9. Münchner Typotag am 22. Februar 2013 zu Infografik und Orientierungssystemen


Tschüss, ihr zähen Balkendiagramme! Ciao, ihr schwer verdaulichen Tortensegmente – nie werden wir Euch vermissen. Denn – gespeist aus Datenmengen – entstehen heute Infografiken, die selbst komplexe Inhalte leichtfüßig und animativ, selbst animiert erzählen. Visual Storytelling statt Tabellenquälerei: Information, Emotion und Visualität haben sich längst befreundet. Neue visuelle Welten sind entstanden und entstehen jeden Tag. Der 9. Münchner Typotag lädt Sie zur Entdeckungsreise durch Orientierungssysteme und Infografiken ein. Unter anderem mit Claudius Lazzeroni, Albert-Jan Pool, Moritz Stefaner, Michael Stoll, Jan Schwochow, Andreas Uebele, Christopher Warnow, Benjamin Wiederkehr und Carlo Zapponi.

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Vertrauen – ein Megatrend


Vertrauen. Darum drehte sich alles beim Vortrag von Florian Haller im Gasteig. Denn Vertrauen ist »eine Währung mit Hochkonjunktur«. Oder wie es der Hauptgeschäftsführer von Serviceplan auch beschrieb: »ein Megatrend«.

»Geld verloren, nichts verloren. Vertrauen verloren, alles verloren.« Die Altvorderen wie Robert Bosch wussten es längst. Und doch müssen sich heute viele Unternehmen diese Erkenntnis mühsam neu erarbeiten und tiefgreifende Folgerungen für ihr Verhalten ziehen. In der durch die sozialen Medien möglichen Verkehrung des jahrelang geübten Sender-Empfänger-Prinzips müssen Unternehmen lernen, Antworten zu geben, Verantwortung ist wahrsten Sinne des Wortes zu übernehmen. 
Auch Serviceplan hat diese Veränderung längst erkannt und Haller kritisiert in seinem Vortrag die mangelnde Bereitschaft vieler Unternehmen, sich den neuen Herausforderungen zu stellen. Immer mehr deutsche Unternehmen leiden unter Stammkundenabwanderung und einer Schwächung der Marke, weil grundlegend nachhaltiges Agieren in allen drei Dimensionen des Begriffs nicht geübt ist: sozial, ökologisch und wirtschaftlich. Damit wird auch deutlich, warum Florian Haller prägnant ausführt: »Bei Nachhaltigkeit geht es nicht um Gutmenschentum. Es geht um Markenprofilierung.«
Die Regeln, um das Vertrauen der Kunden (wieder) gewinnen zu können, sind eigentlich einfach, wie etwa »Skandale vermeiden« oder »glaubwürdiges Handeln«. Darüber hinaus braucht es laut Haller aber auch die Bereitschaft, den zum Teil inflationär gebrauchten Begriff Nachhaltigkeit aus der abstrakt-theoretischen Betrachtung heraus zu überführen in ganz praktische Alltagserfahrungen, die die »Konsumenten emotional erreichen«.
»Nachhaltigkeit« und »Vertrauen« haben eine zutiefst ökonomische Dimension, denen sich eben auch Marketing und Werbung stellen müssen. Nicht wenige Zuhörer zeigten sich positiv beeindruckt über diesen Weg zum Erfolg …

Ein »typografisches Tänzchen« zur Vorspeise gefällig?
Die Schrift, die im Vorprogramm gezeigt wurde, trägt dieses Mal den Namen »Gingar« und stammt aus der Hand der Berlinerin Melle Diete. Beide Typen – die Entwerferin und ihre Schrift –  faszinierten das Publikum mit beschwingtem Elan. Die Schriftfamilie, die in 15 Abstufungen zwischen den Extremen Ultra Light und Extra Black angelegt wurde, verfügt außerdem über eine freundliche Kursive und zahlreiche zusätzliche Glyphen.

Fotos: © Simone Naumann

 

Kleiner Fotobericht von Robert Suppé zu #qved 2012 – Quo Vadis Editorial Design?


Nicht nur die Zuhörer waren am Ende eines spannenden Vortragstages glücklich … 

Mario Lombardo verfolgt die Vorträge vom ersten Moment …

Diego Vainesman, Präsident des TDC – Type Diretors Club of New York.

