»Wer der Zeit keinen Gedanken schenkt, der darf auch die Schrift vergessen«. So beginnt Philipp Luidl in seinem Buch »Schrift  die Zerstörung der Nacht«, wo er immer wieder auf das Matriarchat zu sprechen kommt. Aber eigentlich geht es um Aspekte zur Schriftgeschichte. Dieses Buch war Luidls Geschenk an die tgm als er sich 1993 von dieser Gesellschaft verabschiedete und seiner zweiten großen Leidenschaft nachging, der Lyrik.


Dabei ist sein Oeuvre als Autor oder Gestalter ziemlich groß. Ab 1972 war er als Typograf für die Bücher der tgm dominant, als Fachautor in den wichtigen Fachzeitschriften mit wesentlichen Beiträgen vertreten, kulturell mahnend in der Süddeutschen Zeitung oder beispielsweise in seinem knapp und eindrücklich gefassten Standardwerk von 1984: »Typografie Herkunft Aufbau Anwendung«.

Prägend für die Typografie und für einige Generationen war er als Lehrer für Typografie und Gestaltung. Vielen seiner zahlreichen Schüler und Schülerinnen merkt man das auch heute noch an. Luidl vertrat eine strenge, moderne, aber traditionsbewusste Typografie. Oft verbunden mit einer positiven Kargheit, dem Klang von Schrift und Raum zugetan. 

Für die tgm war er einige Jahrzehnte sehr aktiv; als Typograf, Ideengeber, Moderator und schon ab 1969 in der Vorstandschaft; wiederholt zweiter Vorsitzender und von 1979 bis 1985 erster Vorsitzender. Seine gestalterische Denkweise ist zu spüren, spätestens wenn man sich mit den Drucksachen und Büchern der Typografie dieser Zeit beschäftigt. Darüber erscheint im Herbst ein Buch zu dem Philipp Luidl die Zwischentexte schrieb. Wobei diese Texte auf einen Vortrag zurück gingen, den er für die tgm zum  50. Jahrestags des Neubeginns der tgm nach 1945 hielt. In diesen Texten lässt Luidl kritisch und manchmal ironisch die Vortragsaktivitäten der tgm passieren. Sein kritisches Bewusstsein begleitete auch diese Teile. Und übrigens waren Luidls Vorträge immer nicht nur interessant, sondern auch brillant.

Zum 70. Geburtstag lud die tgm Philipp Luidl zu einem Lyrikabend
ein. Luidl hatte inzwischen den Beruf gewechselt, wurde Lyriker. Aber er war es eigentlich schon lange. Michael Krüger vom Hanser Verlag hatte ihn sehr früh entdeckt und seine Gedichte in den »Akzenten« veröffentlicht. In Luidls Gedichten zeigen sich Ähnlichkeiten mit seiner Arbeit als Typograf. Kurze, prägnante Texte, absolut reduziert. Und diese von ihm selbst gelesen gehört zu einem Höhepunkt der »Nach-Luidl-Zeit« der tgm.

Philipp Luidl war  Sohn eines Buchdruckers und erlebte eine klassische Karriere des graphischen Gewerbes. 1930 in Dießen am Ammersee geboren hatte er die Auswirkungen des zweiten Weltkriegs als Jugendlicher erlebt – und nie vergessen. 1945 begann er eine Schriftsetzerlehre bei einer damals sehr angesehenen Druckerei, Jos. C. Huber in Dießen.  Danach war er bei namhaften Betrieben beschäftigt wie C. H. Beck in Nördlingen, Universitätsdruckerei Stürtz in Würzburg, Bruckmann in München, Kastner & Callwey oder die Franzsche Druckerei in München; renommierte Betriebe, die für die Qualität von Satz und Druck maßgebend waren. Daraufhin wurde er, der Schriftsetzermeister, Fachlehrer in München an der Akademie für das graphische Gewerbe sowie an der Berufsschule, der Meisterschule für Mode und an der Fachhochschule. Mit seiner Lehrtätigkeit motivierte er wohl viele Jahrgänge spürbar. Luidl war ein herausragender Pädagoge. Er hinterfragte die Dinge, dachte quer und hatte die Fähigkeit komplexe Sachverhalte auf den Punkt zu bringen in lapidaren, kurzen Sätzen.

Seine Reaktion auf heutige technische Verhältnisse blieb natürlich nicht aus. Qualität im Satz und in der Typografie ist schließlich nicht an eine technische Epoche gebunden. Den neuen Desktopern schrieb er einen »Knigge« für ein besseres typografisches Verhalten. Das war 1988, vier Jahre nachdem die Macs und PCs kamen.

Nun ist Philip Luidl gestorben. Von der tgm hatte er sich längst verabschiedet, aber doch nicht ganz. Denn einige male kehrte er zurück,  als Vortragender oder seine Gedichte lesend.

Da ist kein wort
zuviel gesagt

Den himmel ausgegraben
die wege zugeschüttet

Mehr war uns
nicht versprochen

Als unmittelbarer Nachfolger Philipp Luidls im Vorstand der tgm fragte ich Boris Kochan, der Luidl nicht mehr direkt in der tgm erleben konnte, was für ihn Philipp Luidl bedeutete, und er schrieb: »Es war dieser untrügliche Blick, dieses ganz Genaue, das Zartharte auf das ich mich bei Philipp Luidl so gern verlassen habe. Danke für Sätze wie »Wir können der Liebe, wie falsch wir sie auch immer aussprechen, in ihrer zerbrechlichen Gestalt gewahr werden.« in einem Novum-Beitrag über die Kalligraphin Susanne Dorendorff. Danke für den wortbildreichen Grenzgang zwischen Typographie und Lyrik, danke für dieses dem späten Nachfolger als tgm-Vorsitzenden immer wieder Mut zu machen, das Mithelfen den richtigen Ton im richtigen Moment zu finden. Danke Philipp Luidl!«

(Foto: Michi Bundscherer)