Einer der schwierigen Bereiche der typografische Gestaltung ist das Mischen von Schriften. Typografie, die so logisch aufgebaut ist, kommt hier an eine Grenze, wo entweder enormes Wissen oder Dekoration das Feld beherrschen. Ich persönlich gehöre allerdings zu der Gruppe von Typografen, die sehr selten Schriften mischen.

Umso interessanter finde ich das vorliegende Buch von Philipp Stamm mit dem Titel »Schrifttypen Verstehen Kombinieren«. Der Untertitel zeigt die Lust am Thema mit »Schriftmischung als Reiz in der Typografie«. Dass dieser Reiz kaum ein Bauchgefühl ist geht schon aus dem Inhaltsverzeichnis hervor. Denn es zeigt sich, dass für Schriftmischen ein anspruchsvolles Wissen, aber auch echtes Können erforderlich ist.


Stamm beginnt mit einer historischen Betrachtung, die bereits mit dem Rosette-Stein in Ägypten fast 200 Jahre vor unserer Zeitrechnung beginnt und zeigt später, was in der Inkunabel-Zeit so »gemischt« wurde. Und natürlich ist das 19. und 20. Jahrhundert für Schriftmischungen offen, was nicht immer gelungen zu sein braucht.

Um Schriften zu mischen, muss man die Schriften auch verstehen. Deshalb werden im Buch Grundlagen der Schrift und Typografie und deren Grundformen und Maßsysteme vorgestellt und das immer unter dem Aspekt des Mischens von zwei verschiedenen Schriften.

Der Charakter von Schrift wird als Anmutung von Schrift bezeichnet. In der wissenschaftlichen Forschung spricht man auch von Anmutungsqualität oder dem Atmosphärenwert von Schriften. Gleichzeitig stellt Stamm seine eigene »Schriftklassifikation Pro« vor. Eine neue Schriftklassifikation beim DIN ist leider immer noch nicht fertig. Eine Klassifikation ist aber für die systematische Arbeit des Schriftmischens notwendig.

Was das Buch besonders ausweist, ist seine hervorragende inhaltliche und typografische Struktur, seine zahlreichen systematischen Tabellen und brauchbaren Tipps. Dabei werden die Kriterien für Schriftmischungen von der eigenen Idee, dem Kontrast zwischen den Schriften und der Analogie, der ähnlichen Elemente, verdeutlicht. »Beim Kombinieren von Schrifttypen bildet der Kontrast die Vitalität und die Analogie (Bogenform und Höhen) die Harmonie«, so Philipp Stamm. Natürlich muss alles eher umfangreich getestet und verglichen werden.

In einem eigenen Kapitel stellt Stamm seine Systematik des Schriftmischens und deren Kriterien vor. Es sind insgesamt 12 Bereiche, die man für eine sinnvolle Vorgehensweise braucht. Die Checkliste daraus sollte man sich als Schriftmischer an den typografischen Spiegel heften.

Danach werden im Buch eine Fülle von 76 Schrittkombinationen vorgestellt. Gezeigt werden dabei die Figuren der jeweils beiden Schriften mit einem Hinweis auf die Herkunft und die Zuordnung in der Schriftklassifikation Pro. Benannt werden auch die Arten des Kontrasts, die Unterschiede und Analogien. Das kann man als üppige Anregung sehen. Aber selbstverständlich könnte man sich anhand der untersuchten Beispiele selbst »bedienen« (siehe Beispiel).

Das Buch selbst ist für seinen Zweck vorbildlich gestaltet und produziert. Es kommt vollständig ohne modischen Firlefanz aus. Meisterlich. Philipp Stamm dürfte den meisten Typografen ein Begriff sein, da er vor einigen Jahren zusammen mit Heidrun Osterer das Buch über Frutigers Gesamtwerk geschrieben und herausgebracht hatte (siehe Besprechung in den »Vier Seiten« der tgm Nr. 39 vom März 2009).

Philipp Stamm
Schrifttypen verstehen und kombinieren
Schriftmischung als Reiz in der Typografie
360 Seiten mit 335 Abbildungen
Format 200 x 205 mm
Ganzpappband
Birkhäuser Verlag, Basel 2021-02-01
ISBN 978-3-0356-1113-7
50 Euro