Jeder glaubt, die Deutsche Bahn zu kennen. Rot-weißes Logo, fortwährend dieselben Züge und auf jedem Bahnhof das stets gleich aussehende Personal. Doch das war nicht immer so, wie Karsten Henze, Leiter Corporate Design/Corporate Identity und Kreation bei der Deutschen Bahn, klarstellt. Früher war die Deutsche Bahn mit über 800 verschiedenen zugehörigen Bahnbetreibern vielmehr die »Bunte Bahn«: eine farbenfrohe Mischung verschiedenster Logos und Auftritte. »Die Bahn aus einem Guss« – das war Henzes erklärtes Ziel.

Mit seinem Team von ca. 20 Mitarbeitern hat er die Markenarchitektur des Unternehmens neu geschaffen, ein stringentes Corporate Design entworfen und die Umsetzung in Kommunikations- und Produktdesign forciert. Dass es nicht einfach wird, einem omnipräsenten und weltweit agierenden Unternehmen mit über 300 000 Mitarbeiten ein neues Gesicht zu verleihen, stand außer Frage. Mit der Skepsis aus den eigenen Reihen hatte Henze jedoch nicht gerechnet: Als Chef des »Kosmetikstudios der Deutschen Bahn« dürfe er nicht glauben, das neue Corporate »Disein«  würde »auch nur einen Kunden mehr bringen«.
Verhaltene Freude brachten ihm auch die rund 120 Agenturen entgegen, die im Auftrag der Bundesbahn Broschüren und Infomaterialien erstellen. Henze belegte sie mit Regeln für das Layout im Sinne des neuen Corporate Designs, um einen Wiedererkennungseffekt bei Printerzeugnissen zu gewährleisten. Der Kreativchef steht zu dieser Einschränkung von Gestaltungsspielraum, schließlich könne man nicht vor jedem Fußballspiel erneut diskutieren, wie breit das Tor diesmal sein dürfe.  Zudem wird nur auf diese Weise Identität und darüber hinaus Identifikation mit einem Unternehmen erzielt, das von außen oft auf den Bereich »Personenverkehr« reduziert wird, während die Schwerpunkte »Schienennetz« und »Güterverkehr« eigentlich weit größeren Raum einnehmen.

Das alles war Henze aber noch nicht genug, er wollte weitergehen und überzeugte den damaligen Bahnchef Mehdorn von der Notwendigkeit einer eigenen Hausschrift. Zusammen mit Erik Spiekermann wurde begonnen, »etwas Individuelles« zu entwickeln. Nach ersten Startschwierigkeiten (Henze: »Nach einem Jahr haben wir alle Entwürfe weggeschmissen und noch mal ganz neu angefangen«) und der Klärung essentieller Fragen (»Wie aggressiv darf ein W sein, wie europäisch ein P?«) wurde 2005 die »DB Type« eingeführt.
Henze hat für die Deutsche Bahn vieles erreicht, dennoch sieht er selbst noch Potentiale. Dabei kämpft er stets damit, dass Neuerungen, die er heute anstößt, frühestens in eineinhalb Jahren bemerkbar werden. In dieser Zeit kann sich jedoch vieles ändern, weshalb eine »leistungsstarke Kristallkugel« auf Henzes Wunschliste ganz oben steht.

Im Vorprogramm: Christoph Dunst und seine Schriftfamilie Heimat
Christoph Dunsts (Atlas Font Foundry / burodunst.com) zweite große Schriftfamilie nach der Novel heißt »Heimat«. In der 2010 erschienenen Schrift beschäftigt sich der Absolvent aus Den Haag mit der geometrischen Serifenlosen und schafft durch zahlreiche besondere Glyphenformen ein charaktervolles, neues Schriftbild. Pate standen dabei merkwürdig abstrahierte Glyphen, wie die fl-Ligatur der Futura. Interessant ist dabei, dass die teilweise etwas irritierenden Zeichen durch gewöhnlichere Alternativen ausgewechselt werden können und somit die Gesamtwirkung vom Anwender selbst gesteuert werden kann. Die Heimat gibt es derzeit in 6 Gewichten mit zugehörigen Kursiven, eine Monospaced-Variante ist in Arbeit.

Fotos: © Peer Koop