Dieter Rams‘ zweiter Grundsatz zur guten Gestaltung lautet:

 

Gutes Design trägt zur Nützlichkeit des Produktes bei

Jedes Industrieprodukt dient einem bestimmten Zweck. Man kauft es nicht, um es nur anzusehen. Man benutzt es und tut bestimmte Dinge damit. Ein Gerät ist gut gestaltet, wenn es optimal verwendbar ist. Wenn seine verschiedenen Funktionen dem Verbraucher eine optimale Handhabung ermöglichen. Aber wenn man sich umsieht, entdeckt man viele Produkte, deren Design nicht auf notwendiger Funktionalität basiert. Manchmal muss man froh sein, wenn das Design eines Produktes seinen Gebrauch nicht beeinträchtigt. Der Designer, der ein wirklich funktionales Produkt entwickeln will, muß sich in die Rolle der Benutzer hineindenken und -versetzen und ihre Bedürfnisse und Wünsche verstehen. Der Designer ist der Anwalt der Gebraucher. Der strikte Funktionalismus der Vergangenheit ist in den letzten Jahren etwas in Verruf geraten. Vielleicht zu Recht. Denn die Definition der Funktion des Produktes war oft zu begrenzt und puritanisch, und darüber vergaß man psychologische und andere Funktionen. Das Spektrum der Bedürfnisse der Menschen ist oft größer, als die Designer zugeben wollen oder können. Funktionalismus mag ein Begriff sein, der verschiedenste Definitionen zuläßt. Aber es gibt keine Alternative dazu.

Eine mögliche »Übersetzung« dieses Prinzips für die Typografie wäre etwa:

Jede Publikation dient einem bestimmten Zweck. Man nimmt sie nicht in die Hand, um sie nur anzusehen. Man will sie lesen und einen bestimmten Informationsgehalt daraus beziehen. Ein Buch etwa ist gut gestaltet, wenn es optimal lesbar ist. Wenn seine gestalterischen Elemente und Ebenen dem Leser eine optimale Handhabung ermöglichen. Aber wenn man sich umsieht, entdeckt man viele Bücher, deren Typografie nicht auf notwendiger Lesbarkeit basiert. Manchmal muss man froh sein, wenn die Gestaltung eines Buches seinen Gebrauch nicht beeinträchtigt. Der Typograf, der eine wirklich gut lesbare Publikation entwickeln will, muss sich in die Rolle des Lesers hineindenken und -versetzen und ihre Bedürfnisse und Wünsche verstehen. Der Typograf ist der Anwalt der Leser.

Die klassische Typografie ist in den letzten Jahren etwas in Verruf geraten – nicht zu Recht. Denn auch wenn wir heute viel Digitales lesen, hat sich die Funktionsweise des Gehirns nicht verändert, wir lesen heute genauso wie vor 80 Jahren. Für eine gute Lesbarkeit gelten nach wie vor die klassischen Regeln der Typografie. Manche Gestalter erwecken den Eindruck, um jeden Preis etwas Neues machen zu wollen – nach der Devise »Hauptsache anders«. So gibt es heute viele Publikationen, die zwar grafisch schön anzusehen sind, nicht aber als Informationsträger funktionieren. Gute Lesbarkeit ist kein Begriff, der verschiedenste Definitionen zulässt. Es gibt keine Alternative dazu.

 

Die 2. These der Ramsifikationen in der Fassung aus dem Jahr 1990 ist zitiert aus Rams, Dieter: Die leise Ordnung der Dinge. 1. Auflage. Steidl Verlag. Das Foto stammt von der Sammlung Werkbundarchiv – Museum der Dinge, Fotograf: Armin Herrmann