Martina Grabovszky in ihrem Vortrag »Von der Addition zur Multiplikation medialer Möglichkeiten.«

Horst Moser zeigt den Artenreichtum von Text-Bild-Beziehungen im zeitgenössischen Editorial-Design: verblüffende Buchstaben-Foto-Hybride und überraschende Bild-Text-Amphibien.

Beat Presser erzählt aus seinem Leben, von seinen Erfahrungen mit der analogen Fotografie, seinen Reisen, Abenteuern, Buch- und Ausstellungsprojekten und seinen eigenen Zeitschriftenprojekten.

Lars Harmsen spricht über den Sexappeal von Typografie.

Bertram Schmidt-Friderichs vom Verlag Hermann Schmidt Mainz ist einer von zwei Moderatoren des Tages.

Hier gemeinsam mit Boris Kochan, dem Ersten Vorsitzeder der tgm und Lars Harmsen bei den kurzen Diskussionsrunden nach jedem Vortrag.

Auch Horst Moser fragt nach …

Diego Vainesman mit Gertrud Nolte.

Mario Lombardo gibt Einblicke in seine eigensinnige Arbeitsweise. Er spricht über die Notwendigkeit des Andersdenkens, die Sehnsucht nach Abwechslungsreichtum und die Lust auf leise Töne. 

Mario Lombardo mit Boris Kochan nach seinem Vortrag …

Die Referenten hören den Referenten zu …

Bertram Schmidt-Friderichs und Boris Kochan verabschieden das Publikum nach einem inspirierenden Tag.

Verantwortung gestalten: Interview mit Stefan Sagmeister


»Verantwortung gestalten«, so lautet das Motto der tgm-Konferenz im Rahmen der 1. Munich Design Business Week (MCBW). Wie sehen Sie denn die Verantwortung des Designers?

Ich habe eigentlich immer die Meinung vertreten, dass der Designer mit seiner Arbeit keine besondere oder größere Verantwortung hat als alle anderen Menschen. Das muss jeder für sich selbst entscheiden, ob er nun am Bankschalter sitzt oder eben Designer ist. Diese moralische Verpflichtung gibt es für jeden, nicht nur für den Gestalter.

Für sich selbst sehen Sie also diesen Anspruch?

Ich denke, es ist nur natürlich, dass wir – wie wohl jeder andere – mit unserer Arbeit lieber in guten Projekten involviert sind als in schlechten oder zweifelhaften. Unter „gut“ verstehe ich dabei, dass es Projekte sind, an die wir glauben können. Diese müssen nicht unbedingt sozial verantwortlich sein oder in eine soziale Richtung gehen. Das kann zum Beispiel durchaus auch Werbung sein für Produkte, von denen ich überzeugt bin oder von denen ich glaube, dass sie ein Recht haben in unserer Welt zu sein. Wir hatten in letzter Zeit eigentlich nur mit Kunden zu tun, deren Produkte wir selber verwenden oder gerne verwenden würden.

Das kommt ein bisschen aus moralischen Gründen, hat aber viele wunderbare praktische Vorzüge. Einmal sind Dinge, die man selbst verwendet, spannender, zweitens ist es auch im Umkreis viel interessanter, weil man die Arbeit mit Freunden bespricht, und drittens muss man nicht lügen. Das hat einen großen Vorteil für den Kunden, aber auch für den Endverbraucher, weil die Kommunikation ehrlich ist.

Das ist in Werbeagenturen nicht immer der Fall?

Art Direktoren oder Texter können sich die Aufgaben nicht aussuchen. Ich glaube aber, dass das über längere Zeit nicht gut für die Seele ist. Wahrscheinlich liegt es auch daran, dass so viele ältere Werber, die ich kennengelernt habe, unglaublich zynisch sind. Sie haben zu lange Dinge gemacht, an die sie nicht geglaubt haben.

Aber hat denn die Arbeit des Designers als Multiplikator nicht doch stärkere Auswirkungen als zum Beispiel die eines Schreiners?

