Seit dem Symposium der tgm zum Thema »Lesen Erkennen« 2000 sind neue Erkenntnisse dazu gekommen. Wie wir lesen ist seit dem 19. Jahrhundert ein rätselhaftes Thema. Die heutige Hirnforschung scheint dem Rätsel näher zu kommen. Ich berichte aus einem faszinierenden Buch des französischen Neuropsychologen Stanislas Dehaene.

 

 

Das Auge als Sensor ist relativ unvollkommen. Sehr hohe Auflösung besitzt nur die Fovea (Bereich des schärfsten Sehens), die nur 15 Grad des Sehfeldes abdeckt und als einzige Zone der Retina (Netzhaut) für das Lesen nützlich ist. Dabei stellt sich heraus, dass große Schriftgrade nachteilig sind, da sie zu viel Platz auf der Retina benötigen. Übrigens sieht das »Auge« nur einen kleinen Ausschnitt und ist auf dem Rest sogar »blind«. Im Fenster der Fovea wird die Buchstabenerfassung im Deutschen leicht nach rechts verschoben. Diese Asymetrie ist bei Lesern des Hebräischen oder Arabischen umgekehrt.

 

Buchstaben können unterschiedlich aussehen, groß, klein, versal, kursiv, anderer Charakter, alles kein Problem. Psychologen nennen dies »Wahrnehmungsinvarianz«. Vermutlich gibt es unter den Neuronen Buchstabendedektoren. Linien, Bögen sind dabei der erste Schritt der Erkenntnis. Die Worterkennung wird hierarchisch in Morphemen, den kleinsten Teilen der Sprache, angenommen. Die Erkennung verwandter Wörter wird angebahnt, man spricht von einem »Bahnungseffekt«. Und die Grapheme werden zu Silben zusammengesetzt.

 

Schriftsprache gilt als Nebenprodukt der gesprochenen Sprache. Beim Lesen wird ja gewöhnlich auf einer tieferen Gehirnebene der Text »mitgesprochen« (Subvokalisation). Gleichzeitig besteht beim erwachsenen Leser simultan ein Zugang zu den gespeicherten Wörtern und die Subvokalisation ist nicht bewusst.  Aber nicht bei neuen Wörtern, die müssen phonologisch erfasst werden.

 

Wenn Schrift und Aussprache stark abweichen wie im Englischen, dauert die Erfassung zunächst länger. Das Wort muss korrekt erkannt sein, damit die richtige Aussprache abgeleitet werden kann, denn 26 Buchstaben reichen dazu nicht aus. Im Italienischen gibt es daher diese Schwierigkeiten nicht. Die ersten Schritte der Erkennung klingen einfach: 26 Buchstaben, die aus wenigen Strichen oder Bögen bestehen, 150 Grapheme. Doch der lexikalische Weg wird komplizierter. Verschiedene mentale Lexika werden aufgerufen: Wort, Graphem, semantische Informationen sind verknüpft, die den Sinn des Wortes präzisieren und schließlich die Aussprache. Durch eine enorme Paralellverarbeitung geht das alles sehr schnell.

 

Die Dauer der Worterkennung bleibt bei bis zu 7 Buchstaben konstant. Nicht korrekt geschriebene Wörter werden meistens ohne ins vordere Bewusstsein zu kommen übergangen (weshalb wir Satzfehler wohl so leicht übersehen). Diese aktive Entschlüsselung wird auch als »Wortüberlegenheitseffekt« bezeichnet.

 

Mit den bildgebenden Verfahren der funktionellen Magnetresonanztomografie können heute schon viele Energieströme sichtbar gemacht werden und als Kontrastmittel reicht das vorhandene Blut aus. Dabei hat sich herausgestellt, dass die Aktivität beim Lesen bei allen Probanden an fast gleicher Stelle stattfindet, nämlich an der Schläfen-Hinterhauptfurche. Das gilt auch für Leser des Hebräischen und Chinesischen. Die Richtung des Lesens scheint dabei keine Rolle zu spielen.

 

Mittels Elektroden hat man festgestellt, dass nach 180 bis 200 Millisekunden nach Auftreten auf der Retina schon Wörter verarbeitet sind. Linkes und rechtes Auge sind zunächst anatomisch selbständig. Innerhalb einiger Dutzend Millisekunden schwenkt die gesamte Aktivität in die linke Gehirnhälfte, auch die Wörter, die ursprünglich in die rechte Gehirnhälfte (linkes Auge) eingingen. Die Signale kommen in der Region der visuellen Wortformen an. Interessant ist auch, dass rechts stehende Wörter schneller als linksstehende verarbeitet werden.

 

Eine unterschwellige Worterkennung wurde festgestellt, indem ein Wort nur für 29 Millisekunden präsentiert wird (das ist weniger als die Dauer eines Filmbildes). Wenn das Wort später dann wieder auftaucht wird die Erkennungsaktivität deshalb reduziert.

 

Die Umwandlung von Buchstaben in Laute dauert 225 ms. In der Region Planum temporale, die Oberfläche des Schläfenlappens, werden die Laute der Buchstaben kodiert, wobei sie sehr wichtig für die gesprochene Sprache ist. Der Sinn von Wörtern wird in einem klar abgegrenzten Netzwerk ermittelt. Wobei Buchstabenfolgen verschiedenen Sinn/Bedeutung haben können, die in der »Konvention« hinterlegt ist.

Die Frage entsteht, ob man die Wörter stets geistig ausgesprochen haben muss ehe man sie versteht. Dehaene antwortet: Beide Lesewege bestehen gemeinsam und im Wettbewerb. Häufige oder unregelmäßige Wörter haben direkten Zugang zu den semantischen Bereichen des mittleren Schläfenlappens. Seltene, regelmäßige oder unbekannte Wörter gelangen zuerst in die Hörareale.

 

Die Neuronen des Lesens reagieren bereits auf buchstabenähnliche Zeichen. Andere Neuronen können hochspezialisiert sein, beispielsweise nur eine Person erkennen (sog. Großmutterneuronen).

Bestimmte Neuronen reagieren nur auf bestimmte Formen. Aus Abbildungen leitet Dehaene Grundverbindungen ab, wie die T-Form, F oder Y. Eine Feinabstimmung dieser Verbindungen ist möglich, die Neuronen lernen.

 

Dehaene macht darauf aufmerksam, dass unser Gehirn ursprünglich nicht zum Lesen vorgesehen war. Insofern ist dies eine ganz wesentliche kulturelle Leistung. Die entsprechende Gehirnregionen waren ursprünglich für etwas anderes vorgesehen, wurden im Lauf der Evolution erst mit neuen Aufgaben versehen, man spricht vom neuronalem Recycling .

Noch eine andere Erkenntnis ist wichtig. Wenn die Buchstaben zu weit voneinander entfernt sind (oder unregelmäßig) wird das Lesen schwieriger, weil zweideutiger. Ab einer bestimmten Entfernung bricht die Leseoperation zusammen. Das spricht gegen gesperrten Satz.

 

 

Stanislas Dehaene

Lesen

Die größte Erfindung der Menschheit und was dabei in unseren Köpfen passiert

470 Seiten

Knaus Verlag, München 2010

ISBN 978-3-8135-0383-8

24,95 Euro