Zu Joseph Beuys und Anselm Kiefer nach Paris.
Von Gabriele Werner

Da geht’s los: Regen. Regen. Betonskelette ruckeln an den Fenstern der Vorortbahn vorbei, aufgelassene Fabriken, rostendes Eisen, Hochhäuser. Das Leben in Paris-Pantin prägen Arbeitslosigkeit, Kriminalität und Armut. Ausgerechnet hier hat Thaddaeus Ropac das Traumareal für seine neue (monumentale) Dependance gefunden, eine ehemalige Kesselfabrik umgestaltet zu 2.000 qm Ausstellungsfläche auf 4.700 qm Grund. Alles mega. Blendend weiß fräst die Umfriedung Schneisen ins triste Vorstadtgrau, zwingt den Blick auf Hinweisschilder: cimetière, crématorium, centre de la danse. Es sind schon andere hier. Es werden weitere kommen.

Unter Riesen
Auch die Künstler – Giganten: a.) Anselm Kiefer, b.) Joseph Beuys. Die Vernissage – ein (gewaltiger) Erfolg, sogar die Vogue publiziert Bilder (von den Promigästen natürlich). Bin wegen b.) da. Schlag’ mich also am neuverlegten Rasen vorbei hinüber zu »Iphigenie«. Himmel! Da steht ein Pferd in der Ecke auf sauberem Stroh, ein stoischer Schimmel mit frisch gestriegelter Mähne! Dazu die Filmdokumentation der damaligen Aktion. 1969, Frankfurt, Akademie der Darstellenden Künste, Aufruhr. Beuys rezitiert Fragmente aus Shakespeares »Titus Andronicus« und Goethes »Iphigenie auf Tauris«, schlägt die Becken, legt sich Eisenstücke auf den Kopf. Im Hintergrund frisst ein Schimmel gelassen Heu. Ich, Iphigenie. Die Requisiten liegen jetzt hier in sauberen Vitrinen, die Becken, der Stab, das Manuskript. »Sind das Devotionalien geworden?« durchfährt mich ein Schreck. Derweilen das Pferd (das lebt ja!) die Gäste fasziniert. Die meisten Smartphone-Fotos dürften den schönen Schimmel zeigen. Das nenne ich Marketing!

Drüben bei Kiefer, »die Ungeborenen«: Gewaltige Formate für die monumentalen Räume gemacht, (künstliche) Embryonen in laternenartigen Gefäßen (ganz schön) in Lebenswasser drapiert, (reichlich) Sonnenblumen, Blei, Schwefel, Salz – mit Material wird nicht gespart. »Der Golem«, »Die bösen Mütter«, »Mutterkorn« oder »Onan« lassen keine Frage offen. Aber ich bin ja wegen b) da. Und Paul Celan ist mir halt anders nah.

Wir fahren nach Marais zur seit heute kleinen Schwester der Galerie Ropac: »Materialität« und »Hirschdenkmäler« von Joseph Beuys. Judith Haeusler hat sogar an die Metro-Tickets gedacht. Wir schlendern über Kopfsteinpflaster, an Obstläden vorbei, der Regen lässt nach. Jetzt bin ich wirklich in Paris. In der Galerie steure ich das Souterrain an. Da sind sie: Die kleinen Formate, die zarten Zeichnungen, die Zauberformeln, die Spuren des Gebrauchs. Mehr muss nicht sein. Gibt es aber doch: Einen Spaziergang durchs jüdische Viertel, ein Abendessen in einer gemütlichen Brasserie, einen großzügigen Schluck ehrlichen Weißens: »Auf Judith, die das alles so super hingekriegt hat.«

Die Frage nach dem Monumentalen
Am Montag scheint die Sonne, der Himmel ist blau. Wir treffen uns in der Galerie Thaddaeus Ropac in Pantin. Der Typografischen (Topofische? Tipopacische Gefell.) Gesellschaft München ist es gelungen, eine exklusive Führung (dt.) durch die Kiefer-und Beuys-Ausstellung zu organisieren.

Über dem Areal schwebt noch der Glanz einer glücklichen Nacht. Die schmalen Birken nehmen Kontakt mit dem Umspannungswerk gegenüber auf, das feine Pflaster wird gekehrt, ein paar Interviews müssen noch in den Kasten. Es ist still.

Wir gehen in die »Kiefer-Hallen«, die sich – heute beinahe menschenleer – hoch und leicht über die gigantischen Formate wölben. Sonst: Die Führung war wirklich hervorragend.