Ich bin mir da nicht so sicher. Auch ein Schreiner kann ein Multiplikator sein. Wie ein Schreiner mit seinen Kunden, seinen Mitarbeitern und seinem Material umgeht, das hat durchaus Auswirkungen auf sein Umfeld. Ich habe gerade in Österreich einen Schreiner getroffen, von dem ich überzeugt bin, dass er seine Kunden glücklicher verlässt als er sie angetroffen hat. Einfach weil er so liebevoll und sorgfältig und verantwortungsvoll arbeitet.

Verantwortung gestalten, heißt das nicht auch, den Empfänger zur Verantwortung befähigen? Gibt es dazu nicht Beispiele aus Ihrer Arbeit?

Wir haben längere Zeit für einen Kunden gearbeitet, der das Pentagon-Budget zugunsten einer besseren Ausbildung einschränken wollte. In diesem Zusammenhang haben wir viele interaktive Dinge gemacht. Dadurch wurde das Publikum direkt integriert, etwa wenn es schätzen sollte, wie denn das Verhältnis von Militär- und Erziehungs-Etat aussieht. Wenn die Möglichkeit besteht, den Betrachter aktiv mit einzubeziehen, dann wählen wir immer diesen Weg, weil wir überzeugt sind, dass dadurch die Kommunikation besser funktioniert.

Wie sehen Sie denn eine Initiative wie die MCBW, die sehr viele, sehr unterschiedliche Veranstaltungen, Ausstellungen und Präsentationen aus ganz unterschiedlichen Bereichen vereinigt?

Grundsätzlich finde ich solche Bemühungen immer sehr hilfreich. Ich denke auch, dass gerade die Kommunikationsdesigner da anderen Design-Sparten voraus sind. Wenn man etwa Produktdesign, Mode oder auch Werbung betrachtet, dann sind die Veranstaltungen thematisch meist sehr viel enger gefasst – oder es geht sowieso nur um Preisverleihungen und Auszeichnungen.

Dass es aber Veranstaltungen gibt, die eher grundlegende Fragen stellen, das ist glaube ich schon das Verdienst der Kommunikationsdesigner – und vielleicht doch ihre Verantwortung. 

Das Interview führte Herbert Lechner.

 

Von Ramsifikationen und Typofikationen Nr. 1


 

Die zehn Prinzipien für gute Gestaltung von Dieter Rams dienen der tgm im aktuellen Programm 2011/2012 zur Strukturierung der Vortragsreihe »Respekt und Übermut« zum Thema Verantwortung in der Gestaltung. Lesen sich diese »Ramsifikationen« doch wie ein Leitfaden für verantwortungsbewusstes Design.

 

In ihrem Vortrag »Über Mut zum Experiment – Design braucht neue Formate« ist Claudia Fischer-Appelt am 25. Oktober 2011 auf die erste Rams-These »Gutes Design ist innovativ« eingegangen bzw. hat sie zum Ausgangspunkt für ihre Ausführungen gemacht. Wir dokumentieren im Folgenden den Text in der Fassung aus dem Jahr 1990 – zitiert aus Rams, Dieter: Die leise Ordnung der Dinge. 1. Auflage. Steidl Verlag. 

 

Gutes Design ist innovativ. 

Wenn wir an einem neuen Produkt arbeiten, fragen wir uns ständig: Enthält unsere Lösung neue Aspekte? Gibt es ähnlich gestaltete Produkte, die sich bewährt haben und mit denen man vertraut ist? Wenn das Design des Produktes nur der Verschiedenheit wegen anders ist, wird es kaum gutes Design sein. Und wenn dieses Design nicht einmal anders ist, sondern nur eine weitere »me-too«-Variation bestehender Produkte, würde ich behaupten, daß dies Design diskreditiert. Wenn ich von innovativen Produkten spreche, denke ich nicht an Science-fiction-Produkte mit einer vollkommen neuen Technologie, sondern an Produkte, mit denen wir alle vertraut sind. Es gibt immer noch viel Raum für innovative Produktideen. Wir haben noch längst nicht alle technischen und damit Design-Möglichkeiten ausgeschöpft. Es gibt heute nach wie vor reichlich Gelegenheit für bestimmte Weiterentwicklungen auf vielen Gebieten. 

