Erstaunlich dass noch niemand auf diese Idee kam: Typografie nach geografischen Gesichtspunkten, geortet nach grossen Städten. In der tgm hatten wir vor Jahren den Versuch gemacht wenigstens in einem Beitrag in den »Vier Seiten« die Typoszene einer Stadt zu beschreiben. Den Anfang machte Markus Schröppel mit einem Beitrag über Augsburg (Vier Seiten 2, 1997). Der Bedarf wäre also schon vorhanden gewesen doch damals fehlten die geeigneten »stadtnahen« Autoren.


Der August Dreesbach Verlag hat nun in seiner Reihe Typotopografie bereits sechs Hefte herausgebracht: München, Berlin, Düsseldorf, Wien, Leipzig und Frankfurt am Main. Und die sind nicht nur für jene interessant, die am Ort wohnen, sondern sie geben Einblick in die jeweilige Szene und (Gestaltungs)Geschichte; typografische Ereignisse, die gut gestaltet von Anne Dreesbach und Manuel Kreuzer in Form von Berichten, Reportagen oder Interviews das »typografische Leben« einer Stadt näherbringen oder erläutern.

Die Autoren der einzelnen Hefte stammen zum Teil aus der Typoszene. Der überwiegende Teil kommt jedoch aus ganz verschiedenen Wissenschaftsgebieten und ist dabei eher journalistisch ausgerichtet, womit Neugierde bewahrt wird und der Blick auf die Szene das insiderische vermeidet. Die Covergestaltung ist wohltuend einfach, man weiss gleich, dass man es mit Gestaltung oder Design zu tun hat und trotzdem steckt immer auch eine kleine Stadtinterpretation in diesen Umschlägen.

In allen Heften spielt eine spielerische typografische Stadtbesichtigung eine Rolle. Grafische Schulen und Hochschulen werden besucht, Kommunikations-Designer oder Schriftgestalter werden interviewt und überall gibt es Spuren einer großen typografischen Vergangenheit, die natürlich auch die des Bleisatzes und des Buchdrucks (Hochdruck) mit einschließt.

Ich werde im folgenden nach einer sehr persönlicher Vorliebe Beiträge nennen, die mir besonders gefallen.

Frankfurt. Typotopografie 6
Da steht der Bericht über das fast ehrwürdige Klingspor-Museum, das mich schon in den sechziger Jahren so faszinierte, die Bauersche Gießerei als eine der drei großen Gießereien noch in der Nachkriegszeit (die anderen waren Stempel, ebenfalls in Frankfurt und Berthold in Berlin). Natürlich wird Person und Werk Hermann Zapfs gewürdigt und das in Mainz benachbarte wunderbare Gutenberg-Museum. Und – Überraschung – es geht auch über die Typografie hinaus mit einer Darstellung der Satirezeitschrift Pardon und der »Neuen Frankfurter Schule«

Wien. Typotopografie 5
»Die angewandte Kunst kann nur bestehen, wenn man sie mit dem Zeitgenössischen in Kontakt bringt«, wird Kathrin Pokorny-Nagel in einem Beitrag über das MAK zitiert. Wer das Haus schon kennt weiss wie sehr das MAK als ehemaliges Kunstgewerbemuseum im Heute steht. Natürlich wird die tga gewürdigt, die Schwesterngesellschaft der tgm in Österreich. Es gibt ein Gespräch mit dem außergewöhnlichen und erfolgreichen Verlag von Christian Brandstätter oder einem Besuch in der einzigartigen Typopassage Wiens.

Leipzig. Typotopografie 4
Leipzig, das für Typografie der DDR so wichtig war (eigentlich für alle sozialistischen Länder) zeigt auch heute ein hohes Maß an typografischer Qualität und Ereignissen. Dem berühmten »graphischen Viertel« der Stadt gilt ein Besuch, wo vor dem 2. Weltkrieg eine fast ungeheure »Mediendichte« vorzufinden war mit Verlagen, Druckereien und verwandten Betrieben. Man erfährt ein wenig über das Museum für Druckkunst (allein das ist schon für Leipzig lohnend).

