Frauen im Grafik-Design bis zum Bauhaus
Lupton schreibt weiter: »Einige dieser Frauen hatten nur kurze Karrieren, die mit ihrer Mutterschaft endeten. Andere wiederum wurden zu erfolgreichen Unternehmerinnen oder einflussreichen Pädagoginnen, wurden jedoch von der Geschichtsschreibung der »Moderne« ausgelöscht. Das Bauhaus und seine geradezu mythisch überhöhte Bedeutung haben unseren Blick auf andere Praktiken versperrt; Architektur und Produktdesign verdrängen die dekorativen und angewandten Künste – Bereiche, in denen sich Frauen entfalten könnten«.
»…urwüchsig und ungemein ausdrucksvoll, ohne sich dabei in der Welt des Expressionismus zu bewegen« würdigte die Zeitschrift »Das Plakat« die Arbeiten der Grafikerin Dora Mönkemeyer-Corty. Wobei sie zu den damals bereits bekannten Frauen gehört. Humor und grafisch-formale Strenge (oder besser Klarheit zeichnen ihren Stil aus. Im Buch erhielt sie ein eigenes Kapitel. Zusammen mit der dazugehörigen Kurzbiografie erhält man einen hervorragenden Eindruck dieser Gestalterin. Das aber nur als ein Beispiel von vielen. Immerhin zählt das Buch fast 300 Kurzbiografien von gestaltenden Frauen dieser Epoche.
Das Forschungsprojet UN/SEEN wurde 2021 begonnen und endet mit dem vorliegenden Buch, das zahlreiche einzelne Beiträge umfasst und Beispiele dokumentiert, die bisher wohl kaum zu sehen waren. Insofern ist diese reichhaltige Dokumentation ein bewusster Schritt gegen die Nicht-Sichtbarkeit von Grafik-Designerinnen. Dass dies mit enormem Fleiß allein an der Herausarbeitung der Quellen geschehen ist, zeigt sich schon beim Durchblättern des Buches.
Anhand der Hauptkapitel im Buch lässt sich bereits die weite Dimension des Themas erkennen:
Aktuelle Forschung
Zeit und Diskurse
Aufbruch und Bildung
Buch und Handwerk
Schrift und Politik
Produktion und Arbeit
Marken und Reklame
Präsentation und Initiative
Krieg und Umbrüche
Vision und Ausblicke.
Rechts: Beispiele aus einer Mappe von Anna Simons 1926 und einem Faltblatt zur DeutschenSchrift.
Zeitströmungen und Stil werden klar und zeigen die hohe Qualität der (oft verschwiegenen) Arbeiten. Man darf nicht vergessen, dass diese Geschichte beginnt, als Frauen nicht zu einem Studium zugelassen waren. Wie war ihnen wohl zumute gegenüber einer gesellschaftlichen Last, einer Diskriminierung? Haben sie heimlich gearbeitet oder »untergebuttert«? Und warum wurde ihr Erfolg dermaßen verborgen?
Sehr anschaulich ist auch die eingefügte Timeline, die die Aktivitäten und Bewegungen dieser Epoche widerspiegeln. Hervorzuheben sind auch die ausführlichen Kurzbiografien von Gestalterinnen, die vor 1919 im heutigen Deutschland tätig waren. Das ausführliche Literaturverzeichnis regt zu weiterer Lektüre an.
Meine persönliche Anmerkung: Angeregt von diesem Buch vergleiche ich Erlebnisse aus meiner eigenen Biografie. Als Buchdrucker arbeitete ich mit Bogenfängerinnen, Anlegerinnen zusammen. Die konnten viel mehr als sie durften, waren genau, hatten oft die Farbhaltung präzise im Blick (wird im Buch auch gewürdigt). Auf der ersten Tagung der Herstellungsleiter, die ich 1966 besuchen durfte, gab es eine einzige Herstellungsleiterin unter 60 Männern. Und wie war die Situation bei der tgm? Die erste Frau im Vorstand (Irmgard Voigt) wurde erst in den achtziger Jahren des 20. Jahrhunderts gewählt. Ein tgm-Buch über eine Frau erschien erst 1995 von der Autorin Marie Marcks über ihre Mutter und deren Arbeiten: Else Marcks Penzig. Alles ein großer Kontrast zu heute, wo Frauen als Teilnehmerinnen von Fortbildungskursen dominieren.
Petra Eisele, Isabel Naegele (Hrg.)
UN/SEEN
Frauen im Grafik-Design bis zum Bauhaus
Vorwort von Ellen Lupton
Autorinnen: Brigitte Baumstark, Friederike Berger, Julia Blume, Gerda Breuer, Petra Eisele, Aliena Guggenberger, Jana Haase, Antje Kalcher, Julia Meer, Julia Mummenhoff, Isabel Naegele, Julia Neller, Antje Neumann, Bettina Richter, Julia Rinck, Kerstin Stöver, Ute Thomas, Christina Thomson, Sabine Wieber
Buchgestaltung: Julia Neller
422 Seiten
Format 184 × 260 mm
Hardcover
Slanted Publishers Karlsruhe, 2026
ISBN 978–3–69202–001–3 (DE)
€ 48.–