Samstag, 23. Februar 2013
Ine Ilg

Aus dem reichhaltigen Umfeld weltweiter Wirtschaftskrisen schöpft Richard Turley von Bloomberg Businessweek, das qved-Kurator Horst Moser als »das zur Zeit sensationellste Wirtschaftsmagazin« ankündigt. Das ehemals als BusinessWeek bekannte Magazin wurde 2009 von Bloomberg gekauft, der Agentur für Wirtschaftsinformationen, die weltweit Entscheidern Informationen, Analysen, News und Insidertipps liefert. Turley wurde von Bloomberg 2010 als Creative Director aus London geholt, wo er rund ein Jahrzehnt lang als Art Director beim Guardian wirkte. Davor arbeitete er als Senior Designer am vielfach ausgezeichneten Re-Design der Zeitung.

Turley ist der 2. Referent in der Konferenz, der trotz seiner Aversion gegen öffentliche Vorträge nach München gereist war. »I hate giving talks.« Und: »Ich bin der Hammer.« Und »I’m stuck. So welcome to my therapy session.« Darin zeigt er mit einem überquellenden Fundus von Covers und Magazinseiten, dass Raster und Regeln dazu da sind, aufgebrochen zu werden durch anregend tabulosen Umgang mit der kompletten visuellen Klaviatur, mit Texten, Infografiken, Illustrationen und Bildern. »Ein Cover muss Gefühle auslösen, fühlbar sein.«

Produziert wird Bloomberg Businessweek innerhalb einer Woche, für die Gestaltung bleiben so nur zwei bis drei Tage. Mit einem Team von 15 Mitarbeitern ist er für diese Aufgabe gut aufgestellt. Ganz bewusst wechseln Aufgaben und Zuständigkeiten, damit möglichst viele Stimmen und Ausdrucksformen sichtbar werden. »Wenn Du genau hinschaust, sind Design und Typo sehr formal und langweilig. Helvetica und eine Menge strenger Raster und Regeln.« Turley sorgt dafür, dass diese Ordnung aufgebrochen wird und seine Mitarbeiter ihre individuelle Identität einfließen lassen.

Am meisten Gefallen hat er deshalb an den Ausgaben, bei denen der normale Produktionsprozess über den Haufen geworfen wird, das Magazin in irgendeiner Weise neu erfunden wird. Aktuell am besten findet er die Election Issue vom Oktober 2012. Auf dem Titelmotiv formieren sich unzählige punktgroße Menschen aus der Vogelperspektive in einem rotgerahmten Feld zu einem Kreuzchen auf dem Wahlschein. So beeindrucken Turley’s Titel- und Magazinseiten ausnahmslos mit einer explosiven Mischung von brisanten Schlagzeilen, intelligenten Beiträgen und ständig neuen Design-Experimenten. Titel für Titel eröffnet sich damit eine neue Sicht der Welt.

Seine solchermaßen fesselnde Cover-Session beendet er abrupt mit der Frage »Can I go now?« und verlässt die beeindruckt klatschenden Zuhörer. Therapie: erfolgreich.

Fotos: © Annika Lundkvist