Die zehn Prinzipien für gute Gestaltung von Dieter Rams dienen der tgm im aktuellen Programm 2011/2012 zur Strukturierung der Vortragsreihe »Respekt und Übermut« zum Thema Verantwortung in der Gestaltung. Lesen sich diese »Ramsifikationen« doch wie ein Leitfaden für verantwortungsbewusstes Design.

 

In ihrem Vortrag »Über Mut zum Experiment – Design braucht neue Formate« ist Claudia Fischer-Appelt am 25. Oktober 2011 auf die erste Rams-These »Gutes Design ist innovativ« eingegangen bzw. hat sie zum Ausgangspunkt für ihre Ausführungen gemacht. Wir dokumentieren im Folgenden den Text in der Fassung aus dem Jahr 1990 – zitiert aus Rams, Dieter: Die leise Ordnung der Dinge. 1. Auflage. Steidl Verlag. 

 

Gutes Design ist innovativ. 

Wenn wir an einem neuen Produkt arbeiten, fragen wir uns ständig: Enthält unsere Lösung neue Aspekte? Gibt es ähnlich gestaltete Produkte, die sich bewährt haben und mit denen man vertraut ist? Wenn das Design des Produktes nur der Verschiedenheit wegen anders ist, wird es kaum gutes Design sein. Und wenn dieses Design nicht einmal anders ist, sondern nur eine weitere »me-too«-Variation bestehender Produkte, würde ich behaupten, daß dies Design diskreditiert. Wenn ich von innovativen Produkten spreche, denke ich nicht an Science-fiction-Produkte mit einer vollkommen neuen Technologie, sondern an Produkte, mit denen wir alle vertraut sind. Es gibt immer noch viel Raum für innovative Produktideen. Wir haben noch längst nicht alle technischen und damit Design-Möglichkeiten ausgeschöpft. Es gibt heute nach wie vor reichlich Gelegenheit für bestimmte Weiterentwicklungen auf vielen Gebieten. 

 

In den letzten Jahren gab es immer mal wieder den Versuch, Qualitätskriterien oder andere Gebote für gute Typografie aufzustellen, zuletzt vom Forum Typografie. Die tgm wird in den nächsten Monaten den Versuch unternehmen, die Thesen von Dieter Rams auf ihre Übertragungsfähigkeit auf gute Typografie zu überprüfen – zur ersten These hat dies Rudolf Paulus Gorbach unternommen:

 

Gutes Design ist innovativ. – Das ist in der Typografie nicht so ohne weiteres zu bestätigen. Innovativ können Druckschriften sein, gleichzeitig ist dabei häufig der Zweck fraglich, nämlich die Lesbarkeit. Innovativ kann auch der visuelle Auftritt sein. Aber alles ist schon einmal so ähnlich da gewesen, also oft »me too«. Was gegen das Innovative spricht ist die Lesefunktion, die für die Aufnahme der Typografie voraussetzend ist. Und die hat sich wohl auch für das eBook nicht so sehr geändert. Das bezieht sich auf die Schriftart, den Satzspiegel (zumindest im Buch) und die Mikrotypografie. Da damit oft so fahrlässig umgegangen wird, wäre eine Innovation beispielsweise eine typografische Gestaltung, die all dies berücksichtigt und damit eine neue Sprache der Aufmerksamkeit hervorbringen könnte. Also müsste man nur die Qualitätsprinzipien der Typografie ernst nehmen, aber auch benützen. Nur, das gibt es, wenn auch nicht so häufig.

 

Foto: Sammlung Werkbundarchiv – Museum der Dinge, Fotograf: Armin Herrmann