Kurt Weidemann wäre am 15. Dezember 2022 einhundert Jahre alt geworden. Der Typographischen Gesellschaft München war Kurt zeitlebens sehr verbunden. Von 1957 bis 2009 besuchte er insgesamt neun mal die tgm für Vorträge (u.a. zu Trends aus USA und seinem Corporate Design der Deutschen Post), arbeitet bei einigen unseren Büchern als Autor mit (Hermann Virl, 1980, und Georg Trump, 1981) und engagierte sich im Ausstellungskomitee der Galerie Intergraphis (ehemals am Lenbachplatz, heute BMW-Pavillon).

Kurt Weidemann nach seinem Vortrag bei der tgm am 8.1.2009

Fünf selbst­gebastelte Denk­minuten sind wichtiger als eine ein­stündige Gedenkrede.

– Kurt Weidemann

Kurt Weidemann

Nicht das Sehen ändert sich, sondern das Angebot wird erweitert.

– Kurt Weidemann

Heute möchte die tgm den Jahrhundert-Grafikdesigner, Schriftgestalter, Autor, Dozent, Hochschullehrer und Freund ehren!

Wenn man einen von Kurt geschriebenen Text in die Hände bekommt, kann man schnell demütig werden. Hier sitzt jedes Wort. Unzählige zeitlos gültige und gerne zitierte Gedanken stammen von ihm, ein paar haben wir auf dieser Seite abgebildet. Wie soll man bei Kurts Sprachwitz und Intelligenz mithalten? Wir probieren das gar nicht erst; dafür hat unser langjähriges Mitglied Silvia Werfel eine kurze wunderschön-persönliche Erinnerung aufgeschrieben, die wir hier abbilden dürfen.

Die Sprache beim Wort genommen

Text: Silvia Werfel

Die Deutsche Bahn – ausgerechnet! – brachte den Tagungsfahrplan durcheinander: Kurt Weidemann traf verspätet im Frankfurter Museum für Post und Kommunikation (heute ohne »Post«) ein und sprach nun als dritter statt als Eröffnungsredner. Anlass war das hier vom Bundesverband Druck (noch ohne »Medien«) durchgeführte Symposium »Formulardesign«, mit Vorträgen und anschließender Preisverleihung des 8. Formular-Wettbewerbs.

Das war am 4. November 1999. Damals erlebte ich Kurt Weidemann zum ersten Mal leibhaftig. Und war seiner Sprachmacht sofort verfallen. Ein wahrer Meister im Buchstaben- und Worte-Setzen trat da auf. Nach den bilderreichen Betrachtungen der vorgezogenen Referenten kam Kurt Weidemann mit seinen grundsätzlichen Gedanken gerade recht. Er sprach »Über die Notwendigkeit und den Nutzen von grafischen Erscheinungsbildern für die Wirtschaft«. Eine Einladung an die Teilnehmer, zuzuhören, mitzudenken, zu prüfen, nach innen zu schauen – ohne jede Ablenkung durch Bilder. Botschaft an die anwesenden Gestalter: sich mit »Herz, Verstand und Kompetenz« den Aufgaben widmen.

Über zwanzig Jahre später sind seine Aussagen immer noch gültig, man darf sich ruhig immer wieder mal an sie erinnern. »Wer erfolgreich und kompetent in seinem Beruf arbeitet, sollte auch im Umgang mit Kunden, Öffentlichkeit und Medien da sein, wo man immer sein sollte: nämlich voll und ganz bei
der Sache.« Kurt Weidemann war immer bei der Sache. Auch als Mahner. So stellte er in seiner Rede zum Formulardesign fest, es gäbe einen Mangel an »Vermögensbildung«: an Seh-, Steh-, Durchhalte- und Urteilsvermögen. Es würden hier wohl entsprechende »Anlageberater« fehlen … Zur Unternehmenskultur, die immer auch Unternehmer-Kultur, sei: Ein Firmenchef müsse nicht nur rechnen können, er sollte auch Philosoph sein und darüber hinaus stets klar und ehrlich Stellung beziehen. Er zitierte den »Pfennigfuchser« Robert Bosch: Es sei besser, Geld zu verlieren als Vertrauen. Kurt Weidemanns Kultur-Kritik war das Glanzlicht des Symposiums. In den darauffolgenden Jahren habe ich ihn noch öfter als pointierten Redner erlebt. Er hatte immer etwas zu sagen, meistens ohne, manchmal aber auch mit Bildbegleitung. Wenngleich ich im Laufe der Zeit alle seine Bücher gelesen hatte und die grundlegende Botschaft ja gleich blieb, so habe ich es jedes Mal wieder genossen, ihm zuzuhören.