 

In den letzten Jahren gab es immer mal wieder den Versuch, Qualitätskriterien oder andere Gebote für gute Typografie aufzustellen, zuletzt vom Forum Typografie. Die tgm wird in den nächsten Monaten den Versuch unternehmen, die Thesen von Dieter Rams auf ihre Übertragungsfähigkeit auf gute Typografie zu überprüfen – zur ersten These hat dies Rudolf Paulus Gorbach unternommen:

 

Gutes Design ist innovativ. – Das ist in der Typografie nicht so ohne weiteres zu bestätigen. Innovativ können Druckschriften sein, gleichzeitig ist dabei häufig der Zweck fraglich, nämlich die Lesbarkeit. Innovativ kann auch der visuelle Auftritt sein. Aber alles ist schon einmal so ähnlich da gewesen, also oft »me too«. Was gegen das Innovative spricht ist die Lesefunktion, die für die Aufnahme der Typografie voraussetzend ist. Und die hat sich wohl auch für das eBook nicht so sehr geändert. Das bezieht sich auf die Schriftart, den Satzspiegel (zumindest im Buch) und die Mikrotypografie. Da damit oft so fahrlässig umgegangen wird, wäre eine Innovation beispielsweise eine typografische Gestaltung, die all dies berücksichtigt und damit eine neue Sprache der Aufmerksamkeit hervorbringen könnte. Also müsste man nur die Qualitätsprinzipien der Typografie ernst nehmen, aber auch benützen. Nur, das gibt es, wenn auch nicht so häufig.

 

Foto: Sammlung Werkbundarchiv – Museum der Dinge, Fotograf: Armin Herrmann

 

 

 

 

 

 

Alex Webb über Istanbul


Alex Webb begleitet uns mit seinem Blick auf die Welt durch das neue tgm-Programm 2011/2012. Seine Übersetzung des Themas der neuen Vortragsreihe über Verantwortung in der Gestaltung »Respekt und Übermut« dokumentiert sich einem Gefühl für Situationen und Menschen, wie es sich selten findet.

Es freut uns ganz besonders, dass Alex Web uns nicht nur seine Bilder zur Verfügung stellt, sondern am 18. November 2011 im Rahmen des 8. Münchner Typotages in einem Vortrag u.a. sein Buch »The Suffering the Lights« vorstellt. Und gemeinsam mit seiner Frau Rebecca Norris Webb am 15. und 16. November einen Workshop für fotografierende Gestalter und gestaltende Fotigrafen gibt: »Vibrierende Bildwelten und vielschichtige Ansichtssachen«

Ich habe gerade einen kleinen »Film« gefunden, in dem Alex Webb seine Annäherung an Istanbul beschreibt, aus dem viel davon zu begreifen ist, wie er sich fremden Gegenden mit ganz großer Zuneigung und Sensibilität nähert. Ein kleiner Vorgeschmack auf Vortrag und Workshop: 

 

Voll auf die Ohren!


Der Lautpoet Valeri Scherstjanoi macht aus Zeichen Töne 

und der Komponist Josef Anton Reidl aus Papier Musik 

11. Januar 2011, Museum Brandhorst

 

Das tönte! In gewisser Weise stieß das Vortragsprogramm der tgm im hallenartigen Souterrain des Brandhorst-Museums in eine neue Dimension vor: Zum ersten Mal gab es Zeichen weniger zu sehen als zu hören. Schrift wurde Laut. 

 

Es trat auf: Valeri Scherstjanoi, ein liebenswürdiger älterer Herr, mit dem man sofort losziehen würde, um Konfekt zu kaufen oder den Justizpalast mit anarchistischen Parolen zu verzieren. Scherstjanoi ist ein im sowjetischen Kasachstan geborener nordostpreußischer Russe litauisch-ukrainischer Abstammung, und „fast zuhause“, nach eigenen Worten, ist er in der deutschen Sprache. Beziehungsweise in einer Sprache, die dem Zuhörer anfangs sehr fremd vorkommt, ihn aber zusehends in ihren Bann zieht. Scherstjanoi nennt sie „lautdeutsch“.

