische Kursive, aber nicht Ludovico Arrighi ist Britt Mörickes „Favorit“, sondern Gerardus Mercator. Der im 16. Jahrhundert weithin berühmte Geograph und Kartograph war ein analytischer Geist und auch ein Maßstäbe setzender Schriftkünstler. 

Im zweiten Teil der Präsentation ging es um Stereo-Typo. Beim Marken- und Logodesign ist die Schriftwahl von großer Bedeutung. Wie aber mit etablierten Klischees umgehen? Eine Metal-Band mit gerundeter, bunter Kinderschrift? Oder klassizistisch im Fashion-Stil – geht das denn? Eher nicht. Und doch gilt es, manchmal gekonnt ein Klischee zu durchbrechen.

Ein großes Anliegen ist es Britt Möricke auch, Studierenden des Kommunikationsdesigns die Angst vor der Typografie zu nehmen, die ihr immer wieder begegnet. Zu viele Regeln? Zu langweilig und streng? Ob ein anderer Begriff wie Visible Language weiterhilft, bleibt fraglich.

Sprache ist das Metier von Daniel Ammann. Er hat an der Universität Zürich Anglistik, Pädagogik und Literaturkritik studiert und ist seit 2002 Dozent für Medienbildung sowie Mitarbeiter des Schreibzentrums an der Pädagogischen Hochschule Zürich. Frei nach Marshall McLuhan betonte er: „Das Format ist die Botschaft.“ Wie bei Postkarten, Briefmarken und Flaschenpost – bedeutsame kulturelle Artefakte, ihre Form und ihr Format sind Teil ihrer Botschaft. 

Small is beautyful? Bigger is better? So fragte Daniel Ammann und erzählte passend dazu von einem besonderen Guinness Weltrekord. Anlässlich des 72. Eidgenössischen Turnfestes am 22. Juni 1996 im Wankdorf-Stadion in Bern stellten 10 070 Kinder, Jugendliche und einige Erwachsene, ausgerüstet mit farbigen T-Shirts und Mützen, die mit 2600 qm größte „lebende Briefmarke“ aller Zeiten dar (3,5 Mio. Mal größer als das Original). 

Ziel von Kommunikation ist Verständigung. Wie verständlich aber ist die „teuerste Streusendung der Menschheit“, also die Plaketten an Bord der Raumsonden Pioneer 10 und 11, mit denen  man 1972 Kontakt mit außerirdischen Lebensformen aufzunehmen hoffte? Oder ein grüner (statt roter) SOS-Knopf? Daniel Ammann lud dazu ein, sich mit Craig Raine im Perspektivwechsel zu üben und das eigene kulturelle Umfeld zu verlassen, also Altbekanntes einmal so zu beschreiben, als sähe man es zum ersten Mal.

Das erste – und ziemlich abgefahrene – „Kochbuch“, das Wolfgang Ortner, OrtnerSchinko Linz, machte, war ein Magazin-Experiment mit dem Titel „The Healthy Times“. Darin geht es um mehr als nur ums Essen und Trinken und um Rezepte. Es geht um Kunst, Fotografie, Nachhaltigkeit und die wichtigste aller Fragen: Wie sieht denn unsere Zukunft aus? Hinter dem Magazin steckt die Healthy Boy Band und dahinter die drei jungen österreichischen Spitzenköche Lukas Mraz, Philip Rachinger und Felix Schellhorn. Schnell war die erste Ausgabe ausverkauft. Weitere Interviews und kratzbürstig-freche Statements, noch mehr Texte und Bilder enthält nun auf 564 Seiten die zweite Ausgabe, erschienen im Sommer 2021, mit gleich drei Coverversionen. Wolfgang Schinko blätterte begeistert durch die Bilder- und Textfülle, jede Doppelseite ist anders, ein Ideenfeuerwerk, sehr wild, ziemlich verrückt, ja „gestört“, wie er mehrfach betonte.

Das Büro OrtnerSchinko macht aber nicht nur „gestörte“ Projekte. Für die Linzer Museen Lentos und Nordico konzipierte es ein bemerkenswert sachliches Corporate Redesign (inklusive aller Kommunikationsmittel zu den Ausstellungen). Zunächst räumte Ortner im Schriftenchaos auf, setzt ausnahmslos die Unica77 medium ein und wandelte auch das eigentlich unantastbare Logo leicht ab.

Fazit: Linz ist anscheinend ein gutes Pflaster für moderne Kunst und Typografie.

Mit Improvisationen am Klavier und Interaktion mit dem Publikum hatte die Konferenz begonnen, mit Emotion und Interaktion endete sie: Den Schlusspunkt setzte Maike Ziegler, die in ihrem Creatural Design Lab durch maßgeschneiderte „Ritualkonzepte“ verschiedene Welten – Menschen, Orte, Gegenstände – zusammenbringt. Auch auf der TŸPO St. Gallen. Ohne die Aufforderung, mit dem vor mir sitzenden, unbekannten Teilnehmer die Frage der Intuition zu erörtern, wäre ich mit Tom wahrscheinlich nicht ins Gespräch gekommen. siw