Im neu eröffneten publikumswirksamen Buch- und Schriftmuseum der Nationalbibliothek wurden Kisten aus Tschicholds Nachlass besichtigt. ein inzwischen schon recht bekanntes Projekt der HTWK wird vorgestellt, das »Veredelungslexikon«, welches ich im tgm-Blog bereits besprochen habe. Dass der Schriftunterricht an der HGB trotz riesiger Tradition auch heute noch bedeutend ist trägt zum Glanz Leipzigs bei. Und schließlich wird auch an der jüngeren Geschichte gekratzt mit einem Bericht über den VEB Interdruck in Leipzig.

Berlin. Typotopografie 3
Das Heft über die Hauptstadt-Typografie spiegelt einige Eindrücke wieder, die manche sicher auch nebenbei beim Besuch der jährlichen Typo Berlin mitbekommen. Graffiti und wilde Szenen, Buchstabenhändler und Mini-Buchstaben-Museum, Inschriften-Reste der DDR-Hauptstadt. Aber auch Verlagsgeschehen wie  das beim Aufbau-Verlag und besonders bei den Großen Zeitungs- und Druckhäusern oder dem Druckhaus Mitte und der Bundesdruckerei werden beschrieben. Und ganz besonders gibt es einen Blick auf das was abseits der »Grand Boulevards« in den Gassen so gedruckt und verlegt wird.

Düsseldorf. Typotopografie 2
Jeder, der mit Druck zu tun hat, weiss, dass die weltweit größte Messe für Druck, die DRUPA in Düsseldorf stattfindet. Japanische Schrift und Gestaltung im Stadtbild Düsseldorfs sind deswegen bedeutend, weil die Japanerdichte in Deutschland hier besonders hoch ist. Ein Besuch bei einem der berühmtesten Sprayer, Harald Naegeli und ein Besuch im Düsseldorfer Raubdruckarchiv geben eine andere Seite von Typografie wieder.

München. Typotopografie 1
Münchner Geschichten, da ist natürlich Paul Renner bedeutend für München, und nicht nur wegen seiner Futura. Die Verlagsszene ist üppig und erfährt eine Würdigung zwischen dtv und Kleinverlegern. Selbst das Oktoberfest kommt im Heft vor, wenn auch zum Glück nur mit seinem Plakatwettbewerb. Traditionsbetriebe wie die Handbuchbinderei Weidemann oder Christa Schwarztraubers Handsatzwerkstatt »Fliegenkopf« werden besucht. Und schließlich wird auch die tgm vorgestellt (so weit das überhaupt nötig ist), um deren Müncher 123jährige Existenz uns Typografen aus aller Welt beneiden.

Typotopografie ist also kein typografischer Städteführer, auch kein Stadtanalyst für Typografie sondern enthält jeweils eine durchaus unterschiedliche Revue an typografischen Themen. Doch trotzdem noch eine Kritik: Die Hefte lassen sich auf dem Tisch aufgeschlagen liegend nur benützen wenn man links und rechts je ein Gewicht  von mindestens 250 g drauf stellt. Die Bindung klammert und das muss nicht so sein. Bitte benutzerfreundlich binden und daher weicher.

Typotopografie
Das Magazin zu Gestaltung, T
ypografie und Druckkunst in urbanen Zentren
Jeweils 80 Seiten
Broschur
August Dreesbach Verlag, München 2012 und 2013

1 München
ISBN 978-3-940061-90-4
2 Düsseldorf
ISBN 978-3-940061-92-8
3 Berlin
ISBN 978-3-940061-91-1
4 Leipzig
ISBN 978-3-944334-03-5
5 Wien
ISBN 978-3-944334-04-2
6 Frankfurt
ISBN 978-3-944334-16-5