Die Schrift als spröde Geliebte, dieses Zitat wird immer mit Günter Gerhard Lange (GGL) verknüpft bleiben, der am 12. April 2021 100 Jahre alt geworden wäre. Er ist einer der bedeutendsten Schriftgestalter des 20. Jahrhunderts. Sein Name ist dazu unlösbar mit dem Berliner Satzschrifthersteller Berthold verbunden, dessen langjähriger künstlerischer Leiter er war. Wegen dessen Taufkirchner Schriftenatelier lebte er zuletzt in München. Er war dazu Lehrer, brillanter und gefragter Vortragsredner und ein nie ermüdender Förderer von qualitätvoller Gestaltung. Neben vielen anderen Ehrungen war er auch seit 1990 Ehrenmitglied der Typographischen Gesellschaft München, tgm. Deshalb ist es uns eine Verpflichtung – und eine große Ehre – an diesen bemerkenswerten Mann zu erinnern.

Günter Gerhard Lange, Berlin 1953
Günter Gerhard Lange, Berlin 1953 (Quelle: Günter Gerhard Lange. G.G.L. Eine Jahresgabe der Typographischen Gesellschaft München; zusammengestellt, herausgegeben und Günter Gerhard Lange gewidmet von Philipp Luidl. 1983, Seite 7)

GGL – der Redner, Lehrer und Propagandist von (Gestaltungs-) Qualität

Lange ist als Schriftgestalter berühmt. Sein Wirken für die H. Berthold AG und die schier unglaublich lange Liste der von ihm entworfenen oder überarbeiteten Satzschriften spricht für sich. Im Gedächtnis bleibt er denen, die ihn erleben durften, als brillanter Redner und Lehrender. Unvergessen seine unvermittelten, oft brüskierenden Einstiege, seine Publikumsbeschimpfungen, aber auch sein Ermutigen und sein Werben für Qualität, Haltung und Beharrlichkeit. »Seien Sie nicht lau! Seien Sie entweder heiß oder kalt!« Ihn als Redner zu erleben war eine Wucht: Mal leise, mal fast brüllend brachte er sein Anliegen für Engagement, Akribie in der Umsetzung und Entschiedenheit im Denken vor. Er sah nämlich weder Schriftgestaltung noch Typografie isoliert, sondern im Kontext der anderen Kunstgattungen wie Literatur, Architektur, Musik und Malerei. Offenheit, Begeisterung und Reflektierheit forderte er ein. »Kinder, die Augen müssen Euch glänzen!« Schon seit seinen frühen Jahren war er nebenberuflich Dozent, ohne allerdings einen Stil oder eine ›Schule‹ zu begründen. Er gab gerne von seinem Wissen weiter, war aber vor allem ein Motivator. Er war sehr kritisch, sparte aber auch nicht mit Lob. Bei aller Explosivität, die auch gefürchtet war, war er großzügig und sensibel. 

Er sah sich als ›Rufer in der Wüste‹. Manfred Klein hat ihn (in Analogie zu dem Prediger Billy Graham, dem ›Maschinengewehr Gottes‹) das Maschinengewehr Gutenbergs genannt. Sprüche wie »Das ist wie ein ungeküsstes Mädchen, …« oder »Ich bin immer auf der Suche nach Menschen, finde aber nur Fachleute.« bekam man nur bei ihm!