Kurt war ein zugewandter, offener, hilfsbereiter Mensch. Das beim Symposium 1999 erbetene Redemanuskript händigte er mir ganz unkompliziert sofort aus, und als ich 2009 in einem Brief vorsichtig fragte, ob ich denn aus Hessen auch zum Sommerfest ins legendäre Stuttgarter Stellwerk kommen dürfe, rief er mich umgehend an und hieß mich willkommen. Dieses Fest, das draußen im Garten begann und spät abends drinnen im oberen Stockwerk am langen Tisch mit Buchschätzen, Fachsimpeln und ordentlich viel Schnaps weiterging, wurde zu einem unvergesslichen Erlebnis.

Von Kurt Weidemanns wirkmächtigem Werk soll hier nicht im Einzelnen die Rede sein, darüber gibt es einiges zu lesen. Er hat als geistreicher, ebenbürtiger Partner einflussreicher Konzernlenker Wegweisendes geschaffen, wobei es ihm nie darum ging, »originell« zu sein; vielmehr stellte er sich immer in den Dienst an der Sache, er vereinfachte, begradigte, führte zusammen, kurz: er räumte auf im Logo- und Schriftendschungel von Unternehmen, damals, als man noch nicht so viel von Corporate Identity und Corporate Design sprach. Und stets fand er einfache, klare Lösungen für komplexe Zusammenhänge.

Er wurde geschätzt, geliebt, gefürchtet und vielfach gewürdigt. Seine Aufsätze und Bücher bleiben lesenswert. Und seine Botschaft, miteinander zu sprechen, vor allem einander zuzuhören, bleibt essenziell, gerade in Zeiten wie diesen.

Für die hundertste Wiederkehr seines Geburtstages am 15. Dezember 2022 lege ich mir sein Opus magnus »Wo der Buchstabe das Wort führt. Ansichten über Schrift und Typographie« parat, ebenso das Manuskript fürs Formular-Symposium mit seinen handschriftlichen Vermerken und auch Dietmar Hennekas fotografische Spurensuche im Stellwerk. Dann trinke ich ein paar Bierchen und einen Klaren auf Kurt – ob es Budweiser sein wird, bin ich mir allerdings noch nicht so sicher …

Kurt Weidemann

Richtig sehen lernen ist genauso schwer wie gut tanzen zu lernen

– Kurt Weidemann

Bevor man fragt, was ankommt, sollte man wissen, worauf es ankommt.

– Kurt Weidemann

100KW

Horst Moser hat, angeregt und mit Unterstützung durch Olaf Leu, diesen Text von Silvia Werfel und viele weitere sowie Abbildungen gesammelt und daraus anlässlich des Ehrentages die Publikation »100KW« erstellt. Weitere enthaltene Statements und Erinnerungen sind von Uli Mayer-Johanssen, Jochen Rädeker, Erik Spiekermann, Gerrit Terstiege, Susanne Zippel, Karin und Bertram Schmidt-Friderichs und weiteren. Auch der Meister selber kommt zu Wort!
Diese Publikation soll 2023 in einer kleinen Auflage als Privatdruck erscheinen (Interessierte können zum Selbstkostenpreis von 15 EUR inkl. MwSt. zzgl. Versand per Mail bei Herrn Moser vorbestellen), später evtl. auch in einer größeren Auflage als Verlags-Publikation.

Wir freuen uns, dass Horst Moser uns dieses Jubiläumswerk zum Download zur Verfügung gestellt hat! Sie können diese hier als PDF-Datei laden.

Und noch ein Geburtstagsgeschenk haben wir »auf Lager«!
Es wurden uns fünf (antiquarisch) Kurt-Weidemann-Bücher geschenkt: 2× »Wortarmut – im Wettlauf mit der Nachdenklichkeit«, 2× »Wahrnehmen und Ideen finden« und 1× »Biografische Gespräche«. Diese möchten wir gerne an die Leser unseres Newsletters verschenken.
Antworten Sie einfach mit dem Hinweis »Weidemann-Buch« auf den von uns am 15.12.2022 versendeten Sonder-Newsletter #99 und notieren Sie hier Ihre gewünschte Versand-Adresse. Die erste fünf Einsendungen erhalten jeweils eines der Bücher. Happy Birthday, Kurt!

Text: Silvia Werfel, Michi Bundscherer, Fotos: Michi Bundscherer, Danke an Petra Marth, Regina Jeanson und Michael Lang für ihre Unterstützung, PDF-Publikation: Horst Moser

Kurt Weidemanns Hut
Der Weidemanns-Hut, Typotage Leipzig, 9.7.2004