Text: Michael Bundscherer, Andreas Sebastian Müller, Horst Moser. Abbildungen: Horst Moser.

In der Design-Szene der aufstrebenden Bundesrepublik gilt Olaf Leu als Überflieger: Er ist unter anderem Schriftsetzer, Designer, Kommunikatior, Schriftgestalter, Typograf, Dozent und Professor, Autor, gefragtes Jurymitglied sowie einer der wenigen Werber, die sich auch in den USA einen Namen machen konnte. Kurz: Typopapst und natürlich tgm-Ehrenmitglied.

Es ist nicht einfach, Leus umfangreiches Wirken in einem kurzen Beitrag zu würdigen. Wir lassen daher zuerst zwei weitere Koryphäen zu Wort kommen: Lou Dorfsman und Herb Lubalin.

»Als erst 32-jähriger hat Olaf Leu der europäischen Gebrauchsgraphik neue Impulse verliehen. Er ist aber auch hervorragend als Kommunikator. Und in einer Welt, in der soviel von der Weitergabe von Informationen abhängt, können wir um ihn nur froh sein. Es war schon immer meine Überzeugung, dass sich schöpferisches Denken dadurch erwerben lässt, dass man seinen Geist fragend und wach hält. Ich bin noch immer derselben Meinung, und Olaf Leu bestärkt mich darin.

Er ist das, was wir ein »Naturtalent« nennen. Er hat keinerlei formelle Ausbildung als Werbegraphiker genossen, sondern begann seine Laufbahn als Setzer. Dieser frühen Tätigkeit verdankt er jene typographische Virtuosität, die seine Arbeiten kennzeichnet. Sein geübtes Auge erfasst den richtigen Gebrauch der Schrift, respektiert die Grenzen ihrer Möglichkeiten, und schliesslich entsteht eine visuelle Botschaft, die hervorsticht wie eine Wagner-Arie. Man spürt, wie seine geschickten Hände Text und Bild in Einklang bringen. Man spürt die Bedeutung der Worte durch ihre visuelle Anwendung und durch ihren Einbezug in das Ganze.

Olaf Leu ist ein kühner, furchtloser Einzel­gänger. Er bedient sich der Tradition in ihren besten Ausdrucks­formen, akzeptiert aber auch den freien, ungehemmten amerikanischen Stil, was eine interessante Mischung ergibt. Er ist eines jener seltenen Talente, die es verstehen, die Illustration, besonders die Photo­graphie, richtig einzusetzen und die – und das ist das Wichtigste – ein echtes Flair für die Werbe­wirksamkeit einer Idee haben, und die dann auch mit dem Geschick des Dramaturgen alle Elemente in die rechte Beziehung zueinander bringen können … Das Höchste, was ich über Olaf Leu sagen kann, ist, dass er über­all bedeutend wäre, sogar hier in New York, wo die Konkurrenz am schärfsten ist.«

(Lou Dorfsman in ›Graphis‹ Nr. 141, 1969)
1966, Knauer Expo

»Daß jemand bereits in so jungen Jahren so gut sein kann, erfüllt uns mit ungläubigem Staunen. Ich glaube, daß Olaf Leus geheimnisvolle Wirkung das Ergebnis seiner Überzeugungskraft und scharfen Beobachtungsgabe, vor allem aber seines großen Talents als Designer ist. Es ist leichter, sich einen Namen zu machen als Experte im Design von Firmengesichtern [Anm. d. Red. Corporate Identities], von hervorragenden Verpackungen, als Art Director oder typografischer Designer, als Plakatkünstler oder Entwerfer architektonischer Grafik, als sich auf allen diesen Gebieten gleichzeitig zum Fachmann heranzubilden.

Der seit geraumer Zeit in Amerika zu beobachtende Trend zur Spezialisierung hat dazu geführt, daß man die Grafiker, die sich in jedem der oben genannten Spezialgebiete mit gleicher Meisterschaft bewegen können, hierzulande an drei Fingern einer Hand abzählen kann. Deshalb ist es für mich erfrischend, einen europäischen Designer kennenzulernen, der sich auf all diesen Gebieten mit der vollendeten Sicherheit eines Meisters seines Berufes bewegt. Olaf Leu ist wirklich ein Renaissancemensch unter den Designern. Er vereint alle diese Fähigkeiten in sich, ohne irgendwelche Zugeständnisse an die Perfektion der Ausführung machen zu müssen.«

(Herb Lubalin über Olaf Leu in ›Gebrauchsgraphik‹, Dezember 1971)
1968, Kalender für Zanders


Mit Olaf Leu verbindet uns eine jahrzehntelange Freundschaft. Immer wieder unterstützt er die Typographische Gesellschaft München (tgm) tatkräftig mit große Reden, Vorträge und inspirierende Aus­stellungen. Zuletzt konnten wir ihn im Oktober 2015 als Festredner zum 125. Jubiläum der tgm erleben. Im Jahr 2020 war erneut eine Veranstaltung geplant. Leider hat uns Corona einen Strich durch die Veranstaltung gemacht.

Vor wenigen Tagen finden wir uns dann am Tisch im Café an der Monacensia in München wieder – mit dem hochlebendigen, geistreichen Grandseigneur des Designs, Zigarillo rauchend. Thema ist die Vorbereitung der wohl letzten großen öffentlichen Veranstaltung gemeinsam mit Olaf Leu. Dieses Mal soll es eine Matinee mit Interview über seine zeitlosen Einsichten und sein Lebenswerk werden. Der Arbeitstitel: »Das letzte Interview«.

Olaf Leu 2021 (von Horst Moser)
Olaf Leu 2021 (Foto: Horst Moser)

Sicher werden wir beim Matinee im kommenden Jahr Gelegenheit haben, den heutigen Geburtstag ganz entspannt nachzufeiern.

Lieber Olaf Leu, 85 …? Chapeau!
Im Namen aller Freunde mutiger typografischer Kommunikation gratulieren wir Dir recht herzlich.