GGL – der Schriftgestalter und Künstlerische Leiter der H. Berthold AG

Wenn er uns auch als Redner in Erinnerung ist – seine Haupttätigkeit war die Schriftgestaltung. Geboren 1921 in Frankfurt an der Oder, war er jung bereits ein sehr erfolgreicher Leistungssportler. Er absolvierte, nachdem er früh seine Begeisterung für Schrift entdeckt hatte, ein erstes Volontariat in einer Druckerei, bevor er mit Beginn des Weltkrieges eingezogen und 1940 schwer verwundet wurde. Nach Beinamputation nicht mehr kriegstauglich, konnte er in den Kriegsjahren in Leipzig studieren und im Anschluss als Assistent bei Prof. Walther Tiemann, dem berühmten Buch- und Schriftgestalter, arbeiten. Er verlies 1949 ganz legal, noch vor Gründung der DDR, die russisch besetzte Zone, zog nach Berlin, studierte dort weiter und arbeitete als Gebrauchsgrafiker, aber schon seit 1950 als freier Mitarbeiter für die H. Berthold AG. Dort stand man vor der Aufgabe, die kriegsbedingten Materialverluste auszugleichen und für die Anforderungen der Zeit, wie die wichtig werdende Werbung, passende Schriften zu liefern. Das waren seine Entwürfe wie zum Beispiel ›Boulevard‹, ›Champion‹, ›Derby‹ oder ›El Greco‹. Dazu kamen Mengensatzschriften wie ›Arena‹ und ›Concorde‹. Zu nennen ist auch die in sehr vielen Schnitten ausgeführte Adaption der ›Akzidenz Grotesk‹, die als sachliche Serifenlose den Zeiterfordernissen entsprach und ein Konkurrent zur geläufigen ›Helvetica‹ der Schriftgießerei Stempel war. 

Die Firma Berthold war zu diesem Zeitpunkt vor allem ein Lieferant von Bleilettern für Handsatz und verfügte über ein sehr großes Schriftprogramm. Der aufkommende Offsetdruck erforderte aber Filme als Druckvorlagen und damit ein neues Satzverfahren, den Fotosatz. Hier erkannte man rechtzeitig die Zeichen der Zeit und stellte mit der Diatype ab 1958 und den späteren Generationen von Fotosatzbelichtern geeignete Geräte bereit. 

Man kann diesen Wechsel vom Bleisatz zum Fotosatz in einem 500 Jahre alten Handwerk innerhalb von etwas mehr als zehn Jahren nur als Revolution bezeichnen. So waren die folgenden Jahre von stürmischer technischer Entwicklung geprägt. Langes Leistung war der Aufbau einer großen Schriftenbibliothek und die systematische Neuzeichnung vieler Schriften der Bleisatz-Ära für die Erfordernisse des Fotosatzes. Und das tat man bei Berthold, indem man weltweit die Maßstäbe für Form- und Satzqualität setzte, was in der Fachwelt unbestritten war. Von den vielen Namen, die hier zu nennen wären, ragt einer im Spätwerk heraus: die ›Bodoni Old Face‹. Dies ist eine Neuschöpfung, die als ›Quelle‹ einen alten Bodoni-Druck mit einem bisher unbekannten Schriftschnitt interpretiert. Lange schuf hier, im Gegensatz zum erwarteten Schriftbild, eine warme, lesbare und geschmeidige Klassizistische Antiqua.

Günter Gerhard Lange (GGL) beim Bodoni-Picknick auf Schloß Manta in Piemont, Parma-Reise der Typographischen Gesellschaft München e.V. (tgm), 1990. Foto: Irmgard Voigt

GGL war 1960 Künstlerischer Leiter und 1970 Prokurist geworden: Seine Tätigkeit unterschied sich dadurch insoweit von der anderer, freiberuflicher, Kollegen, als er für ein einziges, großes Unternehmen und dessen Schriftprogramm arbeitete – und nicht nur seine eigenen Entwürfe zu bearbeiten hatte. Ihm stand ein eigener Mitarbeiterstab im Berthold-Schriftenatelier in Taufkirchen bei München zur Verfügung.  Er stand für den Namen Berthold und propagierte weltweit deren Schriften (und damit verbunden, deren Fotosatzanlagen) auf unzähligen Vorträgen und Events. 

Der Entwurf der Schriften erfolgte in den 80er-Jahren bereits computerunterstützt, in den Setzereien arbeitete man an schrankgroßen ›Workstations‹. Als Ausgabeprinzip hielt Berthold zu lange an der analogen ›stehenden Belichtung‹ eines Buchstabennegativs auf Fotomaterial fest. Und verpasste damit den Übergang zum aufkommenden, zunächst als ›Lichtsatz‹ bezeichneten digitalen Satz, mit CRT-, bzw. Laserbelichtern von digitalen Schriftfonts. Dieses Verfahren hatte natürlich zu Beginn noch mit Auflösungs- und damit Qualitätsproblemen zu kämpfen, was sich aber rasch, zu rasch für die Firma, änderte. Man hatte diesmal am falschen Verfahren festgehalten und die H. Berthold AG wurde 1993, nach 135 Jahren Bestehen, aufgelöst.