 

Seine Gedichte haben Titel wie „Die russischen Vokale schauen sich im Spiegel an“ – und klingen auch so; oder sie bestehen aus einer Litanei untergegangener ostpreußischer Dorfnamen; oder sie feiern die Süßigkeit seiner Kindheit, das Fruchtgelee Rachat Lukum, mit immer wieder variierten Wiederholungen des Wortes, die sich permanent steigern, bis sie in einem geradezu sinfonisch vielschichtigen Lautgebirge kulminieren. Bei ihm wird alles Laut (nicht unbedingt laut); selbst wenn er nur die Wasserflasche öffnet und daraus trinkt, weiß man nicht, ist das jetzt ein Gedicht oder ist es keins.    

 

Scherstjanoi spricht, schreit, ächzt, gurrt, schnalzt, brüllt, röchelt, stottert, jauchzt, buht, schnarrt, flötet, summt, stöhnt, ruft, gurgelt, klickt, hechelt, säuselt, zischelt, schnarcht, dröhnt, knarzt, bollert, grunzt, muht, orgelt, pfeift, schnurrt, blökt, plockert, murrt, rackert, rödelt, rummst, rumort, ramentert und macht noch viel mehr Dinge, für die es gar keine Wörter gibt beziehungsweise für die die Wörter erst in dem Moment entstehen, wo man die Laute in den Gehörgängen hin- und hersausen lässt – er fluschzt, chcktickt, sietzelt, mmmhmt, schloddert, dengelt, braazt, ooht, määäht, oinkt, skrschlt, neeht, splorscht, ommmt, fltschtlt, brnnnstelt, klonkt und frmpfzlt, bis die Töne nicht mehr wissen, ob sie laut sein sollen oder luise.  

 

Übrigens notiert er auch die Laute auch als Zeichen, kann sie wiederholbar lesen und aussprechen; insofern ist also seine Kunst eine Art Musik mit einer von ihm entwickelten Notenschrift. Sehen, lesen und vor allem hören kann man Valeri Scherstjanoi auf seiner wunderbaren Webseite: lautland.de. 

 

Zwischen den Stücken von Valeri Scherstjanoi gab es noch eine Performance des Stücks „Paper Music“ von Josef Anton Riedl zu sehen, in einer sehenswerten Aufnahme des ZDF aus den frühen achtziger Jahren. Sechs Akteure machten dort, vereinfacht gesagt, Krach mit Papier – das raschelte und rappelte, klapperte und flatterte, bis die Mitwirkenden in totaler Erschöpfung und ebensolchem Chaos von der Bühne purzelten. Warmherziger, kräftiger Applaus des Publikums für die gesamte Veranstaltung, und der hundertzwanzigfache Jesus von Andy Warhol nickte huldvoll. 

 

Martin Rasper

 

Jerusalem, der zweite Tag: Geschichte, Religionen, Bücher und Essen


Von der toten Davidstadt über lebendige Via Dolorosa zur Grabeskirche

Das Österreichische Hospiz, in dem die allermeisten übernachten, liegt mitten in der Altstadt und ist eine wunderbare Oase der Ruhe, etwas burgartig gebaut. Frühmorgens hört man die Hähne krähen oder den Muezzin rufen, je nach Lage des Zimmers.

 

Morgens brechen wir zu Fuß auf zur Davidsstadt, vorbei an der Klagemauer und durch Sicherheitskontrollen darumherum, hinunter in das Kidron-Tal und wieder hinauf (diese kleine Fleißaufgabe hat sich unser Reiseleiter Ittai Tamari ausgedacht, weil wir sonst zu früh bei der Ausgrabung gewesen wären).

Die Davidsstadt ist der älteste Teil Jerusalems, der Überlieferung nach war hier die Stadt Zion der Kanaaniter, die David erobert und zu seiner Hauptstadt gemacht hat (Jerusalem ist also die Tochter Zions, für die Weihnachtsliedkenner). Ob man dabei den Palast König Davids schon gefunden hat: vielleicht, vielleicht auch nicht. Diese Erkenntnis wird vermittelt in einer mehr als ausführlichen Führung und mit einem aufwendigen 3D-Film, der offenbar gemacht ist für Touristen, die schwer von Gehör und von Begriff sind (und die Landkarten offenbar besser verstehen, wenn Städtenamen in 3D darüberschweben).