Drüben, bei Beuys, erwartet uns Jörg Schellmann, Kurator der Ausstellung, Wegbegleiter Beuys. Zum Auftakt wirft er uns Fragen zu, wer die Typografische Gesellschaft sei, welche Ideen und Interessen sie verfolge, was deren Auftrag sei undsofort. Boris Kochan holt aus, läuft warm, das könnte interessant werden. Wird es auch. Von Judith freundlich vorgewarnt, vermeiden wir das Thema »Fett«, aber alles andere kommt zum Gespräch, die Eigenschaften von Filz, Eisen, Kupfer, Honig, dämpfende, leitende, kühlende, wärmende Qualitäten, das braune und das blaue Kreuz, die Stempel, die Doppelobjekte, die Aufführung der »Iphigenie« in Frankfurt, der Skandal in München, als die Galerie Schellmann & Klüser mit Joseph Beuys das Environment »Zeige deine Wunde« im Kunstforum, Maximilianstraße zeigt, »den teuersten Sperrmüll aller Zeiten«. Ab und zu macht sich das schöne Pferd (»ist dressiert, nicht sediert«) ziemlich geräuschvoll bemerkbar – der Hirten-, Bischofs-, der Schamanenstab, die Fischerweste, – die anberaumte Stunde hat sich längst verdoppelt. Wir (meint: er) sprechen über das Monumentale in der Kunst, »für Beuys war das keine Frage des Formats«. Jörg Schellmann führt uns zu »Badewanne für eine Heldin«, die in zwei schmale Hände passt. Eine (kleine) Skulptur, Holz, Eisen, die (kleine) Wanne, ein Tauchsieder. Fertig.

Jetzt wär’ ein Kaffee gut. Wir finden eine Brasserie, schnell werden die Tische zusammen gerückt, es wird gegessen, getrunken, wohl jeder fühlt sich reich beschenkt. Auch von Anselm Kiefer (aber darüber mögen Geeignetere erzählen). Die meisten nehmen die Einladung von Anette Lenz zu einem Atelierbesuch an (der, wie man hörte, anregend und herzlich war und von einem grandiosen Abendessen gekrönt wurde). Mano und ich müssen noch eine Präsentation vorbereiten, entdecken den plüschigen Rahmen für unsere Arbeit in einer winzigen Seitenstraße – aber das ist eine andere Geschichte.

Unter wilden Tieren
Metrofahren macht wach. Am Dienstag Vormittag treffen wir uns im Musée de la Chasse et de la Nature, das Jagdmuseum der Metropole (Rue des Archives – weil das wirklich ein Geheimtipp ist). Denn, mal ehrlich: Wer würde bei seinem Paristripp auf die Idee kommen, ausgerechnet das Jagdmuseum zu besuchen? Die Typografische Gesellschaft. Sie weiß, dass hier Berend Hoekstra und Hilarius Hofstede, (ab spätestens jetzt auch unter ihrem Künstlerduo-Namen »Polynesian Instant Geography«, kurz P.I.G. bekannt) kuratiert von Jan Teunen, eine phänomenale, irritierende, sur/reale Ausstellung zu Wege gebracht haben. In der ständigen Sammlung hängt das Wilde, unbändig Freie ausgestopft, für die Ewigkeit präpariert an der Wand, steht stumm auf stabilen Sockeln, spiegeln Gemälde, Skizzen die Rituale der Jagd. Die Räume widmen sich einzelnen Themen; der Hirsch, der Hund, die Waffen, die Trophäen, die Vorbereitung des Essens, der Speiseraum… Zwischen die Exponate des Museums haben Künstler ihre Werke geschoben, Gemälde, Zeichnungen, Skulpturen. Die fangen das Gespräch an, der Leuchter mit dem Falken, der Waldgott mit dem Hirschgeweih, der Braunbär mit der blauen Ziege, das wilde Leben mit dem Tod. Nahrung. Im Speisesaal biegt sich der zentrale Tisch unter Bergen üppig lehmiger Lappen, sie tragen feine Damenschuhe. »Essen Sie in Deutschland auch Schweinefüße?«, fragt die Führerin, die uns durch die Räume begleitet.

Trödeln im letzten Raum. Der Abschied steht schon Neben an. Ich könnte wirklich weiterstreifen. Das waren gute Tage. Danke dafür.