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Buchbesprechung

Frauen im Grafik-Design bis zum Bauhaus

Rudolf Paulus Gorbach
22. August 2026
»Das Projekt UN/SEEN doku­mentiert Frauen, die zwischen 1865 und 1919 in Deut­schland tätig waren … Bis heute hat die Desi­gnge­schichte ihre Geschichten verschwiegen«.
Ellen Lupton im Vorwort.

Lupton schreibt weiter: »Einige dieser Frauen hatten nur kurze Karrieren, die mit ihrer Mutter­schaft endeten. Andere wiederum wurden zu erfolg­reichen Unter­neh­me­rinnen oder einfluss­reichen Pädago­ginnen, wurden jedoch von der Geschichts­schreibung der »Moderne« ausge­löscht. Das Bauhaus und seine geradezu mythisch überhöhte Bedeutung haben unseren Blick auf andere Praktiken versperrt; Archi­tektur und Produkt­design verdrängen die deko­rativen und ange­wandten Künste – Bereiche, in denen sich Frauen entfalten könnten«.

»…urwüchsig und ungemein ausdrucksvoll, ohne sich dabei in der Welt des Expres­sio­nismus zu bewegen« würdigte die Zeit­schrift »Das Plakat« die Arbeiten der Grafikerin Dora Mönkemeyer-Corty. Wobei sie zu den damals bereits bekannten Frauen gehört. Humor und grafisch-formale Strenge (oder besser Klarheit zeichnen ihren Stil aus. Im Buch erhielt sie ein eigenes Kapitel. Zusammen mit der dazu­ge­hörigen Kurz­bio­grafie erhält man einen hervor­ra­genden Eindruck dieser Gestalterin. Das aber nur als ein Beispiel von vielen. Immerhin zählt das Buch fast 300 Kurz­bio­grafien von gestal­tenden Frauen dieser Epoche.

Dore Mönkemeyer-Corty: Werbeplakate 1910 und 1919
Plakat von Dore Mönkemeyer-Corty 1920 und Umschlagentwurf für die Zeitschrift »Das Plakat« 1919.

Das Forschungs­projet UN/SEEN wurde 2021 begonnen und endet mit dem vorlie­genden Buch, das zahl­reiche einzelne Beiträge umfasst und Beispiele doku­mentiert, die bisher wohl kaum zu sehen waren. Insofern ist diese reich­haltige Doku­men­tation ein bewusster Schritt gegen die Nicht-Sicht­barkeit von Grafik-Desi­g­ne­rinnen. Dass dies mit enormem Fleiß allein an der Heraus­a­r­beitung der Quellen geschehen ist, zeigt sich schon beim Durch­blättern des Buches.

Anhand der Haupt­kapitel im Buch lässt sich bereits die weite Dimension des Themas erkennen:
Aktuelle Forschung
Zeit und Diskurse
Aufbruch und Bildung
Buch und Handwerk
Schrift und Politik
Produktion und Arbeit
Marken und Reklame
Präsen­tation und Initiative
Krieg und Umbrüche
Vision und Ausblicke.

Zeit­strö­mungen und Stil werden klar und zeigen die hohe Qualität der (oft verschwiegenen) Arbeiten. Man darf nicht vergessen, dass diese Geschichte beginnt, als Frauen nicht zu einem Studium zuge­lassen waren. Wie war ihnen wohl zumute gegenüber einer gesell­schaft­lichen Last, einer Diskri­mi­nierung? Haben sie heimlich gear­beitet oder »unter­ge­buttert«? Und warum wurde ihr Erfolg dermaßen verborgen?

Sehr anschaulich ist auch die eingefügte Timeline, die die Akti­vitäten und Bewe­gungen dieser Epoche wider­spiegeln. Hervor­zuheben sind auch die ausführ­lichen Kurz­bio­grafien von Gestal­te­rinnen, die vor 1919 im heutigen Deut­schland tätig waren. Das ausführliche Lite­ra­tur­ver­zeichnis regt zu weiterer Lektüre an.

Aus dem Kapitel »Marken und Reklame« zwei Plakatentwürfe. Links von Christa von Wahl 1912, rechts von Margit Terry 1913.

Meine persönliche Anmerkung: Angeregt von diesem Buch vergleiche ich Erlebnisse aus meiner eigenen Biografie. Als Buch­drucker arbeitete ich mit Bogen­fän­ge­rinnen, Anle­ge­rinnen zusammen. Die konnten viel mehr als sie durften, waren genau, hatten oft die Farb­haltung präzise im Blick (wird im Buch auch gewürdigt). Auf der ersten Tagung der Herstel­lungs­leiter, die ich 1966 besuchen durfte, gab es eine einzige Herstel­lungs­leiterin unter 60 Männern. Und wie war die Situation bei der tgm? Die erste Frau im Vorstand (Irmgard Voigt) wurde  erst in den achtziger Jahren des 20. Jahr­hunderts gewählt. Ein tgm-Buch über eine Frau erschien erst 1995 von der Autorin Marie Marcks über ihre Mutter und deren Arbeiten: Else Marcks Penzig. Alles ein großer Kontrast zu heute, wo Frauen als Teil­neh­me­rinnen von Fort­bil­dungs­kursen domi­nieren.

Petra Eisele,  Isabel Naegele (Hrg.)
UN/SEEN
Frauen im Grafik-Design bis zum Bauhaus
Vorwort von Ellen Lupton

Auto­rinnen: Brigitte Baumstark, Frie­derike Berger, Julia Blume, Gerda Breuer, Petra Eisele, Aliena Guggen­berger, Jana Haase, Antje Kalcher, Julia Meer, Julia Mummenhoff, Isabel Naegele, Julia Neller, Antje Neumann, Bettina Richter, Julia Rinck, Kerstin Stöver, Ute Thomas, Christina Thomson, Sabine Wieber
Buch­ge­staltung: Julia Neller

422 Seiten
Format 184 × 260 mm
Hardcover
Slanted Publishers Karlsruhe, 2026
ISBN 978–3–69202–001–3 (DE)
€ 48.–

Doppelseite aus dem Kapitel »Schrift ist politisch«. Zahlreiche Beispiele aus der Schriftkunstbewegung um 1900.