Nach den toten Steinen tauchen wir ein in das lebendige (mittlerweile erwachte) Jerusalem.  Die Via Dolorosa führt durch das Gewimmel der Altstadt, durch das arabische und christliche Viertel hindurch, von Pontius Pilatus (bzw. seinem Palast) zur Grabeskirche.

Die Idee der Kreuzwegstationen kommt aus Italien und wurde dann im 18. Jahrhundert von den Franziskanern an den vermeintlichen Original­schauplatz in Jerusalem gebracht, doch die Stadt ist in den letzten 2000 Jahren mindestens zweimal zerstört worden, und das heutige Straßenniveau liegt etwa 15m höher als damals. Der Weg, der direkt an unserem Hospiz vorbeiführt, ist ein großer Markt, auf dem natürlich auch Pilgerdevotionalien verkauft werden, z.B. Dornenkronen und mannshohe Kreuze zur realistischeren Ausgestaltung bei der Nachahmung des Kreuzweges.

Durch eine äthiopische Kapelle hindurch, die wir gewissermaßen als Abkürzung nehmen, gelangen wir vor die Grabeskirche. Hier trennt sich die Gruppe bis zum Nachmittag. Wir besichtigen die Grabeskirche: Ein Labyrinth in vielen Stilen, ein unübersichtliches Über‑ und Durcheinander verschiedener Kapellen vieler christlicher Konfessionen, die teilweise miteinander im Streit liegen. Eine ausgebrannte Kapelle kann nicht renoviert werden, weil andere den Zugang für Bauarbeiten verweigern. Übrigens, der Schlüssel zur Grabeskirche wird von einem Muslim verwahrt; die Vertreter der christlichen Konfessionen vertrauen sich untereinander nicht.

 

Klagemauer, auch unterirdisch 

Gestärkt von Granatapfelsaft und Falafel ziehen wir uns in unser Hospiz zurück und genießen dort Kaffee auf einem der Türmchen mit schönem Blick über die Altstadt. Unser Versuch, das armenische Viertel zu besuchen, scheitert im Gassengewirr am Zeitmangel, denn wir treffen die ganze Gruppe wieder pünktlich an der Klagemauer. Diese ist die einzige verbliebene Originalmauer des herodianischen Tempels, der im Jahr 69 nach unserer Zeitrechnung zerstört wurde. Im Laufe der Zeit (wir hätten gern selbst eine genauere Angabe) hat sich das Ritual entwickelt, Zettelchen mit Wünschen und Gebeten in die Mauerritzen zu stecken. Frauen und Männer haben getrennte Mauerteile, der größere Männerteil setzt sich unterirdisch fort: der Mauerrest ist noch wesentlich länger, aber von der Altstadt überbaut.

Wir besichtigen diesen überbauten Mauerreste des Tempels und gehen unterirdisch auf der Straße aus herodianischer Zeit an der Mauer entlang; auch hier stecken überall Zettelchen, und an der Stelle, die dem früheren Allerheiligesten des Tempels am nächsten liegt, ist eine kleine Gebetsnische eingerichtet.

 

Nationalbibliothek und »Ein Karem«

In der Nähe des Löwentors kommen wir wieder an die Oberfläche und werden von unserem Busfahrer abgeholt, der uns zur Nationalbibilothek bringt. Man zeigt uns die Bibliothek des Kabbala-Forschers Gershom Scholem, die er der National­bibliothek vermacht hat, alte Landkarten von Jerusalem, außerdem uralte Manuskripte und wie sie hier bearbeitet und ediert werden.

Wer einen kleinen Einblick gewinnen möchte, sei auf »Digitalized Manuscripts« hingewiesen. Der lange Tag neigt sich dem Ende, dunkel ist es längst (etwa ab 17­.00 Uhr um diese Jahreszeit), für den Abend ist noch ein kleiner Einblick in die libanesiche Küche vorgesehen. Wie das gestrige Lokal hat auch das Restaurant »Ein Karen« eigentlich geschlossen, aber für uns wird mit spürbarer Begeisterung gekocht, sehr gut und sehr viel. So müssen nun die Eindrücke auf Geist, Seele und Leib verarbeitet werden, bevor sie am nächsten Tag erweitert werden.