Dieter Rams’ neunter Grundsatz zur guten Gestaltung lautet:
Gutes Design ist ökologisch


 

Ein Designer kann zur Einsparung von Rohmaterial und Energie während des Herstellungsprozesses eines Produktes beitragen, zum Beispiel, indem er die Materialien bewusst wählt. Er kann auch seinen Teil dazu beitragen, dass bei der Benutzung des Produktes Energie gespart wird. Er kann ebenfalls dafür sorgen, dass das Produkt benutzt wird. Er kann weiter dafür sorgen, dass das Produkt das Gleichgewicht unserer Umwelt nicht stört. Und das meine ich im materiellen Sinne – zum Beispiel, indem gewährleistet wird, dass ein Produkt nicht so leicht verschmutzt und nicht mit Hilfe von vielen Reinigungsmitteln gesäubert werden muss.

War das Schlagwort »Ökologie« in den 80er Jahren des letzten Jahrhunderts noch als »Spinnerei« einiger »Jute statt Plastik«  und »Jesulatschenträgern« abgetan und belächelt worden, so ist es heutzutage in aller Munde und besitzt als unternehmerisches Ziel der produzierenden Unternehmen, aber auch als (Fast-)Selbstverständlichkeit in der Gesellschaft – zumindest beim Bildungsbürger – einen hohen Stellenwert. »Nachhaltigkeit« hat den Begriff »Ökologie« inzwischen fast verdrängt, um der in zukünftigen Generationen vorausschauenden Bedeutung gerechter zu werden.

Auch wenn sich Rams‘ Grundsätze hauptsächlich an die Produktdesigner richten, so lassen sie sich selbstverständlich genauso gut auf Architektur, auf Mediengestaltung und -produktion anwenden, bis hin zu den Dingen des täglichen Gebrauchs. Hier beispielsweise zählen die Fragen, ob denn Hygienepapiere wirklich aus Frischzellstoff hergestellt werden müssen, wie viel Energie Fernseher, Computer und andere Geräte im Stand-by-Modus verbrauchen dürfen, ob der Weg an den Arbeitsplatz, in die Schule oder zum Einkaufen per SUV zurückgelegt werden muss, wie viel Energie und seltene Erden für die Herstellung von Mobiltelefonen, Tablet-PCs und eBook-Lesegeräten eingesetzt wird, ob der Frischwurstaufschnitt statt in Papier gewickelt in einer aufwändigen Vakuumfolienverpackung erstanden wird, ob es sinnvoll ist, in PET-Flaschen verkauftes französisches oder in langen LKW-Kolonnen über den Brenner transportiertes italienisches Mineralwasser zu trinken statt auf das von regionalen Erzeugern in Mehrwegglasflaschen abgefüllte zurück zu greifen?

Beim Produktdesign wird meist allein schon aus Gründen der Material- und Herstellungskosten auf Einsparungen Wert gelegt, die nicht nur Rohstoffressourcen sondern auch die Gestehungskosten minimieren, welche für die möglichst attraktive Verkaufspreisbildung auschlaggebend sind. Gute Beispiele finden sich hier bei Herstellern von Outdoor-Textilien oder Möbeln. Bei der Medienkonzeption hingegen finden sich leider immer noch Beispiele, die erkennen lassen, dass bei der Gestaltung weder auf Ökonomie noch auf Ökologie Wert gelegt wurde. Es werden Produkte auf Materialien und Papieren konzipiert, die zwar »schick« und »cool« sein mögen, aber ohne jegliche Rücksicht auf wirtschaftliche Seitensprünge (Vermeidung von Viertel- und Achtelbogen) oder optimale Formate: Auf nur in Schmalbahn lieferbaren Rohbogen lassen sich halt im Mittelformat beispielsweise nur zwölf statt der üblichen sechzehn DIN A4-Seiten platzieren, was die Druckformenzahl um 50% erhöht, aber etwa 40% des Bogens als ungenutzter Abfall übrig bleibt. Oder es wird auf FSC-Zertifizierung und Ökofarben Wert gelegt, aber zugleich partiell im UV-Siebdruck veredelt, was die spätere Rezyclierbarkeit des Produktes schier verhindert – so zu sehen bei einer Ausgabe des Kundenmagazins eines italienischen Feinstpapierherstellers, das auch noch ganz im Thema der »Nachhaltigkeit«(!) stand.

Bei der Auswahl von Materialien – hier in aller Linie vor allem bei den Papieren – und des Druckers können beim ökologisch bewussten Gestalter bzw. Produktioner verschiedene Zertifizierungen hilfreich sein: Schlagworte wie FSC- und PEFC-Zertifizierung, CO2-Kompensation, alkoholfreier Druck mit »Ökofarben«, makulatursparende Inline-Messung in der Druckmaschine oder EMAS-Zertifikate fallen hier häufig. »Umweltpapiere« sind längst nicht mehr so grau wie vor einigen Jahren noch, zumal immer mehr hochweiße Mischpapiere aus frischen FSC-Fasern und hohem Sekundärfaseranteil auf den Markt kommen. Freilich sind auch die genannten Zertifizierungen immer kritisch zu hinterfragen: Denn sicherlich dürfte es sinnvoller sein, in der Region produziertes Papier mit Fasermaterial aus PEFC-zertifizierten regionalen Forsten einzusetzen (in Deutschland sind ca. zwei Drittel des Waldbestandes PEFC-zertifiziert!), statt Papier aus FSC-Fasern, welche aus Südamerika, Spanien oder Skandinavien stammen. Diese müssen nicht nur weiter transportiert werden (höhere CO2-Emissionen), sondern stammen leider auch häufig aus reinen Eukalyptusmonokulturen, für die einheimische Baumarten oder gar Regenwaldflächen verdrängt werden.

 

Aber ich meine auch visuellen Umweltschutz. Nach meiner Erfahrung verursacht visuelle Umweltverschmutzung eine ähnliche Belastung unserer Lebensqualität wie die Verschmutzung der Luft, des Bodens oder des Wassers.

Dieser Teil aus Rams‘ These spricht eigentlich für sich selber. Auf Beispiele muss hier nicht groß eingegangen werden, wie die aus unsäglichen Freefonts und penetrant mit »Deppenapostrophen« gestalteten Beschriftungen im öffentlichen Raum (Paul’s Pub, Rosi’s Nailstudio), gruselige, weil unlesbare oder überfrachtete Drucksachen (Pizzaservice, Eiskarte) und Produkte, die sich gegen den Gebrauch eher sträuben (Stichwort Sat-Receiver einrichten). Hier hilft meist nur noch ein lachendes Kopfschütteln, ein beherztes Stoßgebet (»Oh Herr, lass Hirn vom Himmel regnen!«), oder aber: es besser zu machen. Viel Erfolg dabei!

Die 9. These der Ramsifikationen in der Fassung aus dem Jahr 1990 ist zitiert aus Rams, Dieter: Die leise Ordnung der Dinge. 1. Auflage. Steidl Verlag.

Das Foto stammt von der Sammlung Werkbundarchiv – Museum der Dinge, Fotograf: Armin Herrmann