Lange ging 1990, auf dem Höhepunkt seines Ruhms, in den Ruhestand. Er lebte die folgenden Jahre in München, arbeitete weiter als Schriftgestalter und Berater, war ein gefragter Redner auf Kongressen und wirkte als Dozent in München und Wien. 1989 erhielt er den F. W. Goudy-Award, 1992 wurde er Ehrenmitglied des Art Director Clubs Deutschland ADC, 2000 erhielt er die Medaille des Type Directors Club New York und 2003 den Designpreis der Stadt München. Der Typographischen Gesellschaft München war Lange aktiv als Redner und Kursleiter verbunden: im Zeitraum von 1951 bis 1994 hielt er über 15 Vorträge und etliche Kurse und Werkstattgespräche. Die tgm gab ihrem langjährigen Mitglied, noch zu seiner Berthold-Zeit 1983, das Buch ›G.G.L.‹ heraus und ernannte ihn 1990 zum Ehrenmitglied. Günter Gerhard Lange verstarb am 2. 12. 2008 in Großhesselohe bei München.

Am 12. 4. 2021, aus Anlass seines 100. Geburtstags, veröffentlicht das tgm-Mitglied (und seine ehemalige Mitarbeiterin) Kirsten Solveig Schneider eine Website, die über das Leben und Werk Günter Gerhard Langes informiert: www.gglange.org

Michael Lang
tgm-Referent Typografiegeschichte, Dipl. Designer (FH)

Quellenangaben:
  • ADC: ADC-Jahrbuch 1992; Düsseldorf, 1992
  • Lange, Günter Gerhard: Mitschrift des Vortrags ›Schrift und Farbe‹, Imprinta 1992
  • Lang, Michael: Die Entstehung einer Fotosatzschrift, Augsburg, 1986 (Diplomarbeit)
  • TM, Typographische Monatsblätter, 2.2003; Sonderheft Günter Gerhard Lange (Biografie, Schriftenliste)
  • Typographische Gesellschaft München: G.G.L., Jahresgabe 1983
  • Typographische Gesellschaft München: vier+4 Seiten 39, März 2009; Nachruf von Yvonne Schwemer-Scheddin
  • Typographische Gesellschaft München: vier+4 Seiten 41, November 2009; Ein Abend für Günter Gerhard Lange
  • Wikipedia, Eintrag Günter Gerhard Lange; zum 16.03.2021
  • www.bertholdtypes.com, Website, aufgerufen 16.03.2021
  • Eigene Notizen und Mitschriften des Verfasser, Gespräche mit Zeitgenossen und früheren Freunden wie Rudolf Gorbach, Kirsten Solveig Schneider, Irmgard Voigt, u. a.

Liste mit einigen Schriften von GGL als vektorisierte PDF.

»Wer sich der Schrift, dieser spröden Geliebten, einmal zugewandt hat, kann alle Entziehungskuren machen, die es auf der der Welt gibt, er fällt früher oder später wieder in sie herein …«

»Eine Bleiletter in den Händen zu halten und deren Punzen zu fühlen – das wäre eine Therapie für Euch tastaturgläubigen Bildschirmglotzer!«

Günter Gerhard Lange (1921–2008)

Key Visual zum Geburtstag von Günter Gerhard Lange.
Design: Manuel Kreuzer, Schriften: Akzidenz Grotesk von GGL und Simeon von Andreas Seidel

Die tgm ehrt und feiert – zum 100. Geburtstag von GGL:
Am 12. April 2021 ab 19 Uhr veranstalten wir ein Video-Meeting in Zoom:
Die Teilnahme ist kostenlos, maximal 100 Teilnehmer.
(Einwahl mit Telefon [ohne Video]: +49 69 7104 9922 oder +49 30 5679 5800, Meeting-ID: 923 7189 2229, Kenncode: 744150139)