Ausstellung im Münchner Stadtmuseum »Vertrauliche Distanz«

Wir vom »Team artDate« – Helga Schörnig, Andreas Sebastian Müller und ich, Monika Lokau –, hatten gehofft, bei unserer ersten tgm-Veranstaltung im neuen Jahr einen großen Kreis Interessierter begrüßen zu können. Doch erlebten wir am 25. Februar entsprechend der Corona-Regeln leider nur zu neunt eine beeindruckende Foto-Ausstellung samt hochkarätiger, detailreicher Führung im Münchner Stadtmuseum: Helga Schörnig hatte den Kontakt hergestellt zu Kurator Maximilian Westphal, Mediengestalter und Kunsthistoriker. Er befasste sich vor Jahren bereits im Rahmen seiner Masterarbeit mit Barbara Niggl Radloff und sichtete für die aktuelle Ausstellung mehr als 2500 Schwarz-weiß-Abzüge aus dem Nachlass der 2010 im Alter von 74 Jahren in Feldafing gestorbenen Fotografin. 

Ausstellung Fotokunst von Barbara Niggl Radloff im Stadtmuseum München
Ausstellung Fotokunst von Barbara Niggl Radloff im Stadtmuseum München

Über Jahrzehnte hat sie insbesondere höchstsensibel Menschen porträtiert und den Zeitgeist Münchens – etwa Schwabinger Partys, Jazz auf der Leopoldstraße – im für sie typischen Stil fotografisch eingefangen. Ihre Bilder erschienen in verschiedensten legendären Zeitschriften, u.a. in »Twen« und »Scala International«. Und Barbara Niggl Radloff setzte sich mit ihrer Arbeit, ungewöhnlich in dieser Zeit, erfolgreich gegen ihre männlichen Kollegen durch. »Ich war die einzige Frau«, sagte sie rückblickend in einem Interview.

Barbara Niggl Radloff hat sich mit 19 Jahren, 1955, am Institut für Bildjournalismus am Kurfürstenplatz in München beworben: »(…) Ich interessiere mich sehr für die Photographie, und wenn ich bisher wenig Gelegenheit hatte, mit einer guten Kamera zu photografieren, so beobachte ich doch schon seit einigen Jahren die ganze Umwelt auf ihre Bildwirkung hin. Es ist mein größter Wunsch, für die Pressephotographie tätig zu sein, da ich für alles Aktuelle, Mode u.s.w. sehr aufgeschlossen bin. Ich habe nun die Erlaubnis meiner Mutter erhalten (Anmerkung: der Vater war verstorben), diesen Beruf zu erlernen und möchte mir gerne die nötigen Kenntnisse am Institut für Bildjournalismus anzueignen.«

Barbara Niggl Radloff wurde angenommen und bewies bereits während ihrer Ausbildung ihren besonderen fotografischen Blick. Porträtfotografien sind ein wesentlicher Teil ihres Werks geworden. 

Der Rundgang durch die Ausstellung startet mit einer Abbildung der Fotografin auf einer großen Fotowand in für sie typischer Pose: beim Fotografieren mit einer Kamera, bei der die Prüfung des Bildausschnitts von oben her über ein Mattscheibenbild erfolgt. Dazu zwei in kurzem Abstand voneinander entstandene Aufnahmen von Hannah Arendt 1958, die die behutsame Annäherung der Fotografin an ihr »Modell« zeigen (vor der Fotowand ist rechts Kurator Maximilian Westphal zu sehen).

 »Vertrauliche Distanz« – so ja der Titel der Ausstellung – lässt sich bei vielen weiteren Porträts weltberühmter Menschen erkennen, die in der Retrospektive zu Barbara Niggl Radloff vertreten sind: Max Horkheimer mit seiner Frau Rose Riekher, Erich Kästner, Carl Zuckmayer, Truman Capote, Günther Grass, Asger Jorn, Otto Dix, Lale Andersen, Heinrich Böll und viele mehr. Darüber hinaus werden in der Ausstellung Themenfelder wie Modefotografie und Sozialreportage beleuchtet, denen sich die Fotografin ebenfalls widmete.

Die umfassende Ausstellung läuft noch bis 24. März 2022. Zudem ist auf der Website des Stadtmuseums München unter »Sammlung Online« eine große Auswahl an Fotos von Barbara Niggl Radloff zu sehen.

Text und Fotos: Monika Lokau